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Fast alles über Frauenfußball

Frauenfußball-WM! Juchee! Aber erst ab Sonntag. Bleibt noch ein bisschen Zeit, die drängendsten Fragen zu beantworten.

Ist Frauenfußball der schönere Fußball?
Auf keinen Fall. Nicht in Deutschland. Die deutsche Nationalmannschaft spielt einen Lothar-Matthäus-Gedächtnisfußball. Da heißen die Grundtugenden Laufbereitschaft, Zweikampfstärke, Einsatz. Silvia Neid betont immer gerne, dass man sich die Erfolge von früher „hart erarbeitet“ hat. Das ist ein grunddeutsches Missverständnis mit dem Fußball: überall anderswo spielt man den Ball, hier wird er getreten. Überall anderswo (außer Italien und Uruguay) zählt die Leichtigkeit, hier ist Fußball Maloche. Diese Fehlinterpretation, dass Fußball ein Kampfsport sei, hat Jogi Löw im Männerfußball zum Glück korrigiert: deswegen hat Deutschland 2010 den schönsten, ansehnlichsten, hinreißendsten Fußball gespielt. Das gabs seit der EM 72 nicht mehr. Anders in der Frauenfußballnationalmannschaft: da wird der Gegner totgerannt und am Schluß kommen Bajramaj und Mbabi, um noch das ein oder andere Kaninchen aus dem Hut zu holen. Enge Spiele gewinnt man oft in der letzten Viertelstunde, dann aber deutlich, weil der Gegner sich nur noch kraft seiner Schneidezähne über den Rasen zieht. Das ist effizient, macht dem Zuschauer aber eine Gesichtsfarbe wie die von Ottmar Hitzfeld.

Darf man Frauenfußball überhaupt mit Männerfußball vergleichen?
Warum nicht? Es ist das gleiche Spiel mit den gleichen Regeln, und es ist obendrein die gleiche Fernsehverpackung.

Aber: Man muss schon richtig vergleichen. Die Voraussetzungen sind ganz andere. Von weltweit 265 Millionen Fußballspielern sind 10 Prozent Frauen. Der 1.FFC Frankfurt, finanzstärkster Club der Frauenfußballbundesliga, verfügt über einen Etat von ungefähr einer Million Euro, Bayern München über 80 Millionen. Es gibt eine nur rudimentäre Infrastruktur, wenig Scouting, wenig Betreuung, fast alle Frauen sind Amateure und gehen nebenher noch arbeiten. Wers genau wissen will, kann sich dieses Interview durchlesen, da wird einiges klar. Das heißt, man vergleicht einen Amateursport mit einem bis ins Detail durchorganisierten Profibetrieb.

Es ist ein Dilemma: Einerseits kann sich der Frauenfußball wegen dieser strukturellen Nachteile kaum ernsthaft mit dem Männerfußball vergleichen. Andererseits braucht er jetzt maximale mediale Aufmerksamkeit, um sich vielleicht irgendwann mit dem Männerfußball vergleichen zu können. Diese Differenz füllen die meisten Berichterstatter mit Wohlwollen und Nachsicht. Es bleibt aber trotzdem der gleiche Sport.

Und was ist mit den körperlichen Unterschieden?
Ja, naja. Es heißt immer: Die Leistungen der Sportlerinnen bleiben in allen Sportarten hinter denen der Männer zurück. Es bestünden eben anatomische Unterschiede, was die Beinlänge anbelangt, die Muskeln der Frauen seien auf Grund von Testosteronmangel weniger leistungsbereit, Männer seien generell größer und dank ihrer breiteren FT-Fasern explosiver und schneller.

Das kann sein, aber ob das entscheidend ist, kann man nicht so einfach sagen. Es gibt den perfekt gebauten Fußballspieler nicht, der Fußball kennt keine Modellathleten. Mir fällt keine andere Sportart ein, die einen verkrüppelten Alkoholiker wie Garrincha unter ihre Besten zählt. Gerade hat eine Ansammlung von Zwergwüchsigen die Championsleague gewonnen, mit Messi (169 cm, 67 kg), Iniesta (170/67) und Xavi (169/66). Lothar Matthäus, der gern und viel davon erzählt, dass Frauen gegen Männer „körperlich keine Schangse“ hätten, lag vor Beginn seiner Karriere seiner Mutter weinend in den Armen, weil man ihm gesagt hatte, dass er zu klein und zu schmächtig sei für den Profifußball. War dann doch nicht so. Mit solchen Voraussagen sollte man vorsichtig sein.

