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Fokussierung

Selten habe ich mich von so vielen Online-Kontakten getrennt wie am gestrigen Tag. Als mir wieder einmal bewusst wurde, wie kurz unser aller Zeit ist, und als ich erneut beschloss, meine eigene so selten wie möglich damit zu verbringen, Missgunst, Hass und purer Dummheit Aufmerksamkeit zu schenken. Ich will lernen, besser zu filtern. Less noise.

Leicht wird das nicht, schließlich verbirgt sich hinter vielen Meinungen oder Standpunkten Dritter, die unter Umständen zunächst abschreckend wirken, fundiertes Denken oder Wissen, welches ich vielleicht im Moment der Lektüre nicht sofort nachvollziehen kann, das aber dennoch anregend oder horizonterweiternd wirken kann. Nichts wäre schließlich schlimmer, als ein Umfeld voller gleicher Meinungen.

Doch um Meinungen geht es nicht, sondern – mal wieder – um Haltungen. Ich habe gestern einige Zeit damit verbracht, die Timelines digitaler Bekannter (die ich in Wahrheit überhaupt nicht kenne) etwas intensiver zu lesen, um einen Eindruck der generellen Sichtweise derjenigen Menschen zu bekommen, mit denen ich mehr oder weniger aktiv kommuniziere. Und ich war oft genug erschrocken, wie viel Energie man darauf verwenden kann, das Leben oder Schaffen Dritter mit einer gewissen Dauerhaftigkeit zu bemängeln, es einem Perfektionstest zu unterziehen und es am Ende öffentlich zu missbilligen. Und ich habe mich gefragt, ob ich selbst so oder ähnlich agieren will, ob ich die Qualität meines eigenen Daseins an den Verfehlungen Anderer messen will, ob ich also meine eigene Haltung über die von Dritten definieren möchte. Und meine klare Antwort war: Nein.

Ich kann nicht ausschließen, dass diejenigen, die so viel Zeit mit der Bemängelung Dritter verbringen, nicht selbst wahrhaft perfekte Menschen sind, die sich diese Kritik einfach leisten können. Doch ich bezweifle, dass es so ist.

Und so werde ich die Konsolidierung meiner virtuellen Umgebung weiter vorantrieben, aus ganz egoistischen Gründen. Das wird mich zwar wochenlang beschäftigen, und ich werde dabei Fehler machen und Kompromisse eingehen. Doch das generelle Ziel will ich im Auge behalten:

Ich möchte mein Leben nicht damit verbringen, Das Falsche im Tun Anderer zu finden, sondern ich will versuchen, mich auf das Richtige zu konzentrieren. Das erscheint mir schwer genug, aber sinnvoller.

Und das Irrste ist, dass ich schon mit diesen Zeilen an der selbst gestellten Aufgabe scheitere, da ich damit nämlich genau das Gegenteil gemacht habe. Life’s a bitch. And then you die.

32 Kommentare

  1. 01
    tender_hool

    Ein Kritiker muss das, was er kritisiert, selber nicht besser können. Seine Kritik kann trotzdem richtig sein.

  2. 02

    Sorry, aber was deinen kleinen Schlusssatz angeht muss ich widersprechen: Zum Kochen muss man ja nun mal vorher die Küche aufräumen.

  3. 03

    @tender_hool: Das stimmt. Ich habe versucht, das im zweiten Absatz zu berücksichtigen, es geht wirklich nicht ums Kritisieren per se, denn Kritik ist ebenso wichtig wie viele verschiedene Meinungen. Ich mecker doch selbst oft genug.

  4. 04

    Zu diesem Text hat Dich doch der Tod von Steve Jobs inspiriert, oder? Du hast Dir bestimmt noch mal die berühmte Stanford Commencement Address angeschaut?!

  5. 05

    @Go Nietzsche: Einige Reaktionen gestern haben mich erneut nachdenken lassen (die Rede habe ich mir gestern nicht erneut angehört, kenne sie aber).

  6. 06

    hehe, ich schreibe grad an einem ganz aehnlichen artikel.
    er wird wahrscheinlich »share dich zum teufel« heissen.
    auf bald irl, johnny!

