Pan: Gegendarstellung oder wie die Bertelsmann-Stiftung Deutschland regieren lässt
Wieviele Asse hat die Atomlobby noch auf Lager?
-
41
Lothar Eckstein:29.06.2008 um 17:04@Ben: Dein ganzer erster Absatz hat rein gar nichts mit dem zu tun, was ich anmerkte: All diesen Leuten Urteilsfähgkeit und Denken an sich abzusprechen.
Aber dieser Absatz spielt sich auf der gleichen Ebene ab: Wer gegen Kernkraft ist kann denken. Wer dafür ist, hat nur kurzfristige Profitinteressen. So einfach ist die Welt nicht mal im Bayerischen Hof in München am Stammtisch.
Übrigens hat Toshiba heute angekündigt, bis 2020 rund 60 Atomkraftwerke bauen zu wollen.
-
40
Lothar Eckstein:29.06.2008 um 16:07@Sven #55: Dein Vergleich hinkt. In einem Fall geht es darum, technologische Erst-Entwicklungen durch Subventionen zu beschleunigen oder zu ermöglichen. Im anderen Fall wird der laufende Betrieb subventioniert! Das macht den Solarstrom (in unseren Breiten bisher) so problematisch.
@Ben #56: Ja. Der Weg in die Hölle ist gepflastert mit guten Absichten. Das ist aus meiner Sicht das Problem am Gutmenschentum. Ich bin mir im Übrigen der polemischen Komponente dieses Begriffs durchaus bewusst. Aber Du Dir nicht der Zwiespältigkeit Deiner Einseitigkeit. Du unterstellst anderen Ideologie - magst damit sogar recht haben - aber siehst meines Erachtens nicht, wie sehr Du selbst in eine verstrickt bist (wenn ich jetzt mal Deine Beiträge in diesem Strang extrapolieren darf).
Der anderen Seite, wie getan (#36), das Denken grundsätzlich abzusprechen, sagt alles. Nur mal numerisch betrachtet: Mehr Menschen leben Staaten, in denen Kernkraft positiv gesehen wird also solche, in denen sie negativ gesehen wird. In Deiner Welt sind alle dumm, die anders denken. Hier feiert deutsche Provinzialität und Besserwisserei fröhliche Urständ.
-
39
-
38
Lothar Eckstein:28.06.2008 um 01:00@ben: aha, Kernkraft ist also, wie Du sogar in Kapitalien schreibst, mit “DENKEN”nicht zu rechtfertigen. Aber 180 davon sind weltweit im Bau. In vielleicht 30, 40 Ländern. Macht ja nix. Die können alle nicht denken, richtig? Die sind alle politisch inkorrekt? Aber Du kannst natürlich denken. Und die übrigen Gutmenschen ebenso. (ok, ich kann das auch weglassen). Du bist, finde ich das Paradebeispiel für das Gutmenschenproblem. Du wirfst anderen die genau die Blindheit vor, die Du mit Verve vor Dir her trägst.
Ich finde, die Situation ist eben bei Weitem nicht so eindeutig wie in der teutschen Gutmenschenwelt. Ja, Windkraft muss sein. Solartechnik sicher auch. Aber mit diesen Subventionen in unseren Breitengraden? Darüber lässt sich zumindest streiten. Und die ganzen platten Statements Anti-Atomenergie… Kann ich nicht nachvollziehen. Risiken sind da. Ok. Aber wenn man der Gutmenschenblase mal folgt, hätte die Welt doch schon zigmal untergehen müssen. Nicht nur wegen Atomkraft. Sondern auch wegen Ozonlöchern. Wegen Waldsterben. Wegen Ölmangel (Remember Club of Rome 1972? Ha ha ha). Wegen Pershing2-Nachrüstung. Wegen Aids. Wegen Volkszählung. Wegen Klimawandel. Und so weiter. War leider immer falsch. Ein toller roter Faden seit Ende der 60iger.
-
37
Lothar Eckstein:27.06.2008 um 21:15Derzeit sind weltweit 160 neue KKW genehmigt oder bereits in Bau. Sogar in Ländern wie Finnland. Ein Teil der deutschen Öffentlichkeit verweigert sich dieser Realität vollständig. Wir liegen richtig. Alle anderen sind doof. Am deutschen Wesen soll mal wieder die Welt genesen. Allein, die Welt interessiert das recht wenig.
Statt dessen ist die Gutmenschen-Lobby Deutschland in einen Subventionswahnsinn im Bereich Solar- und Windenergie getrieben. Nicht dass ich gegen jene wäre. Ganz im Gegenteil. Aber eine Volkswirtschaft kann in Resourcen nur einmal ausgeben. Oder wenigstens nicht beliebig oft. Die Resourcen, die in Deutschland in noch viel zu ineffiziente Versionen der Solartechnik flossen, werden fehlen, wenn effizientere mal entwickelt sind. Oder sein sollten.
Da rund 50% der in Deutschland nachgefragten Solarpanelkapazität nur durch Import zu bedienen ist, zahlt der ganz normale deutsche Verbraucher mit seinen Sonderabgaben im Rahmen seiner Stromrechnung den Aufbau von Solarfabriken in Japan, USA und Korea.
In Deutschland wurden in den vergangenen 2 Jahren, wenn ich die Zahl recht erinnere, gut 2 Dutzend Projekte zum Bau von Kohlekraftwerken von den Betreibern gestoppt. Sie fürchten zuviel politischen Widerstand und ungewisse Genehmigungszeiten.
Folge: Deutschland wird Strom verbrauchen, der nicht aus neuen deutschen Kraftwerken mit vernünftiger Umwelttechnik kommt, sondern statt dessen Strom importieren. Solchen aus französischen Atomkraftwerken. Oder aus filterlosen Kohlekraftwerken aus Mitteleuropa. Oder Kraftwerke werden mit russischem Gas betrieben - wie jetzt in Berlin von der Linken gefordert- statt in Rummelsburg ein neues Kohlekraftwerk zu bauen. Natürlich wird der deutsch Gutmensch aber auch plärren, wenn sich die deutsche Politik als Folge dessen dann bei den autokratischen Russen einschmeicheln muss. Dass es da einen Zusammenhang gibt, ist ja auch schwer zu erkennen, gell.
Mein rechter rechter Platz ist frei
-
36
Lothar Eckstein:03.06.2008 um 18:22@Iris: Wenn Sie den Europaboom der letzten Jahre auf Wechselkursanpassungen zurückführen, feiern Sie eine Grundfeste des Kapitalismus. Sollte mir recht sein.
Ist aber bestenfalls ein Faktor von vielen. Dann müssten ja alle Volkswirtschaften in Europa auch ähnlich gewachsen sein. Sind sie aber ganz und gar nicht. Das Spektrum reicht vom jahrzehntelangen Schlusslicht Deutschland bis zum Spitzenreiter Irland. Sagen sie doch mal den Iren, dass deren Erfolg nichts mit Bildungs-, Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik zu tun hat. Und mit Reformen im Sinne der Agenda 2010. Die würde sie auslachen.
Es gibt nur mal eine klare Korrelation zwischen Reformfähigkeit und Wachstumsrate. Sogar der jahrzehntelange “Kranke Mann Europas” hat die Kurve gekriegt und jetzt 5% Arbeitslose - nach ehemals 15%.
Und wenn sie Deutschland nehmen: Es gibt auch hier Reformländer und Reformverweigerer-Bundesländer . Es gibt Länder mit preussischerer Arbeitsmoral und andere mit weniger preussischer. Es gibt Länder mit unternehmerfeindlichen Behörden und solche mit Unternehmerfreundlichen. Etc. Wenn man das, wie geschehen, über Jahrzehnte immer in die eine oder andere Richtung treibt, hat das Ergebnisse. Deshalb gibt es auch Länder mit 4% Arbeitslosen - und solche mit 15%. Im Süden gibt es Landkreise mit 2% Arbeitslosen. In Bayern gibt es 5% Arbeitslose obwohl dort seit der Wende fast 2 Mio (!!!!) Menschen zugewandert sind. Das wirklich Schlimme: Die Linke beschränkt sich darauf, für kleine Leute mehr Hartz4 zu fordern und verdammt diese Menschen de facto über Generationen hinweg ins gesellschaftliche Abseits. In Reformländern haben diese Leute eine Job. Ein wenig mehr Chance. Ein wenig mehr Selbstrespekt. Ein wenig mehr Zukunft.
Was ich damit sagen will: Der Kapitalismus ist selbst in einem so verDDRisierten Land wie der Bundesrepublik noch verdammt lebendig und erfolgreich. In Teilen. Und: Vom im grösseren Teilen des Rests der Welt ganz zu schweigen.
Was die USA angeht: Sie stellen die Tatsache auf den Kopf. Die USA leben nicht von Kriegswirtschaft. Im Gegenteil: Die Kriegswirtschaft der USA behindert den Kapitalismus dort. Würde man dieselben Geldbeträge in zivile Unterfangen stecken, würden sehr viel mehr Jobs rauskommen und sehr viel mehr nachfolgende Wachstumseffekte. Denn die Kriegswirtschaft ist nunmal arbeitsplätze-arm und kapital-intensiv. Ohne Kriegswirtschaft würde der Kapitalismus dort mehr und nicht weniger florieren.
