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Dieser Artikel ist ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion.

Plastik, Plastik über alles.

Wir Menschen sind die einzigen Lebewesen der Erde, die Müll hinterlassen. Wir produzieren täglich tonnenweise verschiedenste Materialien, die verhältnismäßig kurz in Benutzung sind und ab dann auf Mülldeponien landen oder ganze Nahrungsketten infiltrieren. Wieso eigentlich?

Weltweit gab es 2009 geschätzte 2,6 Milliarden Mobiltelefone in Benutzung. 2010 sind es laut einer weiteren Schätzung schon 5 Milliarden. Allein in Deutschland werden pro Jahr etwa 40 Millionen Handys gekauft. Jedes Jahr aufs Neue. Diese Zahlen sind so unglaublich, dass man eigentlich gar nicht begreifen kann, was dahintersteckt. In regelmäßigen Abständen ist bei vielen Menschen das alte Handy nicht mehr in der Lage, die aktuellen Bedürfnisse zu befriedigen – ebenso bei Laptops, MP3-Playern und allen anderen technischen Geräten, die einen Platz in unserer wunderbaren Multimediawelt gefunden haben.

Wie kaum einer weiß – wenn auch oft vermutet – ist fast allen elektronischen Geräten eine gewisse Lebensdauer beschieden, die nicht zufällig ist. Akkus werden trotz der Verfügbarkeit hoch entwickelter Technologien nur so mittelmäßig produziert, dass sie ein bis zwei Jahre gut halten und danach immer schwächer oder sogar funktionsuntüchtig werden. Von iPods über Glühbirnen bishin sogar zu einer Nylonstrumpfhose gibt es dutzende Produkte, bei denen sogenannte geplante Obsoleszenz (Wikipedia) eintritt. Also eine beabsichtigte künstliche Alterung von Produkten, für die langlebige Alternativen existieren würden. Dies geschieht natürlich nicht aus reiner Boshaftigkeit, sondern stellt eine eigentlich sehr kluge Produktstrategie dar. Wenn alle Menschen Produkte besitzen, die sehr lange halten, tritt auch schnell Sättigung am Markt ein und man kann nicht weiter produzieren. Je kürzer die Produkte in den Haushalten bleiben, desto schneller wird wieder neues gekauft. Das (zusammen mit immer tolleren neuen Produkten) ist eine wunderbar funktionierende Strategie für dauerhaftes Wachstum und stetigen Konsum. Leider wurde dieser Produktionsweise in Form von Verbraucherschutzgesetzen ein Riegel vorgeschoben aber netterweise lassen sich Produkte durch geschickt erstellte Teile in der Größenordnung der Garantiezeit am Leben erhalten, versagen aber schon relativ bald danach ihren Dienst. Reparaturen sind meist (und ebenso gewollt) deutlich teurer als ein neues Produkt.

Aber was geschieht dann eigentlich mit den zigtausenden weggeworfenen Produkten? Wird alles wiederverwendet? Leider nein. Bei Kunststoffen ist die Situation besonders akut. Knapp 85% allen verwendeten Kunststoffes landet auf Deponien im eigenen Land oder in Teilen der Welt, die uns als Industriestaaten nicht interessieren. Bei Elektroschrott ist die Situation besonders krass. Ausgediente Produkte aus aller Welt werden in Drittweltländer geschifft (gekennzeichnet als Entwicklungshilfe), wohl in dem Wissen, dass meist achtzig bis neunzig Prozent der verschickten Ware unwiederbringlich kaputt ist, und zur dortigen Entwicklung freilich keinen Beitrag hat.
Es gibt Slums in dutzenden Großstädten Afrikas, auf denen Menschen Tag für Tag hunderte Container an Plastikmüll nach verwertbaren oder wertvollen Gegenständen durchforsten. Die Plastikberge türmen sich täglich höher; verschmutzen Flüsse, Wiesen und zerstören Lebensraum für Mensch und Tier. Auf diesen industriell produzierten Abfallbergen verbrennen jeden Tag jugendliche Arbeiter Elektroschrott und Kabelreste um an die wertvollen Metalle im Inneren zu gelangen. Dies wird dann beim örtlichen Schrotthändler in wenig Geld umgewandelt und so kann man sich einen Lebensunterhalt finanzieren. Das verbrannte Plastik dabei gelangt mühelos in Luft und Lungen der Umgebung. Entwicklungshilfe der feinsten Art.

