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Dieser Artikel ist ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion.

Halbnackte Fettnutten

Reist man aufmerksam durch das deutsche Land stößt man hin und wieder regionale Spezialitäten. Damit ist in dieser Geschichte jedoch nicht – wie sonst üblich – das Dorf-Flittchen gemeint. Es sei hier nur kurz erwähnt – auch wenn es für das Voranschreiten unserer Erzählung nur von zweitraniger Bedeutung ist.

Unter regionaler Spezialität lässt sich ja so ziemlich alles vermarkten, was man an Schlachtabfällen im Keller finden kann. Die Phantasie darf dabei ruhig die Grenzen des guten Geschmacks sprengen. Bestimmte Landkreise – allen voran der in dem ich aufgewachsen bin – stechen aber durch besonders aberwitzige Delikatessen hervor und verdienen es, sich durch diesen kurzen Text ein wenig Werbung zu erschleichen.

 

In meiner Jungend wurde man noch staatlich abgespeist. Zu dieser Zeit gehörte der Fettrand am Braten genauso zum Wohlstand wie das Wellasbestdach auf der Garage. Knorpel wurde als Doping für die Gelenke verkauft und sehniges Fleisch galt als »Gut durchwachsen«. Ostsee-Abfälle unter dem Deckmäntelchen der Panade kamen als Fischstäbchen auf die Tafel und wir kauten geduldig Ungarischen-Gulasch, der es heute nicht einmal mehr in die Pedigree-Pal Dose schaffen würde. Gab es süß-saure Innereien wunderten wir uns zwar ab und an über die eigentümliche Oberflächenbeschaffenheit der Fleischeinlage, ließen uns aber vom klangvollen Namen »Flecke« verleiten hungrig unseren Nachschlag zu verlangen.

 

Wenn ich von der Schule kam und es im Haus nach Urin roch hatte Mutti entweder Nierchen zubereitet oder Oma war zu Besuch. Großmutter war ebenfalls für ihre deftigen Leckerbissen bekannt. Während sie selbst am liebsten Entenfüße kochte um sie zu einer seichten Unterhaltungssendung abzuknappern, gehörte es zum guten Ton, dass bei Familienfesten Zunge serviert wurde. Während sich die Erwachsenen am genoppten Sinnesorgan labten aß ich am Kindertisch, kaute geduldig auf einem adrigen Stück Leber herum und beobachtete meine Schwester und Cousine dabei wie sie sorgfältig Zunge, Bäckchen und Gehirn aus ihren Hasenköpfen pulten. Damit es keinen Streit gab kaufte Oma fürsorglich immer einen Hasen und mehrere Köpfe und präsentierte diese als Kinder-Spezialität. Würde die alte Frau noch Leben hätte sie sicher Ihre Freunde an den Möglichkeiten der Gentechnik.

 

Doch all das war damals. Natürlich war man froh wenn die Trümmer-Mama eine heiße Suppe aus Schweinehufen im Stahlhelm servierte und natürlich ist es moralisch edel ein Tier voll und ganz auszunutzen. Aber seit ich weiss, dass sich hinter dem Wort Spezialität meist Lebensmittel verbergen, die nicht zum Verzehr gedacht sind mache ich um Schleudergastronomische Einrichtungen die mit dem Wörtchen »Zur …« beginnen einen großen Bogen.

 

Doch hat die regionale Spezialität mittlerweile auch die gehobene Küche erklommen. Immer mehr scheinheilige Gerichte mit phantasievollen Namen schleichen sich auf die Speisekarten einst harmloser Küchen. Dort muss man sehr vorsichtig sein. Gilt man doch schnell als Kulinarischer-Rassist, wenn man sich am Lendchen labt aber die Leber verneint. Hat man doch schnell das gesamt Restaurant gegen sich aufgebracht, wenn man Schweinebraten mag aber den Magen der Sau eine Schweinerei findet.

