23

42, vierter und letzter Teil

I live by the river!

– Werbung in eigener Sache –
Der folgende Text und 14 weitere Kracher der Unterhaltungsliteratur befinden sich in dem eBook „I live by the river!“, das man hier für lächerliche € 0,99 kaufen kann und auch soll! Infos dazu gibt es auch hier.
– Ende der Werbung in eigener Sache –

Der vierte und letzte Teil (hier geht es zum ersten, zweiten und dritten) der zunächst „Alte Männer sind auch nicht mehr das, was sie mal waren“ genannten und dann aus Gründen der schnelleren Lesbarkeit umbetitelten Spreeblick-Serie „42“ beschäftigt sich mit den tatsächlichen Kernthemen des männlichen Daseins: Sex.

Ein paar Worte sollten jedoch auch über zwei weitere begleitende Faktoren verloren werden. Ich rede von Drugs und Rock’n Roll.

Wessen Leben keinerlei Berührungspunkte mit den oben erwähnten drei Themen aufweisen kann, ist vermutlich FDP-Wähler und somit von Geburt an alt, ein Weiterlesen lohnt also kaum. Ein Zeiteinsparungs-Service brought to you by Spreeblick.

„As long as there’s the sex and the drugs, who cares about the rock’n roll?“, fragt einer der Hauptakteure des Doku-Edutainment-Dramas „This is Spinal Tap“ in der Schlussszene, doch so einfach ist das natürlich nicht.

Der Rock’n Roll in deinem Leben als Vierzigjähriger. Wo ist er hin?

Er hängt in der Bürste, mit der du mehrfach täglich dein Resthaar zu einer Tolle zu kämmen versuchst, die dann bei Erfolg nicht mehr über deiner Stirn, sondern ganz oben auf deinem Kopf, in der Mitte deines Schädels sitzt. Er befindet sich als dir inzwischen viel zu kleine Motorradlederjacke getarnt in dem mit „Krams“ beschrifteten Umzugskarton ganz oben auf dem Kleiderschrank. Er meldet sich ab und zu in Form von kalten Schweißausbrüchen, Schwindel-Attacken und Hustenanfällen, wenn du mit den „Kids“ ein wenig „rocken“ wolltest, nur um zehn Minuten später nach der Herz-Lungen-Maschine zu rufen. Vielleicht hast du ihn aber auch an der Garderobe des „Nie wieder rauchen“-Kurses liegen lassen, den du mit großem Erfolg bereits zum vierten Mal belegt hast.

Wo auch immer er jetzt ist, der Rock’n Roll: Er hat dich verlassen. Du solltest es ihm nicht vorwerfen. Er musste gehen, jüngere Männer heulten nach ihm wie junge Wölfe nach dem Mond. Und ja, er hat sich bei dir gelangweilt, der monatliche Besuch eines Jazzkonzerts (Sonntagsbrunch) reichte ihm nicht, das heimliche Besuchen einer Porno-Website in der Mittagspause versetzte ihm keinen Kick und das Gläschen Rotwein – seien wir ehrlich – das ist ihm noch nie bekommen.

Du darfst ihm nicht nachtrauern, dem Rock’n Roll, sonst läufst du Gefahr, zu einem albernen alten Mann in zu engen Tigermuster-Hosen zu werden, misinterpretierst das als Aufforderung zum Platzmachen gemeinte Schulterklopfen der jüngeren Besucher in der ersten Reihe des QOTSA-Konzerts als Anerkennung für dein altertümliches Rumgehopse und kommst womöglich am Ende noch auf die Idee, dir eines dieser neumodischen „Weblogs“ zuzulegen, um dich wenigstens in Worten interessant machen zu können.

Denke immer daran, dass das Leben ab Vierzig auch ohne Rock’n Roll genug Aufregung und Spannung bietet: Werde ich heute rechtzeitig im Büro sein? Traue ich mich endlich, nach der Gehaltserhöhung zu fragen? Steigt mein Fußballverein doch nicht ab? Wie geht wohl meine Lieblingsserie weiter? – Das Leben ist wild.

Es ist beinahe genauso wild wie das Ehemaligen-Treffen deiner alten Schule neulich. Wie damals war Stefan Breitfink („Breiti“) für die Drogen zuständig, wie damals habt ihr euch kichernd aufs Klo zurückgezogen, wie damals galt der Leitspruch „Alles weghau’n“.

