Sie sah verkniffen aus wie ein zerdrückter Kronkorken. Wie sie da saß auf dem WG-Sofa, schwieg sie. Sie hielt nicht einfach nur den Mund: ihr ganzer Körper schwieg, und selbst ihr Blick hatte sich zusammengeklappt. Prock hatte den festen Eindruck, sie wünsche sich, in die Polster hinein zu sinken und schattenhafte Rückstände zu hinterlassen. Wie eine Leiche, die erst nach zwei oder drei Tagen entdeckt wird, und deren Wasser sich noch Jahre später in den Polstern abzeichnet.
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An der Alten Försterei
„Dit is dit Wohnzimmer“, sagt Anneliese und grinst. „Weeste, dit is hier so zusammenjewachsen, aber dit stimmt ja nich. Eher so zusammenjefriemelt.“ Es fänden sich wohl noch ein paar mehr Adjektive für das Stadion an der Alten Försterei, Heimspielstätte des 1. FC Union Berlin. Ein bisschen provisorisch sieht es hier aus, auf der Stehtribüne am Zuckertor haben sich große Wasserpfützen gebildet. Unten, am Zaun, stehen Kinder bei ihren Eltern, weiter hinten auf der windschiefen Tribüne stehen die Ultras, mit ein paar Fahnen. Ostclub, denke ich, Ultras, denke ich, Gewalt, Hooliganismus und Rechtsradikale.
Vorgelesen: Ein Sommer in Prenzlauer Berg
Frédéric liest alle eins, zwei, drei Teile seiner Kurzgeschichte. Nach dem Klick. Read on, my dear…
Ein Sommer in Prenzlauer Berg (3. Teil)
(Erster Teil hier, zweiter Teil dort)
Wir saßen häufig auf dem Balkon und sahen der Sonne beim Wandern zu. Unten zogen kleinere Gruppen von Erasmusstudenten in den Mauerpark, Kinderwägen erklommen die Gehsteige, Drei-Tage-Bärte wurden gekratzt und verrutschte Trägertops neckisch zurechtgezurrt. Wir tranken Bier und hielten die gluggernden Bäuche gen Himmel. Alles war glatt, sauber, schön:
Ein Sommer in Prenzlauer Berg (2. Teil)
Hier klicken für den ersten Teil. [Update: Hier klicken für den dritten Teil]
Und dann hat Lena Pierre rausgeschmissen. Das war abzusehen gewesen, denn Pierre war schwierig, ein melanchodramatischer Postrock-Bohemien mit Hang zur kryptischen Romantik. Und genau so sah er auch aus: Ausgewählt nachlässig gekleidet, mit dunklem, leicht ins ungesund-fahle spielendem Teint, langen, häufig zitternden Fingern und wuscheligen braunen Haaren, wozu Gottes Frau die passende Augenfarbe ausgesucht hatte.
Ein Sommer in Prenzlauer Berg (1. Teil)
Kleinanzeigen sind total überschätzt. Gute Nebenjobs, gute Wohnungen und gute Intimkontakte kriegt man anders einfacher. Durch Glück zum Beispiel. Oder wie man das nennt. Read on, my dear…
Bronze für Hitler
Ich war zwar noch nie auf dem Jahrestreffen der Kartoffelchips-Inspekteure (den „Crunchies“?) und auch die Verleihung des „Goldenen Brötchens“ durch die Bäckerinnung ist bisher an mir vorbeigegangen. Dennoch bin ich ziemlich sicher, dass sich alle größeren Branchen-Treffen stark ähneln.
Oberschwäbischer Oberbürgermeisterwahlkampf - eine Provinzposse
„Immer wieder schön, in die Geburtsstadt zurückzukommen,“ sagte Prock und biss entschlossen ein großes Stück Leberkäswecken vom Leberkäswecken. „Wie gefällt’s Dir denn hier?“
„Gut gefällt’s mir.“ sagte Hannah und strich sich die Haare aus der Stirn. „So schön ruhig hier. So erholsam.“
- Ja, das haben Kleinstädte am Bodensee so an sich: Ruhe, Stille, Stillstand. Mit Erholung hat das aber nichts zu tun.
