Archiv

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Der Legionär

Da steht er, wie ein Alpenmassiv, vor dem Schachbrett. Seine Schultermuskulatur spannt und entspannt sich, spannt und entspannt sich; fast kann man die Muskelfasern zählen, die sich durch das weite, marineblaue NKD-T-Shirt abzeichnen. Er atmet ein, er atmet aus; ruhig, wie schlafende Katzen es tun.

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Heiliger Fruchtsalat!

Falls man gerade Lust hat, was Gutes zu lesen.

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Kate Moss nackt am Strand

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Wenn meine Lieblingslektorin mit hängenden Lidern und zu den Knien heruntergezogenen Mundwinkeln unter die Bettdecke schlüpft, ist es Teil meiner ehelichen Pflichten, zu fragen, was denn passiert sei.
„Ich habe zwei Kilo zugenommen.“ Wenn ich in diesem Moment die Ziffer Zwei gewesen wäre, ich hätte mir Sorgen gemacht. Da ich aber nicht die Ziffer Zwei bin, sondern ihr Autor, hielt ich eine Rede über die nackte Kate Moss am Strand.
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Tala

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Ich stand ihr im Weg. „Setz dich doch mal hin“, sie schob mir einen Stuhl zu. „Ich kann gar nichts sehen.“ Ich setzte mich. Es war der Tanztee der Tanzschule Heyden-Schnitzler. „Schwanzschule Scheiden-Kitzler“ nannte Martin Knecht, unser Scherz-Experte, sie und hatte recht. Um die riesige Tanzfläche herum standen Tische und an einem dieser Tische saß ich nun. Mit ihr. Sie war das Wesen, das man zuletzt hier erwartet hätte. Ich kenne mich in den Untiefen des Herr-der-Ringe-Universums nicht aus, aber wenn es das gibt, dann war sie eine dunkle Elfe. Sie war ein Gothic-Mädchen mit dunkler Haut und apricot-pinkem Haar, zerbrechlich wie ein Spielzeug, ich sah keine Details, ich war geblendet. Natürlich war sie unerreichbar für mich. Ich versuchte nicht einmal, ins Gespräch mit ihr zu kommen.
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Ein Mann wie Woody

Als Adrian ihre Katze Muush im Vorübergehen geraderückte, wusste Mascha mit einem Mal ganz genau, dass sie mit ihm keine Kinder bekommen wollte. Sie hatte sich daran gewöhnt, dass er grummelnd hinter ihr herräumte. Sie hatte es geschafft, Solitaire so zu spielen, dass das Klicken der Maus für Adrian nicht mehr zu hören war. Um mit Adrian zusammen zu sein, musste sie Opfer bringen, aber Adrian war einfach besonders.

Wenn Adrian eine Sendung über Prosopagnostiker sah, sagte er mit tonloser Stimme, dass es ihm ebenfalls schwer falle, Gesichter zu unterscheiden. Filme, in denen mehr als ein Asiate mitspielt, brauche er sich gar nicht anzuschauen und ein olympisches Hundertmeterfinale sehe für ihn aus wie der Angriff der Klonkrieger.
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Stinketaxi

Zu behaupten, das Taxi, in dem ich eben transportiert worden bin, hätte nach Katzenpisse gestunken, wäre eine Beleidigung für Katzen. Und doch war ich sicher, der infernalische Gestank müsse tierischen Ursprungs gewesen sein. Im Gegensatz zu meiner Lieblingslektorin, die bei Bedarf auf Mundatmung umstellen kann und dementsprechend nichts riechen muss, was sie nicht will, war ich dem olfaktorischen Gulag völlig ausgeliefert.
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Nicht für das Leben

Der Standardalbtraum des westlichen Menschen dreht sich nicht um einen Atompilz über seinem Heimatdorf, nicht um ein Messer, das er seinem Vater in den Rücken bohrt, nicht einmal um das Verschwinden der Regenwälder. Der westliche Mensch träumt, dass er in die Schule kommt und alle wissen, dass eine Prüfung ansteht. Nur er nicht. Manchmal träumt er auch die Variante, dass mitten in seinem Studium einer übergeordneten Behörde aufgefallen ist, dass er noch einen Test in evangelischer Religionslehre absolvieren muss, um sein Abitur zu bekommen, aber sehr spät dran ist damit.
Der Mensch, aufrechter Beherrscher der Savanne, der im Gegensatz zu Affen durch nachäffen soviel lernen kann, der im Rohzustand wissbegierig ist wie es nicht tausend Delfine sind, der hat ein Lerntrauma. Warum ist das so?
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Koexistenz mit dem schwachen Geschlecht

