31

And U2, Apple?

Über die neuen Apple-Produkte wurde wie immer nach der Vorstellung sehr viel geschrieben von sehr vielen Menschen, die die Geräte noch nie in der Hand hatten, geschweige denn ausprobieren konnten. Der Vollständigkeit halber mache ich die kurze Runde:

1) iOS 8 ist prima.
2) Größere iPhones sind eigentlich Mist, betrachtet man speziell das 6+ aber als kleineres iPad und beachtet, dass manche von uns inzwischen mehr mit einem Smartphone o.ä. arbeiten als mit einem Laptop oder, haha, einem Desktop-Rechner, geht die Sache vielleicht doch auf. Mal abwarten, wie sich die Dinger mit einer Hand bedienen lassen.
3) Die Apple Watch wird besonders mit den vermutlich sehr teuren Varianten am Markt funktionieren, Apple hat nämlich a) erkannt, dass eine Armbanduhr in erster Linie Luxusgegenstand und Schmuckstück ist und b) auf spezielle, bei anderen Smartwatches fehlende Funktionen geachtet. Pulsschläge und Mini-Scribbles statt SMS werden Menschen auf eine neue Art kommunizieren lassen. Meine Prognose: Wir werden die Dinger lieben, Stars und Sternchen werden nicht mehr ohne gehen.

Natürlich kann man tolle Gadgets in Zeiten der Totalüberwachung aber sowieso nur noch mit einem gleichzeitigen Magengeschwür feiern. Da ich kein Magengeschwür will, feiere ich nicht, sondern gehe auf einen anderen sehr diskussionswürdigen Teil der Präsentation ein: Die Apple-Kooperation mit U2.

Mit einem einstudierten Theaterstück, das Bono und Tim Cook am Ende der Keynote aufführten und das so überzeugend wirkte wie die Schulaufführung der 3c, brachte Apple nämlich den eigentlichen Knaller des Abends: Rund 500 Millionen iTunes-Kundinnen und -Kunden sollten das neue U2-Album mit dem durchaus ironisch zu verstehenden Titel „Songs Of Innocence“ kostenfrei bekommen.

Ich habe eine lange Historie mit U2 und mag die immer noch. Das Album ist sogar gut und ich dachte: Tolle Marketing-Aktion! Vom letzten Album hat die Band rund eine Million verkauft, von dem davor etwa zwei, davor waren es auch mal vier und mehr Millionen Exemplare pro Album. Ein Release, der für 500 Millionen Musikfans kostenfrei ist, würde die Verkäufe des Backkatalogs ankurbeln und hier und da junge Menschen auf die alten Säcke aufmerksam machen. Toller Deal.

Dann aber erkannte ich, dass es keineswegs nur darum ging, das Album kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Denn das Album wird buchstäblich an die iTunes-Kunden ausgeliefert: Sofern die Technik mitspielt*, findet man als iTunes-Nutzerin und -Nutzer die neuen U2-Songs automatisch in der eigenen Musikbibliothek auf dem Rechner oder einem iGerät. Ohne selbst etwas runterzuladen.

Und das, Apple, ist eine Grenzüberschreitung.

Das automatische und unangeforderte digitale Beliefern von Kunden ging schon einmal sehr nach hinten los, vor zwölf Jahren nämlich, als die digitalen Videorekorder aller britischen TiVo-Kunden plötzlich von allein ansprangen, um eine Folge der BBC-Comedy „Dossa and Joe“ aufzuzeichnen. Die Kunden fanden das gar nicht komisch und TiVo hatte mit allerlei schlechter PR zu kämpfen (das Wort „Shitstorm“ gab es ja noch nicht).

Die Idee, das neue Album einer Band mit einer riesigen Apple-PR-Aktion kostenlos zu verteilen, bleibt spannend, und klar: nur der kostenfreie Download hätte vermutlich für nicht ganz so viel Rummel gesorgt. Doch das direkte, automatische Verteilen von Inhalten auf Endgeräte, um das die Nutzer nicht explizit gebeten haben, ist ein Eindringen in die Privatsphäre, zu der eben auch meine Musiksammlung gehört.