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Graffitimaling
Ein Evergreen der guten Laune: die dänische Sprache in den Augen und Ohren der Deutschen, die sich dafür andauernd für die eigenen quasi nicht vorhandenen Fremdsprachenkenntnisse schämen sollten. Schließlich sprechen die Dänen fließend Deutsch (Pflichtfach ab der 5. Klasse) und ihr Englisch (Pflichtfach ab 3. Klasse) schlägt das der AirBerlin-Crew um mehrere Längen. „Mei Kruh ennt mie wutt leik to wellkomm juh onboart siss fleit …“.
Ebenfalls schön: Auch in Kopenhagen helfen Anti-Graffiti-Aufkleber nicht wirklich. Ein längerer Reisebericht inklusive Beinahe-Eklat in einem Hippie-Restaurant folgt in den nächsten Tagen.
Malte liest. 08: Koexistenz mit dem schwachen Geschlecht
Teil 8 – und damit der vorerst letzte Teil unserer kleinen Serie, in der Malte einige seiner Spreeblick-Artikel liest.
Malte liest. 07: Pubertät
Teil 7 unserer kleinen Serie, in der Malte einige seiner Spreeblick-Artikel liest. Und auch einige, die hier gar nicht veröffentlicht wurden, so z.B. den folgenden.
Malte liest. 06: Ein Mann wie Woody
Teil 6 unserer kleinen Serie, in der Malte einige seiner Spreeblick-Artikel liest.
Malte liest. 05: Das Finanzamt
Teil 5 unserer kleinen Serie, in der Malte einige seiner Spreeblick-Artikel liest.
Malte liest. 03: Tala
Teil 3 unserer kleinen Serie, in der Malte einige seiner Spreeblick-Artikel liest.
Malte liest. 02: Die Ausweitung der Krampfzone
Teil 2 unserer kleinen Serie, in der Malte einige seiner Spreeblick-Artikel liest.
Malte liest. 01: Eine Frau wie Krebs
Kürzlichst las Spreeblick-Autor Malte einige seiner hier veröffentlichten Text auf der Neuköllner Lesebühne im Rahmen von „Ich fang nochmal an …“ (nächster Termin: Morgen!).
Glücklicherweise wurden Mitschnitte erstellt, und so bringen wir in den kommenden Tagen die acht Malte-Takes (auch für die Podcast-Abonnenten).
Nach dem Klick. Read on, my dear…
Der Legionär
Da steht er, wie ein Alpenmassiv, vor dem Schachbrett. Seine Schultermuskulatur spannt und entspannt sich, spannt und entspannt sich; fast kann man die Muskelfasern zählen, die sich durch das weite, marineblaue NKD-T-Shirt abzeichnen. Er atmet ein, er atmet aus; ruhig, wie schlafende Katzen es tun.
Kate Moss nackt am Strand
Wenn meine Lieblingslektorin mit hängenden Lidern und zu den Knien heruntergezogenen Mundwinkeln unter die Bettdecke schlüpft, ist es Teil meiner ehelichen Pflichten, zu fragen, was denn passiert sei.
„Ich habe zwei Kilo zugenommen.“ Wenn ich in diesem Moment die Ziffer Zwei gewesen wäre, ich hätte mir Sorgen gemacht. Da ich aber nicht die Ziffer Zwei bin, sondern ihr Autor, hielt ich eine Rede über die nackte Kate Moss am Strand.