Trotzdem bedroht die Kriegswirtschaft das Land nicht in seiner Subtanz. Das sind gerade mal 5% des Sozialprodukts. Unter Eisenhower im kalten Krieg waren es mehr als 10%. Und in der UDSSR, schätzt man am Schluss 35%. Das war dann in der Tat tödlich. Aber die 5% können die USA (leider locker) wuppen.
-
35
Lothar Eckstein:03.06.2008 um 14:26Ach, und zu Ihrer Frage: “Leute ruhig stellen bis der Kapitalismus sein Krise überwunden hat”.
1. Wie gesagt, der Kapitalismus hat einen weltweiten 25-jähre Boom hinter sich. Länger und weltumspannender als jemals in der Geschichte des Kapitalismus. Noch nie in der Geschichte sind so viele Menschen so wohlhabend geworden- relativ gesehen. Ja, und einige obszön reich dabei. Also ist die Frage erlaubt: Von welcher Krise reden Sie?
2. Der Kapitalismus hat seit 1 Jahr mal wieder eine zyklische Anpassungskrise. Vielleicht dauert die noch ein Jahr. Solche Krisen gab es immer wieder. De jetzige Krise hat sich auf das weltweite Wachstum bisher sogar recht moderat ausgewirkt. Die Welt wächst mit 4% statt mit 5%. Es ist bisher in erster Linie eine Krise der Finanzwirtschaft gewesen. Keine Garantie das das so bleibt. Vielleicht wird es schlimmer. Aber es ist garantiert nicht das Ende des Kapitalismus oder auch nur eine ernsthafte Systemkrise. Etwas ganz anderes, das sehe ich natürlich auch, ist diese Krise aus Sicht der amerikanischen Häuslebauer, die ihre Heimstatt verlieren. Aber die sind die allerletzten, die deswegen aufhören würden, den Kapitalismus an sich gut zu finden.
-
34
Lothar Eckstein:03.06.2008 um 14:06ja, dann schauen Sie doch auf die europäischen Arbeitslosenstatistiken - und sie wären enttäuscht. Wenn man mal die hohen Arbeitslosigkeiten aus dem Anpassungsschock weg vom Sozialismus in Ost/Mitteleuropa weglässt, sieht das gar nicht schlecht aus. Grossbritannien, Irland, Norwegen, Schweden, Österreich, Schweiz, Dänemark, die Finnen… Die Fakten sprechen massiv gegen Sie. Alle Länder, die sich modernisiert haben stehen nicht so schlecht da. Alle, die sich verweigert haben, stehen schlecht da (Italien, Frankreich, Deutschland). Von ausserhalb Westeuropas gar nicht zu reden (Australien, NEw Zealand, USA).
Oder nehmen die die BRIC Länder - in denen die Nachfrage geradezu explodierte! Oder gar Indien, China. Oder die Ex-Tiger Staaten. Sogar in Teilen Afrikas tut sich etwas.
Sogar Deutschland hatte ja eine Zeit lang mit Reformen erstaunlichen Erfolg - die jetzt ja gerade wieder kassiert werden. Zu Lasten der kleinen Leute.
Ich besteite Ihre Analyse total. Das ist ein alt-europa-zentristischer Blick. Ein Berliner Blick. Das Berlin eine Katastrophe ist, weiss ich wohl. 62% der Menschen leben von Transferleistungen. Die Welt interessiert das wenig.
Vorschläge wie es der Kapitalismus richten wird? Er richtet es jeden Tag. Kapitalismus ist der Ast, auf dem wir sitzen. Seit 200 Jahren. Mit ein paar regionalen Links-(UDSSR) und Rechts-(Nazis)Abweichungen. Aber für die grössten Teile der Welt mit grosser Kontinuität. Ich will das nicht schön reden. Ich will auch die Defizite nicht klein reden. Defizite bei Verteilung, Umwelt, Demokratie…
Mich wundert lediglich die aus meiner Sicht völlige Fehleinschätzung der gegenwärtigen Kraft und der Zukunftsfähigkeit dieses Systems.
-
33
Lothar Eckstein:03.06.2008 um 12:54@Iris (130): Ich finde Du täuscht Dich auf ganzer Linie. Ich denke, so ziemlich das Gegenteil ist wahr. Die Linke betriebt seit den 20iger Jahren in immer wieder Abgesänge auf den Kapitalismus -so wie Du. Das einzige, was verschwand, war nicht der Kapitalismus sondern der Sozialismus.
Insgesamt sind die Prognosequalitäten der Linken, mit Verlaub, eher beschissen. Als ich zur Schule ging war der Club of Rome aktuell. Prognose damals: In 30 Jahren geht die Welt unter, weil uns das Öl ausgeht. Das wäre 2002 gewesen. Heute geht man davon aus, dass alleine die saudiarabischen Ölreserven noch 70 Jahre reichen… Danach sollte die Welt aus Sicht der Linken wegen des Waldsterbens untergehen - man erinnere sich. War irgendwie falsch. Dann sollte sie wegen Atomkraftwerken untergehen. War auch nicht ganz richtig. Danach sollte sie wegen des Wachstums der Wüsten in Afrika untergehen. Erinnert sich überhaupt noch jemand? Dann sollte die Menschheit auch Mal, kann mich gut an den Spiegel-Titel erinnern, wegen Aids eliminiert werden. Ein düsteres linkes Bedrohungsszenario jagte das andere. Heute ist es der Klimawandel. Das heisst nicht, dass ich Probleme kleinreden will. Das heisst nur, dass die Westeuropäische Linke und ihr Wirklichkeitsbegriff samt ihres Menschenbildes eine Lachnummer geworden ist. Düster, misstrauisch, lebensfeindlich - ja generell misantropisch. Inzwischen kommt obendrein eine in vielen Bereichen restaurative Haltung dazu: Früher war alles besser, dahin müssen wir wieder zurück (ich sage nur: WASG….)
Der Kapitalismus hat sich als ausserordentlich wandlungsfähig und lernfähig erwiesen. Im Systemkampf mit dem Sozialismus, ebenso wie danach (seitdem eine noch nie gesehene Wandlung) und davor (in der Zeit zwischen 1840 in England und 1914 in Europa).
Wie kann man auf die Idee kommen, dass dem Kapitalimus die Nachfrage ausgeht? Vielleicht wenn man den Blick fest auf Berlin - oder auf Deutschland gerichtet hat. Aber man man darüber hinausschaut? Die letzten 25 Jahre ist die das Soizialprodukt der Welt so stark und so kontinuierlich gewachsen wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Was da passiert ist, stellt das deutsche Wirtschaftswunder der 50iger bei Weitem in den Schatten. Die Welt sieht ganz anders aus - schon wenn man sie aus Irland sieht. Oder aus Dänemark. Und erst recht aus Indien. Das Prokopf-Einkommen der Iren wird bis 2010 rund 25% höher sein als das der Deutschen, übrigens. Denn dort hat man sich der Gegenwart gestellt und sich nicht wie hier, zu Lasten des Mittelstands, verweigert.
Dieses “Der Kapitalismus sägt sich den Ast ab auf dem er sitzt” entstammt der stammtsich-sozialistischen Mottenkiste eines Lafontaine und seiner Vorgänger. Aus meiner Sicht. Jede zyklische Krise des Kapitalimus wird von der Linken als Beginn seines Zerfalls interpretiert - statt zu begreifen, dass gerade die Krisen genau die entscheidende Voraussetzung für die Überlebensfähigkeit und Lernfähigkeit des Kapitalismus sind. In diesen Krisen werden Fehlentwicklungen der Vergangenheit bereinigt (zB jetzt die Subprime-Krise und das Versagen der Rating Agenturen etc etc).
Deswegen fand ich ja (unter Augstein, huete nicht mehr) den Spiegel so toll. Niemand stärkte den Kapitalismus so sehr wie dieses Blatt. Denn es hat immer wieder für Reinigungsprozesse und Korrekturen gesorgt. Aber das ist leider vorbei.
-
32
Lothar Eckstein:03.06.2008 um 12:21@TheSentinel: Die von Frédéric in #128 zitierten Effekte klein zu reden halte ich für unredlich. Wenn man etwas gegen die Wahrheitsverweigerung der “Gutmenschenfraktion” hat, darf man sie nicht selbst an anderer Stelle betrieben. Ein antolisches Verbrechensgen ist natürlich Unsinn. Unterm Strich bleibt aber trotzdem: Es gibt in bestimmten Kulturen 1.) eine andere Einstellung zu innerfamiliärer Gewalt, 2.) einen anderen Ehrbegriff mit daraus entstehender Gewalt und 3.) eine andere religiöse Verwurzelung mit daraus entstehender Gewalt. Diese Ursachen existieren nunmal neben auch - neben den von Frédéric zitierten Gründen für die Häufung von Gewalt in diesen Gruppen. Man muss aber schon zugeben, dass die Statistik nicht mehr gar so übel zu Lasten von Migranten aussieht, wenn man Effekte von Alter, Geschlecht, Wohnort und sozialem Status heraus rechnet. Anders sehe ich es auch, wenn ich mich auf der Strasse bewege: Dann kann ich mir ausrechnen, dass ein männlicher, junger Migrant mir in einer Strasse mit vielen sozial schwachen in einer deutschten Grossstadt mit ungefähr 15facher Wahrscheinlichkeit die Fresse poliert, als ein Durchschnittsbewohner dieses Landes. Und in diesem Moment sind mir dann spätestens die Gründe, für die er persönlich sicher nur zum Teil was kann, egal.
