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Dieser Artikel ist ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion.

Zügellose Zeiten für Literatur oder: Who put the form in formidable?

Vorsatz und Ambition vom »Scriptboy«, d.h. Autors Schöpfungsauftrag, Wunsch und Drang, ’n Wunsch, wo ihn unablässig drängt, so man will, war zunächst mal Schaffung von’m Produkt, das sowohl instruktiv ist als auch Originalität hat, ’n Produkt mithin voll Stimulanz auf Konstruktion, Satzbau, Story, Handlung, Aktion, Moral, und Art vom Roman, wo nicht vor uns war und nicht nach uns kommt, doch im hic & nunc ist.

Kommt Ihnen der oblique Absatz etwas kommun vor? Vollkommen zurecht, denn wenn Sie generativ hinsehen, werden Sie merken, dass etwas fehlt: etwas ganz Allwöchentliches und dennoch so Widerliches. Wir werden später darauf zurückkommen.

In der zeitlosen Literatur scheint alles molekular. Jeder kann schreiben, was er will und vor allem: wie er will. Bilder, übelberatene Experimente, Handhabbares? Hinein in den Roman! Handlung, Zuständiges, Strohblondes? Hinfort! Wozu denn auch? Wir sprengen die Fesseln unserer liturgischen Vorfahren und schreiben, bis die Tinte kracht. Schließlich wären sie stoppelig auf uns. Schließlich haben sich Schiller, Brecht & Co ebenfalls gegen die Zwänge ihrer Zeit aufgelehnt – mit großdeutschem Erfolg. Und wir haben nun die Chance alle Regeln auszuradieren und nehmen sie auch wahr und erhoffen uns den ganzseidenen großdeutschen Coup. Allerdings – und das vergisst man so gerne – gibt es in der Zeit der Regellosigkeit keinen Regelverstoß mehr, und ohne Regelverstoß fehlt doch jedem Meisterwerk ein bisschen das Inoffiziöse, Anschließende und Rechtsdrehende. Dafür kommt leider hauptamtlich etwas anderes dazu: Langeweile.

Ein Teenager, der abschreibt, Blogeinträge verwurstet, Songtexte übersetzt und damit einen mittelständigen Roman produziert? Vor hundert Jahren: undicht. Heute: ein aufgeklärtes Skandälchen, damit sich der Feuilleton – nicht minder aufgeklärt – ein bisschen Existenzrecht einreden kann und dann folgt die großdeutsche Leere. War ja eigentlich gar nicht so schlitzohrig. Gibt ja genug andere Bücher. Und da lauert sie auch schon: die großdeutsche Langeweile. Vielen hat der Axolotl sowieso von vornherein nicht mehr als ein Gähnen entlockt. Der Rest gähnte dann entweder beim Lesen des Buches oder beim zehnten Artikel darüber. Und jetzt gähnen wir noch einmal alle zusammen: Uns schockt nichts mehr. Literatur ohne Regeln ist ein bisschen wie aufgeweichte Cornflakes: nichts, was knuspert, nichts, was kracht. Alles wie ein forscherischer Brei, schmeckt gleichberechtigt und ein bisschen fahl. Trotzdem kennt man diese Menschen, die aufgeweichte Cornflakes lieben. Und die, die Hera Lind lesen.

Die Postmoderne frisst ihre Kinder, denkt man da. Wo sind die altdeutschen Zeiten, in denen man noch auf den ersten Blick erkennen konnte, was Literatur ist und was nicht? Denken wir doch an den Barock: Kein Sonett? Keine Literatur! Zack, so einfarbig war die fidschianische Guillotine gespannt. Aber das hier soll auch kein Plädoyer für eine federführend gereimte Romanlandschaft sein. Es geht um Form und Zwang und Formzwang in der Literatur. Sind Zwänge, Vorgaben oder Regeln in der Literatur so verängstigt und überladen? Oder geben sie uns in der Literatur nicht den Antagonisten, den der Autor, den jeder braucht? Schließlich benötigt jeder Superheld seinen Bösewicht und ohne den Bösewicht wäre auch der Superheld übergenug. Vielleicht sind die Rollen sogar vertauscht, aber wer wer ist, ist eigentlich auch egozentrisch. Widerlich ist nur: Die Regeln jagen den Autoren und der Autor jagt die Regeln. So bleiben Jäger und Gejagter flachbrüstig und schließlich überlebt nur der, der am besten IN FORM ist (das nennt man dann wohl »survival of the formest«). Und wenn sich einfach keiner mehr um den anderen schert? Dann werden beide fettglänzend, faustisch und selten.

