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kino.to t

UPDATE Okay. Der ist gut.

Mit kino.to wurde eines der hierzulande wohl bekanntesten Video-Stream-Portale geschlossen, mehrere mutmaßliche Betreiber des Portals wurden festgenommen. Verfolgt man die Tweets rund um dieses Ereignis, bekommt man einen gewissen Eindruck davon, wie beliebt die Site offenbar war – obwohl sich die meisten Twitter-Nutzer auf die reine Verbreitung der Meldung beschränken, gibt es auch viele, die das Verschwinden der als illegal eingestuften Seite bedauern, die Schließung für ungerechtfertigt halten oder sich gar politisch für ein Fortbestehen der Site einsetzen wollen. Und damit ein zumindest fragwürdiges Gerechtigkeitsempfinden an den Tag legen.

Falls es jemand wissen will: Ich habe – wie vermutlich fast jeder Internet-Nutzer – in den letzten Jahren eine gewisse Anzahl von Filmen oder TV-Serien angesehen, die jemand illegal aus dem Netz geladen hatte. Besonders TV-Serien, die mich nach einigen „Test-Folgen“ gefesselt haben, habe ich jedoch in der Folge (wenn verfügbar) als DVD gekauft oder als legalen Download weitergeschaut – es kann eigentlich nicht mehr lange dauern, bis ich bei iTunes als „Kunde des Monats“ geführt werde. Und ich habe einmal selbst ein uraltes Musikalbum illegal heruntergeladen wegen eines Songs, den ich weder als CD noch als Download bekommen konnte – ich hatte das Stück aber früher mal auf Vinyl und redete mir mein Vorgehen damit schön.

Viel wichtiger aber: Ich habe noch nie Filme oder Musik Dritter im Netz als Download oder Stream angeboten, es sei denn, ich konnte davon ausgehen, legal zu handeln.

Ich handle nicht etwa aus Furcht vor der Unterhaltungsindustrie wie eben beschrieben, oder weil ich jene Industrie oder geltende Gesetze gar so dufte finde, und erst recht nicht, weil ich zuviel Geld habe. Ich handle allein aus Respekt vor denjenigen, welche die Inhalte produzieren, die ich schätze und die mein Leben in kunstvoller oder unterhaltsamer Weise bereichern, denn ich möchte ihnen und ihren Vertretern die Wahl lassen, wie mit ihrer Arbeit umgegangen wird. Selbst, wenn mir das nicht gefällt.

Die Frage, ob mein Handeln diesen Urhebern auch tatsächlich zugute kommt, bleibt dabei jedoch eine berechtigte, und die aktuellen Branchen-Strukturen und die Gesetzeslage lassen mich dies so sehr bezweifeln, dass ich mir in diesem Blog schon oft Gedanken zum Thema gemacht habe. Nach wie vor bin ich sicher, dass sowohl neue Geschäftsmodelle der Industrie als auch die Novellierung geltender Urheberrechtsgesetze zwingend vorangetrieben werden müssen, denn im digitalen Zeitalter macht sich ein Verschleppen dieser Prozesse mitschuldig an jeder noch so stark verfolgten „Raubkopie“ – ein Begriff, den man im Fall von nichtmateriellen Gütern in Anführungszeichen setzen muss (was wiederum nicht bedeutet, dass ich Urheberrechte für überflüssig halte).

Ich habe also, wie viele andere Netz-Benutzer auch, meine argen Probleme mit einer Gesetzeslage und einer Industrie, die sich gegen schon lange nicht mehr „neue“ mediale und technische Gegebenheiten so oft nur zu wehren scheint, statt ihnen mit Innovation, Ideen, Kreativität und Anpassung zu begegnen.