-
31
Lothar Eckstein:02.06.2008 um 18:01Wenn Sie bei diesem Wort Herzflimmern bekommen, treffen Sie die Sache mitten ins Herz: Die Unfähigkeit und Unwilligkeit der Linken, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, wie Sozialprodukt entsteht - und nicht nur wie es verteilt wird - ist ihr Kernversagen. Und ihr Grund für die Marginalisierung. Es war im Übrigen auch der Hauptgrund für den Zusammenbruch des Realsozialismus östlicher Prägung. Es mutet mir völlig abstrus an, dass selbst danach die Linke keine ernstzunehmende Auseinandersetzung damit zustande bracht. Es gab bestenfalls Publikumsbeschimpfungen.
Leistungsgerechtigkeit bedeutet, ganz kalt, dass im jeder soviel bekommt, wie er leistet. Aus Sicht des Marktes. Wer mehr leistet bekommt mehr. Wer nichts leistet bekommt nichts. Wer etwas bekommt, hat es verdient. Wer nichts bekommt, damit hat das auch verdient.
Eine reine Leistunggerechtigkeit ist offensichtlich ist offensichtlich ungerecht und funktioniert nicht. Eine reine Verteilungsgerechtigkeit ist es aber auch. Es geht also um eine Balance. Dem verweigert sich die Linke im Kern. Auf 100 Aussagen dazu, was Wirtschaft nicht darf, kommt eine, was sie darf. Das kann nicht funktionieren.
Selbst Marx war da weiter. Er hat sich immerhin mit der Pudels Kern auseinandergesetzt. Auch wenn er, im Nachhinein, in vieler Hinsicht unrecht hatte. Die Linke heute muss erstmal wieder soweit kommen, dass sie sich erwachsen mit der anderen Seite der Medaille beschäftigt. Bzw beschäftigen will. Ohne Herzflimmern und 99-mal-nein-Haltung.
-
30
Lothar Eckstein:28.05.2008 um 18:57@Iris: Was könnte Frédéric vermissen?
Wohl kaum Parteien-Fan-Blogs, wie den hier vorgeführten. Diese sind an sich völlig ok. Es gibt sie zu allen Parteien in ähnlicher Form - also meist mehr oder weniger jubelperserisch und einseitig. Und wenn man sie spiessig findet: Mein Gott, das Durchschnittsalter der SPD Mitglieder ist meines Wissens das höchste aller Parteien und weit über 60, ich glaube 67. Das alles sollte man im Kopf haben, bevor man sich allzu wohlfeil darüber lustig macht.
Was man aus meiner Sicht aber schon in diesem Blog vermissen kann, ist konservativen Intellekt. Die Linke hat bis Mitte der 70iger und seit den späten 50igern weltweit die moralisch-intellektuelle Lufthoheit besessen - und das Agendasetting quasi alleine betrieben. Das ist seither völlig gekippt. Keine neuen Ideen mehr, keine neuen Impulse, alter Wein in neuen Schleuchen. Wenn man nur mal den Bereich Wirtschaft / Volkswirtschaft nimmt: Die letzte linke Idee zum Thema Wirtschaft stammt von Meynard Keynes aus den 20igern. Spätestens seit Milton Friedmann in den späten 60igern wird der Diskurs von konservativen Denkern praktisch alleine bestimmt. Wenn man mal die Bereiche durchgeht, in denen die Linke in den letzten 20 Jahren mit neuen Ideen gepunktet hat: Mir fallen ehrlich keine ein.
Was die Welt umwälzt sind statt dessen immer radikalkapitalistischere Ideen. Also im wesentlichen konservative Ideen. (Ironischerweise kann man hinzufügen: Auch die Ideen der Islamisten sind konservative Ideen). Die moderne Welt, der Kapitalismus der 21 Jh, blüht und gedeiht weltweit mehr denn je und treibt die Linke vor sich her. Diese reagiert gar nicht mehr (man schaue sich den Rückzug der deutschen Intellektuellen ins Private an, von Grass mal abgesehen) und mit reflexhaften Antworten aus dem vergangenen Jahrhundert. Oder mit stupider Destruktivität (Autos von kleinen Malochern in Kreuzberg anzünden). Marx würde sich schämen, würde ich mal tippen.
Man sollte sich da nicht durch die Rot-Rot-Berliner-WASG-Mediaspree-Versenken-Perspektive täuschen lassen. Auch nicht von Chavez oder Castro Junior (jener vergibt übrigens gerade Mobilfunklizenzen an böse ausländische Konzerne). Global gesehen völlig wurscht.
Aus meiner Sicht das Kernproblem: Links beschäftigt sich seit 50 Jahren nur noch mit Verteilung und Verteilungsgerechtigkeit, kaum noch mit Leistung und Leistungsgerechtigkeit. Für die Haltung hat sie einen hohen Preis bezahlt. Den Verlust der Impulsgeberrolle, den Verlust der intellektuellen Lufthoheit. Zumindest im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten. Es mutet doch schrecklich an, wenn die Gallionsfiguren der Linken heute nicht mehr Intellektuelle wie Sartre sind, sondern höchst zynische blanke Populisten wie Lafontaine und Chavez! Dios mio!
Jedenfalls: Diesen innovativen und impulssetzenden Teil des Konservativen hier ein wenig im Blog zu haben fände ich sehr wünschenswert und bereichernd.
-
29
Lothar Eckstein:28.05.2008 um 12:05Wir sind inzwischen recht weit vom Thema weg. Es endet da, wo es oft endet, wenn solche Themen diskutiert werden und die Teilnehmer ideologisch nicht einheitlich voreingenommen sind. Es sollte aber nicht um den Islam gehen, sondern um die Frage, wieso man im Spreeblick kaum konservative Positionen findet.
Ein Aspekt, der meines Erachtens bisher eher wenig beleuchtet wurde ist die Frage der Themensetzung - und ihr Einfluss auf die Präsenz konservativer Postionen im Spreeblick.
Linke Medien beschäftigen sich lieber mit Verteilgerechtigkeit als mit Leistungsgerechtigkeit. Beim ersteren können sie leicht punkten, beim zweiten schwer. Bei den Konservativen umgekehrt. Linke Medien kreisen häufig um eine Begrenzte Zahl von Anti-Themen (Gegen; Flughafenerhalt, Flughafenneubau, Gasometerbebauung, Mediaspreebebauung, Mauerparkbebauung, Bergmannstrassenbebauung, Kohlekraftwerke in Rummelsburg, Gaskraftwerke in Rummelsburg, Atomkraftwerke überall, Windmühlenfügel in Brandenburg, BVG-Fahrpreiserhöhung, Autobahnbau nach Schönefeld, Eisenbahnbau nach Schönefeld, Baumabholzung, Grosse Autos, alte Autos, Studiengebühren…).
Konservative Medien zelebrieren im schlimmsten Fall sogar Erfolge (Privat-Klinikeröffnungen, Autobahnbauten, Immobilienprojekt-Richtfeste, Unternehmensgründungen, Privat-Schuleröffnungen, Grill-Royal-Feste, toller neuer Opernspielplan, und sogar Ingvild Goetz kommt als Sammlerin nach Berlin).
Daher hätte es der Spreeblick durch die Themensetzung der Autoren selbst in der Hand, wer sich einfindet. Die Frage ist aber, ob man wirklich wagen sollte, vom ideologisch recht Reinen wegzugehen. Selbst in einem für Blog-Verhältnisse ungeheuer disziplinierten Umfeld wie dem Spreeblick.
-
28
Lothar Eckstein:27.05.2008 um 16:05@bioapapter: Verstehe die Einwände nicht. Dem “Friedrichshain-Kreuzberg” habe ich weiter oben das Wort “Klischee” vorgesetzt. Sollte zum Ausdruck bringen, was Du mir entgegenhälst. Aber offenbar leider nicht klar genug. Zu Deiner Wahrnehmung meiner Wohnsituation: Weit gefehlt, leider. Aber ok: Klischee gegen Klischee. Das kaufe ich. Bin übrigens auch kein CDU Wähler. Wichtig ist mir nur eines: Ich sehe die “Friedrichshain-Kreuzberg”-Mentalität keineswegs als Bedrohung für die Welt oder für das Abendland. Im Gegenteil. Die Welt ist längst woanders. Der Hund bellt(e), die Karawane zog weiter, um es mit dem “Dicken” zu sagen. Ich sehe sie aber als Bedrohung für die Chancen von ganz normalen Deutschen. Oder solchen, die zB in Spandau von Hartz4 leben. Denen wird mit dieser Mentalität jede Chance genommen. Die Privilegierten, andererseits, wird das “Friedrichshain-Kreuzberg-Phänomen aber wenig kratzen. Die schaffen es auch so - oder trotzdem - ins Trockene. Unterstellung von extremistische Postionen? Wenn Du mir erklärst, wo ich das tat oder zu unrecht tat, lerne ich gerne dazu.
