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Dieser Artikel ist ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion.

„Music should be a smile.“

gonzales, beim über die publikumsreihen klettern, oder wie er es nannte "stagediving"

Alles fing mit einem A an. Einem „musikalischen“ A wohlgemerkt auf dem Ipad von Gonzales, der an diesem Sonntag im großen Saal der berliner Volksbühne gastierte. Wer A sagt, muss bekanntlich auch B sagen. Dass aus einem einzelnen Buchstaben bei Kindern nach und nach ganze gesprochene Wörter und Sätze werden, entspricht dem gängigen Erfahrungsstand. An diesem Abend wurde aus einem A ein Orkan an Worten, ein Feuerwerk der klugen Sätze und ein Ozean aus in Worte verpackten Gefühlsregungen.

Gonzales, mit bürgerlichem Namen Jason Charles Beck, und bisher bekannt geworden durch sein minimalistisches Meisterwerk „Solo Piano“ von 2004 und das erste Mal bewusst wahrgenommen bei einem Gastauftritt von Leslie Feist im Jahre 2008 im Berliner Admiralspalast, hatte bei diesem Konzert ein Kammerorchester im Gepäck. Neun klassische Musiker, die nur auf sein Kommando hörten- zumindest an diesem Abend- konnten sein zugegebenermaßen riesiges musikalisches Ego voll und ganz befriedigen. Bei der Begleitung von Gonzales’ vielfältigen musikalischen Ideen leisteten sie ganze Arbeit.

„Orchestral-Rap“ war die Schublade, in die er selbst seine Musik stecken wollte. Doch seine Musik ging weit über irgend eine gültige musikalische Schublade hinaus. Ein musikalischer Dandy, der sich selbst in Morgenmantel und Pantoffeln hüllte, ein Eminem des Klavierspiels, ein Philipp Glass mit einem Hang zur Broadway-Attitüde und keiner Angst vor den großen musikalischen Gesten war an diesem Abend zu feiern.

Einen wahrhaft dramatischen Höhepunkt erreichte das Konzert, dass sich immer auf dem Weg zur Performance befand, als Gonzales von der Bühne aus einen Fuß auf die erste Reihe der Bestuhlung des Zuschauerraums setzte und diesen bis zur letzten Reihe, von Stuhlkante zu Stuhlkante, durchquerte. Auf dem Rückweg ließ er sich vom (wohlgemerkt sitzenden und z.T. etwas überrascht bis überfordert wirkenden) berliner Publikum im wahrsten Sinne des Wortes auf Händen zur Bühne zurücktragen.

Für den Musiker Gonzales gilt anscheinend die Maxime, weniger ist mehr. Bewaffnet mit Bongos, die neben seinem Laib- und Magen-Instrument, dem Klavier, aufgestellt wurden, wird ein Happy-Birthday-Lied für einen Jubilanten aus dem Publikum mal eben zu einer Slapstick-Einlage. Helge Schneider hätte es vermutlich nicht besser hingekriegt. Humor zu haben ist erfahrungsgemäß relativ selten in dieser Branche. Leider.

Erstaunlich war die musikalische Selbstverständlichkeit und Gelassenheit, mit der er das Publikum immer wieder verstand, vollkommen zu entwaffnen.

Der ganze Abend war mit zahlreichen Augenzwinkern und Seitenhieben Richtung Musikbusiness gespickt. Mit viel Sinn für Situationskomik und humoristischen Einlagen aller Art begeisterte er das Publikum ab der ersten Note und ließ keinen Zweifel an seinem viel beschworenen, ihm innewohnenden „musical genius“, welches ihn zu wahrhaft physischen Höchstleistungen am Klavier anspornte. Nur wer eins hat, kann sich zweifellos darüber lustig machen.

So und nicht anders geht musikalische Hingabe.

Music should be a smile.

Ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion von

susanne forberg (Website)

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