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Dieser Artikel ist ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion.

Warum du um 8:28 einen Beitrag für Spreeblick schreibst

Wir kennen uns noch nicht. Ich gehe jedenfalls davon aus. Da ich mich zum ersten Mal mit Spreeblick auseinandersetze. Wobei, ich kann mich dunkel erinnern, schon mal einen Kommentar verfasst zu haben. Aber mehr war nicht. Gut. Kommen wir zum Punkt. Es geht darum, warum ich am frühen Morgen einen Beitrag hier schreibe. Habe ich etwas Wichtiges zu sagen? Bin ich überhaupt jemand, der Wichtiges zu sagen hätte? Haha. Wir sind im Internetz. Jeder darf sagen, was er will. Das ist gut. Das ist schlecht. Gut für mich, weil ich mir nun Vieles von der Seele schreiben kann, schlecht für dich, weil du dich jetzt fragst, was ich hier verdammt noch mal zu suchen habe und warum ich dir deine Zeit stehle. Ja, gute Frage. Wirklich.

Ich bin schon viel herumgekommen, in den virtuellen Welten und habe allerlei soziale Netzwerke ausprobiert. Mein eingehender Erfahrungsbericht liegt erst ein paar Tage zurück und wurde unter dem klingenden Titel auf meinem Blog veröffentlicht: Über Trotteln und Trantüten oder Warum dich Facebook depressiv macht und Google+ dich befreit. (link) Wer keine Zeit hat, diesen langen Beitrag zu lesen, und wer hat heutzutage überhaupt noch Zeit?, dem kann geholfen werden, in dem er oder sie oder es einfach weiterliest. Das kostet zwar auch Zeit, aber ich hoffe, weniger.

Bevor ich ins Detail gehe, muss ich mich vorstellen. Ich heiße Richard K . Breuer und bin ein Wiener Autor und Schriftsteller. Wenn Sie jetzt mit der Achsel zucken und murmeln Wer?, dann ist es nur ein weiterer Beweis, dass man auch durch soziale Medien seinen (geringen) Bekanntheitsgrad kaum über den allseits bekannten Tellerrand steigern kann. Gestern ist es mir wieder aufgefallen, worin das soziale Netz krankt und Kopfweh verursacht. Bei mir jedenfalls. Also, ich habe ein „privates“ Facebook-Profil mit genau 700 „Freunden“. Die Anführungsstriche („“) sind von zentraler Bedeutung. Ich habe nämlich kein privates Facebook-Profil, genausowenig wie ich 700 wirkliche Freunde habe. Gut, das liegt freilich auf der Hand, wir wissen, dass gerade diese kreativ selbstständige Meute (Autoren, Musiker, Designer, Fotografen, Texter, Grafiker, Schauspieler, Regisseure, Maler, Künstler usw. und so fort) und der nervig kreative Haufen (SEO-Typen, Manager, Werbeleute, PR-Sippe usw. und so fort) alles tun, um Aufmerksamkeit und Klicks zu generieren. Wer sich ein wenig im Netz tummelt, merkt bald, dass es wie auf einem Markt zugeht. Jeder preist sich an. Jeder drängt sich in den Vordergrund. Der eine laut, der andere leise. Aber es geht nun mal darum, wahrgenommen zu werden. Vermutlich nicht anders wie im echten Leben. Echtes Leben? Ach ja. Das gibt es auch noch. Man hört davon.

Vermutlich wissen Sie, worauf ich hinaus will, oder? Viel eher stellen Sie sich jetzt die Frage, warum ich Sie plötzlich sieze, während ich Sie noch im ersten Absatz gedutzt habe. Gute Frage. Sagen wir, dieses Sie ist irgendwie ernsthafter und distanzierter. Auch wenn wir hier auf Spreeblick vermutlich eine lockere Gemeinschaft von jungen Leuten sind. Hm. Eigentlich ist ja das ganze Netz eine Anhäufung von jungen und lockeren Leuten. Angeblich.

Kommen wir nun wieder zurück. Zu meiner gestrigen Eingebung. Also, ich habe ein „privates“ Facebook-Profil mit 700 „Freunden“. Gut. Seit rund einer Woche habe ich auch für mich eine Fan-Page (Seite) angelegt, auf der sich gerade mal 55 „Fans“ tummeln. Der Versuch, „Freunde“ auf zuvorkommende Weise auf die Seite zu locken, kann als mühsam und schwierig bezeichnet werden und ist sicherlich ne Untertreibung. Ich will jetzt nicht zu sehr in die Details gehen, aber Facebook hat es gut verstanden, unbekannte Kreative auch unbekannt bleiben zu lassen. Nur Marken und berühmte Persönlichkeiten sind im Kopf der Leutchen und deshalb klicken diese Leutchen auf alles, was sie kennen und schätzen oder anhimmeln. Damit ist auch schon gesagt, dass man mich weder kennt, vermutlich nicht sonderlich schätzt und natürlich nicht anhimmelt. Mit anderen Worten: das soziale Netz spiegelt nur die reale Welt wider. Das getraut sich freilich keiner sagen, der etwas zu sagen hätte. Weil es darum geht, die Illusion aufrechtzuerhalten. Die Leutchen sollen glauben, dass durch das Web und das soziale Netz eine Gleichheit und Freiheit und Brüderlichkeit entstanden ist. Wem das jetzt bekannt vorkommt, der hat im Geschichtsunterricht gut aufgepasst.

