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Wintersport

Man trennt zwei Mikrowellengeräte vom Netz und legt die Geräte nebeneinander mit den Türen nach oben auf den Boden. Dann öffnet man die Türen und stellt je einen Fuß in je eines der Geräte, so dass die Türen an den Schienbeinen lehnen. Jetzt gießt man die Geräte mit Beton aus. Während der Beton durchtrocknet, bittet man eine zweite Person, einem zwei, drei Daunenschlafsäcke über den Körper zu ziehen und das Gesicht mit Klebeband zu umwickeln – die Augen bleiben dabei frei, werden jedoch mit Klarsichtfolie überdeckt. Motorradhelm und -handschuhe komplettieren das Outfit.

Als nächstes schultert man noch zwei mittelgroße Holzbalken und zwei leichtere Alu-Rohre, behauptet, man werde nun „Sport machen“ und beginnt „Ski zu fahren“. Betoniert man seine Füße statt in zwei Mikrowollengeräte in einen einzigen Kühlschrank, nennt man das Ganze „Snowboarden“, Holzbalken und Alu-Rohre fallen dann weg.

Tatsächlich ist die Ausrüstung beim Wintersport das beste Argument dagegen. Denn der zeitliche und physische Aufwand und der Schmerz beim Anziehen, Tragen und wieder Ablegen des Equipments steht eigentlich in keinem vernünftigen, nachvollziehbaren Verhältnis zum Vergnügen. In Snowboard-Boots kann man sich zumindest noch halbwegs würdevoll zur Piste bewegen, in Skistiefeln ist das unmöglich und dauert etwa dreimal so lange, als würde man rückwärts auf allen Vieren zum Berg krabbeln. In einem Schlafsack natürlich.

Immerhin sehen aber alle Beteiligten beim Wintersport gleich lächerlich aus – manche sogar noch etwas lächerlicher – und sind durch Mützen, Gesichtsmasken, Schals und Helme zudem derart unerkennbar, dass man sich nicht zu sorgen braucht, zufällig jemanden zu treffen, der einen bis dahin respektiert hat.

Es müssen die gleichen Hormone sein, die Frauen dazu bringen, sich nach dem ersten Kind für weitere Nachkommen zu entscheiden. Angeblich vergessen sie nämlich die Schmerzen, unter denen sie das erste Kind geboren haben, sehr schnell, und so zwängt sich auch der Wintersportler jeden Tag erneut in seine Ausrüstung, als könne er sich an die Qualen vom Vortag nicht mehr erinnern.

Wer den Mensch für das intelligenteste Lebewesen der Erde hält, sollte die genaue Anzahl der Pinguine kennen, die sich freiwillig in Ketten legen und dann versuchen, mit Hilfe von Seilwinden Bäume zu erklimmen, um von dort oben hinab zu fliegen: Null.

Nun ist es aber so, dass sich gerade im Winter Familienurlaube mit leichter auszuübenden Sportarten und weniger Wettausrüsten nicht allzu großer Beliebtheit erfreuen, zumindest fand mein Vorschlag „Lasst uns doch dieses Jahr mal so’n richtig irren Billard-Urlaub in Marzahn machen“ wenig Zustimmung. Und so fanden wir uns bereits zum zweiten Mal in einem tschechischen Kaff wieder, um uns Mikrowellen und Kühlschränke an die Füße zu betonieren.

Der Wintersport hat nämlich hat in den vergangenen Jahrzehnten einen enormen Wandel durchgemacht. Zu meiner Schulzeit galt Skifahren nicht grundlos als Sport für Reiche, und die einzigen Mitschüler, von denen ich wusste, dass sie regelmäßig Ski fuhren, waren die, die auch Tennis spielten und morgens in Papas Mercedes zur Schule gefahren wurden. Die Kosten für einen einzelnen Skipass, also die Lizenz zum Wedeln, überstiegen in den 70ern die eines Kleinwagens, der einfachen Ausübung des Sports als reines Freizeitvergnügen stand im Vorfeld wochenlange Skigymnastik zur ernsthaften Vorbereitung im Wege, und „eben mal so auf die Piste“ gab es sowieso nicht – vor der selbstständigen Abfahrt musste ein mehrtägiger und unerschwinglicher Skikurs belegt werden, während dessen man als Anfänger stundenlang und auf einem imaginären Klo sitzend den „Schneepflug“ übte. So erinnere ich meine einzige Ski-Reise in der achten oder neunten Klasse.