  7. 07

    Ich finde es gut, dass du die Reflexion im Kleingedruckten hinbekommst, und darauf kommt es letztlich auch an. Dass man selbst weiß, wo die Grenze ist; dass man nicht perfekt ist; dass man aber eine Grenze zwischen purem Rumnörgeln und echter Kritik ziehen kann. Filter‘ mal, das ist sehr wichtig. :)

    Natürlich hofft man dabei, nicht selbst komplett rausgefiltert zu werden, aber dazu muss man trotzdem die Entscheidung des anderen (in diesem Falle: deine) akzeptieren.

  8. 08

    @Addliss: Ach was, die meisten Leute, die man so im Lauf der Zeit kennenlernt, schätzt man doch, egal, ob man Ansichten im Detail teilt oder nicht. Ich fetze mich wunderbar mit manchen und schätze sie trotzdem (oder darum). Außerdem gehe ich davon aus, dass die meisten Leute, um die es mir geht, das andersrum genauso sehen und eben meine Herangehensweise an Themen ebenso wenig nachvollziehen können oder wollen wie ich ihre.

    Ich bin einfach in den letzten Jahren in eine digitale Falle getappt: Davon ausgehend, dass jeder, der online aktiv ist, wenigstens das Interesse am möglichst konstruktiven Diskurs teilt, lasse ich überall jede/n als Freund, Follower, wasauchimmer zu. Das ist aber ein Trugschluss, der dazu führen kann, dass die „signal to noise ratio“ (sorry) nicht mehr ausgeglichen ist und Netzwerke sinnlos werden. Ich versuche nur, das alles wieder etwas konzentrierter zu bewerkstelligen und habe im Lauf dessen diesen etwas meta-lastigen Text runter getippt.

  9. 09
    Hendrik

    Weiß leider genau, wovon du sprichst; noch nie haben sich an einem einzigen Tag so viele Leute, die ich bis dahin noch interessant fand, als Kackbratzen geoutet, wie gestern.

    Was da teilweise für Sprüche kamen, hat nichts mehr mit Kritik zu tun. Das ist pure, zur Schau getragene und vor allem als eigene Aufgeklärtheit missverstandene Armseligkeit.

  10. 10

    Stimme Kommentar #2 von Jens zu. Stellt sich mir eine die Frage, hast Du das diese Kontakte wissen lassen? Also warum Du Dich lösen willst? Kurz, erhalten diejenigen die Chance aus ihrem Verhalten zu lernen?

    Ich nehme die Häme mittlerweile positiv. In dem Raum stellend, wir reden hier von gestrigen Reaktionen im Netz zum Abschied von Steve Jobs: man kann die Größe eines Menschen in seinem Wirken ja auch daran messen, wie sehr er seine „Feinde” beeindruckt haben muss. Wenn jemand, um seine Ehrfurcht zu zeigen, seine Fassade fallen lassen und die Fratze zeigt, womöglich ist auch das nur menschlich?

    Und die gute Nachricht, da ja nun überhaupt kolportiert wird, der Mann wäre Buddhist gewesen (hat er das je persönlich bestätigt?) … demnach hat er nun – je nach jeweiliger Glaubensrichtung im Buddhismus – bis zu 42 Tage Zeit in seine neue Existenz zu wechseln. Buddhisten chanten jetzt eben für ihn, dass er da super „rüber machen” kann. Dann ist er eh wieder da – und als Buddhist in diesem seinem Leben – eh auf seiner nächsten Karmastufe angelangt. Kurz: die Leute, die da gestern meinten, ihren kleinen Hexentanz der Verwünschung aufzuführen, die haben gar keine Ahnung, was demnächst noch (wieder) auf sie zukommen wird! ;-) Mit dem Gedanken fand ich gewisse Blasphemien gestern ganz erträglich bis sogar erheiternd.

    zdf online hat übrigens seine Uni-Rede in der Gänze übersetzt online stehen.