Skurrilerweise schließt sich mit den in Afrika entsorgten Handys ein Kreislauf, der nicht weniger brutal begonnen hat. In Zentralafrika sind die weltweit mit am größten Vorkommen von Seltenerden, die für die Produktion technischer Highendgeräte heute unabdingbar sind. In unfassbar instabilen mit geringstem Aufwand gegrabenen Stollen bohren sich Zehntausende der ärmsten Menschen in zentralafrikanischen Krisengebieten in die Berge und fördern neben viel Gestein die Rohstoffe zu Tage, die unter der Tastatur liegen, auf der ich gerade schreibe. Wegen der Enge in den meisten Gräben (das Argument gab es schon vor hunderten Jahren in Europa) arbeiten dort meist Kinder und Jugendliche. Abgesehen davon kann auch keiner nach fünf- bis zehnjähriger Arbeit in einer solchen Mine mehr irgendetwas normales Arbeiten.
Besonders schlimm machen diese Tatsachen aber noch etwas weiteres: Um den Großteil dieser Minen haben sich Söldnertruppen und Warlords postiert. Sie errichten unüberwindbare Barrieren mit nur einem Durchgang und einfachen Regeln: Jeder der reingeht und jeder der rausgeht muss zahlen. Das Geld dafür kommt natürlich vom privaten Verdienst der Minenarbeiter. Und dieses wiederum ist vom Kauf jedes einzelnen technischen Gerätes auf der ganzen Welt mitfinanziert. Da es im Interesse der Warlords liegt, Konflikte so lange wie möglich ungelöst aufrecht zu erhalten und das am besten mit viel Geld und Waffen funktioniert, liegt es zu einem großen Anteil an den Firmen hier in der ersten Welt und letztlich an jedem einzelnen Verbraucher, Konflikte in Zentralafrika zu ersticken.

Aber damit ist die lange Reihe des Grauens, das hinter jedem Handy der Welt steckt noch nicht beendet. Die Verarbeitung der Rohstoffe zu einem glänzenden Endprodukt ist ein ebenso harter und wenig beachteter Weg. Viele Menschen gehen davon aus, dass bei der Produktion von Mobiltelefonen alles vollautomatisch geschieht. Neuartige Roboterarme mit Saugnäpfen verkleben Displays mit Torsos und verschrauben die Tastatur mit dem Rest. Nur leider entspricht das absolut gar nicht der Realität. Fast alles ist Handarbeit.
Der größte Fertiger von elektronischen Geräten aller Art weltweit ist Foxconn. Bei diesem Unternehmen arbeiten fast ausschließlich in China sage und schreibe eine Million Menschen an endlosen Fließbändern und bauen die Geräte zusammen, die im Rest der Welt zu Statussymbolen werden. Die Arbeiter, die zu Hauf vom sehr armen Land kommen, verdienen in diesen Werken einen Lohn, mit dem sie Ihre Familien gut ernähren können. Für westliche Verhältnisse allerdings ein Spottpreis. Noch dazu werden die Werke von Foxconn und weiteren Unternehmen sehr knapp kalkuliert und müssen hohe Absatzerwartungen erfüllen. Häufige Überstunden sind an der Tagesordnung. Nach dem sich die Selbstmordrate letztes Jahr unter Foxconnarbeitern massiv erhöht hat, und diese sich auch noch oft auf dem Firmengelände das Leben nahmen, wurden an jedem Gebäude Netze installiert, die einem vom Springen abhalten sollen. Die Selbstmordrate ist in Folge dessen tatsächlich zurück gegangen. Die Arbeitsbedingungen sind jedoch immernoch die gleichen. Ohne Kontakt zur Heimat eingepfercht in Arbeiterheimen mit teilweise bis zu 8 weiteren Menschen in einem Zimmer leben solche Arbeiter irgendwie nur zu einem Zweck: Für möglichst wenig Geld in kürzester Zeit den Hunger der Welt nach neuem technischem Spielzeug zu stillen. Welche Verantwortung tragen wir eigentlich als Besitzer eines Handys dafür? Joel Johnson von Wired kommt zu folgendem Fazit nach einem äußerst informativen Artikel:

When 17 people take their lives, I ask myself, did I in my desire hurt them? Even just a little?

And of course the answer, inevitable and immeasurable as the fluttering silence of our sun, is yes.

Just a little.

Hier wäre nun eigentlich der ideale Zeitpunkt mit einem moralischen und nachdenklich stimmenden Zitat den Artikel zu beenden. Aber das geht noch nicht. Ein bisher nicht beachteter Gesichtspunkt der behandelten Produkte muss auch noch näher beleuchtet werden: Der Stoff, aus dem alle unsere Geräte zum allergrößten Teil bestehen. Plastik.

Plastik ist so allgegenwärtig und so ein genial praktischer Stoff, so dass er aus unserer Welt heute nicht mehr wegzudenken ist. Da er aber wie oben schon erwähnt zu mehr als vier Fünfteln nicht wieder verwertet wird und wie ebenfalls schon erwähnt schnell ersetzt wird, stauen sich unglaubliche Mengen an Abfall an. Dieser Abfall zerstört die Biosphäre aller Weltmeere, häuft sich zu riesigen jahrhundertelang nicht nutzbaren Bergen auf der ganzen Welt an und wird trotzdem stetig weiter produziert. Im Pazifik kommen inzwischen auf 1 Teil Plankton schon zehn (!) Teile Kunststoffkleinstteilchen. Da Plastik auch ungemein gut darin ist, Schadstoffe aller Art an sich zu binden, sammeln sich bei allen Nahrungsketten, die auf Meeresorganismen und letzlich Fisch basieren große Mengen davon an. Dazu kommen dann noch die Nebeneffekte von Weichmachern auf organisches Material. Der wichtigste Weichmacher für alle PET-Produkte ist Bisphenol-A. Dieser Stoff wurde am Anfang des letzten Jahrhunderts als synthetisches Östrogen entwickelt (worin es äußerst wirksam war) und hat später einen wesentlich ertragreicheren Platz in der Kunststoffindustrie gefunden. Da vieles Plastik ohne Weichmacher brüchig und hart wäre, ist es ein essentieller Bestandteil sämtlicher Produkte aus Plastik um uns. Kein Wunder also, dass Bisphenol-A problemlos in unseren Stoffwechselkreislauf gelangt und dort seine altbekannte Rolle als Östrogenersatz wieder heraus kramt. In Versuchen mit Ratten gelangt man zu den zu erwartenden Erkenntnissen, dass Bisphenol-A den hormonhaushalt der Tiere signifikant stört, die Spermienproduktion von männlichen Tieren massiv einschränkt und oftmals zur Unfruchtbarkeit führt. Bei Menschen gibt es noch keine aussagekräftigen Studien darüber. Auszuschließen ist es natürlich trotzdem nicht.

