Die Mauer fällt noch dieses Jahr (1)
Die Mauer fällt noch dieses Jahr (2)
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01
carsten:04.10.2005 um 08:03“Ostler” haben wir auch nie gesagt, fast immer “Ossis”, oder gereifter, also als 1990 der Fruehling angefangen hatte, Leute von ehemals “drueben” jetzt als “aus dem Osten” attribuiert.
Etwas respektlos, aber weil wir uns wie besserwissende Wessis fuehlten, im behueteten berliner Grunewald aufgewachsen, waren wir ewig weiter hinten als andere. So im Rueckblick gesehen haben viele von uns (mit Abitur 1995) erst etwa zehn Jahre verspaetet kapiert, was damals abging. Historische Gefuehle, ja sicher, aber genauso starke Ratlosigkeit. Mit dem Studium an der Humboldt-Uni anzufangen galt vielen noch als “exotisch”, weil in Ost-Berlin gelegen. :P
Und erst dort an der HU hab ich dann “echte, lebende Ostler kennengelernt” und angefasst. Und ich war Exot, weil ich aus dem Westen kam - bei den Germanisten studierten sonst entweder Ossis oder krude Wessis aus dem Suedwesten Deutschlands, die 1989-90 (wie ich merkte) noch weniger von der Wende gepeilt hatten als wir aus West-Berlin.
@Els: ich meine mich zu erinnern, dass in den als gut und alt verklaerten Radiotagen (bei DT64/Dancehall hab ich zum ersten Mal Techno gehoert) der G. von Lojewski irgendwann erwaehnt wurde, als Namensfinder. “Es gab den Alten Fritz, und jetzt gibt es den neuen Fritz” oder so aehnlich. Ab dem Moment hielt ich den neuen Sender fuer gescheitert, obwohl er noch nicht zu senden angefangen hatte.
@Johnny: jetzt waere doch ein guter Zeitpunkt, diese alte Aufnahme zum Radio4U-Tod mit Dir, Keks und MC Luecke zu erwaehnen, oder? ;)
02
…Mauerbroeckchen habe ich auch gepickt, im scheisse kalten Winter 1989-90. Und dort gestanden, wo schon Loecher in der Mauer waren, aber sonst war noch vieles abgesperrt. Der Potsdamer Platz war da noch total unerreichbar, wie zufaellig hatten hunderte andere Leute auch dieselbe Idee. Wir waren die “Mauerspechte”, aber wussten nicht recht, wie man von der Mauer wieder nach Hause kommt
Vormittags am 10. November war schulfrei, und ich hab auf der Mauer gestanden, teilweise in Angst um mein blitzneues Fahrrad das unten stand, wie albern. Fuehlte mich total historisch, aber erstmal versprach ich mir nichts davon - ich haette damals fuer getrennte Staaten votiert, die ihre Finanzen erstmal ordentlich regeln sollten vor den Gedanken an die Wiedervereinigung, haette man mich gefragt. Aber mit 15 darf man ja nicht waehlen, ich hab auch nicht allzu aktiv meine Meinung vertreten, da wollten alle was anderes und verwiesen auf das Grundgesetz etc etc.
Der Radiosender 100,6 hatte damals die kommerziell geschickte wie fragwuerdige Idee, das Geraeusch der symbolischen Haemmer und Meissel aufzunehmen und als CD zu verkaufen. Nunja, ich mochte den Sender noch nie wirklich (ausser die vage schluepfrigen Nacht-Talk-Sendungen), weiss aber noch, wie Sommer 1989 in Berlin (West) 100,6 per Stoersender der Stasi zeitweise schachmatt gesetzt war. Im Grunewald kam nur Rauschen an, Fetzen von Musik drin. Irgendwas war im Gange, und der Urlaub in Ungarn war schon zum Auswandern in Gebrauch, wenn auch noch kein Massenphaenomen.
Im Ausland werde ich ab und an noch gefragt, Deutschland, welches Deutschland? Ost oder West? Und das geilste passierte in England, in einem Kurs zu politischen Krisen und Konflikten: mein (englischer) Kommilitone fragte zum Thema, ‘when did Germany reunite? That was 1979, wasn’t it?’. Innerlich fiel mir der Kinnladen runter, und obwohl ich bereits wusste, dass ich nicht das Mass aller Dinge sein konnte, wurde schlagartig klar, dass die Gesamtdeutschen sich immerhin Muehe gegeben hatten, einander zu verstehen. Andere waren da noch viel weiter zurueck.
Herrjeh. So naiv die Zeit, so frisch die Erinnerungen. Gut dass das zum Gutteil ueberwunden ist!
(Verzeiht meine Umlautarmut, ich schreibe aus dem Urlaub auf fernoestlichem Keyboard)