Ganz klar, wo das hinführt, wenn das Beispiel Schule macht und wir in Zukunft mit nicht angefragten Büchern und Filmen (und warum nicht auch gleich mit iMessages, Kontakten, Kalendereinträgen und ToDo-Listeneinträgen?) beliefert werden: Spam, The Next Generation.

Hoffen wir also, dass es bei diesem einmaligen Experiment bleibt.

* Die Erzählungen sind unterschiedliche. Bei manchen Leuten sind die Songs schon auf dem Rechner, andere können das Album nicht einmal downloaden, weil es im Store als bereits heruntergeladen angezeigt wird (sich aber nicht auf dem Rechner befindet). Manche sind also unzufrieden, weil sie das Album nicht bekommen haben, manch andere, weil sie es bekommen haben.

31 Kommentare

  1. 01
    Jonas

    Ich fand in dem Zusammenhang auch folgende Meinung nicht ganz irrelevant:

    http://www.srf.ch/radio-srf-3/musik/musik-blog/danke-bono-du-arschgutzi

    Gruß

    Jonas

  2. 02

    Genau das.

    (trotzdem: gestern Abend habe ich nach einigen Sprüngen durch den Reifen mein iTunes endlich dazu gebracht, das Album herunterzuladen und bin noch nicht dazu gekommen, es mir anzuhören. ich mag U2 nämlich noch immer. there, I said it.)

  3. 03

    @Jonas: Interessanter Kommentar – eine Entwertung sehe ich aber eher nicht. Zumal Bono ja noch klarmachte, dass Apple dafür gezahlt hat (sicher nicht für 500 Mio. Alben, aber …). Weiß nicht. Das ist an anderen Stellen schlimmer, finde ich.

    @Dentaku: Ist wahrscheinlich eine Generationsfrage. :)

  4. 04

    @Johnny Haeusler: Hast Du mich gerade alte genannt? ;-)

  5. 05

    Ich bin da eher das Ansicht, dass niemand, der noch ganz bei Trost ist, seine Applegeräte grundsätzlich auf „automatisches Herunterladen von Updates und gekauften Dingen“ einstellt. Das ist aus so vielen Gründen kein kluger Zug, ich hätte nicht gedacht, daß es noch so viele Menschen gibt, die diese Einstellung nicht umgehend ändern, sobald sie ein neues Appledingsi in den Händen halten.

    U2 und Apple haben eine lange gemeinsame Geschichte. Das ist eine Band, die immer gern etwas Neues ausprobiert hat, und insofern kann ich ihre Motivation hinter diesem Vertriebsweg gut nachvollziehen. Alternative Da ihre Tourneen seit Jahrzehnten binnen Stunden ausverkauft sind (offenbar an Androidnutzer, wenn ich mir das Gehate der Timeline so durchlese), können sie es sich auch leisten, ihr neues Album zu verschenken, denn mehr als 2 Mio Stück hätten sie davon wohl kaum verkauft und der Gegenwert dieses PR Coups übersteigt wohl diese Einnahmen. Der „Arschgutzi“-Schreiber aus dem im 1. Kommentar verlinkten Artikel hat wohl immer noch nicht geschnallt, dass die Songs an sich seit Jahren nicht länger das Produkt sind, mit dem Geld verdient wird.

  6. 06

    @Dentaku: Nee, nee, ich meinte MICH! :)

    @Kiki: Muss man das eingestellt haben? Ich habe das nicht eingeschaltet … aber ich habe auch gleich auf „Download“ geklickt, bei mir kam’s also nicht automatisch.