 

Ich liebe eine klare Ordnung auf meinem Teller. Auf zwölf Uhr die Sättigungbeilage, rechts das Gemüse und direkt vor mir ein übersichtliches Stück Pressfleisch. Überhaupt ist mir alles suspekt, was ich anatomisch nicht zuordnen kann. Ich hasse Fleischaufläufe bei denen man nicht erkennt auf was man da gerade herum beisst und meine Freunde suche ich mir danach aus, was sie servieren. Bekannte die bei Grillfesten Schweinsköpfe aufschlagen um an das Gehirn zu gelangen sehe ich nur noch ab und zu auf Fotos. Freundschaftsanfragen auf Facebook von Menschen die voller Stolz behaupten schon Hammelhoden im Mund gehabt zu haben ignoriere ich. Einladungen zum Essen von Studienfreunden die Gulaschreste von Jahrmärkten in geräumigen Müllsäcken einfrieren lehne ich höflich ab.

 

Doch sollte ich irgendwann in einer schrulligen Fleischerei stehen und hören wie die Oma vor mir ein dutzend »Halbnackte« bestellt oder auf einer 800-Jahrfeier entdecken, dass das dickbusige Dorfflittchen in einem Büdchen frittierte »Fettnutten« verkauft – dann werde ich davon probieren, egal welche Spezialität sich hinter diesen klangvollen Namen verbirgt.

 

Ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion von

bykaim (Website) (Twitter)

8 Kommentare

  1. 01

    „Wenn ich von der Schule kam und es im Haus nach Urin roch hatte Mutti entweder Nierchen zubereitet oder Oma war zu Besuch.“

    HAHAAA! Wunderbar!

  2. 02
    Jürgen

    Andere Zeiten, andere Sitten! Aber um der Wahrheit die Ehre zu geben: Der größere Dreck – und wenn man nicht aufpasst, kommt’s in den Magen – wird einem doch in heutigen Zeiten angeboten. Einfaches Beispiel: Selbst Milch schmeckt heute nicht mehr nach sich selbst, weil sie u.a. „länger haltbar“ gemacht wurde.

  3. 03
    flubutjan

    … „das Dorfflittchen“ … (auch noch als „regionale Spezialität“) … hm …

    Zu „Dorfflittchen“ fällt einem zunächst der „Dorftrottel“ ein, mithin eine an Überholtheit kaum zu überbietende Bezeichnung …

    Und „Flittchen“ ist ein abfälliger Begriff, wird immer in Bezug auf irgendwie zweifelhaftes weibliches Sexualverhalten von einer behaupteten höheren Warte aus überheblich ‚rausgehauen, meist von machistischen Männern (die von der Überlegenheit ihres Geschlechts über das weibliche überzeugt sind) oder (aus was für Gründen auch immer) missgünstigen Geschlechtsgenossinnen.

    Von was für einer höheren Warte eigentlich? Einer in sexuellen Dingen irgendwie „ehrenwerteren“ vielleicht (wie immer auch ein „Ehrenwert“ in sexuellen Dingen zu definieren wäre) bzw. einer, von der aus sich nur selbstgerecht für „ehrenwerter“ gehalten wird?

    Besonders nett, nämlich abstoßend bigott, wird’s jedenfalls dann, wenn die Abwerter des „dickbusigen“ „Flittchens“ sich auch noch an ihm bzw. seinen körperlichen Attributen aufgeilen, wobei nicht das Aufgeilen abstößt, sondern das Verfolgen von Lustbetontheit durch selbst nichts anderes als Lustbetonte. Es wird also eine Ungleichwertigkeit der Lustbetontheiten behauptet (häufig aufgeteilt nach Geschlechtern). Schauder.

  4. 04

    DAS Gulasch…es heißt DAS Gulasch.

    ansonsten lustiger Text. :D

  5. 05

    Lustiger Text, aber nicht so weit weg von der Realität, damals.
    Jetzt ist mir schlecht. Innereien, Knorpel für die Gelenke, sehniges Gulasch … Brrrrrr …

  6. 06
    lexterberlin

    Schöner Text, auch wenn ich derlei „Sauereien“ mag. Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten, oder auch nicht, aber was einem heute so als Nahrungsmittel verkauft wird…

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