  11. 11
    leo

    Du hattest ja schon bei deiner Rückkehr aus England einige Veränderungen angekündigt. Somit: herzlichen Glückwunsch zur andauernden Transformation.

  12. 12
    Nobody

    Ich finde ganz gut was du schreibst, und überhaupt nicht gegen den eigenen Plan. Letztlich ist es ein sehr guter Rat für andere.

    Allerdings glaub ich kaum das du viel Zeit mit „Nörgler“-zuhören verschwendet hast. Du bloggst, hast ein Leben und hunderte lesen dich. Ich weiss nicht was du noch viel an dir verbessern willst.

  13. 13
    Stephan (Der Echte)

    Irgendwie hab ich die Hälfte hier nicht verstanden. Also Johnny schon, so allgemein. Aber wenn ich durch die Kommentare guck, muss irgendwas an mir vorbei gegangen sein. Jobs ist tot. soviel weiß ich. Wichtiger Mann (ohne Wertung). Aber sonst? Ich krieg grad so’n Schneckenhausgefühl…

  14. 14
    Fufu

    Hast du dich auch schon gefragt warum es dir ein Bedürfnis ist dies öffentlich zu machen, statt es einfach (still) zu tun?

    Es gibt nur eine Antwort. Du möchtest dass die Betroffenen davon Kenntnis haben. Und das heißt du möchtest diese Leute durch deinen Liebesentzug in irgendeiner Richtung lenken und keineswegs nur für dich etwas ändern.

  15. 15

    spreeblick ist in letzter zeit sehr lesbar und interessant geworden. dieser artikel trägt sein teil dazu bei. danke für die „rückbesinnung“(?)!

  16. 16

    Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein. Wer immer nur aufschaut, wird depressiv, wer immer nur herabschaut wird ein Arschloch.

    Ich mag Menschen, die ihr Ding machen und sich nicht so viel mit den Dingen der anderen aufhalten. Weiter so!

  17. 17

    Jetzt bin ich grad mal nachsehen gegangen ;) #Puh ;) Ich hatt mich an sich nur über Appsumo beschweert, weil die einen Steve Jobs-Pitch für ein Typographieding gemacht hatten. Sie haben sich dann noch entschuldigt. Aber sie amchen das ehdauernd:W erbung mit berühmten Namen wie Ferriss oder Godin.

  18. 18
    Martin

    @Fufu: „Es gibt nur eine Antwort.“ Wie bitte?“

  19. 19
    das

    He was complicit in many of the sins I just got home from marching against. He gamed the inequities between labor in the First World and labor in the Third. He was probably a lot of people’s boss-from-hell.

    He also made a world in which people like me and Teresa—computer users since 1988, when we got our first Mac SE—are technologists rather than passive victims of someone else’s vision of technology. Selfish though it may be, I have to acknowledge that this means a very great deal to us.

    The world is complicated. Late capitalism sucks. Our systems don’t work. Our futures are controlled by people who don’t give a crap for anything we care about.

    Steven Jobs cared about something. Without him, our lives would have been different, and probably worse. We’ll miss him. Anyone who wants to take this as the occasion to wag a reproving finger is invited—not entirely cordially—to comprehensively plobz the frap off. You may quote me, in this life or the next.

    http://nielsenhayden.com/makinglight/archives/013234.html

  20. 20
    Heiko

    Schon am Morgen wusste ich, das ich nichts über den Tod von Jobs lesen werde. Ich habe es nicht ganz geschafft. Bis auf den Eintrag hier (link nach Apple) und ein Interview mit Steve Wozniak ist mir das aber auch gelungen.

    Geflissentlich habe ich sämtliche Tweets, Posts und Artikel rechts liegen gelassen. Ich hatte einfach keine Lust auf Fanboy-Lobhudelei und Hater-Geschwafel. Die wichtigen Fakten haben in vier Worte gepasst: „Steve Jobs ist Tod“. Fertig, aus. Möge er in frieden Ruhen.

