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Digitale Zivilcourage

Wann immer eine Straftat, eine Schlägerei, ein Überfall oder gar Mord in der Öffentlichkeit bekannt wird, steht die Frage nach der Zivilcourage der bei der Tat anwesenden Unbeteiligten im Raum.

Wer selbst schon einmal zufälliger Zeuge eines Übergriffs gegen eine andere Person war, der weiß jedoch, wie schwer es ist, einzuschreiten, der angegriffenen Person also zur Seite zu stehen. In der Theorie und besonders, wenn mehrere Menschen anwesend sind, die gemeinsam eigentlich leicht helfen könnten, ist Zivilcourage leicht – in der Praxis oftmals leider nicht, entweder, weil niemand anderes mit einschreiten mag oder die Furcht vor der Brutalität oder Bewaffnung der Angreifer dann eben auch bei einem selbst überwiegt.

Dies gilt für das physische Leben, für den Alltag in der S-Bahn, bei einem Konzert, auf der Straße. In der digitalen Welt hingegen sollte uns das Eingreifen viel leichter fallen, meist genügt ein Klick, eine kurze Nachricht oder auch ein Satz als Kommentar als Hilfestellung für jemanden, der angegriffen wird. Aber nehmen wir diese Möglichkeit zur Hilfe wahr? Wie sieht es aus bei der Verbreitung von Hass, Lügen oder öffentlicher Diffamierung im Netz, werden wir dabei aktiv oder klicken wir kopfschüttelnd einfach weiter? Übernehmen wir also bewusst aktive Verantwortung für unsere digitale Umgebung?

Ich hatte mir und euch diese Frage vor zwei Jahren schon einmal gestellt und komme aus zwei Gründen erneut auf das Thema:

Erstens bekam einer meiner Söhne vor kurzer Zeit aktive Unterstützung, als er bei YouTube auf YouTube-Kommentar-übliche Weise beschimpft wurde. Obwohl er selbst diesen verbalen Angriff ob seiner Albernheit lachend ignorierte, standen ihm binnen kurzer Zeit zwei offenbar ebenfalls recht junge (und meinem Sohn unbekannte) Nutzer mit netten Kommentaren zur Seite. Davon war ich ziemlich beeindruckt, denn so etwas war mir bis dahin bei YouTube eher selten aufgefallen.

Und zweitens verlinkte Elblette in diesem Kommentar gerade einen Artikel des Autors JD Derry mit dem Titel „Your Part In Their Downfall“ (UPDATE Hier die deutsche Version), in dem Derry eine Anleitung dafür schreibt, wie man gegen rassistische oder anders Hass verbreitende Videos vorgehen kann und soll. Auch ein solcher Blogbeitrag ist mir in der deutschsprachigen Bloglandschaft bisher nicht untergekommen.

Seit dem Erlebnis mit den beiden zivilcouragierten YouTube-Kommentatoren in Bezug auf meinen Sohn habe ich mir vorgenommen, im Netz selbst wieder öfters zu widersprechen, über die Maße Angegriffenen verbal zur Seite zu stehen, sowie Spam, Rassismus und Hass ggf. bei Portalbetreibern zu melden.

Dabei ist mir völlig klar, dass das Entfernen bspw. eines Nazi-Videos den Urheber nicht zum Menschenfreund machen wird und ich weiß, dass ein von YouTube entferntes Video binnen weniger Sekunden an anderer Stelle wieder verfügbar ist. Dennoch glaube ich, dass die digitale genauso wie die physische Gesellschaft aktive Verantwortung und Gestaltung braucht, denn die einfache Behauptung einer Selbstregulierung reicht meiner Meinung nach nicht aus. Und ich glaube außerdem, dass diese aktive Gestaltung durch die Nutzerinnen und Nutzer denjenigen den Wind aus den Segeln nehmen kann, die immer lauter nach stärkerer Regulierung und neuen Gesetzen rufen.

Mich interessiert, wie ihr das handhabt im täglichen Netzleben. Widersprecht ihr schwerwiegenden Unwahrheiten, wenn ihr sie erkennt; steht ihr einer euch fremden Person bei, die maßlos verbal attackiert wird; mischt ihr euch bewusst ein, wenn es um mehr als einen Schreibfehler oder ein technisches Problem geht? Oder überlasst ihr so etwas eher dem Zufall, dem Schicksal oder anderen?

UPDATE Hat jemand die Zeit und Fähigkeit, den Artikel von Derry ins Deutsche zu übersetzen? Falls ja, freue ich mich über eine kurze Mail: johnny at spreeblick.com.

65 Kommentare

  1. 01
    LoboTobi

    Ich denke, dass das Bewusstsein für Zivilcourage im web zunimmt. In letzter Zeit ist es mit häufiger aufgefallen, dass abfällige Kommentare oder Geflame von anderen Usern abgestraft werden – unter anderem auf youtube und auch bei den Rezensionen bei Amazon.
    Einen der ersten Shitstorms überhaupt dürfte wohl damals das Star-Wars-Kid auf Youtube hervorgerufen haben – und schon damals äußerten sich dann doch einige Menschen aufmunternd und unterstützend- Ich meine auch, mich erinnern zu könnne, dass zu diesem Anlass die Diskussion um die Netikette neu entfachte.

    Abgesehen davon versuche ich schon, Unwahrheiten gerade zu rücken oder Kommentaren, die sich im Ton vergreifen, zu begegnen – sei es nur durch das klicken auf den „Missbrauch melden“-Link bei Amazon…

  2. 02

    Puhhh – kein leichtes Thema. Oftmals versuche ich schon in Kommentaren (meist kann man sie ja auch anonym absenden, um so verhindern, dass kurz darauf der eigene Blog unter Beschuss steht) meine Meinung kund zu tun – jedoch entgeht mir sicherlich auch sehr viel, weil ich mich meist auch sehr schnell durch’s Netz klicke…..

    Und ich möchte einmal kurz anmerken zum „echten Leben“: sich „heldenhaft“ in eine Schlägerei einzumischen verlangt ja niemand, aber mit dem Handy die Polizei rufen, kann ja wohl jeder.

  3. 03

    Die Frage habe ich mir so ähnlich heute morgen gestellt, als ich nach Jahren einmal wieder auf dem Blog vom Shopblogger war. Die in manchen Beiträgen teils bestenfalls zynisch zu nennenden migrantenfeindlichen Bemerkungen des Shopbloggers (http://www.shopblogger.de/blog/archives/12839-Die-Freude.html) werden dann nur noch durch den unverhohlenen Rassismus in den Kommentaren übertroffen. Der Autor selbst greift nicht mehr ein, zumindest nicht erkennbar. Für mich heisst das persönliche Fazit: dort würde ich nicht einkaufen, auch wenn die Frage schon rein aus logistischen Gründen eher akademischer Natur ist.

  4. 04

    Ich halte es für selbstverständlich, auch in der digitalen Welt „einzugreifen“, wenn etwas weit über die Strenge geschlagen wird. Heisst, wenn ich in Kommentaren etc. unsachliche und beleidigende Tendenzen merke, weise ich den Kommentator auch darauf hin und bitte um mehr Sachlichkeit und/oder widerspreche eben (auf sachlichem Niveau) mit meiner Sicht der Dinge.

    Das „Problem“ in vielen Fällen ist, dass es eben „nur“ Worte sind und diese vielleicht von vielen als nicht so ernst genommen werden. Hingegen bei einer Schlägerei die Gefährlichkeit und ggfs. Verletzungen sichtbar sind. Verbale schriftliche „Gewalt“ nimmt man gemein hin eben (noch) nicht so ernst, wie es in vielen Fällen angebracht wäre.

    Oft spielt sicherlich auch mit hinein, dass viele sich denken „ach, dass wird der Forumbetreiber, Moderator, Blogbetreiber etc schon richten“.

  5. 05
    twuertz

    Hi Johnny!
    Ich hab mich sehr über diesen Artikel gefreut, denn er lässt einige Anknüpfungspunkte offen.
    Für sehr wichtig halte ich den Handlungsaufruf.
    Von Selbstregulierung zu reden, und dann anderen das Regulieren zu überlassen, ist meiner Ansicht nach eine sehr gefährliche Einstellung.
    Zum Mitmachen müssen die meisten Menschen allerdings erst ihr Selbstbewusstsein rauskramen.

  6. 06

    @Kiki: Huch? Was ist denn da beim Shopblogger los? Habe da ewig nicht mehr reingelesen und bin gerade mindestens… irritiert.

  7. 07
    Marckarc

    Im internet stolpert man leider Allerorten über hirnrissige bis menschenfeindliche Inhalte, Kommentare usw.

    Es ist natürlich eine Sisyphosaufgabe, das jedesmal, wenn es einem auffällt bekämpfen zu wollen. Bei extremen Kommentaren reagiere ich noch, was jedoch bei Betreffenden zu 99% wenig Einsicht auslöst, auch wenn eine Entgegnung moderat-diplomatisch formuliert ist, wobei sich natürlich die Frage stellt, ob es nicht trotzdem etwas bewirkt.