Rund 30 Jahre später ist das alles, hier darf man diesen Vergleich ungestraft anwenden, Schnee von gestern. Heutzutage fährt man ein paar Stunden gen Süd-Osten, leiht sich für einen knappen Zehner am Tag die Ausrüstung, kauft für einen ähnlichen Betrag einen Skipass und rutscht dann, nachdem es einen etwa achtzehnmal hintereinander aus dem Skilift gehauen hat, irgendwie die Piste hinab. Am Ende der Strecke sind alle unbeweglichen Gegenstände mit Polstern umwickelt, es kann also nicht viel passieren.

Und siehe da: Abgesehen von den oben beschriebenen Qualen bereitet der Unsinn tatsächlich viel Vergnügen. Snowboarden kommt mir dabei etwas schwieriger und anstrengender vor als Skifahren, machte mir aber nach einigen Tagen der Übung auch mehr Spaß – allein das Fehlen der bescheuerten Skistiefel ist ein Punkt für ein statt zwei Bretter. Am Ende ist die Wahl der Gleitmittel aber natürlich ebenso reine Geschmackssache wie die Wahl des Skigebiets.

Wir hatten uns zum zweiten Mal auf Anraten und in Begleitung einer befreundeten Familie für Rokytnice nad Jizerou entschieden, einem Skigebiet mit diversen Pisten für Anfänger und Profis, das man von Berlin aus mit dem Auto in etwa viereinhalb Stunden erreicht – es sei denn, man verlässt sich auf das TomTom-Navigationssystem fürs iPhone, dann endet man auf einer bei Schnee kaum befahrbaren Landstraße in den Bergen, die genau an der Stelle nicht mehr vorhanden ist, an der man fast am Ziel sein sollte, muss umkehren, hoffen, dass man es ohne Schneeketten schafft, und braucht am Ende knapp sieben Stunden.

Wer es uns gleich tun will, ein besseres Navi hat und den Schneespaß in unprätentiöser und vor allem bezahlbarer Umgebung in Tschechien ausprobieren mag, der sollte keine Dienstleistungswunder erwarten und ein gewisses Faible für die osteuropäische Lebensart mitbringen. Die Glühwein-Bude schließt wie der Skilift exakt um 16 Uhr, danach muss schleunigst abgeschnallt werden, denn die nötigsten Einkäufe müssen vor 17 Uhr erledigt sein, wenn der lokale Supermarkt und somit die einzige Lebensmittelquelle dicht macht. Am früheren Abend kann man zwischen zwei Restaurants wählen und dabei vermeiden, nach Bio-Gemüse zu fragen. Oder überhaupt nach Gemüse. Und spätestens ab 22 Uhr ist das Dorf ohnehin tot, aber das ist man selbst von den sportlichen Anstrengungen des Tages ja auch. Wer trotzdem nach dem Aprés-Ski-Vergnügen sucht, kann das in Rokytnice wunderbar tun. Er wird aber keines finden.

Für eine Woche mit der ganzen Bande oder guten Freunden ist der Ort jedoch völlig in Ordnung, die in diesem Jahr wegen später Buchung leider nur mittelmäßig geräumige und komfortable Appartment-Unterkunft für vier Personen hat uns rund 450 Euro gekostet (bessere sind, wenn überhaupt, unwesentlich teurer), für Equipment-Miete und Skipass zusammen sollte man pro Person und Tag 15-20 Euro kalkulieren und auch zwei bis drei familiäre Abendessen stürzen einen nicht in den Ruin. An den übrigen Tagen gibt’s halt Nudeln. Wie zuhause.

