7
Dieser Artikel ist ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion.

Ich habe dich vergessen aber ich denke an Dich

Liebe Freya,

ich habe Deinen Geburtstag vergessen. Die Welt ist aus den Fugen geraten. Nicht nur, weil ich Dich vergessen habe, sondern weil da ganz viele andere Sachen sind, die mich beschäftigen. Weißt Du, ich arbeite viel zu viel. Ich habe meinen Nebenjob und versuche, Politik zu machen. Nicht für mich. Für Dich. Ich will, dass Du in einer Welt aufwächst, die ein kleines bisschen besser ist. Ich will, dass Du, wenn du alt genug bist, diese Welt verstehst. Daran arbeiten viele Leute. Auch ich. Und darüber habe ich Dich vergessen.

Wenn Deine Mama Dir das hier vorliest, wirst Du vieles noch nicht verstehen. Aber ich bin mir sicher, dass Du es verstehen wirst. Du hast tolle Eltern, die versuchen, Dir diese Welt zu zeigen und zu erklären. Weisst Du Freya, dein Papa hat mir viel über diese Welt erklärt. Zum Beispiel, dass es egal ist, ob eine Frau eine Frau liebt oder einen Mann. Dass es egal ist, ob ein Mann ein Mann sein will oder nicht. Er hat mir auch gezeigt, was es heißt, andere Menschen zu respektieren und sie hinzunehmen, egal, wie sie aussehen, wo sie herkommen oder welche Sprache sie sprechen. Ich bitte Dich: Höre auf Deinen Papa, wenn er davon erzählt. Er hat wirklich recht.

Deine Mama hat mir gezeigt, wie man gegen Dinge ankämpft, die einem nicht gefallen. Ich hoffe, Du hast ihren Kampfgeist. Nein, ich bin mir sicher, dass Du ihn hast. Du wirst Dich oft durchkämpfen müssen. Ellenbogen ausfahren und durch kommen. Später dann wirst Du gläserne Decken spüren, durch die Du nicht hindurch kommst. Da wird der Kampfgeist helfen. Doch eigentlich hoffe ich, dass Du das nicht musst. Viele Menschen Kämpfen dafür, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht mehr existieren. Das alle gleich behandelt werden.

Weißt Du Freya, Du wächst in einer Welt auf, die wahnsinnig schnell ist. Und doch bleiben die Menschen gedanklich stehen. Manchmal glaube ich, sie können die ganzen Ideen, die heutzutage so um die Welt fliegen, gar nicht erfassen und bekommen Angst davor. Dann sehnen sie sich nach ihrer bekannten Welt und bleiben stehen. Ich hoffe wieder einmal. Diesmal hoffe ich, dass sich die Menschen mehr für neue Ideen öffnen und Dir eine Welt ermöglichen, in der all diese Ideen Platz haben.

Ich werde zu Weihnachten auch nicht bei Dir sein können. Ich werde nicht mit Dir unter dem Baum sitzen und das Leuchten Deiner Augen sehen und mich mit Dir freuen. Aber es wird etwas unter dem Baum sein. Von Deinen Eltern, von Deinen Großeltern, vielleicht auch von Deiner kleinen Schwester. Du wirst ganz viel Liebe spüren und – Du wirst eine kleine Schachtel von mir finden. Ich hoffe, dass Du Dich dann freust, wenn Du sie findest. Sicher fragst Du Dich, warum ich nicht da sein werde. Ich werde weit weg in einem fernen Land sein und mit Menschen sprechen. Mit ihnen zusammen arbeiten um ihnen zu helfen, ihre Ideen um die Welt zu tragen. Das tue ich aber auch für Dich. Damit Du all diese Kämpfe, die wir Erwachsenen jetzt austragen müssen, nicht mehr austragen musst. Ganz viele Menschen auf der ganzen Welt tun das, damit Du und deine Freundinnen und Freunde in einer Welt leben können, die frei ist. In einer Welt, in der Ideen Wirklichkeit werden können und jeder das sein darf, was er will.

Ich denke oft an Dich und mit jedem Mal denken an Dich weiß ich, dass es sich lohnt.

Dein Patenonkel

 

Ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion von

Stephan Urbach (Website) (Twitter)

7 Kommentare

  1. 01
    Dirk

    Sehr schön geschrieben.
    Hatte aber ehrlich gesagt eher das Bild von ’nem 45jährigen im Kopf bis ich deine Website angeschaut habe :>

  2. 02
    Tina

    Find ich sehr schön geschrieben.
    Einfach und dennoch tiefgehend.
    Trotzdem und genau auch deswgen – während man die Welt rettet – brauchen die Kids ihre Menschen.

  3. 03

    Irgendwie nimmt das langsam überhand mit den Briefen von Leuten an Kindern, die diese Briefe nicht verstehen, weil sie ja auch nicht an die Kinder geschrieben sind sondern an den Rest der Welt. Dieses Mittel der Aufmerksamkeitsgewinnung ist nun wohl ausgereizt. Man könnte fast schon sagen, hier werden Kinder benutzt. Hoffentlich ist Freya nur imaginär.

  4. 04

    Ich hadere noch mit den vom Autor erwählten Namen Freya.
    Sicherlich nur ein geschichtlicher Zufall.

    Alles Gute

  5. 05

    Schöner Text, sowas finde ich sehr richtig. Kindern Briefe schreiben und versuchen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. :)

Diesen Artikel kommentieren