Die soziale Revolution im Netz hat (noch?) nicht stattgefunden. Der Kommerz-Gedanke (Was bringt es mir?) nimmt stetig zu. Das Prostituieren ist allgegenwärtig. Keiner weiß, ob man dir nicht etwas verkaufen will. Nehmen wir diesen Beitrag. Ist er geschrieben, um einen kritischen Blick auf die soziale Komponente des Webs zu machen? Oder doch nur, um mich in den Vordergrund zu spielen und Ihnen – hübsch dezent, also unterschwellig – meine Bücher unter die Nase zu halten? Und falls Sie diesen Beitrag kommentieren und dabei auf ihre Webseite verweisen, ist es, weil Sie etwas zu sagen haben, oder doch nur, um andere auf Ihre Webseite zu lotsen? Und möchte die Mannen von Spreeblick nicht durch die von den Lesern geschriebenen Beiträge neue Leser anziehen? Immerhin werde ich in meinem Blog und in meinen Medien-Kanälen einen Link auf diesen Beitrag setzen. Also, warum schreibe ich diesen Beitrag? Und warum wird er hier veröffentlicht?

Ja, je länger ich mich im sozialen Gefüge aufhalte, umso mehr wird mir die Schieflage des Systems klar. Es erinnert an myspace. Gestern habe ich wieder einmal einen Blick auf mein Profil geworfen, das ich sicherlich schon seit gefühlten Jahren nicht mehr gesehen habe. Als ich mir damals im weltweit größten Netzwerk der Welt ein Profil erstellte, war es mit dem Gefühl verbunden, ich würde jetzt zu einer großen Gemeinschaft gehören. Jeder würde mit jedem wollen. Gut, zugegeben, die Suchfunktion (Alter, Single, Geschlecht – mit kleinem Foto) lud einem förmlich ein, nach attraktiven Menschen Ausschau zu halten. Kein Wunder, dass viele User Allergisch auf Anfragen des anderen Geschlechts reagierten und man(n) sich alsbald schäbig und letztklassig vorkam, wenn man doch nur ins nette Gespräch kommen wollte. Naja. Damals war myspace der Wilde Westen der sozialen Netzwerke. Alles war erlaubt, bis es verboten wurde. Seien wir ehrlich, die jungen Leutchen waren damit allesamt überfordert. Ja, man bemerkte bald, dass ein System mit Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit eine Menge an Spamern und Möchtegern-Celebritys und nervigen Idioten anzog wie Motten das Licht (sic!). Deshalb scheiterte am Ende myspace. Ruhe es in Frieden.

Facebook ging genau in die andere Richtung. Starr und steif präsentiert es sich. Während myspace den Wilden Westen repräsentierte, ist es bei Facebook das machiavellische  Italien der Renaissance, wo keiner dem anderen über den Weg traut und man sich Tricks und Kniffe überlegt, andere in seinen „Machtbereich“ zu locken. Und Google+? Ist die USA, nach dem sie sich von der Englischen Krone befreit und die Konstitution eingeführt haben. Die Siedler und Bürger wissen, worum es geht, sie sind Fremden gegenüber interessiert und aufgeschlossen. Ja, man spürt eine Aufbruchstimmung. Es wird ernsthaft diskutiert, wichtige Themen verhandelt. Klingt puritanisch. Ist es vielleicht auch. Diaspora*? Ist eine Insel, bevölkert von allerlei interessanten Menschen, die sich Gedanken machen und die Welt zum Guten ändern wollen – was durchaus nicht ungefährlich ist.

So! Jetzt ist bald eine Stunde um. Ich denke, ich sollte zu einem Ende kommen und die Frage im Titel beantworten. Damit würde ich einen Kreis schließen. Und das ist ein gutes Zeichen. Wirklich. Also, warum habe ich um 8:28 einen Beitrag für Spreeblick geschrieben?

Weil ich es kann!

 

Ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion von

dschun (Website) (Twitter)

11 Kommentare

  1. 01
    christoph

    WTF. Wie schlecht.
    Open-Spreeblick missfällt mir. Ihr „erlaubt“ Autoren kostenlos für euch zu arbeiten; so unterm Strich. Oder sehe ich das falsch? Ich lass mich gerne berichtigen.

