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Reichensteuer für Musiker

Den viel zu reißerischen Titel habe ich mir von erfolgreichen US-Mega-Blogs abgeschaut, die gerade den deutschen Markt auf den Kopf stellen (hier kichernden Smiley vorstellen), aber so weit weg ist er gar nicht von der Idee Dave Allens entfernt.

Der Gang of Four-/ Shriekback-Bassist, der sich seit Jahren mit meist sehr ausführlichen Texten in die Musik-/Onlinedebatte einmischt, findet: Die wenigen sehr erfolgreichen Musiker sollten eine spezielle Steuer abführen, die den vielen weniger erfolgreichen Musikern zugutekommt. Solche zweckgebundenen Abgaben sind im Kulturbereich keine ganz neue Idee und ich finde das mindestens diskussionswürdig. Also andenkbar. Also durchaus okay.

Dave Allen: Raise taxes on the rich musicians

27 Kommentare

  1. 01

    Streiche „musicians“ und wir habwn sie Löaung relativ unabhängig vom Zweck
    naja gut,natürlich nicht „die Lösung“ abwr durchaus innerhalb des Systems immer wieder überdenkenswert (finden ja auch immer wieder recht Reiche

  2. 02

    Oder – vielleicht noch besser – die (großen) Labels.

  3. 03
    Reiner

    Hey Johnny,

    ich erinnere mich spontan an dein Gespräch mit Mark Chung und dem Punkt, an dem ihr beide feststellt, dass es keine großen Debüts mehr gibt bzw. es in Dtl. nur noch ein Newcomer pro Jahr schafft, Gold zu gehen, während die Chartlisten von Altbekannten gefüllt werden.

    Was ja auch bisweilen nachzuvollziehen ist. Der Markt funktioniert, sprich: Erfolgreiche Musiker sind bekannt und können aufgrund ihrer Bekanntheit anders arbeiten als neue Künstler. (Das gilt für Radiohead wie für Lady Gaga.) Der Wertschöpfungsweg vom Untergrund, wo Innovationen entstehen, bis an die Spitze der verdienenden Musiker, die nachhaltig daraus Kapital beziehen können auf verschiedene Arten und Weisen, ist lang und führt über viele einzelne Stationen. (Die Mittelsfrauen und -männer sind tatsächlich keineswegs überbrückbar, hier gibt es auch am meisten Bewegung und Berührungspunkte mit anderen Szenen, hier wird sich im Sinne des Netzwerks ausgeholfen, scheint es mir.)

    Eine Steuer für reiche Musiker, die dann umgelegt wird auf die kleinen Projekte, streut vielleicht die Marktauslastung. Also kleinere Konzerte haben dann ein paar mehr Gäste bzw. machen weniger Schulden, während Etablierte weniger Profite generieren, die ihre Geschäftsmodelle am Leben halten. Diese erreichen aber auch weniger Leute und ziehen langfristig weniger Kapital aus Sponsoren, die sich aus Gründen nur an große Projekte heften.

    Eine weitere Perspektive: Nur durch große Bands wie z.B. Rammstein konnte eine Kreativindustrie in Deutschland aufgezogen werden, die international wettbewerbsfähig ist. Also die großen Pionierprojekte sind nicht alle schelcht, weil sie groß geworden sind. Sie sind groß geworden, weil sie gut und wichtig sind. (Till Lindemann belegt das ja neuerdings auch mit Gedichten.) Und jede große Band lässt kleinere Bands im Vorprogramm spielen, was ja nun auch kein unwichtiges Podium ist für eben jene.

    Das Geschäft insgesamt wird von dieser Beeinflussung also nicht unbedingt geheilt, sondern entwickelt sich weiter. In welche Richtung? Der Musikmarkt ist ein besonderer Markt, und das haben noch nicht viele verstanden, denke ich mir häufig, und mache meine Erfahrungen.

    Vielen Dank für die vielen sinnvollen Berichte deinerseits dazu hier und in den Podcasts. Deine Gäste haben viel dazu beigetragen, diese komplexen Zusammenhänge besser zu verstehen. Und du natürlich auch.

