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Beim Arzt (Teil 2)

I live by the river!

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Eine zweiteilige und etwas längere Kurzgeschichte mit nur wenigen Unwahrheiten, die noch einen dritten Teil nötig hat, weil ich mich nicht kurz fassen kann.

Previously on „Beim Arzt“: Für Teil 1 bitte hier klicken!

Es gibt in der deutschen Sprache wenige Wörter, die dämlicher aussehen als „geröntgt“, und es gibt wenige Tage, die langsamer vergehen als die bis zum Röntgentermin der eigenen Raucherlunge. Doch in drei Tagen wird die meinige geröntgt, da kann das Wort noch so dämlich aussehen, und ich verbringe die Wartezeit bis dahin mit entspanntem Sorgen.

Wie jeder Raucher bin ich der perfekte Selbstbetrüger, mein gesamtes Leben lang rede ich mir ein, ich sei wahlweise unsterblich oder Helmut Schmidt, und meine eigene Zigarettenmarke sei im Gegensatz zu anderen völlig ungefährlich.

Dass nichts davon wahr ist, wird mein Röntgentermin ans teilweise ultraviolette Licht bringen, dessen bin ich sicher. Und verfalle nach ersten Panikattacken in eine Depression, als ich feststelle, dass ich gar nicht besonders viel zu vererben habe.

Die Röntgenpraxis ist überfüllt. Dutzende überwiegend ältere Patienten bevölkern den Warteraum und falten gelangweilt Papierflugzeuge aus Seiten einer Gala-Ausgabe von 2002. Unter lautem Gejohle donnert ein besonders schnittiger Flieger mit einem Bild von Xavier Naidoo immer wieder gegen eine Fensterscheibe, und am Empfang hat sich eine Menschenschlange gebildet, die den Anschein vermittelt, es gäbe ein neues iPhone.

Brav stelle ich mich hinten an und lasse etwa zehn Minuten vergehen, in denen absolut nichts passiert, bevor ich die Dame vor mir frage, ob sie einen Termin hat. Hat sie nicht. Aber ich habe ja einen, muss mich also vielleicht gar nicht anstellen und wage mich unter Papierkugelhagel und begleitet von wüsten Beschimpfungen („Spalter!“), an eine freie Stelle an der Rezeption.

„Hinten anstellen!“ (Das ist Berlinerisch für „Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?“)

„Ähm… ich habe einen Termin und wollte fragen, ob ich mich dann auch anst…“

„Ooch hinten anstellen!“

Ich zögere. Ich habe noch ein Ass im Ärmel, eines, das ich so selten wie möglich einsetze, eines, das mir etwas peinlich ist, doch die Aussicht auf eine Wartezeit von mehreren Tagen lässt mich zu dieser Waffe greifen. Also flüstere ich, damit es niemand anderes hören kann:

„Ichbinprivatversichert…“

Diese Worte wirken Wunder. Binnen weniger Sekunden verlässt die etwa 60-jährige Praxisangestellte den Empfangstresen, an ihrer Stelle steht nun eine wesentlich jüngere Mitarbeiterin vor mir und reicht mir ein Glas Sekt und eine Auswahl von mit erlesenen Meeresfrüchten angereicherten Appetitanregern. Ihr weißer Kittel ist etwas zu weit aufgeknöpft, doch ich möchte sie nicht brüskieren und behalte das für mich.

„Folgen Sie mir doch bitte“, lächelt sie mich an und da ich eh nichts anderes vorhabe, tue ich wie geheißen.

Zugegeben: Das mit der Angestellten ist leicht übertrieben dargestellt. Der Sekt und die Schnittchen auch. Die Tatsache jedoch, dass ich in einer überfüllten Praxis, deren Wartezimmer voll besetzt ist und an deren Empfang sich schier endlose Wartschlangen gebildet haben, in einen separaten Warteraum für Privatpatienten geführt werde, in dem ich der einzige (!) und auch nur für wenige Minuten (!!) wartende Patient bin, ist die volle, bittere Wahrheit der sozialen Zweiklassengesellschaft in Deutschland. Ich bin wie viele Selbstständige aus pragmatischen, also finanziellen Überlegungen privat krankenversichert, doch für die inzwischen völlig überzogenen und absurden Unterschiede, die dieses System hervorgebracht hat, schäme ich mich in Situationen wie diesen. Während meine Frau mit ihren wesentlich höheren Beiträgen zur gesetzlichen Krankenkasse (die zudem noch gerade pleite gegangen ist, weshalb sie sich nun innerhalb weniger Wochen eine neue Versicherung suchen muss) immer häufiger schon am Telefon abwimmeln lassen muss, genieße ich eine Bevorzugung, die ich nicht verstehe, die gesellschaftliches Gift ist und die ich daher ablehne. Und bigotterweise an Tagen wie dem beschriebenen dennoch nutze.

Ich habe das Inhaltsverzeichnis der aktuellen „Watch Collector’s Weekly“ noch nicht zuende gelesen, als ich auch schon an der Reihe bin und in den Röntgenraum geführt werde. Ein schneller Blick zum Empfangstresen beweist: Die Dame, die in der Schlange vor mir stand, ist ihrem Ziel noch keinen Schritt näher.