  7. 07

    Automatische Uploads kann und sollte man abstellen. Wenn man die einstellt, kriegt man neueste App-Versionen, bei denen z.B. frühere Features fehlen oder die unerwünschte Datenschutzärgernisse und das Ignorieren der früheren Voreinstellungen mit sich bringen (Facebook, WhatsApp, etc.). Oder man hat zwei iTunes Accounts und plötzlich sitzt man in der berüchtigten 90-Tage-Gefangenschaft. Oder man hat ein älteres Gerät, das dann plötzlich Hardwaremässig am Stock geht, weil das allerneueste iOS alle Ressourcen verschlingt, so dass man nicht mal mehr Mail und Maps gleichzeitig offen haben kann. Ein Zurück ist nur mit vielen Mühen oder gar nicht möglich und dann hat man einen schicken Briefbeschwerer, der es eigentlich noch ein gutes Jahr als Smartphone getan hätte.

  8. 08
    Jonas

    @Johnny Haeusler: Ja, quasi reflexartig haben alle erzählt, dass apple an U2 bezahlt hat. Komisch. Ich finde die Argumentation nicht irrelevant, zumal man davon ausgehen kann, dass eine Band wie U2 einen Großteil ihres Geldes mittlerweile ohnehin mit Konzerten und Devotionalien verdient. Einfach ein Sch*-Signal.

  9. 09

    Wenn dieser Artikel in den Top10 Most Read bei der BBC erscheint duerfte das mit U2 nach hinten losgegangen sein:

    http://www.bbc.co.uk/newsbeat/29157217

    Und was die watch angeht, ja, Sternchen werden die vielleicht tragen, aber echte Stars? Die duerften meistens (so sie denn eine Uhr tragen) schon ihre Rolex/Breitling/sonstwas haben. So einige davon verdienen damit ja sogar ihr Geld, dass sie damit Werbung machen.

  10. 10
    nïkö

    Also Johnny, ich finde ja, daß Du durchaus mal so langsam etwas Apfelkritischer werden könntest. Also ich meine z.B. daß das jetzt nicht gerade die erste Grenzüberschreitung gewesen sein dürfte.

    Und von wegen lieben – kann sein. Für mich bleibt: so hübsch die ganzen Touchteile auch sein mögen – so feine Nischennutzungen (für unterwegs) sie auch haben mögen – so extrem hilfreich es sein kann einen Computer in der Hosentasche zu haben für den Notfall, wenn noch Akku drauf ist – praktisch und ergonomisch sind sie nicht – verglichen mit der Geschwindigkeit einer echten Tastatur, der Präzision eines Trackpoints oder einer guten Maus (ergonomisch sowieso so ein Thema – gerade von Apfel gibts da NICHT EIN ergonomisches Gerät!!) – und werden sie niemals sein. Wenn wir mal Hirnsteuerung haben, reden wir weiter. Bis dahin: Desktop forever! (Und zum Lesen im Winter neben dem Ofen bitte was mit ePaper!! (statt 5000Pixel und 48bit auf Briefmarkengröße…))

  11. 11

    @Dentaku: Und wie hast du das gemacht, welche Sprünge waren notwendig? Bei mir zeigt iTunes das nämlich als Purchased an, aber in meiner Liste ist nix.

    Ich gehöre also zu der zweiten Gruppe, die, die es gerne hätten, und nicht haben und deshalb „sauer“ sind. :)

  12. 12
    Peter

    Hinter dem selbstlosen Geschenk steckt durchaus mehr, wohl ein 100 Mio $ Deal… http://www.macrumors.com/2014/09/12/u2-apple/

  13. 13

    @Peter: Wenn ich das lese hat Gene Simmons doch recht. Rock ist tot. Es ist zu einem Marketinginstrument verkommen.

  14. 14
    Eric

    Deine Verkaufszahlen der letzten U2-Alben beziehen sich nur auf die USA. ›No Line on the Horizon‹ hat sich weltweit schon mehr als 5 Millionen mal verkauft.
    (Quelle: Internet)

  15. 15

    Spätestens übermorgen wird dann die Aufregung und die Aufregung über die Aufregung und erst recht die Aufregung über die Aufregung über die Aufregung auch wieder verschwunden sein.

    http://groebchen.wordpress.com/2014/09/12/verschenkte-unschuld/

  16. 16
  17. 17
    wonko

    Eine über itunes verwaltete Musiksammlung soll Teil der Privatsphäre sein? Was ist das, post-ironisch?

