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Nachlese: Berlin Festival 2011

tempelhof

Auf den ersten Blick mag der 11. September unpassend erscheinen für einen Rückblick auf ein Pop-Festival – auf den zweiten nicht. Anstelle von Furcht, Terror und Politik sowie deren Analysen und Theorien, die ihr heute an vielen anderen Stellen lesen könnt, gibt es bei uns – zum Ausgleich, sozusagen – die Zelebration des friedlichen Miteinanders und der großartigsten Sache, die die Menschheit hervorgebracht hat: Musik.

Im vergangenen Jahr musste das Berlin Festival abgebrochen werden. Vielleicht noch unter dem Schock der Duisburger Loveparade-Katastrophe beschlossen die Veranstalter im September 2010, den Event wegen zu großem Ansturm auf die Einlassschleuse zu einer der Hallen abzubrechen. Eine korrekte Entscheidung, die auch für das diesjährige Festival Konsequenzen hatte, und zwar gute: Es gab einfach keine Schleusen mehr, denn es gab keine abgeschlossenen Hallen.

Drei große Bühnen fanden sich 2011 verteilt unter den Hangars des ehemaligen Tempelhofer Flughafens, komplette Offenheit zum Flugfeld hin sorgte dafür, dass gefährliche Engpässe quasi unmöglich waren. Sicher ein Albtraum für die Soundmischer der Main Stage, bei der man mit einem Flugzeughallen-Dach sowie einer geschlossenen und einer offenen Seite klar kommen musste (die beiden anderen Bühnen standen mit dem „Rücken“ zur Halle), ein Segen jedoch für die Besucherinnen und Besucher.

Zwischen den weiträumig getrennten Bühnen: Ein paar Sponsoren-, Getränke- und Essensstände, wenige T-Shirt- und Rauchwaren-Verkäufer, eine kleine mobile Diskothek, jede Menge Künstler, die sich an Leinwänden austobten (dazu in einem anderen Posting mehr) und eine Autoscooter-Bude, die zwar bei Tageslicht kaum frequentiert war, nach einigen Bieren und Einsetzen der Dunkelheit aber umso mehr.

Und ganz besonders hübsch: Die „Silent Disco“, ein umzäuntes Areal, in dem für Außenstehende unhörbare Musik aufgelegt wurde, zu der sich rund 200 Menschen fast lautlos bewegten – allesamt trugen sie drahtlose Kopfhörer als Verbindung zu den DJs und ein glückliches Grinsen auf den Gesichtern. Ein spaßiger und schön alberner Effekt, der besonders dann wundervoll zum Tragen kam, wenn die Kopfhörenden den gerade laufenden Song mitsangen. Wie im Fall von Oasis‘ Wonderwall, den Videomitschnitt davon gibt es hier.

Aber natürlich haben auch jede Menge hörbare Bands gespielt. Wir waren am Freitag rechtzeitig zu The Drums eingetroffen, eine Kapelle, deren verklemmte Bühnenpräsenz mir körperliche Schmerzen bereitet, die viertelfertigen Songs machen’s nicht besser. Ein paar tausend Menschen empfanden das anders und feierten die Jungs, für mich war das aber nichts und ich ärgerte mich dann doch, dafür Health verpasst zu haben.

Als nächstes standen dann für uns die Battles auf dem Programm, für die der Name „Drums“ viel passender wäre, denn was der Schlagzeuger der Battles an Präzision zusammendrischt, ist verdammt beeindruckend. Das sehr tighte Set konnte jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass mir bei den Battles die Songs und die Seele fehlen. „Die machen Filmmusik“, attestierte Tanja korrekt und das ist zwar nichts schlechtes, aber da geht noch mehr.

