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Dieser Artikel ist ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion.

Revolution? Gefällt mir! Eine etwas späte Abrechnung.

Der Philosoph Martin Buber schrieb mal: »Die Jugend ist die ewige Glückschance der Menschheit.« Tatsächlich hat sich mancher Vertreter Erwachsenengeneration mehr erhofft als Horden hedonistischer Muffel, die laut Musik hören, sich Haschisch spritzen und im Internet Pornos und Gewaltvideos angucken. Umso stärker frohlockt Bürgers Herz, wenn sich »die Jugend«, wie zu Beginn 2011 in Nordafrika, entschließt, politisch zu handeln, sie sich anschickt, mit den totalitären Systemen aufzuräumen, um dort Demokratie nach »unseren Standards« einzuführen. Oder wenn sich das Volk zu erheben versucht und Menschenrechtsverletzungen wie in China oder Pressefreiheitsbeschränkungen wie in Ungarn anzuprangern. Solidarität ist eine Waffe?

 

Und siehe da: Endlich erkennt sogar Familie Biedermann, dass »dieses Interwebs« mit »seinen Twitters, Facebooks und Blogs und wie sie alle heißen« auch zu etwas anderem taugt, als billige Druckerpatronen zu kaufen und Routings für Städtereisen zu erstellen. Mehr noch: Journalisten, Experten und Kommentatoren in bald sämtlichen Feuilletons und Talkshows jazzten die Vorkommnisse in Ägypten, Tunesien, Libyen und Jemen zu einer regelrechten Twitter-Facebook-Revolution hoch. Da konnte man wirklich kaum noch dran vorbeisehen. Apropos Experten: Geht es um Social Media und Feedback-Kommunikation, zeichnen sich Experten durch eine seltsame Mischung aus Emphase, Neugier, Verachtung, Hochmut und Unwissenheit aus. Einerseits ist da natürlich der Respekt, spielen möchte man mit den „Schmuddelkindern“ aber lieber nicht.

Dieses ambivalente Verhalten scheint Ausdruck einer fundamentalen Fehleinschätzung, denn Twitter, Facebook und Co. sind zwar alles Mögliche, eine Konkurrenz aber sind sie nicht: Es handelt sich lediglich um Plattformen, die eine höhere Informationsdichte pro Zeiteinheit ermöglichen – in einer für prinzipiell jedermann zugänglichen Form. Zahlreiche Skeptiker berufen sich ferner auf die angeblich unabdingbare Schlüsselqualifikation einer journalistischen Ausbildung oder sie nähren ihre Zweifel durch den Einwand, Twitter, Facebook und Co. würden lediglich ungeprüfte Inhalte transportierten. Ein geradezu auffallend albernes Argument und unvernünftig insofern, als Telefonate und Emails ja ebenfalls keine Instanzen zur Überprüfung von Wahrheit sind, sondern lediglich Mittel oder Medien der Übertragung von Informationen.

Hinzu kommt, dass sich gewisse gesellschaftsrelevante Themen überhaupt erst in Blogs und sozialen Netzwerken zu echten Themen verdichten. Beispiele gibt es wie Spam im Netz. Erst von hier aus führt der Weg über die traditionellen Medien zum Rezipienten; später landet das Thema dann für Bewertungen noch einmal in entsprechenden Blogs, taucht es erneut in sozialen Medien auf. Im Grunde handelt es sich um einen symbiotischen Kreislauf, dem man durchaus kritisch gegenüber stehen darf, da eine gewissermaßen inzestiöse Informationskultur den Raum für Diversität erheblich einzuschränken vermag. Kollektives Naserümpfen etablierter Publikationen hin oder her: Ohne die diskutierten Informationskanäle wäre manche Berichterstattung – nicht zuletzt die über Ägypten, Tunesien, Jemen oder gar die verschärften journalistischen Bedingungen in Ungarn – deutlichen Latenzen unterworfen, was einem Unding in unserer hochfrequenten News-Landschaft entspräche.

Gleichwohl haben die publizierenden Platzhirsche in einem Punkt eventuell recht: Revolutionen selbst haben in ihrem politisch-emotionalen Kern wenig bis nichts mit Twitter und Facebook an sich zu tun, wohl aber verändern Facebook, Twitter, ja Social Media allgemein, die Berichterstattung über sogenannte Revolutionen und tragen vermutlich auch einiges zur Mobilmachung selbst bei. An dieser Stelle könnte man freilich darüber streiten, was eine Revolution ohne entsprechende Mobilmachung auszeichnet? Wenn‘s ganz schlecht läuft – ihr Nichtvorhandensein?

 

Ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion von

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