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Tala
Ich stand ihr im Weg. „Setz dich doch mal hin“, sie schob mir einen Stuhl zu. „Ich kann gar nichts sehen.“ Ich setzte mich. Es war der Tanztee der Tanzschule Heyden-Schnitzler. „Schwanzschule Scheiden-Kitzler“ nannte Martin Knecht, unser Scherz-Experte, sie und hatte recht. Um die riesige Tanzfläche herum standen Tische und an einem dieser Tische saß ich nun. Mit ihr. Sie war das Wesen, das man zuletzt hier erwartet hätte. Ich kenne mich in den Untiefen des Herr-der-Ringe-Universums nicht aus, aber wenn es das gibt, dann war sie eine dunkle Elfe. Sie war ein Gothic-Mädchen mit dunkler Haut und apricot-pinkem Haar, zerbrechlich wie ein Spielzeug, ich sah keine Details, ich war geblendet. Natürlich war sie unerreichbar für mich. Ich versuchte nicht einmal, ins Gespräch mit ihr zu kommen.
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Ein Mann wie Woody
Als Adrian ihre Katze Muush im Vorübergehen geraderückte, wusste Mascha mit einem Mal ganz genau, dass sie mit ihm keine Kinder bekommen wollte. Sie hatte sich daran gewöhnt, dass er grummelnd hinter ihr herräumte. Sie hatte es geschafft, Solitaire so zu spielen, dass das Klicken der Maus für Adrian nicht mehr zu hören war. Um mit Adrian zusammen zu sein, musste sie Opfer bringen, aber Adrian war einfach besonders.
Wenn Adrian eine Sendung über Prosopagnostiker sah, sagte er mit tonloser Stimme, dass es ihm ebenfalls schwer falle, Gesichter zu unterscheiden. Filme, in denen mehr als ein Asiate mitspielt, brauche er sich gar nicht anzuschauen und ein olympisches Hundertmeterfinale sehe für ihn aus wie der Angriff der Klonkrieger.
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Stinketaxi
Zu behaupten, das Taxi, in dem ich eben transportiert worden bin, hätte nach Katzenpisse gestunken, wäre eine Beleidigung für Katzen. Und doch war ich sicher, der infernalische Gestank müsse tierischen Ursprungs gewesen sein. Im Gegensatz zu meiner Lieblingslektorin, die bei Bedarf auf Mundatmung umstellen kann und dementsprechend nichts riechen muss, was sie nicht will, war ich dem olfaktorischen Gulag völlig ausgeliefert.
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Nicht für das Leben
Der Standardalbtraum des westlichen Menschen dreht sich nicht um einen Atompilz über seinem Heimatdorf, nicht um ein Messer, das er seinem Vater in den Rücken bohrt, nicht einmal um das Verschwinden der Regenwälder. Der westliche Mensch träumt, dass er in die Schule kommt und alle wissen, dass eine Prüfung ansteht. Nur er nicht. Manchmal träumt er auch die Variante, dass mitten in seinem Studium einer übergeordneten Behörde aufgefallen ist, dass er noch einen Test in evangelischer Religionslehre absolvieren muss, um sein Abitur zu bekommen, aber sehr spät dran ist damit.
Der Mensch, aufrechter Beherrscher der Savanne, der im Gegensatz zu Affen durch nachäffen soviel lernen kann, der im Rohzustand wissbegierig ist wie es nicht tausend Delfine sind, der hat ein Lerntrauma. Warum ist das so?
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Koexistenz mit dem schwachen Geschlecht
Anna ist immer angenehm pünktlich, aber gestern Abend war sie ein wenig zu pünktlich. Also andersrum unpünktlich. Zu früh. Sie wirkte gequält. Das lag nicht an ihren brutalen Rückenschmerzen, die bekam sie mit Ibuprofen in den Griff. Vor einigen Wochen hat Anna einen Iren kennengelernt, der so ähnlich wie ein großer deutscher Verlag heißt. Der Ire ist ein wenig zu klein für Anna und aus dem prosperierenden Irland geflohen, weil es dort mit der Arbeit nicht geklappt hat.
In die Welthauptstadt der Arbeitslosigkeit. Was vermutlich einiges über die Lebensplanungskompetenz des auch nicht mehr so jungen Iren aussagt.