    Meiner Meinung nach bwirkt es schon etwas, denn es lesen auch Andere und die kommen dann vielleicht eher ins Denken. Es geht ja nicht unbedingt darum, die Meinung Desjenigen zu ändern, der dort etwas schreibt, sondern die Meinung nicht unwidersprochen stehenzulassen, was natürlich oft in Beschimpfungen enden kann, in denen man als „Gutmensch“ bezeichnet wird, der nur die „Gutpresse“ liest, wobei ich das dann allerdings nicht als Beleidigung begreife.

    Die Bandbreite von ekligen Kommentaren ist leider mannigfaltig und man stösst eben überall darauf. Da gibt es (nur mal lose Beispiele):
    —-
    den „Occupy“, der meint, dass man die ganze „Nazi-Sache“ und die Forschung der Nazis dort doch mal positiv sehen sollte und ihm dabei die „Nazi gräueltaten“ „vollkommen egal“ sind,

    den/die Tierschützer(in), der für einen psychisch kranken Tierquäler die Todesstrafe (Motto: Kein Schutz für PSychos – Todesstrafe für Tierquäler, Todesstrafe für Kinderschänder) wünscht und sich (zusammen mit einem Mob) in Gewaltphantasien ergeht.

    die Zuschauerin einer (scripted, wovon sie allerdings nichts wahrnimmt) Reality-Show, die über eine Protagonistin schreibt „sie ist läufig! Die Titten fallen bald aus dem Ausschnitt. Kein Wunder wenn solche Frauen sexuell belästigt werden“

    die Massen-KOmmentatoren in diversen Internetauftritten von Zeitungen und Magazinen, wo besonders bei den Themen „Israel, Einwanderung, Islam, Rechtsextremismus“ besonders gern massiert (vielleicht auch koordiniert?) kommentiert wird und es zum Teil wirklich eklig wird.
    —-

    Sollte man da jedesmal reagieren und ist man ein Moralapostel, wenn man etwas dazu sagt, wenn man darüber stolpert? Soll ich meinem Blutdruck zumuten, jetzt in die Kommentare zum jüngsten Artikel zu schauen oder ignoriere ich es einfach, weil es vielleicht eh nichts zu sagen hat?

    Gerade bei Kommentaren in Zeitungen frage ich mich immer, tragen die zur Meinungsbildung bei oder bleiben da die Spinner unter sich, die früher Leserbriefe geschrieben haben, die niemals abgedruckt wurden?

    Wo endet Zivilcourage, wo fängt ein unsinniger Kreuzzug an? Wo wird man tatsächlich zum Moralapostel und Besserwisser? Ist es eher lächerlich auf etwas zu reagieren oder absolut notwendig?

    Und zuletzt noch: Digitale zivilcourage klingt ziemlich hochtrabend, schließlich muss ich im Internet nur im absoluten Ausnahmefall befürchten dass ich auch mal „eins aufs Maul“ bekommen kann. Weiß nun auch keinen besseren Begriff aber es ist halt weitaus einfacher im Netz zu widersprechen als im direkten Gegenüber.

  8. 08

    @Marckarc: Gute Punkte. Es wäre natürlich Wahnsinn, jede Blödheit kommentieren zu wollen (siehe auch hier) und die Gefahr, einen „Kreuzzug“ führen zu wollen, gibt es bestimmt. Ich glaube, mir geht es einfach um ein gewisses Maß an Widerworten.

  9. 09

    Auf großen Plattformen kämpft man meist vergebens (was nicht heißen soll, dass man’s nicht wenigstens versuchen kann), aber auf dem eigenen Blog oder in häufiger besuchten Foren sollte man sich bemühen, aktiv Teil der vielgerühmten Selbstreinigungskräfte zu sein.

    Wenigstens den eigenen Vorgarten kann man sauber halten, denke ich. Ich hab‘, nach der Sarrazin-Debatte, durchaus auch ein paar Leute bei FB ent-freundet, mit denen ich im RL ganz okay bekannt war. Und ein paar Arschlöcher von meinem Blog vertrieben, die in den (seltenen) politischen Debatten über die Stränge geschlagen haben.

    Wobei wir das Problem natürlich schon seit den Flamewars im Fido-Netz kennen: Leute mit geschlossenen Weltbildern haben zumeist die argumentativ erreichbare Zone verlassen, denen ist nicht beizukommen. Man widerspricht da eher aus Prinzip und für die mitlesende Mehrheit.

  10. 10
    Marckarc

    Ich finde, dass die „Zeit“ recht gut reagiert (wenn auch manchnal überragiert wird, was immer noch besser ist). Wenn jemand dort einfach nur populistischen Schutt ohne Inhalt ablädt, wird der Beitrag gelöscht. Stellt jemand unbewiesene Behauptungen auf, gibt es einen Kommentar wie „Belegen Sie bitte Ihre Tatsachenbehauptungen mit Quellen“.

    Natürlich schreit dann jeder gleich: „Zensur“ und überschätzt die eigene Bedeutung und verwechselt das Recht auf freie Meinung mit einem nicht vorhandenen Recht auf die Veröffentlichung der eigenen Meinung.

    Wobei auch dort Debatten oft durch massive Anhäufung von Kommentaren abgleiten. So enden kommentare über rechtsxtremistische Gewalt dann häufig mit Koranzitaten und einer Diskussion über den Islam. Das scheint mir teils wirklich eine Strategie zu sein. (in die Spiegel-Kommentarspalte schaue ich garnicht mehr rein – das ist reiner Spam).

    Ergänzend: Eine gutes Mittel gegen Kommentare ist die Blossstellung derselben. ein beispiel dafür ist diese facebook-Seite: http://www.facebook.com/pages/Ich-bin-kein-Rassist-aber/219553371420189

  11. 11

    Hi Johnny,
    ja, ich melde mich desöfteren zu Wort, wenn ich im Internet auf menschenfeindliche Äußerungen treffe – sowohl wenn Einzelpersonen direkt attackiert werden, als auch wenn m.E. Demagogie gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen betrieben wird – allerdings nicht immer und nicht überall, weil es manchmal wie das sprichwörtliche Mitdemkopfgegendiewandlaufen ist (ich denke, jeder hier kennt die eine oder andere Plattform, wo jeglicher Appell an Fairness und Mitmenschlichkeit als Gutmenschentum kollektiv verachtet wird). Den Grund dafür hat Herr Kaliban vor mir schon genannt:

    Leute mit geschlossenen Weltbildern haben zumeist die argumentativ erreichbare Zone verlassen, denen ist nicht beizukommen.

    Allerdings sollte man m.E. den Widerspruch gegen Menschenfeindlichkeit auch nicht zu schnell und zu oft als vergebliche Liebesmüh betrachten, denn sonst entsteht vielleicht bei zu vielen Lesern der Eindruck, die schweigende Mehrheit stände dem Hass gleichgültig oder gar billigend gegenüber. Diesen Eindruck versuchen bestimmte Gruppen auch durch die sogenannte Wortergreifungsstrategie zu verstärken, was Du hier ja auch schon einige Male miterlebt hast.

  12. 12

    Auf Facebook und Twitter melde ich mich immer dann zu Wort, wenn mir etwas von dem begegnet, was du beschreibst. Auf meinem Blog sowieso – wer gegen die Spielreglen verstößt, dessen kommentar bzw. Beitrag wird gelöscht und der Nutzer mitunter auch.

    Zivilcourage im Netz ist vonnöten und durch die Schnelligkeit des Netzes ergibt sich mitunter schnell eine Gemeinschaft von Menschen, die auch hier den gleichen Gedanken teilen.

    Ich möchte deinen Gedanken noch erweitern. Zivilcourage heißt für mich auch die Augen offen zu halten udn zu sehen, wie es anderen geht. So ist es mir schon einige Male aufgefallen, dass es älteren Menschen in der Stadt offensichtlich nicht gut ging. Hier auch mal nachfragen, ob man helfen kann oder Hilfe holen ist für auch wichtig.

  13. 13

    Ich zieh mal kurz die Moralapostelkutte über.

    „Erzieht Euch! Wenn es schon Eure Eltern nicht machen.“

    All das Positioneneinnehmen, Kämpfen, Rechthabenwollen, Beschimpfen und Verleumden bringt niemanden weiter. Nicht einmal die GEMA-Gegner. Wenn Ihr etwas Scheisse findet, macht Euch schlau, fragt, wie man zukünftige Entscheidungen beeinflussen kann (wählen gehen, sich in der GEMA engagieren, was auch immer).

    Es macht mehr Laune, sich die Meinungen anderer anzuhören, vorurteilslos drüber nachzudenken und zivilisiert darüber zu streiten.

    Anonymität, besonders im Internet, ist wichtig und schützenswert. Diffamierende Kommentare sind es sicherlich nicht.

    Wenn Ihr wirklich einmal Einfluss nehmen wollt, in der Schule, im Berufsleben, in einer Partei, bei der GEMA müsst Ihr die Guy Fawkes Maske absetzen. Alles andere ist dann nur Gelaber.

