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Dieser Artikel ist ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion.

Als ich dabei war wie der deutsche Punkrock entstand

Es gibt Menschen für die Musik das ist, was aus dem Radio kommt. Vielleicht vergnügen sich solche Menschen musikalisch noch mit dem ein oder anderen Klingelton oder einer Werbemelodie aus dem Fernsehen, aber sehr viel mehr musikalische Ambitionen bestehen in solchen Fällen oft nicht.

Für mich sind solche Menschen komisch.

Ich weiß nicht in welcher Phase des Lebens bestimmt wird, in welche Richtung man sich musikalisch entwickelt, oder ob man sich überhaupt näher für Musik interessiert, vielleicht sogar selber welche macht. Ich kann mir nur denken wann dies alles bei mir entschieden wurde. Und das war, als ich dabei war wie der deutsche Punkrock entstand.

Unter anderem lebte ich mit meinen Eltern einige Zeit in einem Haus, das mehr einer großen Wohngemeinschaft glich. Im Keller dieses Hauses befand sich ein Übungsraum und irgendwie machten damals fast alle Leute Musik.
Für einen kleinen Jungen, wie ich damals einer war, gibt es nicht viel mehr faszinierenderes, als einen Übungsraum im Keller, in dem Bands Musik machen. Es sein denn man trägt Pullunder und interessiert sich mehr für Mathematik.

Während die Eltern anderer Kinder abends in ihren Eiche Rustikal Wohnzimmern höchstens mal die Vollplayback Hitparade im Fernsehen sahen, wurde bei uns richtige Musik gemacht, und zwar mit allem was dazu gehört.
Diese Tatsache klingt zwar im Nachhinein relativ cool, und das war sie auch, hatte aber zu der damaligen Zeit trotzdem einige Nachteile. Besonders wenn ich daran zurückdenke, wie wenig begeistert ich damals davon war, dass meine Eltern zu den obligatorischen Schul-Elternabenden in traditioneller Hippie Uniform aufliefen, während alle anderen Eltern völlig normal aussahen. Aber das ist ein anderes Thema und relativiert sich je älter man wird. Es kehrt sich sogar irgendwann ins Gegenteil um.

Einer unserer damaligen Bekannten war ein gewisser Nils, seines Zeichens Sänger, Frontmann und Komponist der legendären Frankfurter Punk Band Strassenjungs.

Ihr kennt die Strassenjungs nicht? Das solltet ihr aber! Denn die Strassenjungs haben 1977 so ziemlich die erste deutschsprachige Punk LP veröffentlicht.
Demzufolge waren die Strassenjungs eine der ersten deutschen Punkbands überhaupt und die ultimative deutsche Antwort auf die Sex Pistols.

Die Strassenjungs waren somit musikalische Pioniere, und Pioniere haben oft das Problem, ihrer Zeit einfach zu weit voraus zu sein. Das ist wohl auch der Grund warum sich der richtig große Erfolg bei den Strassenjungs nie einstellte. Deutschland war ganz einfach noch nicht so weit für Strassenjungs Musik.
Viele Jahre später entspannte sich die musikalische Lage in Deutschland ein wenig, und zumindest ehemalige Punks machten mit Fun Punk/Punk Pop oder auch Deutschrock das erste große Geld.

Punk nannte sich früher „Working Class Rock’n’Roll“ und diese Bezeichnung trifft die Musik der Strassenjungs ein wenig besser als einfach nur „Punk“. Punk?
Denn so typisch Punk war es gar nicht, was die Strassenjungs musikalisch zum Besten gaben.
Vielmehr etablierten die Strassenjungs eine fordernde, provozierende aber durchaus auch lustige Art des Deutschrocks, die keinesfalls so billig und durchschaubar war, wie der Deutschrock den man ca. 10 Jahre später von diversen Bands serviert bekam. Denn eins ist auch klar, Deutschrock kann zuweilen ganz, ganz furchtbar sein.