-
27
Lothar Eckstein:27.05.2008 um 15:42@mspro: Würde stark vermuten, dass Du wirklich denkst, was Du schreibst: Dass es vielleicht ein zwei Leute gibt, die in der CDU auf dem Boden der Verfassung stehen- oder auch nicht. Wenn ich Deinen letzten Satz lese… Hier zu argumentieren ist natürlich sinnlos. Man könnte es versuchen mit: Vielleicht gibt es ja einen Grund, dass es eine grössere Neigung gibt, die Linke als verfassungsfeindlich zu beobachten als die CDU. Aber der Verfassungsschutz ist natürlich auch manipuliert. Ich vergass. Hier sind wir mitten im Reich düsterer Verschwörungstheorien. Eine ernstgemeinte Auseinandersetzung mit konservativen Positionen, die sich F Valin wünscht, ist da natürlich schwer. Und wird auf Spreeblick so auch kaum entstehen. Was den Grad der Polemik angeht, würde Dein Post gut zu PI passen.
-
26
Lothar Eckstein:27.05.2008 um 14:55@bioadapter: Kann nicht einen Deiner Sätze nachvollziehen. Wenn es mir darum ginge, nicht alleine zu stehen (Danke für Deine Fürsorge) müsste ich nicht besorgt sein, wenn ich mich in der Welt umschaue. So wie Du, nämlich umgekehrt, kann man es nur sehen, wenn man über den - Klischee - Friedrichhain-Kreuzberger Horizont nicht hinausguckt. Was also, willst Du mir sagen? Ausserdem wird es hier so langsam persönlich. Selbst der Spreeblick hält in Teilen offenbar das nicht aus, was er sich in diesem Posting wünscht: Den Diskurs mit einer substanziell anderen Sicht. Diese andere Sicht landet dann schnell da wo wir gelandet sind: Ach wie süss, ach wie dumm, ach wie hinten dran, ach wie wenig verstanden.
Ach ja: Und wie kommst Du zB darauf, dass ich denken könnte, dass man für Demokratie nicht eintreten muss? Und zu dem historischen Determinismus, den Du mir unterstellst (in diesem Fall: “Jeder Kapitalistische Staat wird immer ne Demokratie”): Den gab es ja wohl nur von Links. Jahrzehntelang runtergebetet. Bis 89. Oder habe ich bei meinem linken Sozialkundelehrer in der 12. Klasse was falsch verstanden?
-
25
Lothar Eckstein:27.05.2008 um 14:54Ich stimme dem ersten Teil zu, bis auf ein paar Nuancen. Dem letzten Satz aber im Hinblick auf die CDU und den Konservativismus ganz und gar nicht. Ich finde ihn sogar ein wenig skandalös. Oder traurig.
Die CDU ist eine demokratische Partei. Bis auf Ausfallerscheinungen, die aber genauso in der Linken oder bei den Grünen gibt. Die CDU insgesamt als Partei zu portraitieren, die gegen Pluralismus, gegen Toleranz und gegen Gastfreundschaft sei, ist blind und dumm. Das würden im Übrigen auch die SPD, FDP und die Grünen mehrheitlich so sehen. In Frankreich oder in England käme man nie und nimmer auf die Idee, den jeweiligen konservativen Parteien eine Ecke nahe des Verfassungsbruchs zu rücken. Das ist deutsche Spezialität. Das unterstreicht aus meiner Sicht, was ich weiter oben schrieb: Der durchschnittliche CDU-Haushalt in Zehlendorf ist heute toleranter dem anderen politischen Spektrum gegenüber als der durchschnittliche Friedrichshainer Linksfundi-Haushalt.
-
24
Lothar Eckstein:27.05.2008 um 14:18@bioadapter: Tut mir Leid, aber für mich sind das überkommende Parolen und Klischees aus einem vergangenen Jahrhundert: Demokratie ist gar keine echte. Alles ist manipuliert. Der Westen ist Scheisse. Die Kapitalisten sind böse. Das interessiert ausser ein paar ewig gestrigen im alten Europa eh niemand mehr. Meine Erfahrung: Das wirkt schon in Irland schal und in Brasilien erst recht. Selbst die Finnen würden drüber lachen - und sogar die meisten Deutschen, Italiener und Franzosen, wo solche Sorte Denke ja noch verhältnismässig viel Raum greift. Letzter Rückzugspunkt für solche extremistischen Positionen: “Nun, ich bin halt Teil einer Avantgarde. Ich habe es begriffen. Die anderen sind halt doof”.
@chrisfried: Die konservative Stimme auf Spreeblick hat es schon auf Grund der Themensetzung schwer. Da wo Ansichten häufig in ein weltanschauliches Spektrum zerfallen, kümmert sich der Spreeblick mit Vorliebe um Themen der Verteilgerechtigkeit (Wie verteile ich, was da ist? Welche soziale Minderheit partizipiert wie?)- und nur selten um solche der Leistungsgerechtigkeit (Wie entsteht, was verteilt werden kann? Wie entsteht überhaupt etwas?). Meines Erachtens setzen sich die konservativen Lebensmodelle sehr viel stärker mit zweiterem Auseinander und finden bei Spreeblick schon thematisch kaum Halt.
-
23
Lothar Eckstein:27.05.2008 um 13:11@mspro: Klar hat es in allen Kulturkreisen immer Auf und Ab gegeben. Klar war der islamische Kulturkreis im Verhältnis zum Rest der Welt mal sehr aufgeklärt, innovativ und tolerant. Davon kann ich mir aber heute nichts kaufen. Denn viel ist davon nicht übrig. Obendrein: Aufgeklärt, innovativ und tolerant war der Kulturkreis immer nur relativ zu seiner Zeit. Relativ zu den heutigen Masstäben war es es natürlich nie. Und darauf kommt es mir, der ich hier und heute lebe, nunmal an. Klar ist auch, dass es immer an den Rändern Gegenbeispiele gibt: Radikale Evangelikale in den USA oder aufgeklärte Humanisten an ägyptischen Unis. Aber im Kern bleibt: Auf den Modernisierungsschub in christlich geprägten Gesellschaften seit der franz. Rev. hat der Islam nach einigen Versuchen, dieser Modernisierung nachzueifern (siehe Türkei) überwiegend reaktionär und restaurativ reagiert. Tatsache bleibt, dass das war an Aufklärung und Humanismus wir hier alle (denke ich) schätzen und gut heissen, im Kern einer Evolution des christlichen Denkens entstammt.
-
22
Lothar Eckstein:27.05.2008 um 12:45@bioadapter: Danke auch für Deine Herablassung. Leider ist trotzdem grundfalsch, was Du da anführst. Pragmatisch wie ideologisch. Demokratie ist nicht aus dem Stand heraus plötzlich vom Himmel gefallen. Es war ein mühseliger Prozess des Widerstreits von Veränderungs-und Beharrungskräften. Dass es Defizite gab und gibt ist doch mehr als banal - und zwar in allen demokratischen Ländern - ändert nichts am Grundsätzlichen. Die USA haben im Übrigen dabei öfter auf der falschen als auf der richtigen Seite gestanden. Zu China: Ich wüsste keine, wo Kapitalismus stabil ohne Demokratie funktioniert. Jede kapitalistische Gesellschaft ist bisher früher oder später demokratisch geworden. Von Chile angefangen bis sogar Deutschland.
@Dass der Kapitalismus derzeit die meisten Menschen tötet kann ich nicht recht ernst nehmen. Das ist eine sehr alteuropäisch-eurozentristische Sicht der Dinge. Zunächst mal wäre ohne die “grüne Revolution” der 60/70iger - kapitalistisch entwickelte modernere Anbaumethoden - eine Ernährung der heute auf der Erde lebenden Menschen so und so undenkbar. Ohne die kapitalistisch entwickelten Massenhygiene und Gesundheitsverfahren wäre die Sterberate noch im vorindustriellen Bereich. Und so weiter. Man kann aber natürlich Ursache und Wirkung vertauschen.
-
21
Lothar Eckstein:27.05.2008 um 11:37@Frédéric Valin: Das sehe ich ganz und gar anders. Die Geisteshaltungen, die zugrunde liegen, sind sehr wohl sehr verwandt. Zum Teil gespenstisch identisch.(zB im Hinblick auf Toleranzwerte, Haltung zu Gewalt als legitimem Mittel, Gewichtung von persönlichen Freiheitsrechte vs Kollektivrechten etc etc).
Und aus diesen Geisteshaltungen erwuchs in der Praxis immer nur Menschenverachtung.
Das bestreiten dieser Wurzeln wäre dasselbe, als würde man nicht erkennen, dass Aufklärung, Demokratie und Humanismus etwas mit dem Christentum zu tun hätten.
-
20
Lothar Eckstein:27.05.2008 um 11:16@Sven:
Warum extrem rechte Ideologie immer menschenfeindlich ist, aber extrem linke nicht, möge man mir bitte erklären. Mir fällt es schwer die im Namen extrem linker Ideologie Gestorbenen weniger schlimm zu finden, weil sie nicht in einem rassistischen Kontext gestorben sind.
Und klar gibt es in allen gesellschaftlichen Schichten Menschenfeindlichkeit und Antihumanismus und Ablehnung des Aufklärung. Aber an den politischen Rändern doch wohl gehäuft. Oder gar systematisch. Diese von Dir implizierte Relativierung und Verwässerung dessen halte ich für bedenklich, wenn gewollt.
