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Dieser Artikel ist ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion.

There Goes the Neighborhood!

Wenn ich mit dem Zug fahre, dann versuche ich eigentlich immer, diese Zeit zu nutzen und zu lesen. Häufig sind aber andere Dinge viel interessanter.

Aber auch wenn ich gerade nicht darin lese, kann mir mein Buch dabei behilflich sein, mein Ich von der Welt um mich herum abzukoppeln. Es auf den freigewordenen Sitzplatz zu legen, nachdem man sich erhoben hat, um die Zugtoilette aufzusuchen, reicht meistens völlig aus, um jedem klar zu machen, daß sich hier auf diesem Platz schon jemand häuslich eingerichtet hat. Eine Zeitung ist zu so etwas nur selten in der Lage. Denn eine Zeitung symbolisiert in ihrer Eigenschaft des Abgelegtseins eben auch immer das Entsorgtwordensein, während das Buch nicht so eine Aura des Flüchtigen umgibt. Es ist für die Zeit meiner Abwesenheit eine Inkarnation meiner selbst. Leute werden sagen, wenn sie es sehen: „Oh, da sitzt schon jemand.“ Obwohl ich da eben nicht sitze, sondern nur mein Buch liegt. Aber es indiziert nunmal ganz deutlich: Daß ich dort gesessen habe und vorhabe, das auch weiterhin zu tun. Wir Menschen stecken nunmal unser Gebiet ab, das wir zeitweise als unser eigenes betrachten.

So wie die Menschen unterschiedlich sind, so auch das temporäre Revier, das sie um sich herum errichten. Ein etwas korpulenterer Herr in einem Zweireiher, der sich einmal zu mir setzte, fragte anfangs noch ganz freundlich, ob „hier noch frei ist.“ Ich saß an einem der wenigen Tische des Zuges, die ja, wie wohl besonders unter reiselustigen Elektrogerätebenutzern bekannt, gerade bei Leuten mit tragbaren Computern sehr beliebt sind. Der Zug war nicht sehr voll und ich saß ganz alleine dort, ließ den Tisch einen Tisch sein und benutzte ihn lediglich dazu, mein Buch leicht an seiner Kante abzustützen. Die drei restlichen Plätze an diesem Tisch waren frei. Keine zurückgelassenen Gegenstände egal welcher Beschaffenheit schienen auf die Rückkehr von Platzbesitzern hinzudeuten. Also bedeutete ich wiederum dem um Platz bittenden korpulenten Herrn, daß hier sehr wohl frei sei. Dieser hielt sich darauf nicht mit dem Danken ob der freundlichen Auskunft auf, sondern begann, sich niederzulassen.

Allerdings schien er ein durchaus großes Gebiet zu benötigen, um sich heimisch zu fühlen, denn der Vorgang der Niederlassung beanspruchte ein nicht allzu kleinformatiges Zeitfenster. Ein Sitzplatz mußte seine grüne Markensporttasche tragen, der nächste, genauer gesagt: der Platz neben mir, seine Notebooktasche und seinen Mantel. Auf dem dritten machte er es sich schließlich selbst gemütlich, schnaufend und noch in der neben ihm stehenden Tasche kramend. Er holte heraus: Eine Plastikflasche Wasser, einen Apfel, eine Pappackung voller mit Schokolade überzogener Kekse, zwei oder drei verschiedene Tageszeitungen, ein Buch über Computersoftware, ein Buch über Sudokus, ein analoges Notizbuch, ein elektronisches Notizbuch, einen tragbaren CD-Player, ein Paar Kopfhörer, dessen Kabelende er dann aber nicht in den CD-Player, sondern in die Buchse unter dem Sitz steckte, welche das Bordradio übermittelt. Das andere Ende, die Kopfhörer, steckte er sich durchaus nicht in die Ohren, sondern legte diese auch noch zu dem anderen Kram auf den mir jetzt ziemlich klein vorkommenden Tisch. Dann stand er wieder schnaufend auf und griff über den Tisch hinüber, mich streifend, was ich geflissentlich ignorierte, griff nach seinem Computer, den er unbeholfen den zahlreichen Reißverschlüssen und Klettbändern seiner Ummantelung entriß.