    Zur Selbsterziehung kann ich nur zu traditioneller Literatur, Philosophie und ja, auch religiösen oder spirituellen Werken raten. Für das, was Fremdenhass, elitäres Denken, Gewalt, angeht, reicht ein Blick in die Geschichtsbücher oder Wikipedia.

    Disclosure: Bin 47 Jahre alt und war auch ein ganz schlimmer Finger, nur halt analog.

  14. 14
    Elblette

    Wenn ich richtig darüber nachdenke, finde ich die „ehrlichen“ Rassisten noch die einfacheren Fälle, denn diese Äußerungen sind oft schlicht illegal oder widersprechen den AGBs der jeweiligen Seiten, so dass sie problemlos gelöscht werden können.
    Viel gefährlicher finde ich das ständige Kapern von Kommentarthreads, meistens durch sarrazinesk weichgespülten Rassismus oder den Vergleich zwischen linkem und rechtem Terror (wie jüngst an dieser Stelle, auf SpOn Dauerzustand), der völlig vom Thema ablenkt, von den Diskutierenden oft nicht bemerkt und als „Mainstream-Meinung“ wahrgenommen wird. Das verstößt normalerweise auch gegen keine Regel und wird deshalb nicht geahndet. Dagegen wünsche ich mir eigentlich mal ein konzertiertes Vorgehen, eine Art kollektives Nazi-Rickrolling.
    Und noch ein anderer Punkt: Ich sehe eher selten offen rassistisches Zeug, weil die sozialen Medien ja so eingestellt sind, dass sie meine Grundeinstellung verstärken. Was mir der Artikel gebracht hat, ist eher die Motivation, so etwas aktiv aufzustöbern und denen den Spaß zu verderben. Die nerven ja schließlich auch aktiv in meinem Leben herum.

  15. 15
    Pogomeister

    Wer sich etwas mehr in Richtung Satire mit dem Thema auseinandersetzen möchte, dem sei dieses Video empfohlen:

    http://www.collegehumor.com/video/3980096/we-didnt-start-the-flame-war

  16. 16
    Pogomeister

    Wer sich satirisch mit dem Thema befassen möchte, der schaue hier:

    http://www.collegehumor.com/video/3980096/we-didnt-start-the-flame-war

  17. 17
    flubutjan

    „Someone is wrong on the internet“ :-)

    z. B. hier: [Link gelöscht]

  18. 18

    @flubutjan: Warum genau postest du blöde Links, die nur Werbung für ein Onlinespiel sind? Genau der gleiche Link taucht jetzt zum dritten oder vierten Mal in den Kommentaren hier auf (weiß nicht, ob’s immer von dir war), ist das eine tolle „Viralkampagne“ oder so? Hat nicht mal ansatzweise mit dem Thema zu tun…

  19. 19

    Das Thema ist so naheliegend und so schlicht und doch so herzlich wenig präsent. Um so schöner, dass es hier so unaufgeregt und beherzt einen Platz findet.
    Auch ich poste immer mal wieder polarisierende Ansichten, zumeist zu eher harmlosen Themen, wenn mich mal wieder im TV irgendwas ganz schrecklich aufregt, und bin dabei gewiss nicht immer formvollendet höflich, aber ich tue es unter meinem echten Namen oder unter einem Nick, der es ermöglicht, mit mir in Kontakt zu treten, dazu stets mit einem Link zu meinem Blog, wo ich mich selbstverständlich auch mit Namen und Email-Adresse bloßstelle. Wirklich widerwärtig sind die Trolle, und damit sind nicht frustrierte Verlegersöhne aus Köln gemeint, sondern die Hetzer und Agitatoren, die sich daran aufgeilen, ihre kruden Kommentare veröffentlicht zu sehen.
    Und ich gebe gerne zu: Auch ich reagiere nur selten, wenn ich bescheuerte Beiträge lese. Aber ich werde es in Zukunft öfter machen. Versprochen!

  20. 20
    flubutjan

    @Johnny Haeusler: Kann ich Dir sagen.

    Deine Fragen „Widersprecht Ihr? Mischt Ihr Euch ein?“ habe ich – zugegeben – etwas von der Diffamierung von Personen weg und hin zu mentalitätsschädigenden Onlinegames bezogen und im konkreten Fall zu einer atemberaubenden Geschichts- und (im besten Fall) Fühllosigkeitsorgie im Netz.

    Zwei der Hinweise auf die Spielwerbung (nicht dieser Link, der nur einmal) gehen auf mein Konto, aber was eine Viralkampagne ist, weiß ich nicht mal. (Der erste Hinweis findet sich an vielleicht etwas passenderem Ort, in den Kommentaren zu dem kürzlichen Game-Artikel hier.)

    Mit dem Thema hat’s m. E. zu tun, denn das behandelt doch die „kommentierende“ Wendung gegen menschenfeindlichen Netz-Quark (die ich gleichfalls zu leisten dachte).

    Hauptgrund war, dass ich es für ziemlich bemerkenswert halte, wenn in unserer Gesellschaft, ausgerechnet auch noch von Berlin aus („Game Publisher“ ist die Berliner Firma Just A Game) Krieg verharmlosend und aufhübschend mit sexy Schlüsselreizen konnotiert wird. Mir bleibt da die Spucke weg, und ich find’s unharmlos wahnhaft auf eine geradezu satanische Weise (äh, Sex für sich hat mit dem Teufel natürlich NICHTS zu tun, liebe Kinder). Als Nie-Gamer, der Werbung ausgesetzter Passant und Werbung ausgesetzter anderweitiger Netztuser nehme ich hauptsächlich diese kriegstreiberische Gamesparte wahr.

    Laufend sieht man mittlerweile Werbung für andere Computer- oder Online-Kriegsspiele, meistens mit der Konnotation „Ruhm“ oder „Ehre“.

    Mann, ich wollte bei der Gelegenheit nur auf eine Entwicklung, auf eine mittlerweile scheinbar mögliche Veränderung der gesellschaftlichen Wahrnehmung, hinweisen, die ich äußerst gruselig finde: Krieg als wieder gesellschaftsfähig, ja: als attraktiv und, man stelle sich das vor, sogar sexy, über das Einfallstor Game, das ja in erster Linie nicht ältere Leute mit einer eher präzisen Vorstellung davon, was Krieg bedeutet (hat), betreten, sondern halbe Kinder.

    Ob das kommunikationsarchitektonisch jetzt das Gelbste vom Ei war, bezweifle ich selber. Ich mach‘ aber auch nicht oft in Alarmismus. Doch diesmal habe ich eine Ausnahme gemacht. Muss das denn dann so fein säuberlich passen?

    Jetzt Du wieder: „Mach‘ doch Deinen eigenen Blog.“

  21. 21

    @flubutjan: Hehe, nee, nee, keine Sorge (letzter Satz), danke für die lange Erklärung. :) Hatte mich schon gewundert, ich „kenne“ ja deinen Namen und als Spammer bist du mir nie aufgefallen, ganz im Gegenteil… umso überraschender fand ich den Link. Nix für Ungut – ich verstehe jetzt aber besser, was du meintest.

    Wobei man sagen muss, dass diese Art der Werbung schon sehr, sehr weit unten ist und die vermutlich niedersten Instinkte der vermeintlichen Zielgruppe anspricht… sowohl im Sex-sells-Bereich als auch in diesem ganzen „Ruhm und Ehre“ Slang. Auf die gesamte Gesellschaft würde ich da ungern schließen. Aber ich bin ja auch Optimist…

    Also: Sorry fürs harsche Löschen – ich bin zur Weihnachtszeit manchmal etwas gereizt, weil die Menge an Spam in den Kommentaren, den man aussortieren muss, dann immer irre zunimmt. Da schießt man manchmal übers Ziel hinaus.

  22. 22

    Also ich finde das Phänomen nicht nur bei Youtube präsent, sondern auch bei großen „Shitstorms“ die Bloggern immer entgegenschlagen. Klar muss derjenige, der in den Wald hineinruft auch hören, wie es hinausschallt, aber wenn es persönlich wird ist die Grenze erreicht. Hier gilt konstruktive Kritik und nicht einfach mit Worten drauflosprügeln. So handhabe ich das dann auch mit meiner Blogkritik.
    Wenn mir sowas dann aber auf Sozialen Netzwerken begegnet werde ich sauer und spring dann auch für meine Sozialen Freunde ein, die ich kaum kenne. Hier ist es nämlich meist persönlich und einfach aus der Luft gegriffen. Mein Schlachtplan: Ich konfrontiere diesen Menschen so scharf wie ich nur kann. Bestimmt, kritisch und ruhig. Das lässt wenigsten kalt.