Auf welch hohem Niveau die Strassenjungs damals schon komponierten und kreierten, wusste ich erst sehr viele Jahre später, als ich einige Vergleichsmöglichkeiten hatte.
Besonders solch ein Strassenjungs Album wie „Los!“, aus dem Jahr 1981, klingt auch heute noch musikalisch ziemlich frisch.

Ohne zu übertreiben kann man mit Fug und Recht behaupten, dass die Strassenjungs neben Ton, Steine, Scherben und Udo Lindenberg zu den Pionieren des Deutschrocks gezählt werden können.

Zu dieser frühen Zeit der Popkulturgeschichte war Punk in Deutschland noch nicht so richtig existent, aber mit den Sex Pistols und The Clash schwappte die erste große Punkrock Welle über die raue See nach Deutschland. Deshalb war es auch nur logisch und konsequent, dass die Strassenjungs auch im Vorprogramm für The Clash spielten. Musik verbindet, Punk noch sehr viel mehr.

Die Strassenjungs waren sicherlich der größte Trigger der damals entstehenden deutschen Punk Szene und man kann guten Gewissens sagen, dass es ohne diese Band einige etablierte und leider mittlerweile auch ziemlich langweilig gewordene deutsche Punkrock Bands gar nicht erst gegeben hätte. Sogar die spätere Neue Deutsche Welle bezog ihre Ideen zum Teil von den Strassenjungs.
Aber das ist natürlich in irgendeiner Form oft so. Vorreiter gibt es immer und die Strassenjungs waren sehr bedeutende musikalische Vorreiter. Um das zu wissen, muss man sich nur mal die ersten 3 Alben dieser Band anhören und dann auf das Veröffentlichungsdatum schauen. Bingo.

Ich weiß gar nicht mehr genau wie es dazu kam, weil ich blöderweise ein recht schlechtes Langzeitgedächtnis habe, aber eines Tages lud mich Nils, der Sänger, Komponist und Frontmann der damaligen und besten Strassenjungs Besetzung, in seine Wohnung in der Nähe der Frankfurter Freßgass ein.
Die Strassenjungs hatten gerade ihre neue und für mich bis Heute immer noch beste Platte „Los!“ produziert. Auf dieser Scheibe befindet sich übrigens auch der Song „Der Drummer mit dem Holzbein“, und dieser Drummer, um den es in diesem Song geht, wohnte mit seiner Tochter in der Wohnung direkt unter uns. Wir wohnten mittlerweile im Frankfurter Stadtteil Rödelheim, das musikalisch sehr viele Jahre später für die deutsche Hip Hop Szene wiederum eine Art Vorreiterrolle spielen sollte.

Nils schenkte mir Strassenjungs Aufkleber, Promo-Material und natürlich seine neuste Platte „Los!“ mit Autogramm und persönlicher Widmung. Natürlich war ich restlos begeistert.
Denn wo andere Schulkameraden in der Schule mit ihren neuen 3-streifen Sportschuhen angaben, spielte ich mit meinem Strassenjungs Promo-Material und der von Nils extra für mich signierten Platte in einer völlig anderen Liga. Auch wenn die anderen nichts davon verstanden. Ich war sozusagen der unfreiwillige Punk unter den uniformierten Markenturnschuhträgern.

(Einmal fragte ich einen damaligen Mitschüler und üblen Lacoste Polohemd Popper warum seine weißen Turnschuhe denn so rötlich gefärbte Ränder hätten. Verächtlich antwortete mir der Popperscheitel, dass dies daher käme, da er im Gegensatz zu allen Anderen die Schuhe dazu tragen würde, wofür sie auch gemacht wären, nämlich zum Tennisspielen. Aha.)