  18. 18
    Bernicz

    @Dirk: Einmal aus iTunes ausloggen, dann wieder einloggen, dann ist es da.

  19. 19
    Lankwitz

    Wer die Ladeautomatik bezüglich neuer Inhalte abgeschaltet hatte, bekommt überhaupt nichts zwangsweise auf den Rechner überspielt.
    Gegen die Ladeautomatik spricht ja schon immer das wohl regelmäßig begrenzte Internetvolumen im jeweiligen Handynetz.

    Und wer das Album innerhalb der nächsten vier Wochen nicht lädt, für denjenigen verschwindet es auch aus seinen „Einkäufen“ im iTunes Store.

    2014 werden neue Alben halt ohne Vorabmaschinerie in den Markt geworfen.
    Ist das neueste Marketing. Muss man nicht mögen, wird sich auch wieder ändern.

  20. 20
    joey

    Dear Tim Cook,

    recently my girlfriend Sheena went through my iPhone and found the new U2 album. She was shocked! And me too. I would never ever buy this crap let alone listen to it. Eventually she called me a traitor and broke up with me. What can I do?

    Kind regards,
    Joey

  21. 21

    So sehr ich gerne Apple-Produkte nutzen würde (vor allem im Bereich Musikproduktion), so sehr schrecken sie mich ab. Klar, OS X ist einfach zu bedienen und macht vieles einfach so, was andere Betriebssysteme nicht so gut können – aber die Vereinfachung ist mit einer Philosophie erkauft: Dein Computer weiß, was gut für dich ist. Und hier sieht man, wozu das führen kann: Der Hersteller deines Computers weiß noch viel besser, was gut für dich ist.

    Ich tu mir sehr schwer mit Werkzeugen, die ich zwar in der Hand habe, die in meiner Hand aber machen, was sie wollen. Wäre es kein Computer sondern eine Bohrmaschine, die automatisch anfängt, einen 12mm Schlagbohrer einzuspannen und damit auf eine Wand einzuhämmern, dann wären die Benutzer schnell bei einer Entscheidung.

    Für mich gab es ein initiales Erlebnis, das mir eine Warnung war: Eines fernen Tages gab es eine Technologie namens MiniDisk. Als ich mit der zugehörigen Software (ähnlich zu iTunes) von Sony eine Live-Aufnahme meiner Band via USB vom MiniDisk-Recorder ziehen wollte, wurde mir erklärt, ich hätte keine Rechte an der Aufnahme und könne sie daher nicht kopieren – ich hatte den Song selbst geschrieben. Selbstredend konnte man aus der Sony-Software die Songs auch nicht so recht in den Rest vom Rechner exportieren.

    Seitdem bin ich sehr wählerisch geworden und wähle lieber den unbequemen Weg. Konsequenterweise hat der mit einem Pinguin zu tun.

  22. 22
    ber

    Erst Coldplay, jetzt U2 – der Corporate Musikgeschmack von Apple ist so „vorn“ wie der beige Einheitslook von 60somethings.

  23. 23
    Mister T

    Mwhaha, ein Apple-User der meint, irgendwelche Ansprüche auf die Zugriffsrechte auf sein Gerät zu haben… Die Entscheidung ist mit der Auswahl der Marke gefallen. Insofern: Friss oder stirb.

  24. 24
    robotron sömmerda

    Ein Apple-User wünscht sich Privatsphäre??? Obwohl er auf akzeptieren geklickt hat… HUMANCENTiPAD

  25. 25
  26. 26
    nixloshier

    test#3.

  27. 27
    nixloshier

    test#4.

Diesen Artikel kommentieren