  23. 23

    Also ich finde das Phänomen nicht nur bei Youtube präsent, sondern auch bei großen „Shitstorms“ die Bloggern immer entgegenschlagen. Klar muss derjenige, der in den Wald hineinruft auch hören, wie es hinausschallt, aber wenn es persönlich wird ist die Grenze erreicht. Hier gilt konstruktive Kritik und nicht einfach mit Worten drauflosprügeln. So handhabe ich das dann auch mit meiner Blogkritik.
    Wenn mir sowas dann aber auf Sozialen Netzwerken begegnet werde ich sauer und spring dann auch für meine Sozialen Freunde ein, die ich kaum kenne. Hier ist es nämlich meist persönlich und einfach aus der Luft gegriffen. Mein Schlachtplan: Ich konfrontiere diesen Menschen so scharf wie ich nur kann. Bestimmt, kritisch und ruhig. Das lässt die Wenigsten kalt.

  24. 24
    Matze

    Hm, bin gerade hin- und hergerissen. Denn es heißt ja auch: Don’t feed the troll. Wenn zudem die wirksamste Methode ist, den bösen keine Aufmekrsamkeit zu schenken. Andererseits finde ich genau diese Sache – Kommentare stehen einem bei – etwas sehr Angenehmes.

    Aber hat jemand eine Idee, was ist denn der Unterschied zw. don’t feed the Troll und falscher Passivität?

  25. 25

    Konfrontation finde ich absolut richtig – Löschung von unliebsamen Inhalten allerdings nicht nur moralisch falsch, sondern auch unpraktisch. Wäre der obige Artikel vom Shopblogger z.B. als Kommentar bei mir im Blog gelandet, könnte es durchaus sein, das er stehen bliebe. Ich finde Auseinandersetzung mit derartigen Inhalten nämlich ergiebiger, als durch Inhalts-Entfernung eine heile Welt vorzuspielen, in der alle so tun, als ob es keine [wie auch immer man Leute nennt, die zwanghaft Wörter wie „Kulturbereicherer“ und „Gutmensch“ verwenden] gibt.

  26. 26
    4et

    Ich fühle mich nicht zivilcouragiert wenn ich mit einem anonymen Account bei Youtube mein Maul auf mache (und das tu ich). Und ja, natürlich hat man dort einen Account der sowieso nicht für jeden Hanswurst zu seiner Person nachverfolgbar ist. Alles andere ist irre.

  27. 27

    Regulierung ist ein Thema für sich. In den USA ist es mittlerweile ins Extreme gerutscht. Mehr dazu hier: http://www.alistapart.com/articles/say-no-to-sopa/

  28. 28
    Andi

    Ich habe gerade mal bei dem oben von Kiki (#3) verlinkten Shopblogger-Artikel in die Kommentare geschaut (inzwischen über hundert). Krass. Johnnys Irritation kann ich mich nur anschliessen.

  29. 29
    Elblette

    @erlehmann: Diese Haltung ist für mich ein bisschen Teil des Problems, denn da die Rechten im Netz sehr aktiv sind, kriegen sie durch die „ich lösche das nicht, das darf als Meinung stehen bleiben“-Haltung mehr Forum als sie meiner Meinung nach dürften. Oder wenn man es schon stehen lässt, sollte man es auch als Teil einer Strategie brandmarken. Oder mal anders herum gefragt: Ich lese nicht auf rechten Seiten herum, gibt es auch Antifas, die gezielt deren Threads auseinander nehmen? Fände ich super!

  30. 30
    S.Ooker

    Ich habe es versucht und versuche es auch weiterhin, aber gezielter.
    In manchen Foren, und insbesondere bei Nachrichtenartikeln die irgendwie was mit Ausländern zu tun haben, steht man in der Kommentarspalte als beschwichtigende, differenzierende Person allein auf weiter Flur.
    Gegen geballte Dummheit lässt sich kaum gegenanreden. Man ist dann bloß der „Gutmensch“ auf Inhalte des Kommentars wird nich weiter angegangen und die 88 rechtspopulistischen, bzw. ausländerfeindlichen Kommentatoren hetzen einfach weiter.
    Zivilcourage in dem Fall nur dort wo noch nicht alles verloren ist. Die Zeit ist sonst zu schade.

  31. 31
    flubutjan

    @Johnny Haeusler: Lieber Johnny – Optimismus: Yeah.

    Trotzdem noch ein semi-off-topic Wort:

    Ich neige nicht zu Verschwörungstheorien, wirklich nicht. Aber: Diese ganze Kriegspielwerbung, neuerdings auch noch mit Sex in Verbindung gebracht (ich fass‘ es immer noch nicht: Krieg und Sex, was für eine Verknüpfung), wirkt, wie alle Werbung, auf das sogenannte

    gesellschaftliche Unbewusste (eine interessante Kategorie von Marion Erdheim).

    (Ich sprach oben von einer „kriegstreiberischen“ Gamesparte. Präziser und auch komplizierter hätte es vielleicht lauten müssen: kriegsbereitschaftstreiberische Gamesparte.)

    Und Tatsache ist auch, dass es ein paar nette gesellschaftliche Kräfte gibt (ich sag nur mal: gewisse Konzerne, Waffenhändler), die ein handfestes Interesse an Kriegsgeschehen haben. (In den USA z. B. sind Rüstungskonzerne Lieblingsklientel der Republikaner.)

    Ich sehe diese beiden Fakten – „Kriegswerbung“ und Kriegslobby – nebeneinander, und frage mich nur, ob es da v i e l l e i c h t einen Zusammenhang gibt.

    Und – ein bisschen mehr on-topic – noch ein letztes zu der „sexy“ Kriegsspielwerbung:

    Denkt niemand daran, was man damit den Menschen antut, die unter Krieg gelitten haben? (Es gibt außerdem übrigens auch noch Menschen, die quasi an dem Leid der ersteren zu leiden hatten.) Wie fühlen die sich wohl, wenn die Katastrophe ihres Lebens in der allgemeinen Werbung als sexy Travestie erscheint?

    Danke für den Raum hier.

  32. 32

    @flubutjan: Den Zusammenhang gibt es ganz sicher: Auf den Games-Messen steht nicht ohne Grund die Bundeswehr und wirbt um neue Soldaten. Ich fürchte, für uns (und noch mal mehr für unsere Kinder) ist Krieg nicht nur durch Spiele ein abstraktes Geschehen geworden. Und wenn es nichts anderes mehr als ein Autorennen ist, dann kommen halt auch großbusige Frauen als Werbemittel dazu.

    Und ja, das ist zynisch und eklig alles.

    Ich wüsste gerne, ob das alles in Ländern, in denen Kriege herrschen, in denen man Familienmitglieder und Freunde verliert, genauso funktioniert. Ich bezweifle es.

  33. 33
    Oliver

    Das Problem, das ich gerade im Internet sehe, ist einfach die Masse des Angebots.
    Online findest du so viele Möglichkeiten, dich zu beschäftigen, unterhalten zu lassen, dass es enorm einfach ist, jegliche Unannehmlichkeiten zu ignorieren und sich mit etwas zu beschäftigen, dass du als angenehm empfindest.

    Hinzu kommt, dass es zwar einfacher ist, einzuschreiten und jemandem beiseite zu stehen, gleichzeitig ist aber auch die Distanz viel größer. Man ist (mehr oder weniger) anonym unterwegs, niemand wird einen schief anschauen, wenn man es unterlässt, zu helfen.

  34. 34

    @Oliver:

    (…) niemand wird einen schief anschauen, wenn man es unterlässt, zu helfen.

    Aber Du selbst weißt es, wenn Du Dich im Spiegel ansiehst.

  35. 35
    flubutjan

    @Johnny Haeusler: Bundeswehrsoldatenwerbung auf Games-Messen?

    Krass.

    Tja, und ‚Just A Game‘ verbindet einfach etwas gemeinhin (und unverwüstlich) Schönes (Sexualität) mit dem äußerst Miesen (Kriegsbegeisterung) – zu wessen Abfärbungs-Benefit? Genau, natürlich zum Benefit des Miesen.

    Und das bringt Zulauf.

  36. 36

    Ich fürchte, so richtig und wichtig das alles ist, dass das bald Luxuspobleme einer desillusionierten Generation sind. Schon sprechen Chefvolkswirte davon, dass die Inflationsgemeinschaft das geringere Übel (gegenüber dem Euro-Zusammenbruch) sei. So, wie jemand, der einen andern mit HIV angesteckt hat und ihn nun ermuntert „lass‘ uns dann doch gleich zusammenbleiben“. Wo sollen denn die Vorbilder dieser Jugend herkommen, wenn sie von den Altvorderen verraten und verkauft werden? Wenn Politiker öffentlich zugeben, sie hätten um der Einführung des Euro oder der verstärkten europäischen Integration willen gelogen? Das, und fast nur das, treibt die Jugend doch erst in die Arme dieser Rattenfänger. Man sollte daher den Jugendlichen eher raten: „immer, wenn Du irgendwo ein solches Video findest, maile den Link an Frau Merkel oder Herrn Schäuble und bitte sie, sich drum zu kümmern und den Hochlader von ihrer besseren Politik zu überzeugen. Dann poste diese Mail darunter im Youtube-Kommentar und aktualisiere mit evtl. Antworten“. Ehre wem Ehre gebührt!