Das bedeutet aber nicht, dass ich deswegen andere Geschäftspraktiken unterstütze, die um keinen Deut besser sind.

kino.to und alle ähnlichen Streaming-Portale und/oder File-Hosting-Services, die mir bekannt sind, haben einen einzigen Vorteil, nämlich den, dass sie den Konsumenten Inhalte bereitstellen, für die er an anderen, legalen Stellen bezahlen müsste – solange der Nutzer dafür grottenschlechtes Design, bewusst in die Irre führende Links, zweifelhafte Skripte, Werbegeballer ohne Ende, endlose Klicks, konstant aufpoppende Browser-Fenster und oft mäßige bis schlechte Qualität der Streams in Kauf nimmt. Natürlich kann der Nutzer sein Erlebnis auch bei illegalen oder nur bedingt legalen Anbietern ein bisschen verbessern: Wenn er zahlt. Und wenn er dann zahlt, dann darf er sicher sein, dass die Urheber der Inhalte, wegen denen das Portal schließlich überhaupt nur existieren kann, keinen einzigen Cent sehen. Sie bekommen nicht einmal das „Zuwenig“ der legalen Industrie. Sondern gar nichts.

Wer glaubt, sich mit der Nutzung und damit Unterstützung von kino.to oder ähnlichen Anbietern gegen eine Unterhaltungsindustrie zu wehren, die je nach Argumentationsweise zu hohe Preise verlangt, zu langsam agiert oder gemein und unfair ist, sollte sich die Frage stellen, welche Industrie er stattdessen unterstützt. Denn dass solche Portale von gutherzigen Samaritern in ihrer kargen Freizeit betrieben werden, kann sicher niemand ernsthaft glauben. Hinter Plattformen, die täglich mehrere Millionen Nutzer bedienen, steckt in den wohl meisten Fällen ein ausgefeiltes und nach geltenden Gesetzen illegales Geschäftssystem. Eines, das auf die Rechte von Urhebern pfeift, aber gerne Geld mit ihren Werken verdient.

Mir geht die ewige, alte und rückwärts denkende Argumentationsleier der Unterhaltungslobby auch furchtbar auf den Geist und ich wünschte, auf politischer Seite würde sich endlich jemand mal einen Internet-Anschluss ausborgen und auf den Tisch hauen. Ich bin sicher, dass es viele mögliche Maßnahmen gibt, die wirtschaftlich sinnvoll wären, für Innovationsschübe sorgen und den Konsumenten nutzen würden. Doch auch viele Argumente der Gegenseite erinnern mittlerweile stark an Lobbyistentum, das auf Gegenfragen nicht selten allein mit Polemik reagiert.

Ich bleibe Optimist und gehe davon aus, dass sich in den nächsten Jahren noch enorm viel bewegen wird, denn am Ende gibt es gar keinen Weg vorbei an Novellierungen an allen Ecken und Enden und nur innovative, legale Angebote, die auf einen veränderten Markt reagieren, können das bestehende Dilemma ansatzweise lösen. Ich glaube jedoch nicht, dass die romantische Vorstellung der selbstlosen Piraterie als Retter der ungerecht Behandelten eine positive Rolle dabei spielen kann, ganz im Gegenteil. Jedes weitere kino.to, mit dem auf illegale Weise Millionen verdient werden, verstärkt den Ruf nach härteren Gesetzen und nach stärkeren Anbieter- und Nutzer-Kontrollen.

Dass man sich also mit der Nutzung solcher Angebote wirklich aktiv für positive Veränderungen in den Bereichen der Unterhaltungsindustrie und Urheberrechtsgesetze einsetzt, bezweifle ich stark. Denn das eine Falsch macht das andere nicht richtiger.

103 Kommentare

  1. 01

    @#790729:
    Der Quelltext verrät so manches.

    Bin nicht die Exekutive die darüber entscheidet, ob Inhalte rechtswirksam
    eingestellt und somit für jeden abrufbar zur Verfügung stehen sollten.

    Ich werde aus Überzeugung das Angebot nicht nutzen.

    Alles Gute

  2. 02

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