-
19
Lothar Eckstein:27.05.2008 um 09:16@Iris:
1. Auch wenn ich selbst nicht gläubig bin: Aufklärung, Humanismus und Demokratie in unserem heutigen Sinne sind aber nun mal eng an die christliche geprägte Geistesgeschichte Westeuropas geknüpft. Dieser Wertekanon hat sich in einem christlichen Kontext entwickelt - und in keinem anderen. Das muss man schon anerkennen.
2. Die extreme Linke fängt für mich spätestens da an, wo die aktuelle Verfassung in Frage gestellt wird oder bestenfalls taktisch genutzt wird. Oder wo Gewalt angewendet wird. Auch gegen Sachen - in jeder Form. Das gilt auch für die Rechts. Dass aber von der Rechten die grössere Gefahr ausgeht: Ja und nein. Und eine müssige Diskussion. Historisch hat der Linksxtremisimus mehr Tote zu verantworten als der Rechtextemimus. Auch wenn er eher taktisch und vorindustriell statt strategisch und industriell getötet hat. Mir geht es um eine Angrenzung vom Extremismus an sich. Mich irritiert immer die Einteilung in schlechten und nicht ganz so schlechten (oder gar guten) Extremismus. Wenn man die Islamisten zu den rechtsextremen Gruppen ordnet, stimme ich Deiner Interpretation, das von der extremen Rechten mehr Gefahr ausgeht, allerdings zu.
Allerdings hat beides nichts mit dem Thema des Threads zu tun. Aber wenn wir schon mal off-topic sind: Symptomatisch, finde ich, für die aktuelle, meist auch noch aufgeklärte Geisteshaltung in Deutschland, dass Du “Aufklärung, Humanismus und Demokratie” als “die wesentlicheren Prägungen unserer aktuellen Gesellschaft” siehst, aber nicht den Kapitalismus. Besonders in Deutschland - anders als zum Beispiel in England oder Schweden - hat selbst die gemässigte Linke selten das Rückgrad, den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Demokratie nachzuvollziehen. Es gibt Demokratie nirgends auf der Welt ohne Kapitalismus. Erstmals ist China dabei zu zeigen, dass es womöglich Kapitalismus ohne Demokratie geben kann. Aber auch da ist die Frage, wie lange noch. Jeder Versuch, Demokratie ohne Kapitalismus zu leben, hat dagegen bisher noch immer in Katastrophen geendet.
-
18
Lothar Eckstein:26.05.2008 um 21:32Ein wichtiger Grund aus meiner Sicht: Die Linke und erst recht die radikale Linke ist massiv intolerant geworden. Es herrscht ein Habitus vor, der impliziert, im Besitz der besseren Moral und der besseren Lebensentwürfe zu sein. Jeder, der das in Frage stellt, egal wie weit rechts von links er ist, wird ausgegrenzt. Ein echtes Interesse, dazuzulernen vermag ich in den seltensten Fällen erkennen. Das bestätigt im Kern ja sogar der Autor - zu meiner grossen Überraschung (#29).
Meine Erfahrung ist im Gegenteil, dass heute das bürgerliche Lager toleranter ist als die Linke. Oder sich toleranter gibt, wenigstens. In Zehlendorf Reihenhaus wird dem Punk aus Friedrichshain mehr Existenzberechtigung zugestanden, als umgekehrt. Und so weiter. Je mehr man von der (bildungs-?)-bürgerlichen Mitte wegkommt, desto intoleranter werden die Haltungen - egal ob links oder rechts.
Das Internet befördert leider den Austausch zwischen Weltanschauungen nicht, es verhindert ihn. Da denke ich ganz anders als Herr Jesse von der zitierten Zeit. Es führt dazu, sich Gleichgesinnte in immer kleineren, homogeneren Gruppen wieder finden. Und sich in jenen vom Grundsatz her widerspruchsfrei ganz arg geil finden dürfen. In all diesen Mechanismen sind die extremen Ränder des politischen Spektrum meines Erachtens identisch. Jenes sehen der Spreeblick und seine Kommentatoren ja offenbar anders: Eine klare Abgrenzung zur extremen Rechten. Aber nicht zu extremen Linken. Zumindest habe ich das Gefühl, wenn ich diesen Thread lese. Dass sich hier keine grosse Zahl von Nicht-Linken einfindet, kann auch daher nicht überraschen.
Hinzu kommt, dass Menschen, die gemässigte bürgerliche Positionen vertreten, im allgemeinen über ein viel kleineres Zeitbudget für Medien verfügen. Das sind oft solche Leute, die lange Arbeitszeiten mit Kindern in traditionellen oder nicht gnaz so tradtionellen Familienmodellen verbinden. Menschen, die in Deutschland längst zu einer schützenswerten Minderheit geworden sind (in Berlin, zum Beispiel, leben knapp 40% der Bevölkerung von eigenem Einkommen und etwas über 60% von staatlichen Transfereinkommen - von Rente bis Hartz4).
Privater Monolog um Öffentlich-Rechtliches
-
17
Lothar Eckstein:08.05.2008 um 12:27@Christoph: Es gibt nur ganz wenige Fakten, die aus meiner Sicht für Deine Einschätzung sprechen -aber seitenweise welche, die dagegen sprechen.
1. ARD und ZDF als Helden des investigativen Journalismus?
Der Elchtest wurde in Schweden von einer privaten Autozeitschrift durchgeführt und in Deutschland von einer ebenso privaten erstmals abgedruckt - Autobild. Später hat es dann auch die Tagesschau nacherzählt. Ebenso wie die Bildzeitung, meine schwäbische Lokalzeitung (in 20km Entfernung zum Daimlerwerk) und viele Andere. Na toll. Aber das ist nur ein Beispiel. Ganz generell gilt: ARD und ZDF sind im Bereich investigativer Journalismus peinlich schwach - vor allem im Vergleich zu BBC. Deswegen braucht man sie bestimmt nicht. Praktisch alle grossen investigativen, kontroversen Geschichten wurden in den letzten 30, 40 Jahren von privaten Medien vorangetrieben - vor allem dem Spiegel. Neue-Heimat Skandal, Flickskandal, Parteispendenskandal, Barschel-Affäre. Mit fällt nicht ein einziger grosser Fall ein, wo ARD und ZDF auch nur am Rande eine Rolle gespielt hätten. Lasse mich da aber gerne korrigieren. Unterm Strich: Wenn es ein Kernversagen von ARD und ZDF in diesem System gibt, dann dass sie genau das NICHT leisten. Zumindest nicht im Vergleich zu den horrenden Milliarden, die in das System fliessen.
2. ARD und ZDF als Helden des Agendasetting?
Auch hier ein kompletter Ausfall. Nehmen wir ein paar grosse durch Medien ins Bewusstsein gehievte Themen der letzten Jahrzehnte: Waldsterben, AIDS-Krise aus den 80igern. Oder Klimabedrohung aus der letzten Zeit - alles Spiegel-Themen. Und dann bei ARD und ZDF nacherzählt. Das können auch die privaten TV-Sender. Und zwar gerade in der jungen Zielgruppe besser als ARD/ZDF. Ich habe die genauen Zahlen nicht im Kopf, aber die Tagesschau hat bei unter 25-Jährigen einen Marktanteil von 4%. Oder vielleicht auch nur 3%.
3. ARD und ZDF als Helden der Neutralität?
Halte ich für ein ziemliches Gerücht. Aber das ist subjektiv und kann man lange diskutieren. Besonders wenn die Interessen der beiden berührt sind - ich erinnere mich an Berichterstattungen zu Gebührenerhöhungen, zum Rundfunstaatsvertrag oder an solche zu Entwicklungen bei der Sportrechtevergabe, ist Schluss mit lustig. Sorry, aber die holzen da genauso viel oder wenig wie beliebige andere Kandidaten - und betrieben massive Interessenplolitik. Ist ja auch ok. Sollen genauso dürfen wie jeder andere. Die sind aber auch nicht besser als jeder andere.
4. ZAPP ist, finde ich, einer der grossen Vorreiter der ARD, wenn es um “interessengeleitete Kommunikation” geht, oder wie das so schön heisst. Aus meiner Sicht ein ganz ganz schlechter Kronzeuge. Dann schon lieber die Medienseite der SZ. Ich wette, dass die bei ZAPP gründlich gelesen wird ;-).
5. Gerichts-Shows und Co kann man mögen oder nicht. Aber bisher haben ARD und ZDF noch jede Sau, die von den Privaten durchs Dorf getrieben wurde, ein paar Monate späte nochmal durchgetrieben. Jetzt wollen sie, wenn meinen Augen trauen durfte, auch eine Casting-Show machen. Aha. Allerdings nicht für Models (das ist ja noch relativ unschädlich) sondern für Politik-Nachwuchs. Innovativ und früh dran. Finde ich super.
Trotzdem finde ich öffentlich-rechtlichen Rundfunk an sich richtig und wichtig. Aber man kann das gut oder schlecht machen. Das deutsche System macht es aus meiner Sicht ganz schlecht. Es verbindet die Nachteile der privaten Fernsehens mit den Nachteilen des staatlichen Fernsehens.