  37. 37

    @@ GG

    Ein etwas utopischer Vorschlag, der aber Charme hat. In der Tat haben wir (seit ca. 10 Jahren) wirtschaftliche Probleme, die mit den Entwicklungen seit Thatcher/Reagan zu tun haben, bei denen auch SPD und Grüne fleissig mitgeholfen haben, sie zu verschärfen. Ich habe die 80er und 90er als durchgehende Party erlebt, jetzt kommt halt die Rechnung.

    Ich finde es erschreckend, dass die meisten Kids, die ich so kenne, keine Ahnung von und kein Interesse haben an dem, was da anrollt. Rattenfänger aller Couleur nutzen das aus.

    Bildet Euch, verdammte Hacke!
    Und dann baut die neue Welt, die wir alle brauchen!
    Ich spiel dann auch mal mit Euren Kinder, respektive Enkeln. Versprochen.

  38. 38

    Weil jetzt hier schon mehrmals auf das Wort Gutmensch rekurriert wurde und ich mich seit langer Zeit damit beschäftige ein Vorschlag:

    Seid Gutmenschen. Und seid stolz drauf. Wir müssen nicht defensiv rangehen und irgendwie versuchen, ja irgendwie aus der Sache rauszukommen, ohne jemanden zu stören und – oh schreck – „Gutmensch“ genannt zu werden. Dass dieses Wort überhaupt jemals in der alten Bedeutung existiert hat, spricht doch schon mal gegen die, die es benutzen. Mittlerweile habe ich (wir mit FICKO) zumindest bei einem kleinen Teil von Menschen, die das Wort gar nicht kannten, schon eine andere Bedeutung durchsetzen können. Begriffe besetzen geht auch in sinnvollere Richtung. Bloß weil der Mob eben der Mob ist, heißt das ja noch lange nicht, dass das auch alle Mitlesenden so sehen. Und manchmal muss man eben die Erste sein, die mal leidenschaftlich widerspricht. Und bloß weil der Mob der Mob ist, heißt das noch lange nicht, dass man zuschauen oder weggehen muss. Man kann auch mit der Axt einsteigen, sinnbildlich gesprochen. Das ist nicht der Weg für ein jedes Schäflein, aber intellektuelle Schärfe funktioniert prinzipiell auch im Internet hervorragend. Solange man es eben hinbekommt, dass es danach nicht in einem Blutbad endet. Ich habe jedenfalls gute Erfahrung damit gemacht, das ganze Brimborium an unter/oberschwelligen Beleidigungen und methodischen Frechheiten zu ignorieren und die Atmosphäre in die Wirklichkeit zurückzuholen. Also tatsächlich auf Argumente herunterzubrechen und diese dann zu widerlegen.

    Schon klar, dass man nicht überall eingreifen kann, aber man kann seinen Mund aufmachen. Und, ja, nerven. Denn man nervt natürlich damit. Viele kommen mit Widerspruch nicht klar und sind persönlich beleidigt, wenn man mal deutlich etwas und damit auch das Verhalten einer Person oder gar die Person selbst ablehnt. Es gibt nun mal sehr sehr viele Idioten, meine persönliche Empirie und Umfragen/Studien zu Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Arschlöchern und und und unterstützen diesen Befund auch. Das Schöne an den Idioten ist, dass die wirklich herausragenden Arschlöcher und Schlechtmenschen eigentlich in der Minderzahl sind. Sehr viele Leute, die sich verhalten wie Arschlöcher, sind Swing States. Die kann man auch noch erreichen, indem man ein Klima schafft, das ihnen die Möglichkeit bietet. Zum einen auf der Informationsebene. D.h. man muss halt auch mal argumentieren, Zahlen etc., die etwas hergeben. Nachvollziehbar sein usw. Zum anderen in der Solidarität mit Schwächeren. Wie dieses Video (ach ich finds grad nicht, die Gruppe, die auf einer Wiese total ausrastet beim Tanzen, nachdem erst nur einer tanzte) sehr schön zeigt, gehört zu einer Gruppe neben der ersten Person, die die Gruppe/Bewegung gründet zuerst der Mensch, der mitmacht. Die erste Mitstreiterin macht aus einem Individuum eine Bewegung bzw. hat zumindest das Potenzial dazu. Diesen Menschen muss man gewinnen, indem man widerspricht, eingreift, laut wird oder zumindest deutlich genug und sei es auf Kosten der Reputation bei PI-Lesern. Und wenn man ihn nicht gewinnt, dann steht man wenigstens den wie auch immer Bedrohten bei. Bzw. ist das natürlich selbstverständlich, sich auch immer an die „Opfer“ zu wenden, das hilft nämlich wirklich.
    Das ist anstrengend, ja. Es ist sogar wirklich anstrengend. Man muss arrogant sein können, man muss ständig Angriffe abwehren oder zumindest ignorieren können, man muss sich oft rechtfertigen, wird als Nervtöter und Rechthaber abgestempelt. Aber es ist besser für alle. Denn wir Gutmenschen haben Recht! Es gibt kein Recht, für niemanden, Menschen zu verletzen, ihnen zu schaden, sie zu erniedrigen und Qualen auszusetzen. Es gibt aber eine Pflicht, einzugreifen, wenn man etwas beobachtet. Lieber Klugscheißer als Dummscheißer. Wenn wir uns nicht wehren gegen all das, was in der Welt schiefläuft, dann brauchen wir uns wirklich nicht zu wundern, wenn das, was die BILD über Griechenland schreibt, irgendwann in die Tat umgesetzt wird. Genauso wie Sarrazin schon seit zehn Jahren in die Tat umgesetzt wurde. Und die Weltpolitik sollte sich lieber nicht im privaten Ansatz wiederfinden. Es gibt unzählige Studien darüber, wie unsere Gesellschaft immer mehr auseinanderfällt. Wenn wir es nicht hinbekommen, zumindest so oft wie möglich einen gutmenschlichen, rücksichtsvollen, freundlichen, angenehmen Rahmen durchzusetzen, gewinnen die Arschlöcher. Und wie es aussieht, wenn sie gewinnen, kann man in Zwickau sehen. In Utoya. Euch fallen sicher genug weitere Beispiele ein.

    Sehr stark geholfen hat mir auch Sascha Lobos Ansatz, den Troll etc. erst einmal selbst als jemanden zu verstehen, der von etwas provoziert wurde. Sonst müsste er ja nicht so ausrasten und rummeinen. Das schafft ein ganz anderes Verständnis. Wir Gutmenschen müssen nicht immer in der Defensive sein. Wir müssen den Standard des menschlichen Miteinanders selbst setzen, sollen sich die Sarrazins der Welt tobend auf den Kopf stellen, so viel sie wollen. IHR – KOMMT – HIER – NICHT – DURCH!

  39. 39

    @form

    Im Prinzip schon…würde Radio Eriwan antworten (kennt das noch jemand?).

    Das Video (mit der tanzenden Gruppe, die immer größer wird, wenn wir vom gleichen sprechen), war nach Meinung mancher für diesen Zweck inszeniert. Wenn man zu den 68ern zurückgeht, waren auch viele nur dabei, weil Rockmusik, Kiffen und lange Harre cool waren. Immerhin haben sich aber daraus politische Bewegungen wie die Grünen und die meisten NGOs gebildet. Das ist gut.

    Aber ich bin weit entfernt davon, zu glauben, dass irgendein Mensch „gut“ ist. Wir alle tragen den Rassisten, den Ignoranten, den Unbelehrbaren, den Arroganten, den Umweltverschmutzer (-Innen) in uns. Durch Konfrontation oder „feed the troll“ wird doch erst das Forum geschaffen, wo sich diese Leute, die ich übrigens auch nicht toll finde, erst austoben.

    Der beste Ansatz, den ich bisher finden konnte, war, zuallererst immer den Menschen zu sehen, wir sind nämlich alle „human beings“. Auch die Arschlöcher und sogar die Gutmenschen.
    Aber bekämpfen?

    Btw. Ich denke nicht, dass die wirklich wichtigen Auseinandersetzungen anonym an einer Tastatur stattfinden. Selbst bei den Piraten muss man da sein und grüne oder rote Kärtchen hochhalten.

  40. 40

    Ja, dieses Wissen um das Arschloch in uns gehört aber zu unserer Definition von Gutmenschlichkeit. Also, dass niemand per se gut ist oder schlecht. Ein Gutmensch versucht aber, möglichst viel dafür zu tun, dass das Arschloch in sich und anderen nicht zu stark wird.

  41. 41

    @form:

    Es gibt aber eine Pflicht, einzugreifen, wenn man etwas beobachtet.