Was habt ihr gelacht. Und was habt ihr gekotzt. Noch am gleichen Abend. Der Notarzt, der euch wegen Kreislaufversagen ins nahgelegene Krankenhaus bringen musste, wollte zunächst jede Hilfe kopfschüttelnd ablehnen. Der Auslöser dafür muss entweder dein armwedelndes „ICHKANNSELBERFAHN!“ gewesen sein, als du zu seinen Füßen lagst, oder dein Versuch das Blaulicht des Rettungswagens „für die Kinder“ abzuschrauben. Während der Fahrt.

Die üblichen Herrenabende mit zwei Bieren zu viel (insgesamt also drei) steckst du ja inzwischen mit wenigen Tagen der Bettlägerigkeit und dem gejammerten Satz „Schatz, bring du die Kinder zur Schule, der Fisch gestern muss schlecht gewesen sein“ locker weg. Aber das mit den Drogen – das packst du nicht mehr. Breiti, der Arsch. Du wolltest ja eigentlich gar nicht. Als erwachsener Mann sind dir die Risiken pflanzlicher und chemischer bewusstseinsverändernder Substanzen nämlich sehr bewusst. Zu viele deiner diesen Substanzen nicht abgeneigten Helden hast du vor die Hunde gehen sehen. Timothy Leary, Keith Richards, Hunter S. Thompson, Bob Dylan, Pete Townshend – wenn sie nicht beim Sex mit drei russischen Olympiasiegerinnen gestorben sind, verkümmern sie, umworben von mächtigen Männern und umringt von schönen Frauen, beim Geldzählen in einem ihrer Landsitze und beim Wiederauflegen ihrer künstlerischen Erfolge. Das ist doch kein Leben.

Dein eigenes Leben hingegen, koffeinfrei, extra light, cholesterinarm, low fat und mit geregelten Arbeitszeiten (wenn du noch Arbeit hast), es ist dir ans Herz gewachsen. Erfreut stellst du fest, dass deine sexuelle Anziehungskraft auf die weibliche Umgebung eher zu- als abgenommen hat, das morgendliche Lächeln der jungen Brötchenverkäuferin ist nur eines von vielen Indizien dafür. Denn es bedeutet zweifelsfrei „Ich möchte auf der Stelle mit dir schlafen“. Und nicht etwa „Danke für die fünf Euro Trinkgeld, soll ich ihnen raushelfen?“.

Du könntest sie alle haben, natürlich. Frauen jeden Alters, das ist allseits bekannt, empfinden beim Anblick von auswuchernder Nasen- und Ohrbehaarung, ausgelatschten Turnschuhen der Marke „Walmart Senior“ und einem VW Polo Baujahr 1991 mit drei Kindersitzen auf der Rückbank das unbändige Verlangen, erst sich und dann dir die Klamotten vom Leib zu reißen. Erlebnisberichte vom 1975er Status-Quo-Konzert solltest du dir jedoch für die Zigarette danach aufheben. Doch soweit kommt es ja gar nicht erst, denn du rauchst nicht mehr.

Und du hast tatsächlich etwas gelernt in den hinter dir liegenden Jahren. Du hast gelernt, dass die Worte „die Frau meines Lebens“ keine Körbchengröße, sondern den wertvollsten Mensch in deinem Leben beschreiben und dass der Standesbeamte nicht von der Anwaltskanzlei „Tod und Partner“ sprach, als er die Scheidung erwähnte. Oder um es mit den grandios treffenden Worten meines US-amerikanischen Freundes und Spreeblick-Gastautors Charles auszudrücken:

Cheating. It feels great. Until you come.

Aber wie ist er denn nun, der Sex im Alter, höre ich die LeserInnen zu Recht rufen. Steht doch da oben, nur deshalb habe ich bis hierhin gelesen! Was is’n jetzt?

Nun.

Vergleichen wir mit Rücksicht auf die jüngere Leserschaft und der Einfachheit halber Sex in deinem Leben mit einem Videospiel. Zu Beginn eines Videospiels geht es darum, den Sinn und die grundlegenden Möglichkeiten kennenzulernen sowie den Basis-Umgang mit dem Spiel zu erlernen. Trainingslevel führen dich als Spieler an die Steuerung heran, du hast mehrere Versuche frei und so wirst du mit genügend Übung immer geschickter und beginnst, das Spiel immer gekonnter zu spielen und zu geniessen.

Und so ist das im Grunde auch mit dem Sex.

Und eigentlich mit dem Leben generell. Denn je länger du spielst, desto aufregender und manchmal auch schwieriger werden die Level, desto fieser die Gegner und desto variationsreicher die Spielarten. Und desto mehr Spaß macht das Ganze, wenn man es nicht zu verbissen betrachtet.

