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Ich war dann doch noch auf der IFA

3d
3D: Flachschichtenfernsehen.

Für uns Westberliner Steppkes war die „Internationale Funkausstellung“ früher™ Pflicht, mindestens an einem Tag nach der Schule musste man die Fahrt zum Messegelände antreten, um in erster Linie teure Technik anzugrapschen, tütenweise Kataloge und Aufkleber mit nach Hause zu schleppen und mit etwas Glück einen Halbprominenten aus nur zehn Metern Entfernung zu sehen. Was eine Messe außerhalb einer Kirche zu suchen hat und warum man etwas ausstellt, das man nicht sehen kann, war uns zwar unklar, aber Hey! Kataloge! Aufkleber!

Als Erwachsener legte sich die Lust auf noch mehr Papiermüll dann merklich, doch nun, nach jahrelanger IFA-Abstinenz, habe ich einen Heranwachsenden zuhause, der mich plötzlich fragte: „Gehst du mit mir zur IFA?“ Und natürlich antwortete ich: „Au ja! Lass uns tütenweise Kataloge und Aufkleber holen und teure Technik angrapschen! Und vielleicht sehen wir jemanden, den ich nicht kenne, weil ich nicht mehr fernsehe!“ So macht man sich als Vater beliebt.

Die Kurzversion für die Generation tl;dr vorweg: Es war gar nicht so schlimm, wie ich zuvor befürchtet hatte; der Fernseher der Zukunft sieht aus wie der aktuelle, nur größer; 3D-TV ist Unfug; es gab kaum Obst, weil Apple dagegen geklagt hat und auf allen Tablet-Computern, die es in jeder Größe gibt, ist Android drauf, weshalb sich die Promoterinnen bei den Windows-Mobile-Geräten sehr freuten, wenn überhaupt mal jemand kurz stehen blieb.

Für IFA-Promoterinnen gilt insgesamt natürlich immer noch: Je hässlicher die zu bewerbenden Produkte, desto kürzer die Röcke der Studentinnen. Auf einer Messe zu arbeiten ist sowieso kein Job, um den ich jemanden beneide, wenn ich mir dann aber noch vorstelle, wie ein Schmierlappen vom Vorstand den angeheuerten Promoterinnen Messe-Kostüme präsentiert, die Gina Wild schon 1984 als zu billig aussortiert hätte, dann wird mir ein bisschen schlecht.

Fairerweise muss man sagen, dass die meisten größeren Marken sich, ihre Produkte und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jedoch relativ stilvoll auf der IFA präsentierten, und dass sich Panasonic anscheinend in der Messe vertan hat und versehentlich dachte, man sei zur VENUS angereist, sei verziehen. Schließlich drängten sich genügend männliche Handy-Fotografen um die beiden Beach-Volleyball-Spielerinnen, die sich äußerst sparsam bekleidet immer wieder in den Sand werfen mussten. Wir Männer sind so unglaublich simpel.

Weshalb Panasonic dann wohl aber auch als eines der wenigen Unternehmen verstanden hat, wie man 3D-Fernseher und -Videokameras an den Mann bringt: Indem man „Amateurvideos“ von Strandausflügen zeigt, in denen junge Frauen in knappen Bikinis immer wieder lachend in Richtung Objektiv rennen. Wozu sie natürlich erst einmal vom Strandhandtuch aufstehen müssen, was sie natürlich mit dem Hintern voran tun, was natürlich der Kameramann… well, you get the picture.

Das dreidimensionale Interesse meines Sohns richtete sich zwar auf andere Bilder, sein Fazit hätte jedoch kaum treffender sein können: „Das sieht nicht cool aus“, fand er, „sondern wie mehrere flache Schichten hintereinander“. Und da hat er Recht. Trotzdem gab es auch Verkäufer von Designer-3D-Brillen, denen ich an dieser Stelle ein wohl gemeintes „Don’t quit your other job!“ zurufen möchte.