    Nein, das würde ich so nicht unterschreiben wollen. Zunächst mal gibt es m.E. eine Pflicht, auf sich und seine psychische Gesundheit zu achten. Und wenn man sich gerade mental nicht stark genug fühlt, gegen eine Übermacht von Menschenhassern persönlich anzutreten, sollte man es auch nicht tun. Ansonsten besteht nämlich die Gefahr, dass man selbst zum Misanthropen wird (weil man zu lange in menschliche Abgründe schaut) oder in eine Depression fällt (weil man um sich herum kein Licht mehr sieht). Auch Internetverbesserer brauchen Kraft und ich würde niemanden verurteilen wollen, der die (gerade) nicht hat. Für solche Fälle braucht es m.E. noch viel mehr ‚Emergency-Buttons‘, auf die man anonym klicken kann, um Plattformbetreiber auf Hass und Hetze in ihrem Verantwortungsbereich hinzuweisen. Ich würde es befürworten, solche Meldeknöpfe zur Pflichtfunktion auf allen Web-Plattformen zu machen, wo von außen Content eingestellt werden kann (Kommentare, Bilder, Videos).

  42. 42

    @ form

    Wenn wir jetzt noch darin übereinstimmen, dass in Arschlöchern, zumindest latent oder potentiell, auch Gutmenschen stecken, dann verliert diese Aufteilung vielleicht an Gewicht.

    Ausserdem glaube ich steif und fest daran, dass wir als Babies alle ziemlich ähnlich waren.

  43. 43
    rothebuscher

    Beim Shopblogger geht es ja hoch her. Bisher war ich (wenn auch kritisch) immer noch gewillt, die mitunter fragwürdige Darstellung einer gewissen Ungeschicklichkeit im Ausdruck zuzuschreiben.

    Aber mit der Verwendung des „Kulturbereicher“-Begriffs und irgendeiner heraufgeschworenen „kulturellen Entwicklung“ wird wohl klar, dass da jemand einen meist kaschierten, aber jetzt doch klar erkennbaren politisch unkorrekten Hintergrund hat.

    Erschreckend, dass dort fast niemand eine Gegenposition einnimmt. Da scheinen sich Autor und Leser gefunden zu haben. Und das mehr oder minder mitten in der Gesellschaft, wir sprechen ja von einem viel gelesenen, oft verlinkten Mainstream-Blog.

    Etwas mehr digitale Zivilcourage wäre da schon gut.

  44. 44
    anonym

    @ Kiki
    Ich kenne den Shopblogger seit Jahren (also lese ihn) und würde ganz vehement bestreiten, daß er migrantenfeindlich ist oder sich so äußert. Im Gegenteil. Er kritisiert bloß berechtigterweise in seinem Blog, wie sich manche Leute, auch Jugendliche, im Laden benehmen. Und dabei deutet er öfter mal an, daß sich auch ausländische Jugendliche darunter befinden. Deren Verhaltensweise kritisiert er. Eine Migrantenfeindlichkeit kann ich da beim besten Willen nicht herauslesen.

    Und daß er die Kommentare seines Blogs nicht rigoros zensiert, ist m. E. ein ziemlich unangemessener Vorhalt. Das tun andere auch nicht. Und sie müssen es auch nicht tun. Täten sie es, würde es erst recht kritisiert werden.

  45. 45
    rothebuscher

    @anonym

    Na ja, er verwendet aber Begriffe der Rechten. „Kulturbereicherer“ als dumm-ironische Beleidigung für Migranten findet man letztenendes nur im rechten Kontext.

  46. 46
    Iris

    @anonym:
    Nein, er kritisiert eben nicht, wie sich ‚manche Leute, auch Jugendliche, im Laden benehmen‘, sondern er „kritisiert“, wie sich „Kulturbereicherer“ benehmen. Dieser Begriff ist ein ironisch gemeintes Schimpfwort aus rechtsextremen Kreisen. Und wenn Du da keine Migrantenfeindlichkeit herauslesen kannst, ist das für mich ein Indiz dafür, dass solche Schmähworte zu Deinem Alltagsjargon gehören.

    Und daß er die Kommentare seines Blogs nicht rigoros zensiert, ist m. E. ein ziemlich unangemessener Vorhalt.

    Zwischen Zensur und unkritischer Duldung migrantenfeindlicher Kommentare ist viel Raum, die eigene Haltung deutlich zu machen. Johnny löscht hier auch nicht jeden menschenfeindlichen Kommentar. Trotzdem würde wohl keiner auf die Idee kommen, dass er sich mit den Kommentatoren einig ist, denn er lässt sie auch nicht unkommentiert in seinem Blog stehen.

  47. 47
    anonym

    @ rothebuscher
    Ich kenne den Begriff nicht, was mich selbst auch nicht überrascht, denn ich besuche ja keine Foren irgendwelcher Rechter, deswegen ist mir deren Vokabular auch nicht vertraut. Und wie oft hat der Shopblogger diesen inkriminierten Begriff in seinem Blog jetzt benutzt? Ich habe ihn da, glaube ich, erst einmal gelesen.

    Nein, ich kann mich da nur wiederholen: Wer den Shopblogger ernstlich für einen Rechten und für einen Rassisten hält, der hat m. E. einen deutlichen Knick in der Optik. Vielleicht wäre es zur Klärung sinnvoll (ehe man hier in den Kommentare derartige Gerüchte verbreitet), ihn selbst mal anzusprechen. Bei der jahrelangen Lektüre seines Blogs habe ich den Eindruck gewonnen, daß er auf lange Sicht immer recht überlegt handelt und schreibt. Die Ironie der Geschichte hier ist doch, daß ich Spreeblick überhaupt nicht besuchen würde, wenn ich nicht über die Blogroll des Shopbloggers dahingeleitet worden wäre!

  48. 48
    anonym

    @ Iris
    Herzlichen Dank für die meine Person betreffende Unterstellung! Das zeigt ja wieder mal, daß viele Leute im Internet schnell jedes Maß verlieren und ihre subjektive Meinung mit der Realität verwechseln. Und das genau ist auch die Gefahr dabei. Es gibt natürlich etliche Meinungen im Netz, die mir ausgesprochen mißfallen. Der schnelle und übereifrige Ruf nach Zensur, Denunziation und Überwachung gerade hier in den Kommentaren zeigt mir überdeutlich, daß die Diskussion, und sei sie von noch so guten Absichten getragen (die ich übrigens nachvollziehen kann und unterstütze), in eine gefährliche Richtung geht. Was von Herrn Haeusler sicherlich nicht intendiert war.

  49. 49
    Iris

    @anonym:
    Ach, spielen Sie hier doch nicht den Empörten. Jeder, der nur ein paar Minuten fürs Googeln aufbringt, wird schnell feststellen, dass Kiki hier nicht die erste ist, der rassistische Umtriebe beim Shopblogger aufgefallen sind. Und wenn Sie, wie sie sagen, ein Stammleser dieses Blogs sind, ist Ihnen das mit Sicherheit auch nicht entgangen, da bin ich mir inzwischen ziemlich sicher. Volksverhetzung oder rassistische Äußerungen im öffentlichen Raum anzuzeigen, ist nicht mit Denunziation gleichzusetzen. Genausowenig wie Widerspruch gegen diskriminierende Kommentare von anständigen Demokraten Zensur genannt werden würde. Ich nenne das Zivilcourage.

  50. 50
    rothebuscher

    @anonym

    Aus Ihrer Sicht muss man sich also selbst in Foren irgendwelcher Rechter bewegen, um deren Begriffe zu kennen? Vielleicht genügt dazu auch ein wachsames Auge auf Entwicklungen und Fehlentwicklungen?

    Ich bin kein regelmäßiger Leser des Shopbloggers (und seit kurzem gar keiner mehr), aber ich meine, da in letzter Zeit schon öfter einen leicht abdriftenden Tonfall entdeckt zu haben, den die Verwendung des „Kulturbereicherer“-Begriff nur noch weiter verschärft. Und überhaupt: Wie oft muss man denn fremdenfeindliche Gedanken äußern, bis man „offiziell“ als Fremdenfeindlich gilt? Wenn ich jetzt schreibe, dass draußen eine Horde von Kümmeltürken herläuft, ist das halb so wild, weil es ja nur einmal schreibe?

    Nein, der Shopblogger macht das mit voller Absicht. Und seinen Leser scheint es ja zu gefallen, wenn man der Mehrheit der Kommentare glauben darf. Wobei: Kein denkender Mensch kann sich mit diesen Fanatikern ernsthaft auf ein Gespräch einlassen.

  51. 51
    Nihilistin

    Vom Konkreten: Ja, ich habe beim Shopblogger schon länger eine Tendenz wahrgenommen („Freitagsjodelei“ bei einem Aufregerartikel über hofzuparkende Moscheebesucher), und war vom „Kulturbereicherer“ mehr als geschockt……zum Allgemeinen: Ja, auch im Netz finde ich Zivilcourage wichtig und beginne sie inzwischen auch selber zu leben. Beim Shopblogger war es für mich eine persönliche Mail an ihn (auf den unterirdischen Battle in den Kommentaren hatte ich keine Lust). Mindestens das kann man tun, selbst wenn man keine Lust hast sich in den Kommentaren wahlweise als Sozi, Grüner oder Gutmensch verkloppen zu lassen. Für mich eine Form des „Stimmehebens“, damit auch beim Betreiber nicht der Eindruck entsteht, es gäbe nur eine lautstarke oder schweigend-zustimmende Mehrheit.
    Das ist kein weiteres Shopblogger-Bashing, sondern eher die Darstellung meiner gerade wachsenden, weil als notwendig erkannten digitalen Zivilcourage.