Was ist das nun alles? Wir sitzen hier in einem Land, dass von Produkten und Stoffen abhängig ist, die voller Umweltverschmutzung, Selbstzerstörung und letztlich auch Blut sind. Ich trinke zwar schon seit einigen Monaten nicht mehr aus Plastikflaschen und bitte die Verkäuferin beim Bäcker mir die Tüten nicht in eine weitere Plastiktüte einzupacken, jedoch beim täglichen Einkauf im Supermarkt lässt sich Plastik schlicht nicht mehr umgehen. Jedes neue Laptop und Handy, dass ich mir in den nächsten Jahren kaufen werde, wird auch noch Rohstoffe aus Konfliktregionen enthalten, weil es schlicht keine Alternativen gibt.

Es bleibt die Hoffnung auf eine steigende Anzahl von Konsumenten, von Menschen mit Kenntnis über die Geschehnisse auf dieser Welt, die zusammen irgendwann in naher Zukunft doch ein mal versuchen, eine nachhaltig produzierende Wirtschaft zu entwickeln, die nicht auf den schwer tragenden Schultern der Dritten Welt existiert. Also schaut euch Dokus darüber an. Lest Artikel. Redet mit Freunden darüber. Lasst die Welt wissen, auf welchem Misthaufen sie eigentlich sitzt. Eine bessere Welt ist möglich!

(Dieser Artikel ist schon vor einiger Zeit entstanden. Aber er ist so wichtig für mich, dass ich ihn hier noch einmal veröffentlichen wollte.

Und hier noch Infomaterial und Quellen für Enthusiasten:

Wer noch mehr in die Richtung weiß oder noch tolle Quellen hinzuzufügen hat kann mir das gerne über die Kommentare zukommen lassen. Falls jemand NGOs und ähnliches kennt, die sich speziell um die behandelten Themen kümmern, schreibe mir das bitte auch unbedingt. Vielen Dank für alles!

Ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion von

dora (Website)

6 Kommentare

  1. 01

    Hier ist noch eine Dokumentation der ZDF-Sendung „zoom“ über die Müllberge, die von kleinen Kindern in Afrika nach Kupfer durchsucht werden. Sehr interessant, wie der Elektroschrott, der hier anfällt, ganz unbehelligt von Behörden in Hamburg auf Schiffe geladen wird und in Afrika abgeladen wird.

    http://www.youtube.com/watch?v=KMZLS19PP2Q&feature=player_embedded

  2. 02
    Sue

    Wie wär’s mit einer Beteiligung an der Bürgerkonsultation der Europäischen Kommission, bei der es darum geht, ob härtere Maßnahmen gegen Plastiktüten und-verpackungen erforderlich sind: http://ec.europa.eu/environment/consultations/plasticbags_en.htm

  3. 03

    @Sue: Schon geschehen! Das sollten auch noch viele andere machen, so dass es als ernstes Problem anerkannt wird.

  4. 04

    Sparen und Alternativen entwickeln….!siehe dazu:
    Endres, H.J.:“Technische Biopolymere“, Hanser Verlag
    Auch die Verpackungsindustrie macht auf dem Gebiet der abbaubaren bzw. nachwachsenden Kunststoffe Fortschritte…

  5. 05

    Es ist einfach unglaublich, unfassbar aber eben brutal real. Und dabei könnte und sollte jeder Einzelne jetzt endlich etwas tun. Einfach beim nächsten Einkauf daran denken und versuchen Plastikprodukte/-verpackungen zu meiden. Und ja, es geht! Es bräuchte viel mehr solcher Artikel. Danke.

  6. 06

    Danke für den Artikel. Er ruft einem mal wieder ins Gedächtnis, was alles noch zu tun ist und worauf man achten muss (wenn man es denn überhaupt schon wusste)!

    Ein Tipp für das nächste Mal (ich könnte mir durchaus mehr solche Posts hier vorstellen): Lass‘ es noch einmal von jemandem gegenlesen. Es sind einige unnötige Kommafehler und „das“-„dass“-Fehler drin, die man schnell hätte ausmerzen können. Ändert natürlich nichts daran, dass der Eintrag insgesamt sehr gut ist! :)

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