Die Menschen in Tschechien erlebten wir als äußerst freundlich und entspannt, allein die Sprachbarriere verhindert längere oder tiefer gehende Gespräche. Im Großen und Ganzen kann man das Ski-Paket im Riesengebirge also empfehlen – vielleicht nicht für Poser und Singles, sehr wohl aber für Familien, Freunde oder Paare, die einfach mal in Ruhe und mit kleinem Budget richtigen Schnee erleben wollen.

18 Kommentare

  1. 01

    Klingt nach einem entspannten Urlaub.
    Was bin ich froh entspannt arbeiten zu
    dürfen. Nebenbei spare ich auch noch
    Geld, indem ich nichts ausgebe und so
    auch nichts erlebe. Hmm

    Ernsthaft
    Pflichtbesuch ist unbedingt Prag.
    Neben dem obligatorischen Nepp
    ist diese Stadt ein Juwel innerhalb
    des freien Europas. Nur mittels ei-
    ner gebürtigen Tschechin (sehr netter Akzent)
    konnten wir uns im Umland verständigen.
    Die Küche -meine die traditionelle- ist voll
    von Dingen vor denen uns Ärzte abraten.
    LECKER

  2. 02
    martin

    Danke für den Bericht aus dem Krkonoše. Ich liebe diese Gegend und bin froh, dass man weder direkt hinfliegen noch auf einer Autobahn durch den Berg direkt im Ort abfahren kann. Das Essen mag sehr fleischlastig sein, aber ich habe es immer genossen. Dafür gibt es so viele leckere Süßspeisen, ich hoffe, ihr habt einige probiert…

    Ahoy!

  3. 03
    Nico

    Geil. Merk ich mir für nächstes Jahr!

  4. 04

    Hach danke, der Anfang der Geschichte ist so herrlich passend und zutreffend !

    Danke !

  5. 05
    Stephan (Der Echte)

    In Österreich hatte ich die Preise auf ähnlichem Niveau: Wir reisen immer als Gruppe von 10 bis 14 Personen. Da finden sich Ferienwohnungen (mit Doppelzimmern) für 80,- bis 90,-€ pro Person. Wobei die Preise zur Feriensaison etwas anziehen.

    Unsere tschechischen Nachbarn sind eigentlich viel näher. Probiert hab ich das aber noch nie. Vielleicht in ein paar Jahren, mit Kind. :)

    Und Johnny: Ich würd Dich nur zu gern mal auf ’nem Board sehen, ich kanns mir wirlich gerade nicht vorstellen, irgendwie.

  6. 06

    @PiPi: Ich war sträflicherweise noch nie in Prag, will das aber seit Jahren nachholen!

    @martin: Ich muss zugeben, über die einheimischen Süßwaren nicht viel sagen zu können, meistens ist mir das ZU süß … aber das Essen war insgesamt keineswegs schlecht, falls das so klang, ich mag’s ja deftig. Bisschen mehr Vitamine wären halt nicht schlecht, aber für eine Woche geht das schon (und unser Eindruck ist ja ein sehr beschränkter).

    @Stephan (Der Echte): 80 Euro pro Woche? Oder pro Tag? Es geht ja auch gar nicht immer nur ums Geldsparen, aber wenn man als Familie reist, geht’s hat nicht anders, wenn man nicht in einer Woche ein paar Tausender ausgeben kann oder will. Tschechien ist super, probier’s mal! Und wirke ich echt so unsportlich? :)

  7. 07

    Prag ist eine wunderbare Stadt. Ich war zum ersten Mal 1990 dort, als die Flasche Krimsekt noch 5,- DM kostete und habe eine erinnerungswürdige Sylvesterfeier mit Tschechen und Russen dort verlebt.

    In Tschechien war ich noch nie Skifahren, aber das hört sich alles sehr gut an. In den Alpen ist Skifahren ja mittlerweile einfach nur teuer geworden und als Familie muss man dann einiges an Geld stemmen.

