Frischer Spreeblick
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04
ich finde es hart, dass das thema nicht mehr diskutiert wird. so hab ich z.b. im fernsehen noch so gut wie nichts darüber gesehen.
Dem kann ich nur beipflichten. Man mag sich wundern, wie es sein kann, daß v. a. die ÖR zu keiner Gelegenheit (Abnicken in Brüssel, dann in Berlin, dann wieder in Brüssel) die Angelgenheit in ‘angemessenem’ Rahmen angesprochen haben. Man kann das Wundern aber auch sein lassen.
Ich hatte einigen Kontakt mit diversen Nachrichtenagenturen, Sendern, etc., aber von allen Seiten wurde das Thema als nicht sonderlich relevant betrachtet - auch wenn der DJV sich um seine Informanten sorgt.
Was dagegen tun… finde ich gut, aber was? Ich habe schon eine Petition an den Bundestag gesendet, nur was bringt das?
Es gibt bereits eine Petition unter
http://itc.napier.ac.uk/e-Petition/bundestag/view_petition.asp?PetitionID=60
, die (leider) mit aktuell 9383 Unterzeichnern noch nichtmal die 10.000er Grenze geschafft hat.
Diese ist aber auch nur eine *symbolische*.
Sofern der Petitionsausschuss seine Arbeit so erledigt, wie es
vorgeschrieben ist, ist er verpflichtet, jeder Petition, die gewisse formale Bedingungen einhält, Beachtung zu schenken, d.h. es ist egal, ob nur einer sie einreicht oder 16.000. Das heißt aber nicht, daß man deswegen nicht unterschreiben sollte. Je mehr Namen auf der Liste, desto größer die subjektive Wirkung.
Wann ist denn jetzt eigentlich “D-Day”, sprich: ab wann geht es los mit der Speicherung
Laut Frau Zypries wird Deutschland von einer Option in Artikel 15 Absatz 3 der Direktive Gebrauch machen, demnach die Mitgliedsstaaten die Umsetzung der Richtlinie in den Bereichen Internet-Telefonie und E-Mail um zusätzliche 18 Monate über die normalen anderthalb Jahre der Implementierungsfrist hinaus aufschieben können. Es ist ohnehin ein Gewaltakt, die technischen Anforderungen umzusetzen, v. a. da noch ein reges Durcheinander bei der genauen Bestimmung der zu speichernden Daten herrscht.
Helfen anonyme Proxies? Sollte man seinen Mailverkehr verschlüsseln? Usw. Irgendwie stehe ich dem sehr hilflos gegenüber… da ich nicht so ein Technikfreak bin ;-)
Ersteres: ja. Zweiteres: nein, da es ja um die Verbindungsdaten geht. Verschlüsselung halte ich aber trotzdem grundsätzlich für eine gute Idee.
Fürs Publizieren gibt es anonyme Blogs (http://invisiblog.com/), fürs Surfen empfehle ich Proxies via TOR (http://tor.eff.org/), für E-Mail Mixmaster- und Mixminionremailer (http://kai.iks-jena.de/linux/mixlinux.html) oder eben gleich ein komplett anonymes Netzwerk (http://www.i2p.net/). Das ist aber durchaus technisch.
Ich bin außerdem inzwischen verstärkt der Meinung, daß die Suche nach technologischen Lösungen für derlei Probleme nichts weiter ist, als Feuer mit Feuer zu bekämpfen und so IMO unsinnig ist. Ich behaupte, wirklich notwendig ist ein fundamentaler Wandel der Sichtweisen: weg von der Mißtrauensgesellschaft, die sich z. Zt. etabliert, hin zur Vertrauensgesellschaft. Dann wären Maßnahmen wie Gesinnungstests (z.B. Baden-Württembergs Einbürgerungsfragebogen), präventive Erschießungen (London) und eben pauschale Vorverdächtigung (Kontoüberprüfung, WM-Tickets, VDS) per se hinfällig.
Den Spruch “Vetrauen ist gut, Kontrolle ist besser” halte ich nunmal für brandgefährlich.
03
Danke für die Blumen, wtf. ;)
Ich bin ja tatsächlich sehr froh darüber, wenn ich jemandens Blick für aktuelle Bestrebungen (auf vielen Ebenen, hier gehören für mich auch DRM, TCP, HDCP, DCMA und tausend andere Kürzel dazu) schärfen kann, v.a. nachdem ich dies erst kürzlich vergeblich mit dem DJV (Deutsche Journalisten Verband) versuchte.
Eine Ergänzung möchte ich noch hinterherschieben, da ich vielleicht den Eindruck erweckt habe, betroffen sei nur die Kommunikation via Internet.