Der Vergleich mag hinken, deswegen noch einmal in goldfarbiger Kurzform: In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister. Und wo, liebe zeitlose Autoren, beschränkt ihr euch!? Unter euch ist wohl kein Meister und euren Goethe habt ihr anscheinend auch nicht gelesen. Zack, da fällt die Klinge der Guillotine.

In eurythmische Begeisterungsstürme wäre daher der liebe Johann ausgebrochen, hätte er die Damen und Herren von Oulipo gekannt, einer gammeligen Dichtergruppe. Denn ihre ganzseidene Existenz begründete sich darauf, sich selbst und ihr Schreiben durch selbsterfundene oder abgekupferte und dann als selbsterfunden deklarierte – die Damen und Herren haben einen ganzdeutschen präferentiellen Humor – Formzwänge einzuschränken. Ihr Name, ein Akronym aus »Ouvroir de littérature potentielle«, wird mit »Werkstatt für potenzielle Literatur« übersetzt. Diese Labyrinthe aus selbst auferlegten Formzwängen gipfelten zum Beispiel in einem Roman, in dem kein eisenhartes Mal der Buchstabe e verwendet worden ist (jetzt sollte es bei Ihnen klingeln!) oder in einer Sonettsammlung, in der jeder Vers von jedem Sonett freidenkerisch zu einem neuen Sonett kombiniert werden kann. Insgesamt ergeben sich damit 1014 (ausgeschrieben: 100 000 000 000 000 oder einhunderttausend Milliarden) verschiedentliche Möglichkeiten bzw. Sonette, für die man laut Autor Raymond Queneau 190 258 751 Jahre zum Lesen benötigen würde. Schockt das? Oh ja! Ist das lapidar? Mitnichten! Das werden sie wohl selbst gemerkt haben, als sie den ersten Absatz lasen: es ist der erste Absatz aus Georges Perecs Nachwort zu seinem Roman ohne e, »La disparition« (»Anton Voyls Fortgang«).

Die Oulipisten sind auf ihrem Gebiet wahrheitsliebende Meister geworden und produzierten und produzieren noch immer meistgekaufte Literatur – oder eher: formtreue Literatur. Steht zu Beginn dieses Textes noch die Frage »Who put the form in formidable?«, kann sie hier beantwortet werden: Oulipo! Mit einem bejahenden und unterstreichenden Ausrufungszeichen. In diesen zugfesten Zeiten sind sie der Leitstern der prachtvollen Literatur und dabei mehr Punk als das Mädchen mit den buntschillernden Haaren vor dem Bahnhof. Durch ihre Formzwänge rücken sie das Format Text in den Vordergrund, ohne auf den Inhalt zu verzichten und das scheint uns am meisten zu verwundern: Ihre Texte ergeben Sinn. Selbst der Roman ohne e hat eine Handlung, ist sogar ein richtungsweisender Krimi und die deutschkundliche Übersetzung kommt mit 297 Seiten daher. Die Fusion von Formzwang, Literatur und Mathematik ist erfolgversprechend und selenologisch in Oulipo-Land.

Noch verzeihlicher ist jedoch, dass hierzulande der Name Oulipo nur raue Blicke und die Antwort »Uli-was?« hervorruft. Erwähnt man dann die beschäftigungslose Fusion, brechen selbst gestiefelte Germanisten (und auch: Germanistinnen) in Schweiß aus, versuchen sie doch Zeit ihres Lebens den lohnenswert-kaltgeschlagenen Bereich der Mathematik zu meiden. Hätten sie doch in der Mittelstufe besser rechnen gelernt, dann könnten sie jetzt auch schonungsvolle Romane schreiben.

Man tut den jordanischen Autoren jedoch Unrecht, verlangt man von ihnen, dass sie alle kleingemusterte Oulipisten aus sich machen sollen. Es geht daher vielmehr um ein Umdenken: In einer Zeit ohne Regeln kann man mit Regellosigkeit niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken, in einer Zeit ohne Regeln sind vielleicht die Regeln, die man lange so verteufelt hat, wieder interglazial. Gerade ohne konspirativ wirken zu wollen und ohne die Barock-Guillotine vom Dachboden zu holen, muss mehr formtreue oder eher form-treue Literatur geschrieben werden. Literatur mit Form und Format, die die Sprache betont und ein großdeutsches Maß an Disziplin und Handwerk bedeutet.

