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Ist Indie am Ende?

Am vergangenen Mittwochabend habe ich mir TV Total angesehen. Wegen Thees Uhlmann und Kraftklub, die ich beide großartig finde.

Mich als Fernseh-Laien (merke: Menschen, die dauernd darauf hinweisen, dass sie kaum fernsehen, sagen damit eigentlich, dass sie dauernd Internet gucken) hat während der Show zunächst die Abwesenheit von Vorbereitung bei Stefan Raab überrascht. Wäre diese Sendung der Pilot eines neuen Formats gewesen, hätte wohl selbst RTL II dankend abgewunken, fürs „Schlecht vom Zettel Ablesen“ gibt es schließlich günstigere Moderatoren. Aber wer weiß, die wievielte Aufzeichnung das an dem Tag bereits gewesen ist, und ich hatte ja wegen der Gäste eingeschaltet, nicht wegen Raab.

Nun wusste ich (s.o.) bis zur Sendung gar nicht, dass Thees Uhlmann und auch Kraftklub beim Bundesvision Song Contest (BuViSoCo) antreten und war ein zweites Mal überrascht. Ich finde dieses Wettbewerbsdingens zwar okay bis unterhaltsam und muss Raab zugestehen, dass er mit meist „echten“ Künstlern und nicht eigens für den Contest zusammengestellten Acts ein Stück Popkultur im deutschen Mainstream ansiedeln konnte – trotzdem fühlt es sich für mich immer noch nicht so richtig super an, wenn sich Lieblingskünstler diesem Zirkus unterwerfen. Was wiederum die Frage aufwirft, ob man es sich heutzutage als mit Recht nach Gehör und Erfolg strebende Band oder als Einzelkünstler überhaupt noch leisten kann, solch eine Chance nicht zu nutzen. Der Underground als Alternative genügt, fürchte ich, im musikalischen Bereich nicht einmal mehr für die Kaffeekasse, es sei denn, man ist mit Metal oder Gothic unterwegs. Oder wie auch immer man Letzteres zur Zeit nennt.

„If you can’t beat them, join them“, hat sich also wahrscheinlich der eher ungothische und metallarme Thees Uhlmann gedacht, der eigentlich bei Medienauftritten recht souverän sein kann, bei TV Total jedoch sichtlich nervös im Sessel hin und her rutschte, womit er Raabs Banalität leider auch nicht ausweichen konnte. Macht nichts, da muss man durch. Sympathisch durchhalten ist schließlich auch eine Tugend.

Aber dann wurde Thees‘ „Wahlwerbespot“ für Hamburg gezeigt (jeder Künstler hat für die Stadt, die er vertritt, solch einen Spot gedreht) und mir fiel das Hinsehen immer schwerer, ich bildete mir ein, zu spüren, wie sich der Tomte-Sänger durch diesen Dreh hat durch quälen müssen.

Und ich dachte: Nee, das geht nicht.

Von mir aus sollen Bands wie Thees‘ und auch Kraftklub – die schneller bei einem Major unter Vertrag waren, als man „Independent“ sagen kann – und viele andere wirklich stinkend reich und vor allem als Künstler glücklich werden, es ist mir recht, wenn mir ihre Songs zu den Ohren heraus kommen, weil sie dauernd und überall zu hören sind, ich wünsche ihnen Erfolg sowie ein begeistertes Publikum, aber Scheiße, geht das alles oder auch nur ein gutes Stück davon wirklich nur noch, wenn Stefan Raab und/oder ein Megaprodukt es fördert und man sich somit auch deren Regeln unterwerfen muss? Kann sich eine junge Band wie Kraftklub eine Lernphase bei einem Indie-Label gar nicht mehr leisten, ist das Selbstmachen wirklich komplett gestorben?

Es soll doch leichter geworden sein, auch und besonders durch das Netz. Aber was ist denn mit der versprochenen Kraft der Musikblogs, dem Sog von last.fm und anderen Online-Musikdiensten, mit den Internet-Massen? Wieso ist in Sachen Pop und Rock unter dem Radar des Fernsehens hindurch offensichtlich keine größere Fan-Mobilisierung möglich, die eben nicht nur Anerkennung, sondern auch den ein oder anderen Dollar für die Kaffeekasse derjenigen übrig hat, die wir lieben und brauchen? Für Musiker, für Künstler eben?

Oder blicke ich einfach mal wieder nicht richtig durch und ihr schleudert mir jetzt einen Haufen Bands entgegen, die auf ihrem eigenen Level auch ohne TV über die Runden kommen oder wenigstens halbwegs zufrieden sind? Die ihr eigenes Ding machen und auf Promo in diesem Stil nicht nur verzichten wollen, sondern auch können?

Ich wünsche mir, das es so ist, denn schließlich ging das früher™ ja auch irgendwie. Ich habe aber mittlerweile das schlechte Gefühl, dass diejenigen Teile der Musikindustrie, die man als „relativ unabhängig“ oder „alternativ“ bezeichnen kann, lange vor den großen, finanziell eben noch immer besser ausgestatteten gestorben sind.

Weshalb jemandem wie Thees Uhlmann, schließlich Chef seines eigenen Labels, vielleicht keine andere Möglichkeit bleibt, als mit dem Zirkus mitzufahren. Denn dieser zieht sonst ohne ihn weiter und nimmt die Kaffeekasse auch noch mit.

52 Kommentare

  1. 01

    -Nachtrag-

    Independent Music
    Siehe auch:
    http://www.tonspion.de

    ‚Kopfschüttel‘

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