Parallel gab es noch zwei weitere Acts zu begutachten: Sowohl Hercules & Love Affair als auch Clap Your Hands Say Yeah spielten saubere Sets vor begeisterten Menschen, doch auch diese beiden Bands konnten mich nicht zu mehr als Mitwippen bewegen. Vielleicht habe ich inzwischen einfach zu viele Konzerte gesehen und gehört, insgesamt vermisse ich bei vielen aktuellen Bands einfach den Drive nach vorne, an den Bühnenrand, den Rotz, die Dringlichkeit.

All dies erhoffte ich mir von den alten Helden Primal Scream, die sich noch mal aufgerafft haben und mit ihrem Klassiker-Album Screamadelica unterwegs sind. Wie das oft der Fall ist bei zu großer Vorfreude, fand ich den Auftritt der Schotten und Engländer dann okay, aber nicht so mitreißend wie erhofft. Bobby Gillespies Sangeskünste reicht einfach nicht aus für eine so große Bühne, und obwohl er sich redlich mühte, war es die Stimme der begleitenden Sängerin, deren Name ich nirgends finden kann, die Songs wie „Movin‘ On Up“, „Come Together“ und „Slip Inside This House“ zu einem Erlebnis machte. Am Ende gab es dann noch ein wenig Schweinerock mit „Country Girl“, „Jailbird“ und „Rocks Off“ und so war der Auftritt von Primal Scream dann, wie gesagt, sehr okay, aber leider kein Kracher.

Mehr als okay, nämlich ziemlich großartig, waren dann die darauf folgenden Suede. Brett Anderson, der jede Droge der Welt kennen dürfte, sieht heute, längst abstinent, aus und bewegt wie ein junger Gott und endlich, endlich! brüllte mal jemand anständig ins Mikro, überwand die Absperrung zum Publikum und rockte einfach los. Gitarrist Richard Oakes hat zwar gewichtstechnisch ordentlich zugelegt, aber auch das machte nichts, die Gitarre hängt immer noch tief und so wurden die Hits der Band in dreckigen Live-Versionen mit viel Verve vorgetragen. Sehr prima.

Sowohl Retro Stefson als auch The Naked and Famous wollte ich mir dann am Samstag gerne ansehen, zum Flughafen geschafft haben wir es dann aber erst zum Auftritt von Beirut. Zum Glück, denn was Beirut-Chef Zach Condon nebst Band mit diversen Bläsern da fabriziert, ist nichts anderes als herzerwärmend, dramatisch schön und beeindruckend, da es abseits jeglicher Trends dann auch noch so wundervoll funktioniert. Ich habe Beirut zum ersten Mal live erlebt und war sehr beeindruckt.

Eher ohne besonderes Ziel sind wir dann rüber zum Hangar 5 geschlendert – und erlebten nicht nur unser blauer Wunder, sondern auch ein weiteres Highlight. Buraka Som Sistema sind portugiesische Irre, die Techno und Hiphop mit afrikanischem Kuduro zu einem Tribal-Sound vermischen, der nicht einmal Zeit lässt, das Wort „Energie“ zu buchstabieren. Wir hatten uns kaum an den Klang und den Anblick der temperatursteigernden Tänzerin gewöhnt, als die Band mal eben einige Dutzend Mädchen und Frauen aus dem Publikum auf die Bühne bat, um that ass zu shaken. Fuck art, let’s dance, ebenfalls sehr beeindruckend, auf eine ganz andere Art.

Auf der Hauptbühne begann dann Alexander Ridha alias Boys Noize tausende von jungen Menschen zu be-, und mich zu entgeistern. So soll das vermutlich auch sein, denn reiner Techno (oder welcher Untergattung Boys Noize nun auch immer angehören mögen) war für mich nur vor vielen, vielen Jahren unter bestimmten Einflüssen eine Offenbarung, heutzutage und mit halbwegs klarem Kopf erinnert mich das zu sehr an Marschmusik. Immerhin mit Feuerbällen und Rauchkanonen, damit überhaupt etwas auf der Bühne passiert. Nun gut. Man muss nicht alles verstehen.