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Le cimetière de l’innocence

Ambient 01 (2004), Kim Köster
„Monsieur.“
Sowas sagte sie nicht nur so dahin. Es gibt zwar Menschen, die das einfach so sagen: weil sie sich parisien fühlen möchten. Sich in einer „französischen Phase“ befinden, mit Rotwein, Brel und Vian. Käse auch, wenn er – ma foi – nicht allzu sehr stinkt. Wenn sie mit einem nichts anzufangen wissen. Dann steht man mitten im Zimmer und würde sich gerne zu den Möbeln stellen, oder man raucht. Read on, my dear…
Moralisches Rüstzeug: Gemeine Genies
In einer technisch weit fortgeschrittenen, jedoch nicht allzu fernen Zukunft erwartet ihr Nachwuchs. Die Entwicklung in der Medizin ermöglicht es, Embryonen genetisch zu optimieren. Verschiedene Genoptimierungspakete werden von den zuständigen Kliniken angeboten: Das Aussehen ist in einem Paket enthalten (perfekter Wuchs, Goldener Schnitt, samtiges Haar, heutige Schönheiten wie Karolina Kurkova oder Marcus Schenkenberg sehen gegen die Resultate aus wie besonders unschöne Vogelscheuchen), in einem anderen werden zukünftige Krankheiten des Geistes behoben, wieder ein anderes verhindert die Entwicklung von Tumoren, ein viertes sorgt für einen hohen Intelligenzquotienten (sprengt zuverlässig die heute gültigen Skalen), das fünfte bewahrt vor Herz-Kreislaufkrankheiten.
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Eine Frau wie Krebs
Sven war ein gutaussehender Mann. Gutaussehend auf diese Fernsehmoderatorenart. Man hätte sich von ihm fragen lassen, welches der Worte schwul, Reißverschluss, Glasnost und Doping es nicht in eine Liste der hundert Begriffe des 20. Jahrhunderts geschafft hat und ihn trotzdem sympathisch gefunden. Seine Freundin Maria sah aus wie mit feinstem Pinsel gemalt. Sie hatte deutsche Eltern, aber man hätte schwören können, der Briefträger sei Japaner gewesen. Sie hatte Manga-Augen und wie bei jeder tatsächlich dramatischen Schönheit versteckte sich in ihrem Gesicht ein Hauch von Verschlagenheit. Ein Traum.
Wenn Sven und Maria gemeinsam weggingen, konnte es passieren, dass Maria stolz und froh von der Toilette zurückkam und berichtete, dass sie dort einen anderen Gast gevögelt hatte.
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z.Hd.v. Herrn Schweinehund, Innere Abteilung
Sehr geehrter Herr Schweinehund,
mir ist durchaus bewusst - Sie setzen mich schließlich täglich in Kenntnis darüber - dass Sie im vierten Jahr hintereinander unbesiegt in den Kategorien Aussitzen (breitärschig, Rückenlage und mit hochgezogenen Knien), Randalieren und Diskutieren sind.
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Ich bin noch wach
Die Geschichte meiner persönlichen Zeitverschiebung fing mit einem juristischen Winkelzug an.
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Die Ausweitung der Krampfzone
Carl Friedrich war mein Nachbar in der Bonner Südstadt, ein hochrangiger Beamter. Carl war weitgereist, sprach unüberschaubar viele Sprachen, darunter auch Kleinode, die nur in vier kasachischen Schluchten gesprochen werden. Wenn ich ihn besuchte, kochte er nicht nur italienisch, er zauberte einen italienischen Abend, vermutlich besorgte er sogar italienischen Sonnenschein, der seine erlesen eingerichtete Wohnung in venezianisches Licht tauchte. Konversationen mit ihm waren ein intellektueller Gang Bang, er zitierte Kirchenväter und den Bürgermeister von Ulaanbaatar, setzte das Bruttoinlandsprodukt von Schweden ohne Verrenkungen in Bezug zu Cargo-Kulten und präkolumbischen Tanzriten. Zudem war Carl Friedrich von erlösendem Geschlechtsverkehr weiter entfernt als Cher von natürlicher Schönheit.
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