  2. 02

    @ Christoph: Wie heißt es so schön: es gehören immer zwei dazu. Deshalb rate ich primär dazu, dass jeder seinen eigenen Blog unterhält und nur hie und da in anderen Blogs/Zeitungen umsonst schreibt. Wie das Beispiel der Huffington Post zeigt, sollte man schon vorsichtig sein, wo man seinen Content hinstellt. Darüber habe ich hier meinen Senf abgelassen:

    http://1668cc.wordpress.com/2011/07/11/14-juli-2011-diaspora-treffen/

  3. 03

    Also meine Aufmerksamkeit hast du mit dem Beitrag jedenfalls geweckt :D und das soll in dem Wust an Medienrauschen etwas heissen ^

    mfg Dirk

  4. 04

    @Dirk: Also, ich schau mir die Leutchen an, die mir Honig ums Maul schmieren ;-) Deshalb hab ich auf deinen Blog geklickt, den Beitrag von Diablo 3 überflogen, und weil er mir gefallen hat (Diablo 2 Junkie) auch schon geflattert. Und auf Twitter sind wir jetzt ja verknüpft. So macht man das. Vorausgesetzt, es treffen sich die richtigen Leutchen.

  5. 05
    christoph

    Und du meinst echt, dass irgendjemand jetzt Bücher von dir kauft, oder dich für ’nen Artikel bezahlt? Weil du bei Open-Spreeblick geschrieben hast? Alter.
    Das hier ist doch (und wie gesagt, ich bin für jede Berichtigung/Diskussion offen und bin jetzt schon bereit zu sagen, dass Johnny definitiv nicht Hitler ist) das Äquivalent zu nem unbezahlten Praktikum, welche angeblich so prima für den Lebenslauf sind.
    Praktikanten aller Länder, vereinigt euch!
    Und – um bei Marc-Uwe Kling zu bleiben -, dass einzige Praktikum, das jemals wichtig für den Lebenslauf war, war das von Andreas Baader bei der BILD.

  6. 06

    @Christoph: Häh? Ist „Alter“ ein Berliner Ausdruck für eine freundliche Anrede? Open Spreeblick ist kein Praktikum, bitte, das ist einfach ein Blog. Und da kannst du schreiben, was dir im Hirn herumspu(c)kt. Bevor ich zu diskutieren anfange, müsste ich nur wissen, wie das hier mit Trollen gehandhabt wird. Wie gesagt, ich komm ja nicht von der Spree, nur von der Donau.

  7. 07
    christoph

    „Alter.“ Bedeutet in diesem Fall so viel wie „Dude“ im Englischen. Da wo ich her komme sagt man wahlweise auch „Digger“ oder „Min Jung“. Ist also nicht despektierlich gemeint.
    Und trollen möchte ich auch nicht. Mir kommt es nur so vor, als wäre Spreeblick zu mittellos/geizig um wirklich guten Autoren Geld zu bezahlen (Wenn es denn wenigstens ein MacBook zu gewinnen gäbe!) und deswegen hier einen auf BILD-Leser-Reporter macht. Arbeit (und gerade du als professioneller Schreiber wirst mir jawohl zustimmen, dass Schreiben Arbeit ist) die nur der Selbstpromotion, aber nicht des Geldes wegen geschieht, ist für mich ein Praktikum. Ich will doch „nur“ jemanden wie Fred oder Malte hier wieder haben.
    Richtig harte Trolle werden hier übrigens entvokalisiert – wenn mir das passiert, weiß ich, dass ich es übertrieben habe.

  8. 08
  9. 09

    @Christoph: „Ent-vokalisiert“? Was hat es damit auf sich? Ich glaub, ich werd alt.

    Du hast natürlich recht, dass es mittellos/geizig ist, vom Spreeblick nichts springen zu lassen, als Ruhm und Ehre. Und ja, Schreiben artet manchmal in Arbeit aus. Aber genauso, wie du ja keine Kohle bekommst, mir das zu sagen, bekomme ich keine, um es zu bestätigen. Irgendwie ist das ganze Web, vermutlich die ganze Schreiberei, durchzogen von prekärer Brotlosigkeit. Ich schätze, früher oder später werden namhafte Blogs Geld kassieren, dafür, dass du einen Beitrag bei ihnen schreiben kannst. Ist das absurd? Leute füllen auch einen Lottoschein aus und sind bereit, etwas dafür zu zahlen. Mit dieser bekannten Masche „du kannst reich/berühmt werden“ werden immer nur die Leute reich, die diese Masche geknüpft haben. So funktioniert das Spielchen, Digger (hab ich das Wort jetzt richtig gebraucht?).

    Aber keine Sorge, das System frisst sich sowieso alsbald auf. Aber das ist dann wohl ein ganz anderes Thema.

  10. 10

    @dschun:
    Aha

    Das System frisst seine Kinder.
    Keine neue Erkenntnis.

    Einige (ehemalige) A+-Blogger
    verdingen sich mittlerweile als
    freie Autoren.
    Offenbar war auch deren Latein
    am ende, als es um die eigene
    Finanzierung ging,

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