  8. 08

    Netter Text. Ich habe in jeder Saison bis zu 30 Skitagen und finde es deswegen ganz interessant wie du die Wintersport Ausrüstung beschreibst. Fällt mir schon gar nicht mehr auf.
    Noch als Hinweis: Es gibt auch Skischuhe, in die man leicht hineinkommt und die während der Fahrt auch nicht drücken oder andere Schmerzen verursachen. ;-)

  9. 09

    @Daniel: Ich glaube, man braucht halt doch sein eigenes Equipment, was sich natürlich für ein, zwei Mal fahren nicht lohnt. Aber die Mietausrüstungen sind halt schon sehr „durch“, und das spürt man.

  10. 10
    malefue

    diese flachländerberichte über bergsport sind immer höchst unterhaltsam.
    übrigens: für (relativ) günstigen skiurlaub in österreich muss man sich nur ein bisschen von den hotspots fernhalten. z.b. obersteiermark mit dem boarder-zentrum kreischberg (bald wieder weltmeisterschaften, btw) und dem hochplateaugebieten frauenalpe und turracherhöhe.
    die sind eigenartigerweise in deutschland kaum bekannt, aber groß, schneesicher und nicht so teuer wie die großen aushängeschilder.

    nur mal so als tipp, johnny.

    (uh, als östereicher verfällt man gleich in so einen marketingsingsang, sorry dafür…)

  11. 11
    Stephan (Der Echte)

    @Johnny Haeusler: Unterkunft 90,-€ pro Person und Woche im Zillertal. Ich bin ja nun kein Goldesel… Goldjunge vielleicht, aber Goldesel definitiv nicht :D
    Brötchen werden gebracht (und extra bezahlt), gekocht wird abends zusammen. Geht supi, hatten diese Jahr sogar ’nen einjährigen mit: Reihum Babysitting.

  12. 12

    @malefue: Ich bin sicher, dass es auch andere Ski-Orte gibt, in denen man nicht verarmt – Österreich ist aber halt auch noch mal eine Ecke weiter weg von Berlin. :)

    @Stephan (Der Echte): Klingt super (und bestätigt meinen Satz zuvor …)! Babysitting brauchen wir ja glücklicherweise nicht mehr, die Jungs sind froh, wenn sie den ganzen Tag alleine rumsurfen können.

  13. 13
    martin

    Was mir gerade noch einfällt: falls der Frust über die Materialwucht beim Alpinski wirklich so groß ist, versucht es doch das nächste Mal mit ein paar Tagen Langlauf-Ausrüstung. Skiwanderer mögen einen weniger „coolen“ Ruf haben als die Abfahrtshelden, dafür hat man sehr bequeme Schuhe, kommt mal woanders hin und kann stolz am Abend sagen, nicht auf die Hilfe von Lifts angewiesen gewesen zu sein. :P

    Tourempfehlung ganz klar: zur Elbquelle. Am besten im Sommer erwandern und sich dann im Winter wundern, wie unglaublich viel Schnee (in der Regel) dann draufliegt ;)… unterwegs kann man in Dvoračky einen warmen Tee trinken.

    Ach herrje, ich merke gerade, ich will auch wieder einmal dorthin :)

  14. 14

    Endlich weiß ich wozu dieser Mikrowellenscheiß gut ist!

  15. 15

    Skifahren war ich in Tschechien noch nicht, aber den Urlaub hab ich da schon ein paar Mal verbracht. Sehr schön, kann ich nur beipflichten.

  16. 16

    Ich war früher fast jedes Jahr dort Skifahren. Da sich aber die Preise immer mehr denen in den Alpen angleichen, aber der Service leider auf der Strecke bleibt. Fahre ich nun nur zu kleineren Wochenendausflügen dort hin. Schade, Schade…

  17. 17

    Ski und Snowboard fahren im Riesengebirge macht immer wieder Spaß. Leider ziehen die Preise von Jahr zu Jahr auch da an. Im Verhältnis aber immer noch günstiger als in der Schweiz oder Österreich. Eine schöne Ski Alternative kann auch das Erzgebirge sein. So lässt es sich gerade für Anfänger in Altenberg, Holzhau und Oberwiesenthal sehr gut fahren.

  18. 18

    Schöner Post, Danke!
    Und ein wunderschönes erstes Foto! Da bekommt man wirklich Lust auf den Winter (-Sport)

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