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Dieser Artikel ist ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion.

Unterwegs in Mecklenburg-Vorpommern

Ein bisschen aufgeregt ist Egge schon, als wir die letzten Kilometer zu dem Ort seiner Kindheit hinter uns legen. Jede Straße, jedes Haus kennt er auf dem Weg nach Eggesin. Hat zu jeder Kreuzung eine Geschichte. Ein wenig froh scheint er doch zu sein, dass Costa ihn so lange vollgelabert hat, sein altes Zuhause am nordöstlichen Zipfel Mecklenburgs zu besuchen. Als wir da sind zeigt er die Fußballspielplätze auf Supermarktdächern, die Knutschecken, den Sportplatz und die Wiese, auf der sein Haus stand, bevor es dem Rückbau zum Opfer fiel. Das Blaubeerenfest im Dorfzentrum lassen wir aus. Als einzige ohne Thor-Steinar-Jacke wären wir uns underdressed vorgekommen.

In der Geschwister-Scholl-Straße wirbt die NPD für ihr Kinderfest. Am 4. September wird in Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Der Verfassungsschutz hat Angst, dass sich Neonazis und Linke vorher in einer „Spirale der Gewalt“ begegnen. Schon jetzt gibt es fast wöchentlich Anschläge. In Ueckermünde wird immer noch gekämpft. Wir fahren erstmal zum Strand.

Bis zum FKK-Strand sind es zwei Kilometer, und wir haben keine Badehose dabei. Doch die das Stettiner Haff schimmert so schön in der warmen Abendsonne, dass wir schnell unsere Klamotten abpulen und ins Wasser springen. Segelboote fahren elegant in den Hafen, ein paar Jugendliche hängen lässig auf ihren Luftmatratzen. Als wir halbnackt am Softeisstand vorbeigehen, tuscheln die Leute. „Hauptsache Sonnenbrille auf.“

Die Punks in der ersten Reihe wollen alles schneller, lauter und mit mehr Bass. Bevor sie von ihrer eigenen kleinen Party am Seeufer gekommen sind, haben sie unten noch alle Dosenbiere und Zigarettenstummel aufgesammelt. Jetzt singen sie in den Liedpausen, dass sie die „Innenstadt demolieren wollen“. Unser Gastgeber lässt auf einem LED-Schild „Beatproleten“ laufen. Die ganze Meute zeigt sich erstaunlich textsicher und fordert „Greatest Hits“ und „mäaaaa Varzärraaaa“. Wir gehen ins Bett, als wir nach East 17 keine Stimme mehr haben.

Veganes Curry, veganes Rührei, selbst gemachter Schnaps – die Verpflegung im AJZ steht unter dem Moto „Rocken ohne Knochen“. Das schaffen sie immer wieder gut, dass wir viel zu viel essen und mit voller Plauze auf der Bühne stehen. Und dann noch ein Obstteller als Gute-Nacht-Gruß. Das AJZ wäre die perfekte autonome Jugendherberge!

Eine Fähre trennt uns auf unserer Reise vor dem letzten Bundesland an diesem Wochenende. Neben uns stehen nur schlechtgelaunte Urlaubspapas mit zickigen Kindern und Norweger auf Wellness-Urlaub bei den Teutonen. Das Wendland empfängt uns sanft in Niedersachsen.

Ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion von

beatpoeten (Website) (Twitter)

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