Und sonst? Gibts sonst noch Unterschiede?
Taktisch, ja. Im Frauenfußball wird kaum Pressing gespielt. Pressing heißt: vorne wird geschlossen draufgegangen, um den Gegner zu Fehlern zu zwingen. Das ist ungeheuer laufintensiv und erfordert viel Koordinationsarbeit. Pressing kann man über einen längeren Zeitraum nur als Profimannschaft spielen, deswegen ist diese taktische Variante auch im Männerfußball erst in den 70er Jahren entstanden. Das ist ein Unterschied zwischen Profi- und Amateursport, nicht zwischen Männer- und Frauenfußball.

Sind diese Unterschiede denn irgendwie wichtig?
Scheint so, sonst würden sie nicht fortwährend debattiert. Richtig wichtig wären sie erst, wenn Frauen gegen Männer spielen würden. Is aber nicht so oder sehr selten. Oliver Fritsch sagt, dass die Frauenfußballnationalmannschaft sich momentan auf dem Niveau einer Bundesliga-U16 bewegt: das ist aber kaum zu überprüfen.

Allerdings sind die horrenden Leistungsunterschiede zwischen den unterschiedlichen Nationalmannschaften bemerkenswert: 2007 hat die deutsche Mannschaft beim Titelgewinn nicht ein Gegentor bekommen. Das war dann leider so spannend wie Zähneputzen. Und wird dieses Jahr bestimmt anders.

Wer wird Weltmeister?
Die USA. Noch Fragen?

69 Kommentare

  1. 01

    Pah. USA. Ich sage Brasilien.
    (Die Wettquoten sind aber ziemlich extrem für Deutschland (1:2), Brasilien und USA (etwa 6).)

  2. 02

    Das Verblüffende ist, dass bei den Kindern heute kaum einer über Unterschiede spricht (zumindest in unserem Umfeld, Prenzlberg). Wenn ich überlege, wie das bei uns seinerzeit war: da waren Typen, die mit Mädchen gespielt haben, bestenfalls als Torwart geeignet. Nee, eigentlich war das zu peinlich, mit denen in einer Mannschaft zu sein.
    Und heute: gemischte Mannschaften sind völlig normal – vor allem für die Kinder. Jetzt fehlen die Frauen nur noch in der Formel 1 :D

    Biw: ich tippe auf Nordkorea – und dann gibt’s viele lange Gesichter ;-)

  3. 03
  4. 04

    @ abariantaga (41)

    Kannst du mit Sicherheit sagen, dass die traditionell (!) kürzeren Spielzeiten, kleineren Felder usw. wirklich mit den körperlichen Unterschieden zu tun haben oder doch eher mit Erwartungshaltungen an die Geschlechter? Diese Regeln sind in Zeiten erfunden worden als man es für selbstverständlich gehalten hat, dass Frauen (nicht nur) den Männern unterlegen sind.

    Dererlei Erwartungshaltungen sind sehr wirksam und prägen die Wahrnehmung und das Selbstverständnis.

    Es gibt auch ältere Untersuchungen, dass Frauen in Europa deshalb „kleiner und weniger stark“ im Vergleich zu den Männern sind, weil ihnen traditionell weniger Eiweis zugestanden wurde.

    Die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau sind in vielen Fällen so tief durch den kulturell geprägten Blick auf die Geschlechter geprägt, dass es sich kaum sagen lässt, ob es sie wirklich gibt.

  5. 05
    rosenkranz007

    Komisch. Hätte mir vielleicht mal ’n paar Spiele angeschaut. Aber nach dem Medienhype steht mir das Thema bis obenhin. All‘ die offensichtlich gefakten, von geldgeilen „Beratern“ auf optimalen cw-Wert getrimmten „Interviews“ mit irgendwelchen Bajramai/Kulig/Dingenskirchen-Klonen… Und wiedermal, wenn sonst nichts richtig geht: Titten. Überdruß! Kurzum, ich bin satt.

