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#tvduell: We’re doomed

Twitter war voll mit Kommentaren zum #tvduell (und ist es noch immer), die nach der Sendung folgenden Talkrunden analysierten das Aufeinandertreffen von Merkel und Steinbrück, und heute titeln die Tageszeitungen mit ihrer Wertung des Ereignisses. Man könnte den Eindruck bekommen, dass gestern Abend etwas Großes passiert ist. Dabei war es nichts anderes als die durchgeplante Vorführung von Mittelmäßigkeit.

Zusammengefasst kann man den Abend so beschreiben: Merkel findet, dass alles ziemlich super läuft – „relativ sensationell“ sogar – und möchte ganz viel, vor allem aber weiter regieren. Steinbrück hingegen findet, dass nicht alles ganz so super läuft und meint, dass er es besser kann. Wer davon überrascht war, der fand dann wohl auch Stefan Raab „frech“ in der Runde von mäßig nachhakenden Journalistinnen und Journalisten.

Klar, was soll man auch machen, wenn beide – Kanzlerin und Herausforderer – farblose Visionslosigkeit präsentieren und nicht mit einem Wort ihre Vorstellung einer modernen Gesellschaft skizzieren. Politik ist zu einer einzigen Beruhigungsreaktion geworden, für Gestaltung ist weder Zeit noch Platz.

Wahrscheinlich interessiert sich dafür aber auch niemand im wahl- und pensionsberechtigten TV-Publikum, dessen Altersdurchschnitt auch Raab sicher kaum senken konnte. Politiker müssen vor allem den Eindruck vermitteln, dass die Rente sicher ist (das höre ich mir jetzt seit Jahrzehnten an und es stimmt immer weniger), und auch noch, dass wir an Griechenland nicht pleite gehen und erstmal keinen weiteren Krieg führen werden. Ach ja, und Arbeit für alle, von der man auch leben kann – was auch immer das im Detail bedeuten soll. Das ist natürlich für die etwas Jüngeren auch sehr wichtig, wofür sind wir denn sonst auf der Welt? Solange dies alles versprochen wurde, schienen auch die Moderatorinnen und Moderatoren zufrieden zu sein.

Nichts, gar nichts war an diesem „Duell“ interessant, diese inszenierte und von PR-Beratern festgelegte Erbärmlichkeit nun zu einem Event zu stilisieren, ist durch und durch peinlich. Dass es offenbar niemandem im Moderatoren-Team erlaubt war, wirklich nachzufragen, bleibt unerwähnt. Sicher ist sicher: Wenn Politiker nur zu den von ihren Teams vorgegebenen Fragen Stellung nehmen, dann kann auch nichts passieren und dann wird man als Wählerin und Wähler auch nichts erfahren.

Grundeinkommen? Fachkräftemangel? Bildungssystem? Einwanderungspolitik? NSU-Affäre? Konstanter Abbau des Sozialsystems? Krankenkassen mit immer weniger Leistungen und Milliarden Gewinnen? Konkreter Umgang mit den Snowden-Enthüllungen? Demographische Entwicklung der Gesellschaft? Kein Wort zu diesen Themen. Stattdessen Floskel-Gewitter und zahme Angriffe mit Windstärke Null. Und wenn Peer Steinbrück dann mal einen halben Halbsatz spricht, den er vorher nicht diktiert bekommen hat, dann überschlagen sich die Kritiken ob seiner vermeintlichen Authentizität.

Man kann sich noch so viel einreden: Es ist völlig egal, wer Kanzlerin oder Kanzler wird, bewegen wird sich eh nichts. Wird es Merkel, dann wird sie die Bevölkerung weiterhin ebenso ignorieren, wie sie es gestern mit Steinbrück gemacht hat. Und wird es Steinbrück, dann wird er eingestehen müssen, dass er im wesentlichen auch nicht anders agieren kann als seine Vorgängerin.

Verständlicherweise verließen meine Söhne nach etwa 20 Minuten gelangweilt die Fernseh-Couch, es ging schließlich eh nicht ansatzweise um sie – obwohl der Ältere die nächste Bundestagswahl mit entscheiden wird. Ich hätte mit ihnen gehen sollen.

13 Kommentare

  1. 01
  2. 02
    h s

    Tja, wer Aenderungen oder Zukunft haben moechte, kann offenbar weder CDU noch SPD waehlen. Aber das wusste man vorher auch schon.

    Von daher faellt die Sendung unter Brot und Spiele…

  3. 03

    Huch, Deine Kids sind schon soooo alt — time flies! Aber in der Politik bleibt alles beim Alten. Blablabla! Lobbieisten verseuchter Morast!

  4. 04

    Vollste Zustimmung. Alleine das Format der Sendung ist witzlos. Kein Publikum, das auf Befehl applaudiert. Vorher festgelegte Kriterien, nach denen die Kandidaten anschliessend bewertet werden. Das Format fand ich bei ARD und ZDF absolut deplaziert. Bei RTL und Konsorten dagegen sehr passend, da liefen vorher diese scripted Reality Shows „Schwiegertochter gesucht“ und „Die strengsten Eltern der Welt“. Das tvduell knüpfte nahtlos an die erfolgreichsten Sendungen im deutschen TV an. Die Definition von Duell besagt laut Wikipedia:

    Ein Duell (lat.: duellum) ist ein freiwilliger Zweikampf mit gleichen, potenziell tödlichen Waffen, der von den Kontrahenten vereinbart wird, um eine Ehrenstreitigkeit auszutragen. Das Duell unterliegt traditionell festgelegten Regeln. Duelle sind heute in den meisten Ländern verboten.