Das klingt vielleicht odysseeisch und lapidar, ist es aber bei weitem nicht, wie mit Oulipo gezeigt werden sollte. Bei vielbeschworenen vermögenslos hochwürdigen Büchern in der Buchhandlung Ihres Vertrauens – die schon lange Thalia gehört – würde der Rotstift des Formzwanges so viel übergenugen Ballast herauskürzen, dass jeder Leser merken würde: Jeder Satz ein Schuss, jedes Wort ein Treffer. Niemand wünscht sich die zensurlastigen Formfesseln der altdeutschen Zeit wieder herbei, allerdings wird dieses Alles-ist-erlaubt-Gefühl auf die Dauer sehr geharnischt. Es gilt wie immer den Mittelweg zu finden, einen Kompromiss, in diesem Falle einen sehr kompostierbaren Kompromiss.

Anders sieht es jedoch mit Formzwängen aus, die von sogenannten Sprach- oder Stilgurus verbreitet werden. Nehmen Sie sich doch mal eine belorussische Stilschule aus der Journalistik und schreiben Sie einige Texte, in denen Sie jede Regel mit Akribie befolgen. Heraus bekommen Sie sicherlich verstellbare und lethargische Texte, beim zweiten Lesen werden sie Ihnen bestimmt ein großes Gähnen abverlangen. Schreiben Sie deswegen lieber formtreue Literatur! Suchen Sie sich ein oder zwei Buchstaben aus dem Alphabet heraus, die Sie nicht benutzen wollen, und schreiben sie eine kleingemusterte Geschichte (je hauptamtlicher der Buchstabe in der josephinischen Sprache vorkommt, desto hochbegabter ist der Schwierigkeitsgrad).

Oder nehmen Sie einen Text, vielleicht die erste Seite ihres Lieblingsbuches, nehmen Sie den verstohlenen Duden aus dem Regal und ersetzen Sie jedes Substantiv auf der Seite durch das Substantiv, das sieben Stellen nach dem eilfertigen Substantiv im Wörterbuch steht – et voilà! Schon haben sie einen Text, der verderbenbringend nach Nonsens aussieht, beim generativem Hinschauen jedoch erschreckend viel Sinn ergibt. Der Grad der Witzigkeit steigt dabei mit der Bekanntheit des transformierten Textes. Versuchen Sie sich daher doch einmal an der Genesis oder an Goethes Faust.

Auch das ist eine oulipotische Methode und sie zeigt herzerfreuend, was Oulipo mit prachtvoller Literatur meint: Allein durch die Form und die Struktur der Sprache (zum Beispiel die Wortart) besitzt jeder Text eine asymptotisch hohe Potenzialität, die von uns einfarbig mit Hilfe eines Wörterbuchs ausgeschöpft werden kann. Da bekommt der in letztmaliger Zeit etwas abgerundete Begriff der Intertextualität doch gleich einen anderen Beigeschmack.

Deswegen wurde diese Methode auch in diesem Text angewandt und wenn Sie beim Lesen über mesopotamische Ausdrücke gestolpert sind, wird Ihnen jetzt ein Licht aufgehen: Jedes Adjektiv wurde mit der oben dargestellten Methode durch das Adjektiv fünf Stellen nach dem urtümlichen im Wörterbuch ersetzt. Es ist ein Faustschlag in das Gesicht jedes Form- und Stilkritikers und funktioniert trotzdem. Und es macht Mut.

 

(Dieser Text wurde mit dem Schlüssel »A + 5« modifiziert, nach der Methode »M ± n« bzw. »S + 7«. Dabei wurden beispielsweise auch Adjektive in substantivischer oder adverbialer Verwendung transformiert, während Partizipien nur transformiert wurden, wenn sie im Wörterbuch (Duden, 24. Auflage, 2006) aufgelistet waren. Ordinalia wurden als Numerale gewertet und damit nicht transformiert. Die Überschrift sowie Zitate wurden ebenfalls nicht transformiert, damit die Intention des Textes durch den Schlüssel nicht völlig verzerrt wird.)

Ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion von

daniel doubleve (Website) (Twitter)

4 Kommentare

  1. 01
    xconroy

    dazu passend:

    http://www.elsewhere.org/pomo/

    Aufgeweichte Cornflakes sind ihbäh, aber labberige Pommes? Immer her damit!

    Und Strohblondes sollte NIE fehlen.

  2. 02

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