    Beste Grüße

  4. 04
    Anne de Wolff

    Bis hier in Deutschland mal ein Musiker reich ist (und das sind nicht so viele), hat er meistens jahrelang hart gearbeitet, von mir aus darf er dann auch sehr gern sein Geld so verwenden, wie er es für richtig hält. Diejenigen, die ich kenne, engagieren sich eh auf irgendeine Art und Weise für verschiedenste Projekte oder unterstützen Nachwuchskünstler.
    Ohne jetzt den Allen-Artikel gelesen zu haben, stelle ich mir das auch praktisch sehr schwierig vor. Wer bestimmt, welches Projekt unterstützungswürdig ist, wie viele Instanzen sitzen wieder dazwischen und müssen mitfinanziert werden?
    Ich glaube nach wie vor daran, dass deutsche Musiker oder Bands dank diverser Institutionen, engagierter Menschen und Netzwerke auf jeden Fall die Chance haben, erfolgreich zu sein, wenn sie gut sind sowie Engagement und Durchhaltevermögen haben.
    Liebe Grüße aus Hamburg,
    Anne

  5. 05

    Find ich gut und schwierig. Ob nun „reiche Musiker“ oder „Reiche“ den Beitrag für weniger große Acts leisten, ist dabei erst mal zweitrangig.

    Es gibt nämlich ein ungelöstes Problem: Wer soll denn überhaupt gefördert werden? An was macht man fest, was Kultur ist, wie wir sie fördern wollen? Wer kriegt das Geld? Absolventen von Musikhochschulen? Jugend-Bands? Was kulturell wertvoll ist, das regelt „der Markt“ nicht erfolgreich – aber in dieser Aussage steckt leider auch eine problematische Haltung, nämlich: Die Masse (der Käufer) hat einfach keine Kultur.

    Eine Idee wäre, die Kohle an Kulturclubs zu geben. Die können sich nämlich die kleinen aber feinen Acts zunehmend weniger leisten, weil es an Förderung mangelt. Gleichzeitig sollten sie aber eine gewisse Kompetenz bei der Programmfindung haben – damit würden die vernünftigen Gagen dann am Ende bei förderungswürdigen Musikern landen und die Besucher dieser kleinen aber feinen Clubs hätten auch was davon.

  6. 06
    Sebastian

    Oder man besteuert Silicon Valley höher?

  7. 07
    Gondor

    da finde ich den dänischen Ansatz (grosser Teil der Alkoholsteuer geht in die Kultur/-förderung.) um einiges besser, statt Umverteilung innerhalb des Musik(er)biz. Letzteres funktioniert ja auch schon bei der Gema ..hmm.. nicht besonders gut.

  8. 08

    Ich denke, jede(r) Musiker(in) sollte es selbst verantworten, wie er/sie an die große Knete kommt. Eine Förderung durch bekannte Leute braucht nicht pekuniär zu sein, es würde schon reichen, wenn Paul McCartney twittert, wie toll er z. B. meinen Song: http://soundcloud.com/user1261136/nomeomo/s-VAUUH findet.
    Eine Förderung durch Umlagekonzepte (Steuer, Kulturflatrate p. p.) wird wie immer in einem institutionalisierten Apparat aufgehen, der einige wenige – aufgrund wie auch immer erworbener Besitzstände – bevorzugt.

  9. 09
    Sophie

    In meinen Augen ist das Thema Steuer immer etwas was man nicht gerne hört. Aber man darf ja auch nicht vergessen was damit alles passiert. Wer schon in anderen Ländern war und die Infrastrukturen dort erlebt hat, weiß wovon ich rede. Und warum sollen die die überproportional viell einnehmen nicht auch mehr Steuern zahlen? ANdererseits tragen diese Künstler auch zum Wohlbefinden der Bevölkerung bei. Argumente gibt es für beide Seiten.

  10. 10

    Danke für den Input!

    @Gondor: Kann man das irgendwo nachlesen? Das mit der Alkoholsteuer?

  11. 11

    @DocDocDoc: Dein Vorschlag geht in eine interessante Richtung.

    Grundsätzlich ist der Musikmarkt ein Wirtschaftszweig, und als solcher lässt er sich nur regulieren, wenn man auf der anderen Seite Kompromisse bei Kreativität und Unternehmertum akzeptiert.

    Natürlich wäre es wünschenswert, wenn Künstler ein gesichertes Einkommen haben könnten, ohne dafür enorme Ticketpreise anstreben zu müssen, damit die ganze Verwerterkette mitverdienen kann (btw. bleibt auch bei den „Big Bands“ der kleinste Teil des Umsatzes bei den Musikern).

    Wie auch Profisportler setzen die meisten Popmusiker alles daran, innerhalb von wenigen Jahren „finanziell auszusorgen“ – weil ihre Karrieren in 90 Prozent der Fälle sehr kurz sein werden. Das ist ein Hochrisikogeschäft mit wenigen Gewinnern und sehr, sehr vielen Träumern, die glücklos zuschauen (müssen), wie ungleich Geld und Ruhm verteilt werden.