-
16
Lothar Eckstein:07.05.2008 um 01:02@michael (14): Dein Vergleich hinkt leider. Die RTL Group macht den grössten Teil ihres Umsatzes ausserhalb Deutschlands. Und bei ProSiebenSat1 rechnest Du ganz grosszügig offenbar die nordeuropäische SBS mit ein.
Wenn man als RTL, SAT und P7 als Sender mit ARD und ZDF als Sender vergleicht, ist der Fliegenschiss-Vergleich nicht mehr so falsch. Selbst zu ihren besten Zeiten war die ehemalige KirchGruppe nur halb so gross wie die ARD. Jene ist nach wie vor der mit Abstand grösste Fernsehkonzern in Deutschland. Der Gesamte deutsche Werbemarkt, von dem alle Privaten leben, ist kleiner als die Gebühren der ARD.
Mir ist nicht klar, auf welcher Grundlage ARD und ZDF ins Web expandieren wollen. Man vergleicht sich dort ja gerne mit der BBC. Diese expandiert ebenfalls massiv ins Internet. Noch massiver sogar, als es ARD und ZDF gerade planen. Über die Art, wie es bei der BBC passiert kann man durchaus diskutieren: Dort gibt es ein mehrstufiges Verfahren mit externen Gutachtern, das prüft, ob eine von der BBC geplantes Angebot im Web nicht genauso gut oder besser von Privaten geleistet werden könnte. Erst wenn ein “public value” erkannt ist, wird es mit Steuergeldern gemacht.
Anders die tollen Deutschen. Auch ARD und ZDF wollen ein Prüfungsverfahren, aber bitte ohne externe Beteiligte. Hallo? Der Fuchs im Hühnerstall darf sich seine Hennen selbst zum Mahl genehmigen. Noch wichtiger aber: Obwohl ARD und ZDF ein Vielfaches pro Sendeminute ausgeben können, haben sie die letzten 30 Jahre damit verbracht, Sendeideen von privaten Sendern nachzuahmen. Aus der ARD und aus dem ZDF kamen seit der Erfindung von Wetten Dass und Am Laufenden Band keine Innovationen mehr. Nicht nur wenige - nein keine. Entweder wurde bei den Privaten abgeguckt - und die gucken ja selbst oft im Ausland ab - oder es wurde direkt dort abgeguckt. Was ich nicht erkennen mag: Wieso soll ein 7-Milliarden-Konzern-Moloch, der seit Jahrzehnten mehr und mehr privates Fernsehen imitiert, jetzt auch noch dasselbe im Web tun können?
3Sat, Phoenix und Arte in allen Ehren. Aber da gehen keine 10% der Gebühren hin. Mit 90% machen ARD und ZDF privates Fernsehen. Und das auch noch schlecht, wie die ruinösen Altersstrukturen belegen. Und das Ganze jetzt auch im Web?
Meines Erachtens sollten ARD und ZDF im Web allen Freiraum der Welt kriegen - aber dann wirklich “public value” (mindestens mit den BBC Standards) produzieren. Und den Rest lassen. Dann reicht auch 1 Milliarde Gebühren statt 7. Und dazu würde ich meinen Teil grosszügig beitragen wollen.
Bzw, es würde eine dreiviertel Milliarde reichen, wenn die Damen und Herren - dort - jenseits von Journalisten und Freien - statt 32,24 mal 38,35 Stunden pro Woche arbeiten würden.
Tempelhof retten
-
15
Lothar Eckstein:23.04.2008 um 12:59Ich finde Mediaspree sehr gut. Ich finde Berlin braucht Entwicklung. Nicht für die wenigen Privilegierten (zu denen ich mich auch zählen darf), die im Kunst/Kultur/Medien/Politik-Kontext unterwegs sind. Und auch nicht für die, die irgendwo im staatlichen oder staatsnahen System lebenslange Job- und Langeweile-Garantien haben. Sondern Berlin braucht Chancen für die Normalos jenseits davon. Solche haben nämlich in Stuttgart, München oder Nürnberg einen Job (weniger als 5% Arbeitslose). Und hier in Berlin werden sie generationenübergreifend mit Hartz4 Valium ruhiggestellt. Und hier sehe ich auch den Bezug zu Tempelhof. Berliner plärren ganz schrecklich, wenn sie seit Jahren sinkende Realeinkommen haben und die höchste Hartz4 Quote aller deutschen Grosstädte. Gleichzeitig finden sie sich in Ihrer dümmlichen Wirtschaftsfeindlichkeit cool. Auf Tempelhof bezogen: Die bösen Reichen und Geschäftsleute werden in Gottes Namen am Ende eben 7 Minuten länger nach BBI fahren und in dieser Zeit in ihrer abgedunkelten Limousine 2 Geschäftstelefonate mehr machen. Kein Beinbruch. Wirklich schaden wird es den ganz normalen Berlinern - in Form von nicht entstandenen Job. Genauso wenig wird die 7. Frau des Scheichs von Abu Dabi leiden, wenn sie nicht per Rutsche aus dem Flugzeug ins Krankenhaus kann. 45min mehr Flugzeug und sie ist in London. Kein Thema. Leiden wird wiederum nur der ganz normale Berliner mit mittlerer oder mässiger Qualifikation, die keinen Job als Krankenpfleger oder Aufzugwärter haben wird. etc. Der grosse Skandal ist aus meiner Sicht, dass hier Berlin-Privilegierte mal wieder alles tun, um sich das Berlin zu erhalten, in dem sie es sich bequem eingerichtet haben. Hochsubventioniert vom Rest der Republik (man sehe sich mal an, wie das ohne Länderfinanzausgleich hier laufen würde) und zu Lasten der normalen Leute.
-
14
Lothar Eckstein:23.04.2008 um 12:23@ Klaus: Aha, Klaus, wenn das Ergebnis so ausfällt wie magst, haben sich die Berliner als gute Demokraten qualifiziert. Wenn es anders ausfällt, haben sie sich instrumentalisieren lassen. Das ist ja ne tolle Einstellung.
@ Johny: Die Art, wie die andere Seite verächtlich gemacht wird. Ich selbst finde, dass das Volksbegehren eine politisch hohe und inhaltlich geringe Bedeutung hat. Denn die Betriebsgenehmigung ist bereits rechtswirksam entzogen. Eine Neuerteilung dauert 20-30-40 Jahre. Dort wird zu unseren Lebzeiten keinFlugzeug mehr starten. So der so. Trotzdem muss man sehen, dass die Tempelhofbefürworter weiss Gott gewichtigere Argumente und weit legitimere Motvie haben, als Deine Polemiksammlung weiter oben nahelegt.
-
13
Lothar Eckstein:23.04.2008 um 11:46Ich bin enttäuscht von diesem Beitrag. Zumindest hätte ich ihn nicht auf Spreeblick erwartet und erst Recht nicht von Johny Haeusler. Ein Volksbegehren ist ein wertvolles Stück Demokratie. Ich sage das, obwohl ich persönlich Volksbegehren nicht mag. Ich halte das parlamentarische Prinzip für weitaus besser. Aber es ist nunmal Teil unserer Verfassung und somit zu respektieren. Dass die Abstimmung in diesem Fall keinen bindenden Charakter hat, ist keine bösartige Erfindung einzelner Akteure, sondern ebenfalls Teil der Verfassung. Und somit ebenfalls zu respektieren.
Eine ganz andere Sache ist, wie man hinterher mit dem Ergebnis politisch umgeht und ob der mediale Druck dann doch erzwingt, das Ergebnis auch dann zu berücksichtigen, wenn es gegen der Willen der Regierenden ausfällt.
Was mir persönlich aber zunehmend unangenehm aufstösst, ist die Haltung, mit der man vor diesem Hintergrund mit dem jeweiligen Gegner umgeht. Aus Kriegen weiss man ja, dass dort die Gegner entmenschlicht werden, damit die eigenen Brutalität leichter fällt. Eine differenzierte, abwiegene Betrachtung ist offenbar selbst bei Spreeblick uncool.
Die andere Seite im Tempelhof-Streit, das sind manipulative Kapitalistenschweine, die nur ihren Profit maximieren wollen und die verschwörungsmässig mit viel Geld Menschen dazu kriegen, gegen ihre wahren Interessen zu handeln. Daneben allesamt dümmliche Politiker, die natürlich nicht legitime Anliegen vertreten sondern nur die Leute verarschen. Persönliches Format haben sie sowieso nicht. etc etc.
Ganz so einfach ist das aber nicht.
Vor allem: Es zeigt, wie wenig Viele, auch lange Jahre nachdem die Weimarer Republik unter anderen an Volksabstimmungen kaputt ging, dazugelernt haben.
Undiplomatisch
-
12
Lothar Eckstein:21.04.2008 um 16:29…immerhin hat sich wenigstens Einer aufgemacht, mit diesem Klischee zu brechen und eines dieser autoritären arabischen Regimes zu stürzen. Im Irak.
Workshop: The right to the city
-
11
Lothar Eckstein:11.04.2008 um 00:02Bin ganz baff: Die Einsicht, dass diejenigen, die die Gentrification am meisten bekämpfen und verurteilen, deren wichtigster Auslöser sind, hätte ich nicht erwartet. Das ist ein echter Schritt nach vorn.
