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Dieser Artikel ist ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion.

Erinnerung an einen alten Freund

Seit ungefähr einem Jahr klebte in der Fußgängerzone in meinem Stadtteil ein kleiner Space Invader auf einem Zigarettenmülleimer. Er war auf kleines Stück Papier gedruckt und mit etwas selbstklebender Folie angebracht. Kein großer Aufwand, aber mit einer großen Portion Liebe ausgestattet, das merkte man sofort. In der Hoffnung, einem der wenigen Raucher, die dort ihre Zigarette reinschmeißen, ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern, ließ er schlimme Gewitter, Hagelstürme und Schneegestöber über sich ergehen, überstand brütende Hitze und stundenlangen Sonnenschein. Ich ging häufig bei ihm vorbei und über die Zeit waren wir richtig dicke Kumpels geworden. Bei jedem meiner Besuche begrüßte er mich mit seiner bekannt freundlichen Art, so wie er jeden begrüßte. Ein lebenslustiger, kleiner Kerl, der nie jemandem etwas antat oder auch nur den kleinsten Gedanken an so etwas verschwendete.

Doch eines Tages musste ich mit Entsetzen feststellen, dass der kleine Kerl nicht mehr da war. Er war überklebt worden. Ich hätte durchaus damit leben können, wenn irgendwelche Streetartists oder einfach die Stadtreinigung das Leben des Kleinen durch überkleben oder entfernen beendet hätten. Wir hätten voller Stolz auf sein erfülltes Stickerleben zurückblicken können ohne einen Hauch von Wehmut. Aber weit gefehlt, an der Stelle prangte ein großer roter NPD-Sticker. Ein hässliches Teil mit stumpfem Inhalt. Ich versuchte ihn noch zu retten, knibbelte was das Zeug hielt, aber jede Hilfe kam zu spät. Völlig aufgelöst lief ich nach Hause, warf mich auf mein Bett und starrte Löcher in die Decke. Ich schwor Rache. Aber nicht auf die gewaltsame Art, für Gewalt sind meine Ärmchen zu dünn und in meinem Kopf zuviel Inhalt. Irgendetwas Besseres musste her.

Ich überlegte lange und ausgiebig, aber so recht wollte mir nichts einfallen, was angemessen genug war den Tod meines Freundes zu rächen. Ich ging auf zahllose Anti-Nazi Proteste, unterhielt mich mit Leuten darüber und las mehrere Bücher zu dem Thema, aber trotzdem fühlte ich eine Leere in mir. Und sie ist immer noch da, weil ich bis heute an meiner Rache arbeite. Aber sie wird kommen, das habe ich mir fest vorgenommen und wenn es, wie es so schön heißt, das Letzte ist was ich tue.

An meinen alten Freund:
Dein Tod wird nicht umsonst gewesen sein. Der Tag der Rache wird kommen. Tausende deiner Brüder und Schwestern werden die Welt einnehmen und dann für eine schönere, saubere, gerechtere und vor allem nazifreie Welt sorgen. Du wirst schon sehen.

Wir sehen uns. Ruhe in Frieden, ich werde dich nie vergessen.

Ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion von

nomissimon (Website)

2 Kommentare

  1. 01
    Maradatscha

    Viel Erfolg!

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