Zum Abschluss dann leider noch eine kleine Enttäuschung. Die Beginner, auf die ich mich ebenfalls sehr gefreut hatte, traten nicht mit Band, sondern im klassischen Hiphop-Style auf: ein DJ, zwei MCs, und obwohl ich Jan Eißfeldt/Delay und Denyo zu den fähigsten Rappern dieses Landes zähle, sprang der Funke nicht bis zu mir über. Die Hits waren da, die Stimmen sind wie alte, liebe Bekannte, aber… hach, ich hätte sie mir einfach mit Kapelle gewünscht, das war immer großartigst. Dieses Zwei-Rapper-und-ein-DJ-Setup hat mich selten überzeugt, ich mag halt die Dynamik einer Band, egal, um welche Musik es dabei geht.

Dennoch: Es hat Spaß gemacht, dieses Berlin Festival, die Atmosphäre erschien mir freundlich und positiv und selbst mit angestiegenem Alkoholpegel am Abend war die Stimmung nie aggressiv, zumindest, soweit ich das beurteilen kann.

Natürlich haben wir aber nicht genug gesehen, daher die Frage an euch, falls ihr dabei wart: Wen habt ihr gesehen, wer ist euch gut in Erinnerung geblieben?

17 Kommentare

  1. 01
    Marvin

    Ich war auch da und habe ähnliche Eindrücke gesammelt.. Jedoch erschien das Festival mir zeitweise ein bisschen sehr leer für 15.000 erwartete Besucher, gerade am Freitag. Meine persönlichen Favoriten waren Apparat und Battles.. Beide sehr beeindruckend.

    Und falls es jemanden interessiert: In den kommenden 2 Wochen läuft auf zdf.kultur jeden Wochentag ab 19.00 jeweils ein Act des Berlin Festivals..

  2. 02

    Und was war mit James Blake? Den hast Du nicht gesehen?

  3. 03

    @Marvin: Danke für den Hinweis!

    @Oln: Leider nicht. Da war ich noch am arbeiten.

  4. 04

    Gab es einen weiteren Act ausser diesem Boys Noize, bei dessen Beginn die Leute aus allen Ecken und Richtungen zur Bühne _gerannt_ kamen? Muss man ja nicht verstehen. :)

  5. 05

    wegen casper hätte ich fast zwei acts vor schluss nochmal den tagespreis hingelegt und wäre aufs festival. ein augenblick der vernunft grätschte dazwischen und nun bleiben mir nur die berichte meines besuchs und dieser blogeintrag. ein starker trost.
    nur bezogen auf den auftritt von casper tappe ich noch immer im dunkeln. fürs nächste berlin-festival lege ich schon jetzt geld zur seite.

  6. 06

    @olli: Habe Casper nur kurz von weitem gesehen und gehört. Aber das machte einen guten Eindruck.

  7. 07
    Freddy

    Wie haben sich Appart Band angestellt? Die Performance war auf dem melt! leider noch nicht ganz ausgereift.

  8. 08
    yorrick

    Kein Wort über Pantha du Prince? Für mich DAS Festival-Highlight!

  9. 09
    hendrik

    Warum soll es „auf den ersten Blick am 11. September unpassend erscheinen“, über Musik zu schreiben?

    Ich finde es immer wieder erschreckend, wie wir jedes Jahr mit 9/11-Specials und verbalen Superlativen druckbetankt werden. Jeden Tag leiden und sterben Menschen überall auf der Welt, von denen nicht die Namen verlesen werden.
    Ich kann es leider nicht ändern… und Du auch nicht, indem Du nicht drüber schreibst. Also, bitte über Musik schreiben, auch am 11.9. :-)

  10. 10
    Jackson

    James Blake war klasse. Musste ja leider gleich als erster ran. Waren auch noch nicht so viele Leute da (obwohl es ja insgesamt auch ziemlich leer war). Die Bässe haben nicht nur die Hosenbeine ordentlich zum flattern gebracht.