Da mich das Schauspiel faszinierte und mal wieder vom Lesen abhielt, blickte ich ständig von meinem Buch auf, wollte aber nicht zu offensichtlich als Beobachter auftreten, so daß ich häufig durch das Zugfenster in die vorbeifahrende Landschaft zu schauen schien, in Wirklichkeit aber in den Reflexionen der Scheibe den korpulenten Herrn beobachtete: wie dieser seinen Laptop sanft, sehr sanft, auf den übervollen Tisch schob. Wie der Laptop dabei, den Gesetzen der Physik gehorchend, ebenfalls ganz sanft und langsam die vielen Dinge, die sich gerade erst auf dem Tisch niedergelassen hatten, verdrängte, um den freigewordenen Platz mit sich selbst vollzumachen. Wie die verdrängten Dinge sich dabei in chaotischer Verteilung weiter auf dem Tisch ausbreiteten und ich dabei von Glück reden konnte, daß Bahntische am Rand leicht erhöhte Kanten besitzen, welche die Energie der langsam gegen sie andrückenden Dinge umleiteten, statt sie auf meinen Schoß stürzen zu lassen.

Obwohl ich also nicht in direktem Kontakt zum Gemischtwarenladen, der da vor mir ausgebreitet wurde, kam, so schien sich meine persönliche Wohlfühlaura immer mehr in eine Unwohlfühlaura zu verwanden. Ich war umzingelt von ihm. Er und seine dinglichen Manifestationen penetrierten von mehreren Seiten mein kleines Heim, das der Sitzplatz zeitweise gewesen war. Der böse Nachbar hatte das Landstück gegenüber gekauft und eine riesige Protzvilla errichtet, in dessen Schatten ich nun zu leben hatte.

Nun ist der Nachbarschaftsstreit nicht ohne Grund eine der meistgebuchten Attraktionen am Amtsgericht. Es sind die alltäglichen Revierstreitigkeiten, die dann irgendwann mal eskalieren und ich war kurz davor, ebenfalls zu eskalieren, als der Zug an einem Bahnhof hielt und der Herr, der den Tisch auf der anderen Seite des Ganges blockiert gehalten hatte (mit Laptop, Iphone und weiterem Elektrodingens) stieg aus.

Wie von der Tarantel gestochen, sprang der korpulente Herr, dem ich diese Wendigkeit nicht zugetraut hätte, auf, und fing an, sein gesamtes Tischdiorama von diesem Tisch auf jenen Tisch umzuschichten. Er stand im Gang zwischen den Tischen und schaufelte mit seinen großen Händen Ding für Ding auf die andere Seite; es sah aus wie die kleinste Wassereimer-Menschenkette der Welt. Er hatte auch diesen Ausdruck im Gesicht, als rette er da gerade ein brennendes Waisenhaus vor dem Abfackeln. Dabei rettete er nur sein Zeug auf die andere Gangseite. Vor wem eigentlich? dachte ich da plötzlich. Vor mir? Warum? War ich nicht die bedrohte Art gewesen hier auf dieser Seite des Waggons? Interessiert beobachtete ich, wie er sich auf der anderen Seite wieder über die Sitze ausbreitete. Dabei ging er sehr geschickt vor, wie ich fand. Den Mantel hing er an den Haken eines Fensterplatzes, auf den er sich aber nicht setzte. Ein Mantel ist ja ein fast noch besserer Platzmarkierungsindikator, als das ein drapiertes Buch je sein könnte. Dann die restlichen Taschen adjazent zum Mantelfensterplatz und der Platz diagonal gegenüber, da tat er sich dann selber rein.

Reife Leistung dachte ich. Eine Vierersitzkombo inklusive Tisch komplett mit sich selbst und seinen dinglichen Platzhaltern gefüllt. Ich saß da gegenüber auf der anderen Seite des Ganges in meiner alternativen Realität der Einzelplatzbesetzer und kam mir so klein vor. Da drüben, das war ja eine andere Welt geworden, da wurde geklotzt, nicht gekleckert, und er hatte rübergemacht, sobald ihm die Möglichkeit dazu gegeben wurde. Damit er beim Schauen aus seiner Protzvilla eben nicht mehr meine ärmliche Hütte anschauen mußte, in dem Wissen, daß da wo die Hütte steht, er noch mehr Palastanbauten hätte hochziehen können. Dann nahm ich das Buch wieder hoch und las weiter. Doch das interessierte mich plötzlich nicht mehr. Ich hätte lieber Büchner gelesen: „Friede den Hütten. Krieg den Palästen.“, doch der staubte zu Hause vor sich hin.

Ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion von

yeda

1 Kommentar

  1. 01
    Lasse

    Sehr schön geschrieben, danke!

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