Mich interessieren aber 3D-Fernseher schon seit 1974 sowieso nicht, iKram-Zubehör und anderes mobiles Gadget-Zeugs hingegen sehr, weshalb ich ganz froh war, bei unserem eher vom Sohn gesteuerten Lauf durch die Hallen einiges nach meinem Geschmack zu finden. An einem Mini-Stand japanischer Hersteller fielen mir zum Beispiel gleich drei Dinge auf:

Erstens die äußerst freundlichen und hilfsbereiten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht wie ihre deutschen Kollegen an vielen kleineren Ständen den Blick nur von ihrer Kaffeetasse erhoben, um zu beobachten, ob man auch nichts klaut; zweitens mit dem nicht so super glücklich benannten „Fingerist“ eines der wohl albernsten iPhone-Gadgets überhaupt; und drittens ein paar wirklich schöne iPad-Hüllen von der schon etwas klüger benannten Firma simplism.

Und kurz vor dem Absprung in Richtung Android noch etwas für iPad-Besitzer: Ziemlich cool fand ich die von Sanho vertriebenen Festplatten (-Gehäuse) mit zwei USB-Anschlüssen, einem „normalen“ nämlich, und einem zweiten, der mittels Apples Camera Connection Kit auch am iPad als Massenspeicher funktioniert. Der gewitzte Verkäufer wollte mir dann auch gleich einen Messe-Restposten für einen super Preis andrehen, aber ich war noch gewitzter und lehnte dankend ab.

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Karneval in Berlin: Jetzt schon vier Unterstützer!

Während sich mein Sohn durch seine Fähigkeiten in Sachen DJ Hero und Autorennen um Umhängetaschen und anderen Tinnef bereicherte, lungerte ich in der Samsung-Halle herum und versuchte herauszufinden, nach welchem System die Firma ihre Galaxy-Modelle benennt und warum eines davon Wave heißt und welche Android-Version auf welchem Modell läuft und ob ich nun gerade ein großes Handy, ein kleines Tablet oder gar ein Mobile Internet Device in der Hand halte. Das wusste aber niemand wirklich und so landete ich wieder in meiner Jugend und begrapschte einfach alles.

Ich finde dabei die verschiedenen Display-Größen und Modellversionen der Geräte gar nicht schlecht, wüsste aber nicht, welches davon ich mir nun zulegen sollte. Und so befürchte ich bei Samsung immer ein wenig den Weg von Asus, die noch vor wenigen Jahren den Netbook-Hype gestartet hatten, um sich nun unter einem Modell- und Namenswirrwarr zwischen „Asus Automobili Lamborghini Eee PC VX6“, „EeeBox PCEB1501“ und „Eee Pad Slider Transformer“ zu begraben. Mich macht das ein bisschen betroffen, fast so sehr wie die Hallen, in denen langweilig aussehende Menschen langweilig aussehende PC-Lüfter betrachten.

Doch zurück zu Android, das wird nämlich endlich „snappy“. Auf einem Motorola Xoom (in der vergleichsweise überraschend zurückgehaltenen und ruhigen Telekom-Halle) lief die neueste Android-Version „Honeycomb“ (logisch) und diese fühlt sich um Längen besser an als die vorhergehenden Generationen, nämlich genauso flüssig und reaktionsschnell wie ein iOS. Zudem mag ich die bei einigen Android-Tablets verfügbaren „mittelgroßen“ Screens, die Geräte sind kleiner, leichter und noch besser zu verstauen als ein iPad, aber größer als ein iPhone. Das reizt mein Gadget-Herz.

„Mit Android und ihrem Google-Account haben sie immer und überall Zugriff auf ihre Daten“, warb irgendein Stand und da hat er wohl Recht.

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Sohn gewinnt. Im Hintergund: LSD-Werbung.

Zum Abschluss: Es war nicht besonders voll, die Besucher daher recht entspannt und nicht so eklig, wie man es sonst gerne mal auf Messen erlebt, vor allem aber fiel mir die Kompetenz derjenigen Stand-Betreuerinnen und -Betreuer auf, mit denen ich geredet habe. Ich war ja nicht als Blogger oder im Presse-Auftrag vor Ort, sondern als regulärer Besucher und finde es schon bemerkenswert, dass sich einige Leute unaufgeregte Zeit nahmen, um über den ganzen Mobilkrams, die verschiedensten Android-Versionen und die Vor- und Nachteilen zu Apples Hard- und Software zu plaudern. Besonders bei den größeren Unternehmen war das mehrfach der Fall und da ich mir vorgenommen habe, nicht immer nur zu meckern, soll es hier erwähnt sein. Die Würstchen-Verkäuferin und der Mann am Kaffee-Stand waren auch sehr nett. Und die Ticketverkäuferin auch. Und der Busfahrer.