Nur absichern geht nicht und so ist irgendwann leider alles vorbei. Game over.

Bis dahin hast du die Wahl zwischen Ego-Shootern, Multiplayer-, Roleplaying-, Adventure-, Renn-, Puzzle-, Kriegs-, Geschicklichkeits-, Wirtschafts-, Simulations- und Strategiespielen. Und wenn du willst, kannst du sogar als italienischer Klempner auf einem kleinen Drachen durch die bunte Welt hüpfen und Pilze einsammeln.

Egal, ob du 15 oder 51 bist.

Press YES to continue.

23 Kommentare

  1. 01

    zehn vor zwölf.
    ich denke, wir sollten ins level.

  2. 02
    Samuel

    schade, schon zu ende… war soo schön zu lesen ;)

  3. 03

    Was ’ne schöne Metapher.

  4. 04

    oha, so sieht also die Zukunft aus. Rock n‘ Roll in der Haarbürste und Drogen aufm Klo. Naja wenigstens endlich mal Endlevelsex. greez

  5. 05

    Du machst einem ja richtig Freude aufs Altwerden, also so mit dem letzten Abschnitt.

  6. 06

    Ach komm hau ab mit Fidiospielen!

    „If Pac-Man affected us as kids we’d all be walking around in dark rooms eating magic pills while listening to repetitive electronic music.“ (Karen Price, Nintendo)

  7. 07

    Ich hatte gehofft, dass du den bringst. :)

  8. 08

    … oder Solitaire! 8-(

  9. 09
    Hartmann

    ich habe mir nicht die mühe gemacht, den wahrscheinlich sentimentalen mist durchzulesen, stimme aber trotzdem in allen punkte zu.

  10. 10
    Jander

    Sehr schön geschrieben!

  11. 11

    Das Leben als Computerspiel? – Die Grafik ist klasse!
    Und was hat mehr Sex als ein 86c?

  12. 12

    Wirklich gut geschrieben. Ein Glück bin ich noch weit von der beschriebenen Zeit entfernt =)

  13. 13

    Sehr schön – wieder toll geschrieben, danke Johnny!

    Angesichts des bereiteten Amüsements traue ich mich ja fast gar nicht, mich über den entfallenen Konter-Link zu beschweren ;)

  14. 14

    Also wirklich, das hättest du doch gerne tun dürfen!

    Hier isser! :)

  15. 15
    Maverick

    Für mich als sechzehnjährigen ist das doch sehr interessant zu lesen ;-)
    Es ist von hier aus noch ein weiter Weg, aber das bereitet doch mal vor o0
    Und Mario sieht aus wie mein Physiklehrer.

  16. 16

    „Das Leben.
    Ignoriere oder hasse es. Lieben kannst du es nicht.“

  17. 17

    FDP-Wähler nehmen keine Drogen? Glaube ich nicht. Wer, wenn nicht die jung-dynamische und äusserst erfolgreiche FDP-Clientel? Das gemeine Volk ist bei den – nun – effektiveren Substanzen doch eher unterrepräsentiert.

    Und das mit dem Ego-Shooter-/Rennspiel-Sex, da frage ich besser nicht. Mir hat mal ein „ProGamer“, was immer das in Deutschland bedeutet, ziemlich frustriert erzählt, dass er mit dem Nachwuchs nicht mehr mithalten könne. Nicht der Rücken, sondern die Reflexe seien schuld. Und die Beweglichkeit. Der war übrigens erst 28, nicht 40.

  18. 18

    @Johnny: danke, wollte nicht zu schamlos sein :)

    @Hong-An: Heisst es nicht „Man ist zu alt, wenn man sich fühlt“? ;)

    Und für das cheaten kann ich nur empfehlen, WipeOut (hast ja jetzt ne PSP, Johnny) zu spielen. Wenn man die Reflexe hinbekommt, schlägt man auch die Piefkes wieder! (Oh Schande, ich sage das auch gerade mit 28)…

  19. 19
    Stefan_K

    42 ist ein ziemlich gutes Alter für einen alten Mann. Nur … mein iBook meldete eben „Sie arbeiten jetzt auf Batteriereservestrom“ oder so ähnlich. Den Rest hab ich mir nicht mehr merken können.

  20. 20

    Kurz und bündig: Danke!

  21. 21
    Hasiohr

    Als Frau um die 40 muss ich doch mal sagen: NIE war das Leben besser als JETZT!
    Danke für den netten, kurzweiligen Artikel, der mich vor der elenden Hausarbeit bewahrt hat *ggg*

  22. 22

    „YES was pressed …“