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Was ihr auch wissen solltet, wenn ihr Emmy Elektro-Roller benutzt

In Berlin und anderen Großstädten gehören sie mittlerweile zum Stadtbild, die Elektro-Roller von Emmy (oder Eddy oder Stella). Für relativ kleines Geld schnell und umweltschonend durch die Stadt kommen: Klingt cool. Auch auf den Websites des Anbieters: Es wird geduzt, der Ton ist jugendlich, jovial. Emmy richtet sich an junge Menschen, klar. Und erklärt von der Anmeldung bis zur Fahrt alles bis ins Detail.

Nur eines sagt Emmy den Nutzer*innen nicht: Dass ihnen bei Zahlungsverzug von, sagen wir mal drei Euro, nach etwa einem Monat eine Zahlungsaufforderung in Höhe von knapp 100 Euro und – bei höheren ausstehenden Summen – sehr viel mehr ins Haus flattert.

Warum ist das so? Deshalb: Wie viele andere Unternehmen hat Emmy den lästigen Finanzkram an ein Inkasso-Unternehmen ausgelagert, in diesem Fall die Diagonal GmbH. Für Emmy ist das super: Wenn Kund*innen nicht bezahlt haben, kommt das Geld von Diagonal, und die holen es sich vom Kunden wieder. Und schlagen dabei beachtliche Gebühren auf.


EUR 3,71 nicht gezahlt: Bitte überweisen Sie EUR 95,93.


Wir bekommen noch EUR 22,96 von Ihnen, schicken Sie uns also EUR 159,31.

Die Tonalität in den Schreiben von Diagonal ist relativ freundlich, aber nicht mehr ganz so hip wie die von Emmy. Es wird jetzt gesiezt, und Aktenzeichen, Kundennummern sowie 20-stellige Rechnungsnummern sollen die Ernsthaftigkeit der Sache unterstreichen. Mögliche gerichtliche Verfahren werden erwähnt, wenn nicht sofort gezahlt wird, am besten gleich online.

Bevor es weitergeht: Wer Schulden gemacht hat, muss sie bezahlen. Und zwar inklusive angefallener Zinsen und möglicher anderer entstandener Kosten. Klarer Fall. Und: Nichts von dem, was Diagonal oder Emmy hier machen, ist illegal. Es handelt sich, soweit ich das als juristischer Laie recherchieren kann, in den gezeigten Fällen um die höchsten zulässigen Gebührensätze.

Und trotzdem halte ich das Ganze für kalkulierte Abzocke.

Emmy verschickt nach eigener Auskunft vor dem Inkassoverfahren eine Mahnung per Mail. Das ist der einzige Hinweis an betroffene Nutzer*innen. Etwa einen Monat danach kommt die Post von Diagonal, wenn die Summe noch immer offen ist. Kein Anruf, keine SMS, kein Hinweis in der App, die man ja zum Fahren braucht („Hey, leider ist dein Konto vorübergehend gesperrt, da wir noch EUR 3,71 von dir bekommen!“ wäre ja eine Möglichkeit). Dass Mails – gerade bei jungen Leuten – übersehen oder im Spam gelandet sein können, schließt Emmy offenbar aus, lagert den Rest des Verfahrens aus und verdient vielleicht sogar mit an horrenden Gebühren (reine Vermutung, ich habe gerade keinen Bock, diesen ganzen Inkasso-Irrsinn genauer zu recherchieren, weiß aber, dass dabei viel Geld fließt und solche Forderungen unter verschiedenen Unternehmen gehandelt werden).

Gerade die Konten von jungen Menschen sind oft an der unteren Grenze, und Abbuchungen sind dann nicht möglich. Natürlich müssen diese jungen Menschen trotzdem offene Summen begleichen! Dabei aber auf solche Methoden und Gebühren zurückgreifen, halte ich für äußerst schmutzig. Schließlich gäbe es viele andere Wege, an das Geld (plus Zinsen und realistischer Gebühren) heranzukommen. Vorauszuzahlende Fahr-Kontingente wären eine Lösung, die Sperrung mit Hinweis in der App eine weitere. So aber entsteht der Eindruck, dass Emmy hier die Kundschaft bewusst „ins Messer laufen“ lässt. Nicht mehr ganz so cool.

Zumal das Unternehmen auch in Sachen Datenschutz offenbar den Schuss nicht gehört hat.