Als krönender Abschluss war Rolf Eden dann auch noch da und vervollständigte mein IFA-Erlebnis, denn zur Belohnung, dass ich ihn erkannt habe, habe ich ein PC-Spiel bekommen. Wert laut Aufkleber: € 6,99. Da fühlt man sich doch gleich wieder ein Stückchen jünger.

23 Kommentare

  1. 01
    Critch

    wieder ein klasse Bericht… hätten trotzdem ein paar mehr Fotos sein können ;)

  2. 02
    Stephan (Der Echte)

    Ja, Berliner Busfahrer muss ich auch loben. Die warten tatsächlich, wenn man von der anderen Straßenseite angehetzt kommt und noch Salom um den fließenden Verkehr laufen muss.
    Sogar eine Haltestelle zu spät aussteigen darf man: Zurückkehrend, als Einrück-Fahrt, hat mich der Busfahrer trotzdem noch mit zurück genommen. Kannste hier in Dresden vergessen, sowas.
    Großes Lob & Danke an die Berliner Busfahrer.

    Um noch was on topic zu fragen: Mit was hat denn die IFA bei den Herren Söhnen zu punkten gewusst? Das Fernsehen flach ist und eher in (Unter-) Schichten statt findet, haben sie ja schon bemerkt.

  3. 03
    Tobias

    Solltest deinem Sohn sagen, dass man Fingerringe (die man als Mann eh nicht trägt), wenn man sie schon tragen muss (extern bedingt und ein Zeichen von Schwäche), auf keinen, wirklich auf keinen Fall, am Daumen trägt.

  4. 04
    berlinerbaer

    Genau! Sag deinem Sohn er darf seiner Individualität keinen wie auch immer gearteten Ausdruck verleihen. Weil man dann negativ auffällt und von Menschen wie Tobias abgeurteilt wird.

  5. 05
    Jan

    @Tobias: „Fingerringe (die man als Mann eh nicht trägt)“

    Tut mir leid, aber diese Einschätzung ist falsch.

  6. 06
    Ringo Starr

    @Tobias: Was is los?

  7. 07

    @Stephan (Der Echte): Ich glaube, ihn fasziniert das große Ganze (mich doch auch, sonst würden wir ja nicht alle dauernd auf unsere Kleinstcomputer starren…). Und natürlich alles, was im Spiel mündet. :)

    @Tobias: Oha. Und schon bereue ich es, ein privates Foto veröffentlicht zu haben, obwohl in erster Linie nur die Hand meines Sohns zu sehen ist. Kommt sicher nicht wieder vor. Wieso sollte ich ihm solchen Unfug erzählen? Wenn er das toll findet und ich keinen dringend abzuwendenden Schaden erkennen kann, dann trägt der natürlich so viele Ringe und wo er will.

    @berlinerbaer: Danke. :)

    [Edit/Hinweis: Ich habe das Bild noch einmal neu beschnitten, damit nicht auch die im Ansatz zu sehende Nase des Kindes diskutiert werden kann. Den Kommentar lasse ich nur aus dokumentarischen Gründen drin.]

  8. 08

    @Johnny Haeusler:
    Lieber J.H. danke dir für die Berichterstattung.

    Tiefkühltruhen und Rolf Eden
    sind gar nicht so weit voneinander weg wie man denkt.

  9. 09

    Toller Bericht – war eine tolle Abendlektüre – auf meinem IPad :-)

  10. 10
    Lenny

    Das ist ja witzig… ich vermute das Spiel für 6.99€ wird wohl „Worldshift“ gewesen sein. Und es war Rolf Eden!, ich kam einfach nicht auf den Namen… ahja stand übrigens hinter einer der Ausgabetische von besagtem „Weltherrschaft“ verschenkendem Stand, falls du den Begriff das ein oder andere Mal gehört hast, während du dort in der Nähe warst… falls nicht, danke für die Eden Aufklärung.