    Kein emporheben, kein runterreißen. Jeder darf sich natürlich seine Meinung bilden und auch mitteilen, nur sind meiner Ansicht nach nur die Meinungen etwas wert, die von Menschen kommen die Jobs auch persönlich gekannt haben. Wozniak zum Beispiel. Alles andere ist Rauschen, das ich gepflegt ignorieren kann.

  21. 21

    @ovit: Danke sehr, das freut mich!

  22. 22
    Chris

    Und ich dacht schon, du hättest deinen FB account gelöscht … =/

  23. 23
    Kai

    Ich würde gerne viel mehr schreiben, aber manchmal genügt auch ein schlichtes: Du hast völlig Recht.

  24. 24

    Bin gerade etwas erschrocken, wenn ich mein eigenes Kommunikationsverhalten so ansehe. Aber Kritisieren und überhaupt das Wort erheben ist eben so oft gegen andere. Weil einen ja was stört. Frage mich, ob ich oft und erfolgreich genug versuche, unpersönlich und sachlich zu bleiben.

    Mit etwas Zynismus ist die Sache aber auf Twitter sehr einfach. Ein Script, dass alle automatisch entfolgt, die Tweets schreiben, die beginnen mit „Leute, die…“ oder enden mit „… Not.“ sollte das gröbste richten.

  25. 25

    @Johnny Haeusler
    Ja, es tut gut und ist wichtig, sich einen Raum zu schaffen in dem möglichst wenig Schlechtes gedacht wird. Nur dann kommt man in sich etwas weiter. Ich bin ebenfalls sehr rigoros darin Leute zu streichen aus meinen Followern/Kontakten.

    Bitte bedenke, dass diese Menschen auch leiden. Das heißt nicht nicht streichen, sondern sich nicht auch noch über sie lustig zu machen oder ebenfalls über sie herzuziehen. Löschen, um die eigene Luft klarer zu bekommen und gut.

    Wir werden bestimmt mehr und verändern so auch ein wenig die Welt.

  26. 26

    Du schreibst mehrfach von „Dritten“. Wer sind dann die „Zweiten“? Ich halte Deine Terminologie diesbezüglich für überdenkenswürdig – angemessen wäre mMn der Begriff „Andere“, aber nicht „Dritte“!

    MfG
    B. Greifen

  27. 27
    flubutjan

    @B. Greifen: Irrtum. Die angesprochenen „Dritten“ sind die abwesenden Dritten, ÜBER die geredet resp. geschrieben wird. Erster und Zweiter sind der „Autor“ und der Rezipient des Autorenerzeugnisses.

    Berührt werden hier übrigens zwei eher bedenkliche, aber verbreitete kommunikative bzw. kommunikationspsychologische (gibt’s das?) Mechanismen: 1. Das leidige Übereinander- statt Miteinanderreden, 2. Die Stärkung einer (Zweier-)Beziehung auf Kosten abwesender Dritter (meist über miteinander geteilte Abwertung der letzteren).

  28. 28

    @flubutjan: Noe, der erste ist Johnny, der zweite wir, die Dritten sind die, über die geredet wird hier. Aber egal ;)

  29. 29

    super. und nichts ist schwerer, das wissen wir ja, als die guten Vorsätze einzuhalten und die hohen Maßstäbe an uns selbst erst zu setzen und dann umzu-setzen. ich glaube, ich werde nie frei davon sein, mich über Menschen zu ärgern, denn die laufen hier überall herum und können es einem manchmal per Anwesenheit bereits schwer machen, die guten Dinge zu genießen. aber auch ich arbeite daran. hart. am selben Ziel. und ich las irgendwo mal, dass Scheitern schön macht ;-) warum es parallel zu meinen Zeilen wie aus Kübel zu gießen beginnt, entzieht sich meiner Kenntnis…

  30. 30
    flubutjan

    @OliverG: Äh, sag‘ ich doch. Aber egal.

  31. 31
    flubutjan

    @flubutjan: Nee, Moment mal, jetzt versteh ich’s plötzlich selber nicht mehr.

  32. 32

    @B. Greifen: Das mit den „Dritten“ wurde geklärt? :) Dauernd „Andere“ zu schreiben ist halt stilistisch auch eher unschön.

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