Datenschutz? Was soll das sein?

Als ich den ersten hier zu sehenden Beleg bei Twitter gepostet hatte, hatte sich Emmy nämlich eingeschaltet. Obwohl ich bewusst mit keinem Wort erwähnt hatte, von welcher Person der Beleg stammt, veröffentlichte Emmy mal eben ein paar Details: „Halloechen! Waren ja paar mehr offene Rechnungen ne ;) Die Inkassogebuehren sowie der letzte ausstehende Betrag sind ja bereits storniert, wie dir unser Team bereits per Mail geschrieben hat.“

UPDATE (25.12.2019) Emmy hat den entsprechenden Tweet gelöscht, die Geschäftsleitung hat beim Account-Inhaber einen Fehler eingestanden und dafür um Verzeihung gebeten.

Und das hat mir für ein paar Sekunden die Sprache verschlagen. Der Beleg könnte von einem Bekannten, einer Freundin oder deren Kindern stammen. Offenbar hat das Social-Media-Team von Emmy Zugriff auf Kundendaten, verwies in einem öffentlichen Tweet auf weitere angeblich offene Rechnungen (fälschlicherweise, denn diese waren seit einem Monat beglichen) und verknüpfte den von mir gezeigten Beleg mal eben mit meiner Person (übrigens auch fälschlicherweise, ich habe Emmy noch nie benutzt). Eine Beschwerde darüber ist daher von mir an die Berliner Datenschutzbeauftragte gegangen.

Die restlichen Tweets von Emmy bezogen sich allein auf die Allgemeinweisheit, dass Rechnungen halt zu bezahlen wären (weiß ich), von einigen kam auch der Hinweis, dass Emmy nunmal ein kleines Unternehmen sei – was ich bei 150 Mitarbeiter*innen und einigen Beteiligungsfirmen als Gesellschafter etwas anders sehe.

Das Auslagern von Forderungen an Inkasso-Firmen mit enormen Gebüren findet Emmy offenbar „normal“.

Ich sehe das so: Gute Ideen sind immer nur solange klasse, bis es in die Details geht. Und die Details von Inkassogebühren bis Datenschutz gefallen mir bei Emmy gar nicht. Am Ende steckt hinter den ganzen lockeren Sprüchen in der Werbung eben doch nur ein Unternehmen, in diesem Fall die Electric Mobility Concepts GmbH, das sich über Kapitalgeber*innen finanziert, die ihren Einsatz möglichst schnell vervielfachen wollen. Da geht es dann eben nicht um Details.

(Hinweis: Die von Emmy im Tweet erwähnte Stornierung der Inkassogebühren wurde tatsächlich an den betreffenden Account kommuniziert, die offene Summe inkl. Zinsen und Auslagen war zu diesem Zeitpunkt aber schon überwiesen – was auch okay ist. Emmy hat den Account zudem gesperrt, was auch okay ist, denn der betreffende Account wird Emmy wohl eh nicht mehr nutzen.)

4 Kommentare

  1. 01
    Chris

    Danke für die Info. Schade um den Spass mit den Rollern, aber das ist echt Asi. Ich hab Emmy mal angeschrieben und Ihnen gesagt, dass ich keinen Bock mehr auf Rollerleihe bei ihnen habe, solange sie das nicht anders regeln.

  2. 02

    Solange der Gläubiger/die Gläubigerin nicht sicherstellen kann, dass Rechnung und erste Mahnung den/die Zahlungspflichtige(n) wirklich erreicht haben, ist das doch ne ziemliche Luftnummer, die nur mit der Abschreckung funktioniert, dass Menschen befürchten, dass es noch teurer ist, rechtlichen Beistand zu konsultieren.

  3. 03
    Jakob

    Ich verstehe den Unmut, allerdings sieht Emmy nur die 3,71. Das Geld ist hier gar nicht die Motivation, eher die Unfähigkeit, mit den richtigen Partnern zusammen zu arbeiten. Ein Zahlungsanbieter wie Klarna gibt das erst nach 3 Monaten ab und ist mit 1-2€ für eine Postalische Mahnung fair. Allerdings prüfen die auch bei der Anfrage die persönlichen Daten.

  4. 04

    Sehr nützliche Informationen. Ich werde über Elektrofahrräder nachdenken, bevor ich sie kaufe. Vielen Dank.

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