    Ganz im Ernst: will / soll / muss die Gesellschaft (in diesem Fall: kommerziell erfolgreiche Musiker) mittelmäßig talentierte Künstler alimentieren? Wenn ja, warum? Und wie lange?

    Fragen über Fragen.

  12. 12
    gondor

    @Johnny Haeusler: bin gerade in Dänemark. Werde mal den Veranstalter hier dazu befragen. Hat viielleicht nen konkreten Link wo man das nachlesen kann. Melde mich dann später.

  13. 13
    Gondor

    @Johnny Haeusler: Veranstalter meinte, das wäre schon sehr1 lange nicht mehr der Fall. :( Die Idee finde ich trotzdem besser als noch einen bürokratischen Wasserkopf wie die GEMA mit all den bekannten Problemen.

  14. 14
    Klaus

    Ich verstehe die ganzen Diskussionen über Steuer, Reichensteuer etc gar nicht. In Frankreich streikt der Profifussball aufgrund des gleichen Problems. Die Frage ist was bringt es denn. Klar will man möglichst so wenig wie möglich abgeben, aber wenn der kleine Mann soviel abgeben muss das es schon extentiel wird, warum sollen es dann nicht bei den eh viel zu viel verdienenden nicht auch ein paar prozent mehr sein?

  15. 15

    @Torsten: Du schreibst von mittelmäßig talentierten Künstlern. Aber um die geht es nicht unbedingt. Das Missverständnis ist die Gleichung gut=populär.

    Populär heißt: Trifft den Geschmack der Masse. Dazu kommt eventuell noch: Hat das Glück gehabt, auch bei der Masse bekannt geworden zu sein. Aber letzteres ist ein anderes Thema.

    Ich kenne Bands, die nur aus studierten Musikern bestehen, deren Musik ich sehr schätze. Aber hören tut die keine Sau. Die Musikrichtungen nennen sich Jazz, oder Avant Garde, etc. – ich finde diese Musik wichtig, auch wenn sie nicht viele Menschen hören. Und das ist für mich Kulturförderung, dafür zu sorgen, dass diese Musik eine Chance hat. Wenn die öffentlich-rechlichen Sender bei ihren Orchestern abspecken, ist das übrigens genau die gleiche Baustelle, nur dass es eben mehr Leuten einleuchtet, dass die großen klassischen Komponisten unter „Kultur“ zu verbuchen sind.

    Es geht also überhaupt nicht darum, mittelmäßige Talente zu fördern, sondern den großen Talenten, die nur ein kleines Publikum finden, aber einen wichtigen Beitrag leisten, das eben auch zu ermöglichen.

    Und kommt mir jetzt nicht mit der Story „dann sollen die halt nen Job annehmen und Abends Mucke machen“ – richtig guter Musiker zu sein ist kein Feierabendzeitvertreib, das ist Vollzeitarbeit.

  16. 16

    @DocDocDoc: auf andere Branchen uebertragen sollten also ein Nischensportwagenhersteller oder eine Mikrodistillerie Subventionen von VW bzw Diageo erhalten, da sie schliesslich einen wichtigen Beitrag in ihrer Branche leisten?

  17. 17
    Anne de Wolff

    Wer entscheidet denn, welcher Musiker ein großes Talent ist?

  18. 18

    Ich kann der Idee nicht so ganz folgen.

    Es gibt Musiker die mehr verdienen und Musiker die weniger verdienen. Ach was? Das gleiche trifft auf praktisch jeden anderen Beruf auch zu. Es gibt Fussballer die mehr verdienen und Fussballer die weniger verdienen. Es gibt Blogger die mehr verdienen und Blogger die weniger verdienen. Es gibt Friseure die mehr verdienen und Friseure die weniger verdienen. Es gibt Manager die mehr verdienen und Manager die weniger verdienen.

    Bei einem fairen Steuersystem zahlen die die mehr verdienen bereits heute einen hoeheren Steuersatz (mindestens in Deutschland und UK, wo mir das bekannt ist. Aber das duerfte in den meisten Laendern aehnlich sein). In manchen Faellen kann dies durch verschiedene Steuertricks ausgehebelt werden, sicherlich etwas das verbessert werden muesste.

    Aber wieso da noch eine weitere Steuer eingefuehrt werden soll, vor allem wenn sie auf bestimmte Berufsgruppen beschraenkt werden soll erschliesst sich mir nicht.