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Anna ist immer angenehm pünktlich, aber gestern Abend war sie ein wenig zu pünktlich. Also andersrum unpünktlich. Zu früh. Sie wirkte gequält. Das lag nicht an ihren brutalen Rückenschmerzen, die bekam sie mit Ibuprofen in den Griff. Vor einigen Wochen hat Anna einen Iren kennengelernt, der so ähnlich wie ein großer deutscher Verlag heißt. Der Ire ist ein wenig zu klein für Anna und aus dem prosperierenden Irland geflohen, weil es dort mit der Arbeit nicht geklappt hat.
In die Welthauptstadt der Arbeitslosigkeit. Was vermutlich einiges über die Lebensplanungskompetenz des auch nicht mehr so jungen Iren aussagt.
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Le cimetière de l’innocence


Ambient 01 (2004), Kim Köster

„Monsieur.“

Sowas sagte sie nicht nur so dahin. Es gibt zwar Menschen, die das einfach so sagen: weil sie sich parisien fühlen möchten. Sich in einer „französischen Phase“ befinden, mit Rotwein, Brel und Vian. Käse auch, wenn er — ma foi — nicht allzu sehr stinkt. Wenn sie mit einem nichts anzufangen wissen. Dann steht man mitten im Zimmer und würde sich gerne zu den Möbeln stellen, oder man raucht. Read on my dear…

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Moralisches Rüstzeug: Gemeine Genies

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Illustration: René

In einer technisch weit fortgeschrittenen, jedoch nicht allzu fernen Zukunft erwartet ihr Nachwuchs. Die Entwicklung in der Medizin ermöglicht es, Embryonen genetisch zu optimieren. Verschiedene Genoptimierungspakete werden von den zuständigen Kliniken angeboten: Das Aussehen ist in einem Paket enthalten (perfekter Wuchs, Goldener Schnitt, samtiges Haar, heutige Schönheiten wie Karolina Kurkova oder Marcus Schenkenberg sehen gegen die Resultate aus wie besonders unschöne Vogelscheuchen), in einem anderen werden zukünftige Krankheiten des Geistes behoben, wieder ein anderes verhindert die Entwicklung von Tumoren, ein viertes sorgt für einen hohen Intelligenzquotienten (sprengt zuverlässig die heute gültigen Skalen), das fünfte bewahrt vor Herz-Kreislaufkrankheiten.
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Eine Frau wie Krebs

Sven war ein gutaussehender Mann. Gutaussehend auf diese Fernsehmoderatorenart. Man hätte sich von ihm fragen lassen, welches der Worte schwul, Reißverschluss, Glasnost und Doping es nicht in eine Liste der hundert Begriffe des 20. Jahrhunderts geschafft hat und ihn trotzdem sympathisch gefunden. Seine Freundin Maria sah aus wie mit feinstem Pinsel gemalt. Sie hatte deutsche Eltern, aber man hätte schwören können, der Briefträger sei Japaner gewesen. Sie hatte Manga-Augen und wie bei jeder tatsächlich dramatischen Schönheit versteckte sich in ihrem Gesicht ein Hauch von Verschlagenheit. Ein Traum.
Wenn Sven und Maria gemeinsam weggingen, konnte es passieren, dass Maria stolz und froh von der Toilette zurückkam und berichtete, dass sie dort einen anderen Gast gevögelt hatte.
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z.Hd.v. Herrn Schweinehund, Innere Abteilung

Sehr geehrter Herr Schweinehund,
mir ist durchaus bewusst – Sie setzen mich schließlich täglich in Kenntnis darüber – dass Sie im vierten Jahr hintereinander unbesiegt in den Kategorien Aussitzen (breitärschig, Rückenlage und mit hochgezogenen Knien), Randalieren und Diskutieren sind.
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