  52. 52
    anonym

    Ich persönlich finde es einerseits überraschend, andererseits aber traurigerweise natürlich irgendwie erwartbar, wie in den Kommentaren sich teilweise eine platte Selbstgefälligkeit breitmacht (eben auch gerade hier), so etwa nach dem Motto: Ich bestimme jetzt hier, wer die Nazis sind. Und das sind natürlich die anderen. Es ist primitiv, aber es funktioniert offenbar: Man erhöht sich selbst, indem man anderen schlechte Absichten unterstellt. Wer in einem Kommentar eine abweichende Meinung äußert (und wird sie auch begründet), der kann bloß ein Rechter sein. Da muß ich ganz ehrlich sagen: Mit solchen Leuten ist keine sinnvolle Diskussion mehr möglich. Leute, die nichts, aber auch rein gar nichts über mich wissen, wollen im Schnellverfahren festgestellt haben, wie rechts ich doch eigentlich sei (oder evtl. auch jemand anders). Für mich ist das schon irgendwie eine Art von Wahn, tut mir leid.

    Und was einige Diskutanten vollkommen zu übersehen scheinen: Ein möglichst freies und liberales Internet (das also nicht permanent von staatlichen Stellen überwacht wird) ist das erklärte Ziel vieler, die im Netz unterwegs sind. Und dieses Ziel ist richtig und legitim. Aber kaum ist mancher Verfechter dieser Idee selbst mal betroffen oder geht es um schlimme Machenschaften (Nazis z. B.), dann wird sofort nach Staat, Überwachung, Strafe, Zensur im Netz gerufen. Beides paßt nun aber mal nicht zusammen.

  53. 53
    Iris

    @anonym:

    Wer in einem Kommentar eine abweichende Meinung äußert (und wird sie auch begründet), der kann bloß ein Rechter sein.

    Ich kann hier nur für mich sprechen: Gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit ist mich keine Meinung! Darunter verstehe ich ganz konkret: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Homophobie, Antisemitismus – Gesinnungen also, die alle eines gemeinsam haben: Die Verneinung der Gleichwertigkeit aller Menschen. Und ja, jeder, der die öffentliche Verbreitung solcher Gesinnungen duldet, verharmlost oder mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung zu rechtfertigen versucht, hat für mich zumindest schon mal rechts Schlagseite. Wer sie selbst äußert, ist in meinen Augen ein Menschenfeind und wird auch von mir so angesprochen. Diese meine Haltung können Sie meinetwegen für primitiv oder selbstgefällig halten. Damit kann ich leben – sehr gut sogar.

    Und was einige Diskutanten vollkommen zu übersehen scheinen: Ein möglichst freies und liberales Internet (das also nicht permanent von staatlichen Stellen überwacht wird) ist das erklärte Ziel vieler, die im Netz unterwegs sind. Und dieses Ziel ist richtig und legitim. Aber kaum ist mancher Verfechter dieser Idee selbst mal betroffen oder geht es um schlimme Machenschaften (Nazis z. B.), dann wird sofort nach Staat, Überwachung, Strafe, Zensur im Netz gerufen. Beides paßt nun aber mal nicht zusammen.

    Aber sicher passt das zusammen. Jeder demokratische Rechtsstaat funktioniert nur in der Abwägung individueller Rechte gegenüber dem Allgemeinwohl. Absolute Freiheit gibt es nicht. Die Freiheit des einen kann immer nur so weit gehen, dass sie die Freiheitsrechte anderer nicht über die Maßen verletzt. Das gilt sowohl innerhalb wie außerhalb des Internets. Und über allem steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

  54. 54
    anonym

    @ Iris
    Ihre Gesinnung stelle ich ja gar nicht in Frage. Im Gegenteil teile ich sie. Das Problem ist aber dies: Wenn ich mich in einem Kommentar äußere, dann gibt es sofort Aufpasser (oder nennen Sie diese Personen, wie Sie wollen), die etwas so oder so verstehen (oder mir auch notfalls das Wort im Mund herumdrehen, aus welchem Grund auch immer) – und am Schluß werde ich als genau das gebrandmarkt, was ich nicht bin. Daß das kein besonders hohes oder zivilisiertes Diskussionsniveau darstellt, brauche ich Ihnen wohl nicht zu erläutern.

    Ich habe genau aus EINEM Grund den Shopblogger in Schutz genommen: Weil mich die Behauptungen hier in den Kommentaren nicht überzeugt haben, in keiner Weise. Da ich beim Shopblogger alles in den letzten Jahren gelesen habe, kann ich nur konstatieren, daß ich niemals etwas Rassistisches oder dergleichen wahrgenommen habe. Jetzt können Sie mich natürlich schön leicht der Blindheit zeihen! Aber auch das würde mich nicht überzeugen, traue ich meinen Augen und meinem Textverständnis doch mehr als nahezu allen Behauptungen anderer Leute (Sie wissen ja wahrscheinlich, wie unterschiedlich mehrere Zeugen dasselbe Geschehen oft wahrnehmen). Es bleibt also dabei: Dem Shopblogger rechte Tendenzen oder Sympathien zu unterstellen, halte ich für grob verfehlt (so edel die Motive für die Unterstellung auch sein mögen). Daß er einmal eine Vokabel benutzt hat, die er nicht hätte benutzen sollen (und die ich niemals zuvor gehört hatte und damit nicht kannte), ändert daran nichts.

    Und den Shopblogger für die Kommentare auf seiner Seite verantwortlich machen, das will doch wohl niemand ernstlich?! Das schiene mir doch recht albern zu sein. Der Lawblog hat ja seit alters her auch oft recht konträre Kommentare, da würde wohl auch niemand auf die Idee kommen, den Blogbetreiber dafür in moralische Haftung zu nehmen.

    Im übrigen bleibe ich auch bei meiner anderen Einschätzung: Die Vehemenz, mit der manchmal im Netz jetzt nach Überwachung und überhaupt nach dem Staat gerufen wird, ist für mich eindeutig erschreckend, denn vorher haben oft dieselben Leute das alles vehement abgelehnt (berechtigterweise). Da wäre es für mich konsequent, auch dabei zu bleiben (und diese meine Haltung ist alles andere als ein Zugeständnis an irgendwelche rechten Haßseiten). Man sollte die Meinungsseiten irgendwelcher durchgeknallter Fanatiker nur nicht so wichtig nehmen, daß man sie mit aller Staatsgewalt unterdrücken möchte – eins ist doch ohnehin klar: Im Netz kann man nichts dauerhaft unterdrücken, das sollte mittlerweile jeder verinnerlicht haben.

    Ich finde auch nicht, daß man sich allzuviel auf seine Gesinnung einbilden sollte. Dazu gibt es m. E. keinen Grund. Und den Begriff der Zivilcourage zu bemühen, weil man irgendwelche Kommentare schreibt, halte ich ebenfalls für reichlich übertrieben, denn welches Risiko geht man denn damit bitte ein? Man kann ja die weltweit beste Gesinnung haben, aber ab und zu sollte man sich doch mal auf eine Art Selbstreflexion einlassen, das wäre klüger als das (gerade in Kommentaren) oft übliche Verhalten.

  55. 55
    Iris

    @anonym:

    Was halten Sie denn z.B. davon?
    http://www.shopblogger.de/blog/archives/6322-Bald-wohl-mit-Tuersteher.html

    Das sieht für mich ganz danach aus, als ob dem Shopblogger sehr wohl bewusst war, was er mit den durchgestrichenen Silben bei seinen Lesern bewirken würde. Außerdem hatte er über längere Zeit PI auf der Blogroll (weswegen m.E. davon ausgegangen werden kann, dass ihm bekannt war, in welchen Kreisen und mit welcher Intension das Wort ‚Kulturbereicherer‘ üblicherweise verwendet wird). Ist Ihnen als Stammleser auch entgangen?

    Und den Shopblogger für die Kommentare auf seiner Seite verantwortlich machen, das will doch wohl niemand ernstlich?! Das schiene mir doch recht albern zu sein. Der Lawblog hat ja seit alters her auch oft recht konträre Kommentare, da würde wohl auch niemand auf die Idee kommen, den Blogbetreiber dafür in moralische Haftung zu nehmen.

    Doch will ich. Und auch im lawblog hab ich schon mehrfach auf m.E. rassistische, fremdenfeindliche und frauenfeindliche Kommentare aufmerksam gemacht und Udo Vetter auf seine Verantwortung als Blogbetreiber hingewiesen. Allerdings fanden diese Appelle selten Gehör, weshalb ich auch schon länger keine gute Meinung mehr über dieses Blog habe.

    Ich finde auch nicht, daß man sich allzuviel auf seine Gesinnung einbilden sollte. Dazu gibt es m. E. keinen Grund.