Dem ist nicht so. Es geht um Telekommunikation, also z. B. auch Telefondaten. Die komplette Liste findet man u. a. hier:
https://stop1984.com/old_cms/index.php?lang=de&text=letter_retained_data.txt
Das bereitet mir insofern besonders Sorge, da ich mich z. B. im Netz mit Anonymisierungsdiensten wie TOR und Mixes oder eigenen Scripten, Routing, etc. zu wehren weiß, bei beispielsweise Telefonen bin ich aber hilflos - außer ich gehe nur noch in die Telefonzelle oder nutze ein (sehr teures) ausländisches anonymes Pre-Paid (in Dtl. ist selbst hierfür eine personelle Registrierung nötig) Handy. Mobiltelefone sind ohnehin heikel, stellen sie doch nichts anderes als ein (freiwillig getragenes) Ortungsgerät dar (Einbuchung in die entsprechende Zelle). Muß ich es zuhause/ausgeschaltet lassen, da ich öfters mal in Örtlichkeiten verkehre, an denen sich auch sog. “Linke” aufhalten, um nicht ‘verdächtig’ zu werden?
Das Thema kann auf vielen Ebenen diskutiert werden: wie es institutionell überhaupt soweit kommen konnte (massives Lobbying von deutscher Seite in Brüssel ist nicht unerheblich), mit welchen (wechselnden) Begründungen es gerechtfertigt wurde, welche Alternativen es gäbe… ich weiß allerdings nicht, ob dies der richtige Ort ist.
Sollte es unpassend sein und/oder nerven, dann entschuldige, Johnny.
Ich würde dennoch ganz kurz abschließend einen schönen Begriff einwerfen, der in der letzten Chaosradio-Sendung “Fighting the war”
http://chaosradio.de/cr110.html
genannt wurde: “die ewige Liste”. Sozusagen “das Buch des Lebens”, in dem alle (Schand)taten verzeichnet sind und für die man gerade stehen muß - im religiösen Glauben vor Gott, hier auf Erden vor … welcher Gerichtsbarkeit?
Es geht IMO auch um Kontrolle durch eine Normierung von Menschen, da v. a. Maschinen keine “analoge Grobkörnigkeit” zulassen, sondern eher “aseptische Reinheit” verlangen. Standardisierung, De-Individualisierung, um eben nicht dem programmierten Muster zu widersprechen und auffällig zu werden. Das wäre dann Selbstzensur auf fundamentalster Ebene.
So, genug der philosophischen Maschinenstürmer-Diskurse. Es ist schon arg spät.
02
Ich möchte noch ein paar
kurzeErklärungen lowerden, wieso die sog. “Vorratsdatenspeicherung” (klingt erstmal harmlos) höchst bedenklich ist.Wie in meinem ersten Kommentar schon angesprochen wird hier die Unschuldsvermutung umgekehrt und jeder (450 Mio EU-Bürger) ist grundsätzlich pauschal verdächtig. Die rein psychologische Wirkung dieser Maßnahme auf dieser Ebene lasse ich jetzt mal außen vor (Vertrauen des Staates/Vertrauen in den Staat).
Das Argument, in der Masse sei man sicher, kann ich so nicht gelten lassen. Ich möchte meine Begründung verknüpfen mit der Tatsache, daß ‘nur’ Verbindungsdaten gespeichert werden.
Warum nicht auch die Inhalte? Nunja, zum einen würde das vielleicht doch zu ‘radikal’ anmuten und entsprechenden Widerstand provozieren - auch wenn manche, auch hier, dies u. U. zu Recht anzweifeln. Zum anderen ist es aber technisch einfach nicht sinnvoll. Inhaltsfilteralgorithmen sind (noch) nicht effizient genug, man sehe sich nur mal die Spam-Problematik an. Bereits relativ effizient sind hingegen Netzwerkalgorithmen, das beste Beispiel ist DAS Web 2.0 Element der sozialen Netzwerke (small world theory).
Auch in einer Datenmasse (und eine solche wird die Richtlinie natürlich produzieren) lassen sich Beziehungen mathematisch (relativ) problemlos extrapolieren.
Die Frage ist natürlich immer die der Interpretation solcher Beziehungsgeflechte, doch die wird durch die Filterung schon recht deutlich vorgegeben.
Gefährlich ist auch die absolute Notwendigkeit zur maschinellen Analyse der Daten, wer kann schon wirklich hinter einen Algorithmus blicken und dessen Arbeitsweise durchschauen? Sicherlich nicht die ‘Exekutive’, die per Maschine den Hinweis auf verdächtige Personen bekommt und diese dann anhand der Datenbank aufsucht.