  11. 11
    Stephan (Der Echte)

    Wegen den Tobiasen (Tobien?) unter den Kommentatoren verlink ich mein Blog nie in den Kommentaren größerer Blogs. Aber: Lass Dir das Privatbloggen NICHT vermiesen, Johnny.

    Ich drück mich derzeit ja davor, mich von Geräten faszinieren zu lassen. Zugegebener Maßen geschieht das aus rein wirtschaftlichen Erwägungen. Mit der Kohle hab ich gerade andere Pläne. Wahrscheinlich ginge ich auf die IFA und müsste danach meinen moralisch verschlissenen eee ersetzen. Aber rein objektiv kann der ja alles, was ein Adroid-Dingens kann. Sieht halt nur ranziger aus und Linux ist störischer.

    @Tobias: Wer die Fähigkeit zum intimen Leben Miteinander und dessen Zeichen nach außen für eine Schwäche hält, der tut mir sehr leid. Ich wünsche Dir gute Besserung.

  12. 12
    Stephan (Der Echte)

    Wegen den Tobiasen (Tobien?) unter den Kommentatoren verlink ich mein Blog nie in den Kommentaren größerer Blogs. Aber: Lass Dir das Privatbloggen NICHT vermiesen, Johnny.

    Ich drück mich derzeit ja davor, mich von Geräten faszinieren zu lassen. Zugegebener Maßen geschieht das aus rein wirtschaftlichen Erwägungen. Mit der Kohle hab ich gerade andere Pläne. Wahrscheinlich ginge ich auf die IFA und müsste danach meinen moralisch verschlissenen eee ersetzen. Aber rein objektiv kann der ja alles, was ein Adroid-Dingens kann. Sieht halt nur ranziger aus und Linux ist störischer.

    @Tobias: Wer die Fähigkeit zum intimen Leben Miteinander und dessen Zeichen nach außen für eine Schwäche hält, der tut mir sehr leid. Ich wünsche Dir gute Besserung.

  13. 13
  14. 14
    christoph

    Offensichtlich ist das nicht Johnnys Sohn, sondern ein Bild von Johnny selbst auf der IFA vor 30 Jahren. Das ist die einzige logische Erklärung für die Armbanduhr. Die ‚Jugend von Heute‘ weiß doch gar nicht, was das ist! Ha!

  15. 15
    Timo

    interessanter Bericht, weiter so.
    PS: ich bin der das „Dell Schild“ hält unter dem Bild „karnevel in berlin“ SUPER! :P
    wenn es geht, kannst ja die pics mir zu schicken, danke ;)
    lg timo

  16. 16

    Schöner Bericht für nicht-Dagewesene. Rolf Eden, my ass …

  17. 17
    JST

    Lieber Johnny, danke für diesen Text. Ich wünschte, du wärest auch beim Deutschpoeten-Konzert gewesen. Da hätte mich der anschließende Text sehr interessiert.

  18. 18
    Lunaday

    Na ja, Rolf Eden zu erkennen ist ja nicht so ne grosse Leistung. Zumahl ihr ja alte „Schauspielkollegen“ seid … falls Du Dich erinnerst ;-)

  19. 19

    Fast (zum Glück aber nur fast) überlesen, weil einfach zu grandios:
    „Im Hintergrund: LSD-Werbung.“

  20. 20

    „ … wie ein Schmierlappen vom Vorstand den angeheuerten Promoterinnen Messe-Kostüme präsentiert, die Gina Wild schon 1984 als zu billig aussortiert hätte, …”

    Groß! Danke. ;-)

  21. 21
    flubutjan

    Zur Männersimplizität: Zwischen Personen und technischen Geräten bestehen signifikante Unterschiede, auch wenn von beiden Schlüsselreize ausgehen können. Ich weiß nicht genau, was ich damit sagen will. Bei den Geräten jedenfalls ist der Objektstatus wesentlich unproblematischer.

    Sehr lustig: „Es gab kaum Obst, weil Apple dagegen geklagt hat“.

  22. 22

    Die Würstchen-Verkäuferin habe ich auch getroffen. Sie war wirklich sehr nett. ;)

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