So sehr ich bei meinem Besuch bei Nils über die Geschenke begeistert war, so sehr verunsicherte mich allerdings sein weihnachtlicher und sehr expressionistischer Christbaumschmuck.
Denn dieser bestand nicht nur aus dem üblichen Lametta, sondern auch aus Kondomen, die dort lustig von den kleinen Ästen des Weihnachtsbaums baumelten.
Kondome waren ein Produkt, für das ich aufgrund meines Alters zum damaligen Zeitpunkt noch nicht so richtig viele Verwendungszwecke hatte. Heute bin ich an dieser Stelle natürlich schlauer und weiß, dass man aus Kondomen nicht nur exklusiven Weihnachtsbaumschmuck basteln, sondern auch ganz hervorragende Wasserbomben daraus herstellen kann.

Die Platte „Los!“ lief ab dieser Zeit bei mir hoch und runter, und zwar nicht nur weil ich sie geschenkt bekommen hatte, nicht nur weil ich Nils kannte, sondern vor allem, weil sie mir schon damals richtig gut gefiel.

Später kaufte ich mir auch noch das erste Strassenjungs Album namens Dauerlutscher, welches wegen anstößigen Texten eine gewisse Zeit auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdete Schriften stand.
Dass eine solche Indizierung in einigen Fällen entscheidend Einfluss auf die Popularität einer Band nehmen kann, wissen zum Beispiel die Ärzte nur zu gut. Bei den Strassenjungs war dies leider nicht der Fall, aber noch einmal, es war leider noch viel zu früh für diese Band, die weder in der Bravo noch in der Popcorn stattfand.

Was nach den ersten 3 Platten von den Strassenjungs kam, lag nicht mehr auf meinem musikalischen Weg. Es war die Zeit, in der ich andere Musik für mich entdeckte.

Die Strassenjungs waren auf jeden Fall ein großer Teil meiner musikalischen Anfänge. Und nicht nur meiner, die Strassenjungs waren der Anfang deutscher Punkrock Geschichte.

Ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion von

marius (Website) (Twitter)

5 Kommentare

  1. 01
    Alex

    Jaja, die Strassenjungs.
    Gitarrist Herr Schmidt hab ich letztens noch auf einer Hochzeit spielen gehört.
    Außerdem hat er mit dem Chor meiner Schwester eine Benefiz-Weihnachts-CD aufgenommen.
    So verändern sich die Zeiten…

  2. 02

    Als Düsseldorfer und Dabeigewesener muss ich anmerken, dass die erste deutsche und auch deutschsprachige Punkband wohl Charley’s Girls des sagenumwobenen Franz Bielmeiers war und durch Auftritte an der Jahreswende 76/77 den Ratinger Hof zur deutschen Punkzentrale gemacht hat. Und Charley’s Girls zeugte Mittagspause, und Mittagspause zeugte die Fehlfarben, und Peter Hein war immer dabei. Stand auch da als ZK zum ersten Mal im Hof die 3 Akkorde (waren wohl eher nur 2) zelebrierten, was unmittelbar zu den Toten Hosen führte…

  3. 03

    Die Straßenjungs? Das waren langhaarige mit blöder Musik und blöden Texten. Mit Punk hatten die nicht viel zu tun und ernstgenommen haben wir sie alle nicht. Rainer hat da schon ganz recht, obwohl Male ja noch eher dagewesen sein sollen. Aber darum streitet man schon seit Jahren.

  4. 04
    Joe

    oh hauerha: „meine definition von punk ist aber viel mehr punk als deine“
    als selbst dabeigewesener (mal als supporting act für die grossen strassenjungs gespielt) kann ich nur sageN: sch… drauf die strassenjungs waren weit vor den hosen da und die texte waren um längen lustiger als alles andere in der zeit. düsseldorf war weit weg von bankfurt und bestimmt ne andere nummer. an den autor: los! war gut, aber bei weitem nicht so klassiker-gespickt wie dauerlutscher….

  5. 05
    Wolf-Peter

    Der erste Satz in der allwissenden Müllhalde sagt eigentlich alles, was es zu den Strassenjungs und »Punk« zu sagen gibt: »Die Gruppe wurde 1977 von dem Produzententeam Axel Klopprogge und Eckehard Ziedrich ins Leben gerufen.«

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