Kommentare kommentieren
-
10
Lothar Eckstein:08.03.2008 um 17:16In der Londoner Times wurden Leserbriefe immer mit vollem Namen und voller Adresse des Schreibers abgedruckt. Prinzip: Wer seine Meinung äußert, sollte gefälligst auch als Person dazu stehen. Das ist sicher extrem. Genauso extrem ist aber anonymes Gemotze hinter wechselnden Pseudonymen im Netz. Ich wünschte mir eine Entwicklung der Netiquette dahingehend, dass Blogkommentatoren genauso wie Blogautoren mit ihrem Namen für das einstehen, was sie schreiben. Das mag naiv klingen, aber ich hoffe, es gibt eine ähnliche Entwicklung wie bei Mobiltelefonen: Es ist inzwischen zurecht fast unhöflich, wenn man andere Menschen mit unterdrücktem Anrufernamen belästigt. Vor ein paar Jahren sah das noch ganz anders aus.
Vielleicht ist es meine Mauselochperspektive, aber meine Wahrnehmung ist, dass in angelsächsischen Blogs sehr viel höflicher und sachlicher kommentiert wird, als in deutschen. Demokratische Debattenkultur hinkt bei uns - von Parlamenten bis Debating Societies in Universitäten, von Zeitungen bis Blogs - den Angelsachsen generell hinterher. Dass das sogar bei Massenmedien verhältnismässig gut zu machen ist, zeigt die BBC sowohl als TV-Sender als auch online.
Dann hau doch ab, Du Arsch!
-
09
Lothar:27.02.2008 um 02:20Im Gegenteil: Man kann die politische Relevanz der Ereignisses gar nicht hoch genug einordnen. Als Medienöffentlichkeit müssen wir uns entscheiden, ob wir wirklich Sprechblasenmaschinen wollen, die sich in der Öffentlichkeit immer und zu jeder Zeit unter Kontrolle haben. Sowohl verbal wie auch was Gestik und Mimik angeht. Victoryzeichen von Herrn Ackermann? Gesichtsentgleisungen von Frau Merkel? Alles wegtrainiert! Denn unsere Mediengesellschaft ist nun mal so gestrickt, dass in erster Linie solche Dinge relevant sind, die gegen jemanden verwendet werden können - und nicht solche, die für jemanden sprechen. Denn Skandalisierung schafft Aufmerksamkeit, Wohlabgewogenheit - bei Politikern ebenso wie bei Journalisten - führt zum Jobverlust. Diesem Skandaliserungsdruck entgeht nur der angriffsfläche-minimierende PR-Profi. Auf Dauer tauschen wir Politiker gegen als Politiker getarnte Pressesprecher. Natürlich ist es ironischer und zynischer Teil der Mediengesellschaft, sich hinterher über genau den Zustand zu beklagen, den sie vorher selbst mit geschaffen hat. Ich glaube im Übrigen daher, dass es eine Renaissance der Hinterzimmer geben wird. Die eigentliche Debatte im überschaubaren und möglichst beherrschbaren Kreis der Wenigen, die an differenzierter Auseinandersetzung interessiert sind. Und dann die politisch immer hochkorrekte Sprechblasen-Akrobatik nach aussen. Strauss oder Wehner wären schon im heutigen System undenkbar und würden politisch korrekt ausgemerzt. Schmidt hätte seine jungen Jahre als “Schmidt-Schnauze” im heutigen Parlamentsbetrieb auch eher nicht überlebt. Auch ein gezielter rhetorischer Amokläufer wie Sarrazin ist ein Auslaufmodell. Damit wäre vielleicht manches gewonnen - aber noch viel mehr verloren.
Womit soll Struck nun telefonieren?
-
08
Lothar:20.01.2008 um 14:021. In Bochum werden nur Handys aus zugelieferten Komponenten zusammengebaut. Kaum hochqualifizierte Arbeitsplätze - nur niedrige Wertschöpfung. Daher sind im laufe der Jahre alle diese Werke aus Westeuropa abgewandert. Nokia hat länger ausgehalten als alle anderen.
2. Nokia hat vor 5 Jahren versucht, Zulieferer von Komponenten um das Werk herum anzusiedeln. Nur so wäre eine höhere Wertschöpfung und ein dauerhafter Verbleib möglich geworden. Diese Ansiedlungen sind gescheitert, weil diesen (meist ausländischen) Zulieferern der Standort Bochum zu teuer war.
3. Daraufhin traf Nokia vor 5 Jahren die Entscheidung zu schliessen. Die Politik wusste davon - war involviert beim gescheiterten Versuch, die Zulieferer anzusiedeln. Was die Politik jetzt abzieht ist deshalb zynisch und verlogen. Wie kann man jetzt bloss so überrascht tun? Wenn man was tun wollte, hätte man 5 Jahr Zeit gehabt.
4. Nokia hat rund 80 Mio erhalten. Die Stadt Bochum hat in den letzten 10 Jahren alleine 25 Mio Gewerbesteuer erhalten. Der Bund und das Land mehrere 100 Mio Mehrwertsteuer. Das war also ein gutes Geschäft. Wenn dummbratzige Politker jetzt fordern, die Subvention zurückzuzahlen sollten sie mal auspassen, dass dann Nokia nicht die Steuern zurüchhaben will. Beides ist aber eh theoretisch, denn Nokia hat sich an die Verträge gehalten.
5. 35% aller Subventionen der EU werden in Deutschland ausgegeben. Wie kann man sich da beklagen, wenn andere Länder mit denselben Bandagen kämpfen? Das viel ärmerer Rumänien kriegt nur einen Bruchteil des Subventionsbetrags der Deutschen. Wie kann man jetzt als Politiker so plärren und sein Handy zurückgeben, wenn man vorher ein Subventionskarussell schafft, das diesen Bockmist überhaupt erst produziert (und dabei obendrein die grossen, reichen Länder wie Deutschland bevorzugt). Selten soviel Zynismus und Heuchelei gesehen wie bei Rüttgers, Scholzens und Konsorten.
Jürgen Rüttgers und Nokia
-
07
Lothar:18.01.2008 um 12:33Ich verstehe das “Gejaule” von Links nicht. Subventionen sind ein klassisches Instrument der Linken. Es hat im Kapitalismus eigentlich nichts verloren. Aus Sicht der reinen Lehre führt es zu Wettbewerbsverzerrung (siehe Nokia) und Missbrauch (siehe Nokia) oder gar Korruption bei der Vergabe (das will ich Nokia nicht unterstellen). Wenn die Politik schlechte Rahmenbedingungen definiert (zB 5 Jahresfrist oder die falschen Instrumente an sich) ist das deren Sache. Dass der Nokia-Vorstand das beste dabei rausholt ist sein verdammter Job. Nokia hat sich an die Regeln gehalten. Wenn wir schlechte Regeln aufstellen, ist das nicht deren Problem. Noch wirrer ist das Gejaule von Rechts (oder pseudorechts, wie Rüttgers). Man hält sich nicht an die eigenen (eigentlich marktliberalen) Regeln und plärrt dann, wenn’s schief geht. Nicht umsonst fordern die liberalen Parteien die europaweite Abschaffung von Subventionen. Die EU versucht das auch einzudämmen, aber es sind die Länderregierungen, die im Wettbewerb zueinander im wieder mogeln und Regeln verbiegen, Laufzeiten verlängern, Schleichwege ausbauen etc. Das Geld in Bildung zu stecken und Individuen zu stärken (statt es für Dickschiffe wie Nokia attraktiv zu machen, alle paar Jahre umzuziehen) wäre viel schlauer.
Neuköllner Moscheen(be)suche: Keine Reportage.
-
06
Lothar:09.01.2008 um 20:30@ Frédéric Valin: Ich sehe es genau umgekehrt. Islam ist doch Teil unseres hiesigen Kulturkreises - mehr denn je. Und er wird, anders als manche hoffen, auch nicht mehr weg gehen. Aus Deiner Logik würde folgen, dass Du Dich für einen Teil Deiner heimischen Kultur nicht interessierst (oder nicht interessieren darfst). Multikulturalität kann nicht meinen, dass man nebeneinander lebt und sich, um politisch korrekt zu sein, für den Glauben (bzw seine Auslegung) seines Nachbarn nicht interessieren sollte. Ausserdem ist es mir ein Rästel, wie man, rein “methodisch”, einen Fremdauslegung einordnen will, wenn nicht in Abgrenzung zur Auslegung.
-
05
Lothar:09.01.2008 um 12:26@ Frédéric Valin: Vielleicht war ich missverständlich: Aber einen grundsätzlichen und deutlichen Bezug zwischen Islam (bzw seiner Auslegung) und Terrorismus sehe ich in jedem Fall. Wie auch einen zwischen Terrorismus und der Aussenpolitik der derzeitigen US-Administration oder der Ungleichverteilung von Einkommen, um weitere Aspekte anzufügen. Ich würde gerne begreifen, was die Diskussion ist, die Du nicht mehr führen willst und die grundfalsch ist: Islam versus Moderne? Islam als Terrorismus”ursache”? Oder, um “On-Topic” zu bleiben: Islam und Integration? Ich versteh es nicht. Leider schwingt ja bei solchen Dikussionen immer sehr schnell unterschwellig der Vorwurf der Islamophobie mit.