Röntgen ist toll. Maximale Schädlichkeit bei minimalem Schmerz. Gäbe es Röntgenstrahlen in 20er Packs am Kiosk, dann wäre das vielleicht eine ernstzunehmende Alternative zum Rauchen. Man spürt und sieht X-Strahlen einfach nicht, und was Superman aus den Augen schießt kann ja so schlimm schließlich nicht sein.

Außerdem geht es schnell: Nach wenigen Sekunden bin ich transparentisiert und darf mich wieder angezogen wieder in den privaten Warteraum begeben, denn im Gegensatz zu den pflichtversicherten Plebejern, die bis zu zwei Wochen auf ihre Röntgenbilder warten müssen, bekomme ich meine sofort auf einer vergoldeten CD mit einem kostenlosen Download-Code für das neue Ärzte-Album in die Hand gedrückt.

So war das jedenfalls besprochen. Die im Warteraum erscheinende Praxis-Mitarbeiterin hat aber gar keine CD bei sich, sondern sagt mir stattdessen: „Herr Haeusler? Die Frau Doktor möchte gerne mit Ihnen über ihr Röntgenbild sprechen, gleich im Raum nebenan.“

Das, was sich bisher nur in Form von zittrigen Knien und einem trockenen Mundraum zeigte, wird zu leichter Panik. Wieso will die Ärztin, die mich doch gar nicht behandelt, mit mir über mein Röntgenbild reden? Was könnte so dringend sein? Ist doch sicher alles in Ordnung, was gibt es denn da zu reden??

Ich habe echte Angst. Ich habe Angst davor, dass mir schlechte Nachrichten übermittelt werden, Angst vor endlosen Untersuchungen, vor langen Krankenhausaufenthalten, vor der Beschäftigung mit einer schweren Krankheit, Angst vor Internet-Foren voller hypochonderierender Paranoiker, die aber vielleicht doch Recht haben könnten, Angst davor, nicht mehr selbstbestimmt leben zu können und auch davor, sterben zu müssen, bevor ich „Brügge sehen und sterben“ gesehen habe.

Als ich den Raum betrete, in dem mich die Ärztin lächelnd begrüßt (ist das ein „Alles okay“-Lächeln oder nicht doch ein „Sie müssen jetzt ganz stark sein“-Lächeln?), kann ich das hintergrundbeleuchtete Bild meiner Lunge bereits über dem Schreibtisch erkennen, was mich mangels nennenswerter Röntgenbilddeutungsfähigkeiten aber auch nicht beruhigt, ganz im Gegenteil. Das sieht alles irgendwie krank aus.

„So, dann wollen wir mal“, beginnt die Ärztin mit einem leichten Seufzen und setzt sich auf den Stuhl vor dem Foto. Ein zweiter Stuhl steht direkt neben ihr. „Setzen sie sich doch bitte!“

„ICH WILL MICH NICHT SETZEN! SAGEN SIE MIR ENDLICH, WIE LANGE ICH NOCH HABE!“

Dieser Satz geistert durch meinen Kopf, während ich mich mit einem „Dankeschön“ setze.

Sie benutzt einen Kugelschreiber, um damit auf mein Röntgenbild zu zeigen (rein juristisch betrachtet ist es zu diesem Zeitpunkt noch ihres, ich habe es ja noch nicht bezahlt und ich überlege, ob ich eine Krankheit aufgrund dieser Tatsache einfach ablehnen könnte, „Annahme verweigert“ oder so): „Also… hier sehen wir ihre Lunge, das hier ist der linke und das hier der rechte…“

Wenn das so weiter geht, drehe ich durch.

„… Lungenflügel. Und wie man hier ganz deutlich erkennen kann …“ Sie umkreist mal dunklere und mal hellere Stellen auf dem Bild, auf dem ich ganz deutlich gar nichts erkennen kann, „… ist das alles ganz wunderbar in Ordnung. Keinerlei Anzeichen auf Schäden, keine Hinweise auf …“

Der Rest ihrer medizinischen Fachrede geht in einem nebligen Wirrwarr unter, ich kann ihr nicht mehr zuhören, ich spüre einfach nur noch unfassbare Erleichterung. Ich hatte vorher gefühlt, dass ich Angst hatte, wie groß diese Angst aber tatsächlich war, wird mir jetzt erst klar.

Tränen der Freude schießen in meine Augen. Ich falle der Ärztin um den Hals, küsse sie abwechselnd jeweils dreimal auf ihre Wangen und biete ihr kostenfreie Unterkunft sowie zwei warme Mahlzeiten täglich für den Rest ihres Lebens und ein Xing-Premium-Konto an.

Sie lacht herzlich und freut sich mit mir. Was sie denn um alles in der Welt mit einem Xing-Premium-Konto solle, fragt sie mich noch, bevor ich erleichtert und mit meiner CD in der Manteltasche die Praxis verlasse.

Meine Lunge ist gesund und ich bin so dermaßen froh über diesen Befund, dass ich mich, zurück auf der Straße, tatsächlich erst einmal ausruhen muss.

Meine Fresse, hatte ich Panik. Schade, dass ich nicht gläubig bin. Sonst könnte ich mich jetzt wenigstens bei irgendwem bedanken.

Gut. Sehr gut.

Bleibt noch die abschließende Untersuchung beim Doktor, doch jetzt macht mir nichts mehr Angst. Nicht mal Finger in den Po.

Hier geht es zum dritten und letzten Teil.

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