  6. 06

    Freue mich ja langsam auf Deine Fußballartikel mehr als auf die Spiele! ,-)

  7. 07
    sackbauer

    @#789497:

    Das mit dem Standfußball der 60er Jahre hab ich mir auch immer gedacht.
    Bis ich vor kurzem das Meistercupfinale zw. Manchester Utd und Benfica aus dem Jahre 1968 in voller Länge gesehen habe (Bobby Charlton, Georgie Best, bzw Eusebio etc).

    Also, das Niveau ist sehr hoch und Tempofußball wurde auch richtig gespielt. Klisches sterben halt langsam.

    Dieses Match ist nur ein Beispiel. Wir könnten auch die Brasilianer der 60er oder die Ungarn der 50er betrachten und uns daran ergötzen.

  8. 08
    Frédéric Valin

    Es wird übrigens ein paar Artikel zu der WM geben: einen nach der Vorrunde, einen weiteren zum Viertelfinale, noch einen zum Halbfinale und zum Finale dann ein Liveblog. FYI.

  9. 09

    Ich würde auch der Idee nicht unbedingt folgen, dass das passive Abseits extremes Pressing unmöglich macht – es erfordert meinetwegen eine Änderung der Pressingtaktik, aber im Grunde sind die Räume nicht weniger eng als vor 7 Jahren (ich würde sogar das Gegenteil behaupten).

    Zum Thema Frauenfußball vs. Männerfußball: ein sehr richtiger Punkt deinerseits, Fred, dass man Amateursport mit Profisport vergleicht, das erklärt sicherlich auch die unterschiedliche Qualität in der Masse.

    Generell scheint mir ein Problem zu sein, dass die Damen nicht die gleichen konditionellen Stärken haben wie die Männer und deshalb das Zulaufen, -stellen des Raums bei gleicher Spielfeldgröße nicht möglich ist. Vielleicht würde das Spiel anders aussehen, wären die Spielfelder um 10-15% kleiner (analog der Hürdensprint-Idee in der Leichtathletik, wo die Damen 100m, die Herren aber 110m laufen).

    Auch wenn oben widersprochen wurde: ich finde schon, dass Frauenfußball durchaus an Männerspiele aus den 60ern erinnert, weil eben gerade das Element des „engen Feldes“ damals praktisch nicht vorhanden war. Dass ein Best, ein Netzer oder ein Pele trotzdem fantastische Fußballspieler waren, keine Frage. Es geht mir hier eher um die Taktik. Da erscheint mir übrigens, auch hier Teilzustimmung zu Fred, die Taktik der deutschen Frauen-Nationalmannschaft wie eine Mischung aus deutscher Mitt80er- und britischer 70er/80er Jahre Taktik: klare Betonung auf die Physis und, eh, – positiv formuliert – „schnelles Umschalten bei Umgehung des Mittelfeldes“ (das gute alte kick-and-rush-ideal).

    Generell ist der Vergleich Jugendmannschaft Männer mit Erwachsenenmannschaft Frauen zwar lustig-interessant, aber sagt nichts über die „Daseinsberechtigung“ (eh quatsch) eines Sports aus. Damentennis ist nicht deshalb uninteressant, weil ein Karsten Braasch als unterdurchschnittlicher Tennisprofi die beiden besten Tennisspielerinnen der Welt der letzten Dekade mit 6:1 und 6:2 vom Platz geschossen hat.

  10. 10

    Hier gibt’s den Männerbackkurs zur Frauenfußballweltmeisterschaft:

    http://www.cafeschoenleben.de/schoenesleben/?p=472

    Viele Grüße

    Martin

  11. 11

    Hallo,

    tolle informationen hier.

    super seite, ich bleib aktuell.

    weiter so, gruß

  12. 12

    Ich finde Frauen Fussball sehr interessant und ich würde es mir wünschen, dass die Frauen Nationalmanschaft mal gegen eine Herren Manschaft aus der 3ten Liga spielt :-)

    Das Endergebniss ist bestimmt interessant ^^

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