-
04
Lothar:09.01.2008 um 01:41@ #58, Frédéric Valin. Deinen Bezug zu der Diskussion auf Citronengras sehe ich immerhin teilweise. Die dortige Reaktion des Frank (und, wenn ich es recht verstehe, Deine Zustimmung dazu) finde ich dagegen irritierend. Er mir unterstellt Dinge, die ich nicht unterstelle zB alle Muslime in die Nähe von Terroristen zu rücken. Sogar das sicher sehr zugespitzte Economist-Zitat sagt das Gegenteil dessen. Seine Reaktion ist vollkommen hysterisch und unsachlich (er wird es umgekehrt sehen, ok). Und obendrein inhaltlich schwach.
-
03
Lothar:09.01.2008 um 01:24@ Tobi: Christen dürfen in der Türkei weder Lehrer noch Beamte werden. Die Kirchen sind keine Rechtspersonen (mehr) und können deshalb keine neuen Kirchen bauen. Andere islamische Länder sind eher noch restriktiver.
Jugendgewalt und die Fallen, in die man tappt
-
02
Lothar:03.01.2008 um 19:03Unsere Gesellschaft verweiblicht und die Zahl des Gewalttaten sinkt trotz steigender Anzeigebereitschaft insgesamt stetig. Fast noch nie war unsere Gesellschaft so friedlich wie heute. Wenn dann trotzdem das subjektive Sicherheitsempfinden vieler Menschen sinkt, mag das etwas mit den bösen Medien und den bösen Politikern zu tun haben, die jenes instrumentalisieren. Ich glaube aber nicht nur.
Zum einen hängt der Rückgang an Gewaltstraftaten in den letzten Jahren mit dem stark schrumpfenden Anteil junger Männer an der Gesamtbevölkerung zusammen. Von denen geht nun mal fast exklusiv die Gewalt aus - nicht von Frauen und nicht von Älteren. Ich würde mal tippen, dass die Zahl der jungen Männer zwischen 15 und 30 in Deutschland gegenüber seinem Höhepunkt vor einigen Jahrzehnten bis heute auf eine Viertel gefallen sein dürfte. Rechnet man diesen Effekt raus, sieht die Sache schon ganz anders aus.
Zum anderen gab es früher Regeln bei der Gewaltanwendung (…nicht gegen Jüngere/Schwächere/Frauen/am Boden Liegende/ Blutende), die heute immer weniger gelten.
Ich glaube, das „gesunde Volksempfinden“ in Form der „Wilmersdorfer Witwe“ registriert nicht, dass ihr bei der Fahrt mit der U-Bahn sehr viel seltener eines diese Subjekte begegnet, das vor lauter Testosteron in den Beinen kaum laufen kann. Sondern darauf, dass, wenn es ihr begegnet, die Wahrscheinlichkeit gestiegen ist, dass es dann auch wirklich schief geht.
Neuköllner Moscheen(be)suche: Keine Reportage.
-
01
Lothar:02.01.2008 um 23:37@Frédéric Valim: Was meinst Du damit dass Islamkritik tendenziell schwierig sei? Dass er nicht kritisiert werden darf? Oder: Dass er von Europäern nicht kritisiert werden darf? Beides kann ja wohl nicht gemeint sein. Denn der Islam findet ja nicht irgendwo in Asien statt und wird dort von weit entfernten Europäern abschätzig in die Ecke gestellt. Der Islam ist ja wohl längst – wieder - in Europa und in Deutschland angekommen. Nebenbei wäre es sicher interessant zu sehen, ob es wirklich so viel mehr aktive Anhänger des Katholizismus in Berlin gibt als aktive Anhänger des Islam. Schon deswegen führt Dein Argument meines Erachtens in die Irre.
Ein historisches Fehlurteil ist meines Erachtens die Verknüpfung, die Du zwischen dem Wirken europäischer Konzerne und Kolonisatoren einerseits und Zuständen in islamischen Ländern ziehst. Ungleichheit von Mann und Frau, Missachtung der Sexualpraktiken von Minderheiten, Einheit von Religion und Staat, Ungleichheit vor dem Gesetz, Abwesenheit von Gewaltenteilung etc gab es auch schon lange bevor die Konzerne und Kolonisatoren auf den Plan traten. Jene mögen etwas damit zu tun haben, dass all diese Dinge bis heute nicht überwunden werden konnten. Die Wurzeln sind aber viel älter und liegen nun mal in grossen Teilen im Glauben oder um genauer zu sein: In seiner Auslegung.
Die Wirkung der Aufklärung obendrein auf “3 Meter Kulturvorsprung” zu banalisieren halte ich für ausgesprochen gefährlich. Allein schon wegen der vielen Menschen, die im Laufe der Jahrhunderte ihr Leben für diese “3 Meter” gaben. Gerade die Deutschen sollten, im Lichte von 1933-45, die Errungenschaften der Aufklärung nicht als Petitesse abtun und sollten sich erinnern, was passiert, wenn der eine oder andere aufklärerische Gedanke mal ‘ne Weile nicht so ernst genommen wird. Mich schockiert Deine Aussage. Ausserdem: Ich möchte keinesfalls in einer Zeit Leben, in der Katholizismus den Allmachtsanspruch hatte wie heute der fundamentalistische Islam. Ich möchte auch nicht, dass der Islam(imus) auch 400 Jahre Zeit und genauso viele Tote zugestanden bekommt, um Stück für Stück diesen Allmachtsanspruch zurückzuschrauben wie der Katholizismus. Ganz und gar nicht nachvollziehen kann ich daher Deinen Vergleich des islamistisch legitimierten Terrors mit Charles Taylor. Als ob Tote im Namen des Christentums andere Tote im Namen des Islam auch nur einen Deut besser machen.
Im Ecomomist (neoliberal, ich weiss) las ich: “Not all muslims are terrorists - but all terrorists are Muslims” Das ist natürlich der Gipfel der politischen Unkorrektheit und stimmt so auch nicht. Aber es spitzt etwas zu, das man nicht mit politischen Korrektheitsformeln und damit motivierten Denkverboten (die ja gerade bei uns Deutschen sehr eurozentristische Wurzeln haben) lösen kann.
Sehr witzig fand ich Deinen Kommentar zu Cicero. Allerdings dachte ich nach dem Lesen, dass Du mit Cicero zumindest eines gemeinsam hast: Die Konsequenz – Voreingenommenheit will ich es nicht nennen, mit der Cicero eine eher bürgerliche Sicht auf das Thema durchdekliniert entspricht Deiner, nur eben aus einer eher linken Sicht. Immerhin geht das Ganze von beiden Seiten ohne eine Androhung einer Fatwa vonstatten. Lang lebe die Aufklärung – und die damit verbundene Selbstkritik.
44
@Malte: Und was Deine Renditeschelte angeht: Ich kenne keinen Unternehmer, oder jedenfalls keinen Unternehmensgründer, der primär renditemotiviert ist. Ob jemand wie Du es sich vorstellen kann oder nicht: Die meisten dieser Leute sind primär inhaltlich und gestalterisch motiviert. Das gilt von Werner von Siemens bis Gottlieb Daimler, von Steve Jobs bis Leo Kirch. Und 15% Eigenkapital-Rendite sind im internationalen Vergleich nicht übermässig viel. Die als Kapitalanleger wichtigen Pensionsfonds, die auch Dir vielleicht mal Deine Rente zahlen sollen, fordern heutzutage meist mehr von ihren Anlageobjekten.
43
@Malte: Völliges Missverständnis, was TV-Deutschland angeht. Ich glaube - prinzipiell - an die Segnungen einer international arbeitsteiligen Gesellschaft. Mein Punkt ist ein anderer: Wenn man sich als Linker über den Einfluss von Konzernstrukturen im Medienbereich Sorgen machen will, dann gibt es dazu moderne und heute relevante Anlässe. Und Aufreger, die nie welche waren oder längst keine mehr sind.
42
Wie lange ist es her, dass Bertelsmann der grösste Medienkonzern der Welt war. Sind es 10 Jahre oder sind es 15 Jahre? Inzwischen ist Bertelsmann nicht mal mehr in den Top10. Sogar die ARD ist bald grösser, rechnet man den reinen Medienumsatz. Kann es sein, Malte, dass Du ein Jahrzehnt verschlafen hast? Der Rest von Bertelsman als Medienkonzern wird gerade vollends zurechtgestutzt - gerüchteweise bis hin zu einem möglichen Verkauf von Gruner + Jahr. Das Monstrum, das Du da konstruierst, gibt es nicht. Oder längst nicht mehr. Die ARD ist um ein Vielfaches einflussreicher. Wenn Deutschland en Problem hat, dann das es zu wenige und zu kleine international relevante Player im Medienbereich hat. Man könnte zB der Frage nachgehen, was es auf Dauer heisst, wenn die wichtigsten deutschen TV-Sender mal aus den USA kommen (You Tube & Co). Aber das ganze mit einer 20 Jahre alten Brille anzugucken ist nicht sonderlich spannend.
Vollkommen absurd ist es, Mohn zu unterstellen, er führe einen Krieg gegen die Armen. Entschuldige Malte, aber Deine ideologische Voreingenommenheit geht hier eindeutig mit Dir durch. Anders kann man das nicht einordnen. Mohn kann man viele sehr unangenehme und auch haarstäubende Dinge nachsagen - aber das nun wirklich nicht. Recherche hätte gut getan - jenseits der Wikipedia und jenseits Deiner Vorurteile.