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Dieser Artikel ist ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion.

Tracks wie Songs – LV & Joshua Idehen – Ein Bassmusic Review

Der  innovative Sound des Produzenten-Trios aus London ist der beste Beweis dafür, dass musikalische Intelligenz und Kreativität die britische Bassmusic-Szene vor der kulturellen Stagnation bewahren kann.

Mit Routes haben LV endlich ihr erstes Album auf dem nicht weniger innovativen Londoner Label Keysound Recordings veröffentlicht. KR ist das hochwertige Label des einflussreichen Wortverbreiters der Dubstep-Szene: Martin Clark aka Blackdown.

Angenommen, unsere Wiederkäu-Feuilletons würden sich mit relevanter Kultur beschäftigen und dieses Werk  besprechen. In den Überschriften würde stehen: „Das erfrischendste Album des Sommers 2011“. Das wäre natürlich radikal verkürzt.

Routes steht nicht umsonst im Plural. Denn die einzelnen Tracks funktionieren perfekt als akustische Stadtführung durch die poly-kulturellen Straßen Londons, die immer wieder neue Kreuzungen einschlagen. Während man auf dem bequemen Sessel elektronischer Tanzmusik sitzt, lässt einen die Route immer wieder in die kleinen Seitengassen blicken, in denen die Einflüsse gedeihen:   Dub, 2step, südafrikanischer Kwaito, Soca, Garage und vor allem: Funk. Letzterer ist eher subtil in den vielen Synkopen und rhythmisch-instrumentalen Verzierungen versteckt. „Echte“ Slap-Bass -Sounds oder einzelne rhythmische Wortfetzen erzeugen den Eindruck, als hätte sich der Funk-Geist von James Brown in den digitalen Mischpulten der Londoner Home-Studios eingenistet. Gedämpfte Dancehall-Sirenen wie in „Melt“ deuten dabei andere kulturelle Wurzeln nur subtil an. Überraschend sind dabei auch die Wendungen innerhalb der Tracks. In „Tough“ wird die funkige Leere des Tracks unerwartet von einer warmen Synthesizer-Melodie ergänzt und bekommt plötzlich eine melancholische Euphorie, die man sonst nur von Burial kannte.

Vor allem aber unterscheidet sich LV in zwei Aspekten von vielen anderen Künstlern im Rauch-geschwängerten Dunstkreis der Dubstep-Szene: Humor und Entspanntheit. Plötzliche Pausen, in denen man Gelächter hört,  sind genauso präsent wie die vielen Wortfetzen des Spoken Word Poeten Joshua Idehen. Dazwischen schieben sich  innovative Rhythmen, gebrochene Beats, verlorene Synthie-Stabs, Kochtopf-Percussions, unaufdringliche Sub-Bässe und  immer wieder die kurzen assoziativen Gedichte Idehens von den Straßen Londons. Routes ist ein gelungenes Kaleidoskop der künstlerischen Vielfalt einer Weltmetropole, die sich auch heute noch von den hybriden Identitäten postkolonialer Migration ernährt.  Musik als ein Spiegel unserer hybriden Gesellschaft, der starre nationale Zugehörigkeiten auflösen kann.

Text: Phire

L.V. & Joshua Idehen – Past Tense

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