Diese Richtlinie dient dazu, uns allen etwas Freiheit zu nehmen, um einem Großteil von uns das Leben sicherer zu machen, packt doch bitte eure roten Fahnen wieder ein
Sehr (zu?) oft benutzt, doch dennoch passend:
“Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety.”
http://de.wikiquote.org/wiki/Benjamin_Franklin
P2P-ler Peter aus H. werden sie wohl kaum ans Leder wollen, der Aufwand wäre zu groß und zu kostspielig, niemand will ewig die kleinen Fische fangen, auch Big Brother nicht.
Wurde schon erwähnt: die deutsche Umsetzung spricht auch von “mittels Telekommunikation begangener Straftaten”. Verknüpfen wir dies mit dem im 2. Korb der Urheberrechtsnovelle vorgesehenen Auskunftsanspruch für Rechteinhaber und man kann sich ausmalen, was das bedeuten kann. Und nun möchte bitte niemand behaupten, die MI/FI wäre nicht klagefreudig.
Außerdem bietet die Richtnlinie in dieser Auslegung die Möglichkeit, unliebsame Äußerungen, die man als Diffamierung oder Verrat von Firmengeheimnissen, etc. als (mit Telekommunikation begangene, weil z. B. in einem Blog gepostete) Straftat erklärt, zu unterdrücken und stellt somit eine massive Bedrohung der Meinungsfreiheit dar. Ich sage nur, in England sind bestimmte Arten von Äußerungen (Terrorismus) bereits per Gesetz strafbar.
Auch für Journalisten, die Informanten brauchen, stellt die Richtlinie ein gravierendes Problem dar, denn mittels Data Mining in den Datenhalden lassen sich sehr schnell die Verbindungen der Informanten zu Journalisten aufdecken. Ich erinnere an die Cicero-Affäre.
sich zu erkundigen, wie man sich (falls man so eine Verdachtsperson ist, aber eben nur nach dieser Direktive) helfen kann, bzw. was für Löcher man nutzen kann, um durch das Raster zu fallen
Rasterfahndung ist ebenfalls ein grundlegendes Problem. Es gibt beliebige Möglichkeiten, das Raster zu ändern und zu verengen. Schon allein die unwägbare Aussicht auf neue ‘Feindbilder’ verunmöglicht zu sagen, wer im Raster hängenbleibt. Kriterien können sehr schnell hinzugeschaltet werden: männlich, islamischen Glaubens, … (um mal etwas Plakatives zu sagen)
Wie kann/soll man sich gegen etwas verteidigen, von dem man jetzt noch nicht mal weiß, daß es in Zukunft ‘Unrecht’ sein wird. (6 Monate Mindestspeicherung).
Ich zitiere hier immer gerne eine Schrift aus dem Jahr 1913 zum Einsatz der Hollerith-Lochkartenmaschine zur “Absonderung der Abnormalen”, um eben maschinell-statistisch Daten auszuwerten, um drei Typen von “Abnormalen” zu isolieren.
Wieso sollte ich mich überhaupt verteidigen? Wie soll ich etwas beweisen, z. B. daß mein Kontakt mit jemanden, der Kontakt zu jemandem hatte, der als problematisch definierte Chemikalien kaufte, nicht dazu diente, eine Bombe zu bauen? -> Umkehr der Unschuldsvermutung
Ich weiß, das war sehr lang, es könnte aber noch viel länger sein.
Ich hoffe, mein grundlegender Punkt ist klargeworden: diese Maßnahme greift in fundamentale Rechte ein: Meinungsfreiheit, informationelle Selbstbestimmung, Verhältnismäßigkeit der Mittel, Unschuldsvermutung, …
Ein “Wir müssen sehen, wie wir damit leben” halte ich (zumindest zum jetzigen Zeitpunkt) für nicht akzeptabel und bitte daher erneut um (Unterstützung des) Widerstand.
Danke nochmal für die Aufmerksamkeit
01
Danke für den Link.
Information und Bewußtsein ist zwingend notwendig.
Doch darüberhinaus auch (Gegen-)Aktion.
Momentan ist eine Demonstration in Berlin in Vorbereitung, Unterstützer jeglicher Couleur sind herzlichst willkommen. Es steht viel auf dem Spiel.
Ein Paradigmenwechsel auf vielen Ebenen (Umkehr der Unschuldsvermutung, pauschale Grundverdächtigung, Gefahr für freien Informationsaustausch/Meinungsäußerung, …) steht mit dieser Richtlinie bevor.
Ich bitte daher an dieser Stelle - ich weiß, könnte man jetzt u. U. auch als Blog-Spam bezeichnen, soll es aber nicht sein - um Engagement jedes Betroffenen - und das ist jeder.
Hier nur ein Link, ansonsten die Suchmaschine Eures Vertrauens:
http://stoppt-die-vorratsdatenspeicherung.de/
Danke für die kurze Aufmerksamkeit