  19. 19
    ber

    @Reiner: Die dt. Kreativindustrie besteht nicht nur aus Leuten, die für Rammstein Videos drehen, Plattencover, Kostüme oder Shows gestalten.

  20. 20

    @Armin: Warum willst Du das auf andere Branchen übertragen? Warum „Branche“?

    Es gibt eben Genres, für die funktioniert das mit dem Markt nicht. Klar, die sollen dann halt untergehen, Marktwirtschaft hurrah. Servus Klassik, auf Wiedersehen Jazz. Dann kriegen wir auch nur noch das zu hören, das gut läuft. Dass mir dann aber keiner auf langweilige Chartmusik schimpft.

    Kultur geht eben oft nicht ohne Förderung. Aber Kultur hat eine gesellschaftliche Funktion. Die sehe ich bei der Verfügbarkeit von Sportwagen oder Whiskeys hingegen bei uns nicht. Es ist doch ganz OK, dass Sportwagen nur die reichen Leute da sind. Bei Kultur sollten wir uns fragen, ob sie nicht wie die Bildung für alle da sein soll (auch wenn wir uns bei der Bildung da jetzt 30 Jahre lang in die Tasche gelogen haben).

  21. 21

    @Anne de Wolff: „Wer entscheidet denn, welcher Musiker ein großes Talent ist?“

    Dieter Bohlen?

    8-)

  22. 22

    @DocDocDoc: Warum sollte ich das nicht auf andere Branchen uebertragen? Du bist der Meinung das Kultur wichtig ist. Anderen sind schoene Autos oder gutes Essen und Trinken wichtig (und wichtiger als Kultur). Fuer viele Leute haben schoene Autos oder gutes Essen und Trinken eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Das ist deren Leidenschaft, genau so wie es fuer Dich Kultur/Musik ist.

  23. 23
    ber

    @DocDocDoc: „Das Missverständnis ist die Gleichung gut=populär.“

    Die Gleichungen populär=schlecht bzw. Nische=großartig halte ich ebenfalls für falsch.

  24. 24

    @Armin: Na wir brauchen darüber eben einen gesellschaftlichen Konsens. Den brauchen wir immer, wenn Dinge über den reinen direkten monetären Nutzen hinausgehen. Da gibt es natürlich unterschiedliche Ansichten Was ist zum Beispiel Bildung an sich wert, ohne den Aspekt der Ausbildung? Mit der Einführung von Bachelor/Master nicht mehr so viel wie früher. Was ist uns Musik wert, unabhängig von ihrer kommerziellen Verwertbarkeit? Und so weiter und so fort.

    Wenn das alles nur noch der neue liebe Gott aka „der Markt“ regelt, dann gibt’s eben auch nur noch das, was der Markt geregelt kriegt. Und dass der alles kann, das glaubt nur noch die FDP, und die hat bei der Wahl die Quittung für den Glauben gekriegt. 8-)

  25. 25
    ber

    @DocDocDoc: „Der Markt“ hält keine Musiker davon ab Avantgarde-Jazz oder sonstige Nischen-Musikrichtungen zu spielen. Er schränkt nur die kommerzielle Verwertbarkeit davon ein.

    Wenn ein Musiker aufhört Konzerte zu spielen oder Platten aufzunehmen, weil es sich finanziell nicht rechnet, dann ist er in der selben Position wie ein Unternehmer, der ein Produkt verkaufen möchte. Insofern halte ich Arnims Vergleich für berechtigt.

    Arbeitsplätze und Freizeitvergnügen der akademischen Mittel- und Oberschicht in Dtl. wird durch Kulturförderung mitfinanziert. Ob unter diesen Umständen ein gesellschaftlicher Konsens möglich ist bezweifel ich. Ganz zu schweigen von einer ausgewogenen öffentlichen Debatte darüber.

  26. 26
    Mike

    Und wie legt man fest wer Musiker ist? Dann sage ich auch einfach ich bin Musiker, ne alte Gitarre habe ich sogar noch. Dann kann ich bei Lady Gaga mitkassieren, schöne Sache :)

  27. 27

    Das ist wieder die alte Diskusion… die Erfolgreichen helfen den weniger Erfolgreichen. Die Reichen den Armen. …

    Ja sowas ist sehr wichtig. Nur ab wann sollte diese Steuer eingeführt werden. Misst man das an verkauften Platten? An dem Einkommen?

    Finde ich etwas absurt

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