    Apparat Band fand ich auch sehr gut. Bisher nur solo gesehen und die neuen Sachen sind ja eigentlich sehr ruhig, aber durch das Schlagzeug hat das ordentlich Druck bekommen. Hatte teilweise schon was post-rockiges und in manchen Momenten hat das leicht an Radiohead erinnert. Sehr sehens-/hörenswert.

    Ein persönliches Highlight waren noch Yelle. Dachte, das wäre so niedlicher franzosen-elektro-pop, haben dann aber alle ordentlich zum tanzen gebracht.

  11. 11
    christiane

    Battles stimme ich zu, etwas seelenlos, aber ist laut Wiki ja auch Mathrock (what?) – aber interessantes Elektrogefrickel allemal, die guck ich mir nochmal an. Primal Scream fand ich allerdings grossartig – ich bin aber auch erklärter Screamadelica Fan der ersten Stunde und ich fand es einfach toll, das nochmal in Gänze live zu sein – da darf seine Stimme auch etwas dünn sein – der Typ hat trotzdem eine geile Präsenz und sie haben wie immer eine tolle Party gemacht. Die Sängerin, ich dachte, das ist Denise Johnson?

  12. 12

    schade, habe ich doch irgendwie echt was verpasst.
    ursprünglich hatte das line-up mich nicht sooo ganz überzeugt.

  13. 13
    yorrick

    @christiane: Original auf der Platte ja, für die Band aber nur bis 96, also eher nicht live 2011 ;-)

  14. 14

    dieses börlin festival is einfach nich für berliner ;) also den ort mag ich nicht , die preispolitik versteh ich nicht ( am vorabend gabs noch tickets für 60,- ) mag ja alles ganz toll gewesen sein …. ick stand am do. abend neben bobby gillespie im white trash , am freittag war ick bei der bolschewistischen kurkapelle im roten salon und am sa. bei dagobert im king kong klub . ick könnte ja noch weiter drüber schreiben aber int. ja nicht . ick will ja hier nicht schlechte stimmung vabreiten und außerdem singe ick wonderwall auch besser ohne silent disco , und das obwohl ick bestimmt nich singen kann . ick brauch ditt nicht und aus meinem bekanntenkreis war auch niemand da , außer vielleicht moabit peter :). vielleicht geh ich ja nächstes jahr hin . oasis spielen bestimmt .

  15. 15
    Benjamin

    @rehbi: Ja, so als echter Börliner muss man so ein Festiwall wohl aus Prinzip blöde finden, so ein Flughafen is ja schließlich zum Fliegen da, wa?

    Mein musikalisches Highlight war auch Beirut, gefolgt von Primal Scream (die Sängerin war der Hammer, egal wie sie heißt) und Mogwai, denen ich zum Glück den Vorzug vor den Beginnern gegeben habe, die ich schon ’98 bei der Campusfete nicht leiden konnte, als sie angeblich noch absolut, in Wirklichkeit aber schreckliche Poser waren.

    Mein Lieblings-Kontrasteffekt war der direkte Wechsel von Beirut zu Pantha du Prince, der in ganz anderer, elektronischer Weise genauso großartig war. Insgesamt muss ich aber zustimmen: die Bühnenpräsenz gerade der jüngeren Herren war oft ganz mickrig (The Drums, o je…)! Dann schon lieber der geballten Power von Cansei de ser sexy zugucken. Der gehypte Casper wurde von meinen Freunden nicht so gut gefunden – ich habe mir von vornherein lieber Deus angehört, die ganz solide waren.

    So richtig negativ ist mir nur die mangelhafte Info zur Ticketgültigkeit aufgefallen. Wer Club XBerg in der Arena und das Live-Festival in Tempelhof als ein einziges Event mit einem integrierten Line-up bewirbt, das 2-Tage-Festivalticket dann aber nur für den Tempelhofer Teil gelten lässt, muss sich schon den Vorwurf der Abzocke und Irreführung gefallen lassen.

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