    Wer sagt, dass ich das tue? Ich habe eine Haltung. Die habe ich hier geschildert. Und ich finde, jeder sollte eine haben. Das ist das Mindeste, was man von erwachsenen Demokraten erwarten kann.

    Und den Begriff der Zivilcourage zu bemühen, weil man irgendwelche Kommentare schreibt, halte ich ebenfalls für reichlich übertrieben, denn welches Risiko geht man denn damit bitte ein? Man kann ja die weltweit beste Gesinnung haben, aber ab und zu sollte man sich doch mal auf eine Art Selbstreflexion einlassen, das wäre klüger als das (gerade in Kommentaren) oft übliche Verhalten.

    Wie Johnny in seiner Einleitung oben schon angesprochen hat, muss Zivilcourage im Internet an vielen Stellen nicht unbedingt mit einem persönlichen Risiko verbunden sein. Das heißt aber m.E. nicht, dass es hier keine geben kann. Wenn man sich immer in Lebensgefahr begeben müsste, um Angegriffenen beizustehen (wenn auch nur verbal), würde man es Todesmut oder Märtyrertum nennen. Selbstreflexion ist natürlich auch gut und wichtig. Aber das eine schließt das andere ja nicht zwangsläufig aus.

  56. 56

    @ anonym

    Zum Shopblogger kann ich nichts sagen, da fehlt mir jeder Hintergrund (wie bestimmt Vielen hier). Deshalb: Warum ruft den guten Mann nicht mal jemand an und fragt, was da los ist?

    Ansonsten full ack, ein sehr kluger post.

  57. 57
    Nihilistin

    @arne: Habe ich (nicht angerufen, sondern angemailt). Nicht vorwurfsvoll, nicht angreifend, sondern meine Sicht darstellend. Sehr persönlich, sehr ehrlich, nicht polemisch. Keine Reaktion.
    Sollte er allerdings, wie Iris weiter oben schreibt, wirklich mal PI auf der Blogroll gehabt haben (was mir nicht aufgefallen ist, obwohl ich ihn seit über 3 Jahren täglich lese….aber ich lese auch nie Blogrolls), dann wunderts mich nicht.
    Edit: Laut archive.org hatte der Shopblogger bis 2007 „PI“ auf der Blogroll. Ist nicht nur ein Gerücht. Und da gibts dann für mich auch keinen „Verjährungsbonus“, jedenfalls nicht bei einem Erwachsenen.

  58. 58

    @Nihilistin

    Meine Erfahrungen mit emails in den letzten Jahren sind eher negativ. Entweder es verfängt sich im spamfilter, wird als unerwünschte Werbung gelöscht, der Adressat liest es nicht, weil es unverlangt zugesandt wurde oder, oder, oder. Email ist für Leute, die nicht dauernd miteinander in Kontakt stehen ungeeignet. Jemandem einen Vorwurf zu machen, dass er auf ein email nicht antwortet, funktioniert selten.

    Archive.org ist eine tolle Sache. Wenn man richtig forscht wird man auch herausfinden, dass ich um das Jahr 2000 eine grottenschlechte Seite gebaut habe, mit der ich regionale Wurstspezialitäten verkaufen wollte.

    Ich denke, ein Anruf ist wirklich der bessere Weg.

  59. 59
    Iris

    @arne:

    Ich denke, ein Anruf ist wirklich der bessere Weg.

    Dann ruf doch an. Was hindert Dich?

  60. 60

    @Iris

    Nichts. Und ich werde es trotzdem nicht machen.

    1. Weil ich den Shopblogger nicht kenne und nicht lese.

    2. Weil ich nicht sicher sagen kann, wie er Begriffe verwendet.

    3. Weil ich es albern finde, auf Spreeblick den Shopblogger zu diskutieren ohne ihn persönlich einzubeziehen.

    4. Weil ich es zumindest merkwürdig finde, dass auf einmal solche vermeintlich rechten Kommentare auf einer jahrelang unauffälligen Site auftauchen.

    5. Weil jeder Depp und Troll auf jedem Blog seinen Senf dazu geben kann, solange er sich nicht total vergreift in der Wortwahl.

    6. Weil Political Correctness oft nichts anderes ist als moralischer Extremismus.

    7. Weil es einfach ist, Revolution und Empörung auf der Couch in der warmen Hütte am Laptop zu spielen.

    8. Weil es wichtigere Probleme gibt. Z.B. Rechte aus Fleisch und Blut, die ganze Dörfer beherrschen, Menschen umbringen und in Angst und Schrecken versetzen. Und es gibt auch einen Haufen Doofe und Gewalttätige bei den Linken, in der Mitte und in allen Religionsgemeinschaften und Parteien.

    Ich bin dann mal weg. Nennt es mangelnde Zivilcourage. Sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen ist der erste Schritt zur Toleranz.

  61. 61
    Iris

    @arne:

    Und ich werde es trotzdem nicht machen.

    Dann tu mir doch mal einen Gefallen und versuch auch nicht anderen vorzuschreiben, wo und in welcher Form sie Kritik zu üben haben.
    Ich wüsste nämlich auch nicht, wieso ich mir vom Shopblogger eine telefonische Erklärung abholen sollte. Er ist kein Freund von mir, nicht mal ein flüchtiger Bekannter. Und das, was hier an seinem Blog kritisiert wurde, hat sich ja schließlich auch in der Öffentlichkeit zugetragen, oder?

    Jemand, der ohne Rücksicht auf Verluste rassistische Hetze in seinem Blog provoziert, duldet und öffentlich stehen lässt, hat von mir keine Diskretion zu erwarten. Und ich sag Dir auch, warum: Weil ich mir schon vor langer Zeit die Frage gestellt habe, wie es wohl für einen Vater oder eine Mutter mit tatsächlichem oder scheinbarem Migrationshintergrund ist, wenn sie jahrelang in fast sämtlichen Medien diese Anfeindungen gegen Menschen wie sie lesen müssen? Wie sie wohl mit der Angst um die Zukunft ihrer Kinder in unserem Land fertig werden? Und Angst macht ihnen dieser unverhohlene Hass, der ihnen auf so vielen öffentlichen Plattformen entgegenschlägt, ganz bestimmt. Der macht ja sogar mir oft Angst, obwohl ich nicht unmittelbar davon betroffen bin.

    Abschließend noch eine kurze Anmerkung zu Deinem Punkt 8:
    Ist Dir der Name Anders Behring Breivik noch in Erinnerung? Hier ein Wikipedia-Zitat über die Quellen seines Irrsinns:

    Die von Medien als „Manifest“ bezeichnete Schrift besteht auch in weiteren Teilen aus einer Zusammenstellung fremder Texte von politisch konservativen, rechtspopulistischen und islamfeindlichen Webseiten.

    Es gibt viele Probleme in der Welt. Und welche davon ich für so dringend oder bedrohlich halte, dass ich meine, mich damit auseinandersetzen zu müssen, ist meine Entscheidung, nicht Deine.

  62. 62
    anonym

    @ arne
    Das meiste, was Sie anmerken, kann ich unterschreiben. Es fällt mir im Laufe der Zeit zunehmend auf, daß es einigen Leuten vorrangig darauf anzukommen scheint, aus normalen Bürgern Nazis zu machen (und sich als Richter aufzuspielen, z. B. anhand von haarspalterischen Textdeutungen), obwohl es eigentlich ganz andere Probleme gibt, eben z. B. echte Nazis. Insofern scheint mir meine Deutung der angestrebten Selbsterhöhung nicht so vollkommen abwegig zu sein. Man möchte offenbar mit wenig Aufwand viel Effekt erreichen.

    Jetzt ist nun auch plötzlich Udo Vetter ein Rechter! Das kommt einem langsam wie ein Stück aus „Titanic“ vor. Am besten ist wohl, man geht auf diese ganzen Infantilitäten gar nicht mehr ein.

    Interessant ist auch: Bei „Zivilcourage“ wird die Wortbedeutung schon gar nicht mehr richtig verstanden, wenn behauptet wird, ein persönliches Risiko müsse auch gar dabei nicht vorliegen! Was bedeutet denn wohl Courage, und warum wird Zivilcourage immer besonders erwähnt, wenn das alles plötzlich zum Nulltarif zu haben ist? Ich habe zumindest selbst noch Zeiten erlebt, wo ein gewisses persönliches Risiko damit verbunden war, bestimmte Dinge zu artikulieren, wovon diese Textdeuter und an der Computertastatur hängenden selbsternannten Bekämpfer vermeintlicher Rechter vermutlich keinen blassen Schimmer haben, sonst würden sie nicht so leichtfertig (und juvenil wirkend) daherschwadronieren.

  63. 63

    „Gerade bei Kommentaren in Zeitungen frage ich mich immer, tragen die zur Meinungsbildung bei oder bleiben da die Spinner unter sich, die früher Leserbriefe geschrieben haben, die niemals abgedruckt wurden?“ by oben lesen.

    Bedanke mich für die tlw. sebstkritischen Äusserungen.
    In Gedanken verloren,
    wünsche ich allen alles erdenklich Gute.

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