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Dieser Artikel ist ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion.

Alles so schön grün hier.


„Eso es tu camara?“ Der 1,90m große Kubaner hält tatsächlich ein iPhone in der Hand. Etwas verstaubt sieht es aus, in einer schwarzen Gummi-Hülle und ansonsten ziemlich wie … meins. Fuck. Reflexartig greife ich in meine Tasche. Nichts. Ein Blick in die Mittelkonsole des chinesischen Leihwagens einer nicht merkbaren Marke. Ebenfalls nichts. „Si, mi camera.“ stottere ich und nehme aus den Pranken des Michael Clarke Duncan-Doubles mein Telefon entgegen, dass ich 20 Minuten vorher auf dem Kofferraumdeckel abgelegt hatte. Bevor wir mit drei kubanischen Feldarbeitern 10 Kilometer über eine Schlaglochansammlung ratterten, die selbst die Einheimischen nicht mehr Straße nannten. Und bevor uns bei Schlagloch Nummer 542 der hintere Reifen platzte. Wer weiß, wie lange sich das Telefon noch in der hinteren Falte zwischen Scheibe und Kofferraumdeckel hätte festkrallen können, lange sicher aber nicht mehr.
Der hämische Kobold in meinem Kopf hämmert mir ein „Glück im Spiel …“ in meine Nebenhirnrinde und bevor ich einwenden kann, dass es sich hier um eine pure Zufallssituation und nicht um ein „Spiel“ handelt, vervollständigt mein Kopf den Satz schneller als jede Autoformular-Funktion.
Die Liebe – beziehungsweise das personifizierte Pech in selbiger – sitzt kopfschüttelnd neben mir auf dem Fahrersitz und murmelt: „I can’t believe you just left your phone ON the car.“ Kann ich auch nicht. Aber ich kann momentan ja vieles nicht glauben, was sich in den letzten drei Tagen seit wir auf dieser Insel sind ereignet hatte. Angefangen mit der Eröffnung am Flughafen, er hätte Jemand anderen kennen gelernt. Es wäre nichts passiert, aber das alles hätte ihm zu denken gegeben. Bis hin zum zehnstündigen Flug mit nervösen Luftlöchern im Bauch, die ausnahmsweise nicht auf Turbulenzen zurückzuführen waren. Dem Klammern und den hilflosen gegenseitigen Versuchen die Hoffnung nicht zuletzt sterben zu lassen. Bis schließlich in Havanna nach einer wachen Nacht die Wahrheit so hässlich durch die Fenster schaute wie die Trabanten-Siedlung durch die wir nachmittags gewandert waren. Kein Cuba Libre war so stark, als dass er danach noch geholfen hätte. Wenn wir keine Anhalter mitnahmen, waren Tränen, ansonsten Leere. Und immer wieder kleine Hochs voller Verdrängung.  Es war schließlich Urlaub. Sonne! Sand! Drei Wochen lang! Aber immer wenn eine freundliche kubanische Mama in einer der privaten Unterkünfte uns herzte, in die Wangen kniff und nach unseren ninjos fragte, blieb mit der frisch gemixte Guaven-Saft im Halse stecken.
Also besser zurück auf die Straße wo die extra aufgenomme Buena Vista-Kassette den Ironie-Soundtrack des Trips lieferte, Hühner, Hundewelpen und Schulkinder auf der Rückbank dafür wenigstens etwas Ablenkung. Kurz vor Camaguey in einem Naturpark – so nachcoloriert wie in einem Disney-Film – platzte etwas in mir. Ich schrie. Ich tobte. Ich schlug um mich. Der Bauer auf dem Rinderkarren hinter uns schaute kurz nach dem Rechten bevor er die seltsamen Touristen wieder in Ruhe ließ.
Und endlich sah ich denselben Schmerz gegenüber. Die Tränen. Die Hilflosigkeit. Und alles, was die Sonne und dieses verdammt-fantastische Wetter bisher nicht weggekocht hatten.
Jede Kurve, die danach kam war wie Wund- und Heilsalbe für alles was vorher so hässlich aufgeplatzt war. Jeder Kilometer ließ den Schmerz irgendwo an einer verlassenen Ecke stehen. Und auf einmal war alles grün. So grün wie ich es noch nie gesehen hatte. So grün, dass selbst Tolkien dafür in sämtlichen Sprachen den Älteren neue Worte erfinden und Peter Jackson sie in der wildesten Ecke Neuseelands nicht hätte nachbauen können. Das Grün machte vieles gut. Vielleicht war auch deshalb später alles leichter. Die Zwillinge, denen ich ein Eis spendierte. Das Neugeborene, das wir eine Stunde lang in verschiedenen Taufkleidern fotografieren mussten. Selbst das Essen im edlen Restaurant, bei dem das Gitarren/Geigen-Duo im Smoking „unser“ Lied spielen wollte. Wir sagten ihnen, sie sollten stattdessen das von der Titanic nehmen.
Und während um uns herum alles unterging, wurde es gut. Und grün.

Ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion von

Ninifaye (Website) (Twitter)

2 Kommentare

  1. 01
    hannes

    „Nebenhirnrinde“…soso
    SNCR, Berufskrankheit :-)

    Natürlich trotzdem danke für den schönen Text.

  2. 02

    Berührend, bewegend, gut geschrieben. Man merkt durch die langen Passagen, in denen es um etwas anderes geht, wie unterschwellig, wie verdrängt das „Pech“ ist. Der Fokus liegt auf den Nebengeschichten, wo doch das Hauptthema eigentlich die Geschichte zwischen zwei Menschen ist. So erlebt man das auch, wenn man in dieser Situation ist – man versucht, sich mit alltäglichen Dingen zu beschäftigen, um nicht verrückt zu werden. Und irgendwann bricht es aus einem heraus und danach wird alles gut. Alles wird grün.

    Danke.

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