    Genau genommen hätte dieses Duell nie stattfinden dürfen. Insofern: Everything is fine und so. Ich werde den gestrigen Abend schnell aus meinem Gedächtnis streichen und einer kleinen Partei meine Stimme geben.

  5. 05

    Uff, Johnny… soviel Pessimismus von dir ist echt hart… Ich frag mich ja, ob es Menschen die von einem besseren Morgen geträumt (und daran gebaut) haben nicht schon immer so ging wie „uns“ jetzt, oder ob es im Augenblick wirklich so schlimm ist.

    Kopf hoch… deine Söhne sind die nächsten Rebellen und werden so oder so die Welt verändern.

  6. 06
    Gondor

    Hat doch alles perfekt! funktioniert. Alle und v.a. alle(links bis rechts) Medien (print… web) beschäftigten sich nur noch mit einem Personen“duell“, (wirklich?) niemand mehr mit (sonstigen) politischen Inhalten. So bleibt sogar aussen vor dass man im Grunde eh nicht die direkte! Wahl(möglichkeit) hätte zwischen den Kandidaten.
    Vorgeführt wurde aus diesem Anlass vor allem die anscheinend inzwischen perfekte Kontrolle was (und wie) in der Öffentlichkeit(/Medien) allgemein mindestens tagelang Thema ist.
    Dazu gehört auch die inzwischen offenbar von allen als sicher akzeptierte „Gewissheit“ dass Merkel weiterhin Kanzlerin bleiben wird. Diese allseitige Resignation angesichts der anscheinend unausweichlichen „Alternativlosigkeit“ ist der grösste „Erfolg“ Merkelscher (Lobby-/Klientel-)Politik, unterstützt von den nur allzu bekannten Verdächtigen in v.a. Medien und Wirtschaft.
    (M)Eine Antwort darauf geben immer noch die Ton, Steine, Scherben mit „Der Traum ist aus“ ;-)

  7. 07

    @#814936: Danke für die netten Worte, ja, ich bin langsam etwas müde, muss ich zugeben. Bleibe aber im Großen und Ganzen dennoch Optimist, keine Sorge. :)

  8. 08
    23

    Ich freue mich auf die nächste Folge Zapp beim NDR.

  9. 09

    Ich habe das Duell verpasst. Streicht „verpasst“!

  10. 10
    Thomas

    Ja nun, hat irgendjemand etwas anderes erwartet als genau das? ;-)

  11. 11
    Eike

    Wie? War was? Wer letztlich den Pressesprecher der großen Konzerne macht, ist letztlich egal. Je höher die kleinen Parteien allerdings kommen, desto eher die Wahrscheinlichkeit, dass bestimmte Punkte, die weiter oben angesprochen wurden, etwas mehr Berücksichtigung finden. Für den Rest schlagt bitte Euer örtliches Energiekartell, das Fernmeldekartell und falls Ihr bei einem Konzern beschäftigt seid, Euren Chef.

  12. 12

    Ich fand das als Zweikampf bezeichnete Abfragen auch ziemlich langweilig. Die sogenannten Moderatoren hätten mal nach den Gründen der Wahlmüdigkeit fragen sollen. Da Abgeordnete ja bekanntlich an Aufträge und Weisungen nicht gebunden sind (Art. 38(1)GG), brauchen sie ihre Wahlversprechen ohnehin nicht zu halten. Da stellt sich schon die Frage, wozu man überhaupt wählen geht, und in der Weimarer Republiki hat man nicht ohne Grund (aber leider damals auch mit mäßigem Erfolg) durch Volksbegehren und Volksentscheide einer Allmacht des Parlaments und damit der Parteien vorbeugen wollen: Wird auch bei uns höchste Zeit und ist nach Art. 20(2)GG , wonach das souveräne Volk in Wahlen und Abstimmungen entscheidet, grundsätzlich auch möglich.

  13. 13

    „Das tu ich mir nicht an“ – so oder so ähnlich reagierten viele Leute in meinem Umfeld und schalteten gar nicht erst ein. Oder echauffierten sich, dass es keinen Tatort zu kucken gab. Mit politischem Desinteresse hat das nicht viel zu tun. Es war einfach den meisten klar, dass bei diesem Duell sowieso nicht scharf geschossen werden würde und dass da nichts sachdienliches zur Wahl zu gewinnen sein würde.

    Seit die Sprüche auf Wahlplakaten offensichtlich von PR-Fuzzis gemacht werden, haben die auch drastisch an Inhalt verloren.

    Wo sind die kantigen Persönlichkeiten, die für etwas stehen? Solchen würde ich leidenschaftlich meine Stimme geben oder eben auch nicht.