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Dieser Artikel ist ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion.

David Bowie „Toy“ – das verschollene Album

Vor ein paar Tagen schmökerte ich durch YouTube und war etwas erstaunt. Einige Bowie Songs waren auf einmal da, mit denen ich was anfangen konnte aber die eigentlich nicht hätten da sein dürfen. Es geht um sein nie veröffentlichtes Album „Toy“ welches er ca. 2001 aufnahm und heraus bringen wollte. Ein Album mit Neuaufnahmen seiner eigenen Lieblingssongs aus den 1960er bevor er als Solokünstler „David Bowie“ seine Laufbahn begann. Also warf ich mal die Google Suche an und fand einen Artikel beim Rolling Stone, der alles erklärte: im März diesen Jahres ging die News herum – das Album wurde nun 10 Jahre später im Netz geleakt.

Aber fangen wir von vorne an. Was ist nun so besonders an dem Album? David (geboren 1947) hat bereits schon mit 16 Jahren angefangen Musik zu machen. Damals noch unter seinem Bürgerlichen Namen „David“ bzw. „Davy Jones“. Er spielte in duzenden Formationen. Manche von denen hielten vielleicht bloß ein paar Wochen. 1967 brachte er dann seine erste eigene Soloplatte unter dem Namen „David Bowie“ heraus. Der Namenswechsel geht darauf zurück, weil es zu der Zeit eine andere recht erfolgreiche Band „the Monkees“ mit einem Davy Jones gab und er selber vermeiden wollte mit ihn verwechselt zu werden. „Bowie“ ist von dem Amerikanischen Soldaten Jim Bowie entliehen auf den auch das berühmte Bowiemesser zurück geht.

So viel Crashkurs also zu den Anfängen. All diese Songs vor „David Bowie“ gab es natürlich hier und da immer mal im Original als Vinyl-Bootlegs, bzw. kreuchen und fleuchen die auch munter im Netz umher. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber soweit ich weiß hatte David selber die Songs über seine ganze Laufbahn nie wieder angerührt. Vielleicht hat er den ein oder anderen Song mal live als Zugabe oder Gimmick gespielt. Aber er hat nicht wirklich die Songs richtig im Studio mal neu aufgenommen oder fest ins Live-Programm übernommen. Ende der 90er / Anfang 2000 als es dann mehr und mehr das Internet gab konnte ich mich recht gut erinnern, als die Nachricht herum ging er wollte eben die Songs aus der Zeit vor seiner Sololaufbahn neu aufnehmen. Ich bin etwa 1997 auf Bowie aufmerksam geworden und konnte erst einmal mit dem Vorhaben nicht viel Anfangen. Weil so tief im Uhrschleim beschäftig man sich dann eben erst etwas später. Das Album bekam den Arbeitstitel „Toy“ Ich weiß nicht ob es jemals die Intention wahr es wirklich unter dem Namen zu veröffentlichen. Zumindest wurde es so genannt und jeder wußte bescheid worum es ging. Tja und dann? Dann passiert das, was wohl bis heute keiner so richtig verstehen will wahrscheinlich nicht einmal David selber. Die Plattenfirma- / firmen sagten einfach nö bringen wir nicht raus. Ich möchte keine spezielle Firma in die Pfanne hauen, weil ich nicht weiß mit welcher er in Verhandlung damals stand. Bowie hatte in den 90ern oft Probleme mit den Companys und hat auch viel gewechselt. War bei Virgin, Arista – 2002 ist sein Album „Heathen“ und der Nachfolger „Reality“ bei Sony unter gekommen. Ein ewiges Dilemma. Also ein frisch eingespieltes Album mit 14 Songs einfach mal in die Mottenkiste gepackt.

Einige der Songs haben es dann auf „Heathen“ geschafft oder wurden als Bonussong auf den Singles zu „Slow Burn“ und „Everyone says hi“ gepackt. Ab dem Zeitpunkt hab ich die Intention von Toy verstanden und es angefangen zu vermissen. Ab dem YouTube-Zeitalter gab es hier und da einzelne Songs, die ins Netz gestellt wurden und erstaunlicher weiße auch immer bleiben. Selten mal ein „Das Video kann in deinem Land nicht angezeigt werden“. Die Neuaufnahme von „Let Me Sleep Beside You“ ist mir immer besonders im Ohr geblieben. Wenn man die Neuaufnahmen mit den 60er Originalen vergleicht ist es durchaus ok zu sagen dass sie einen besser gefallen. Natürlich hatte David einfach damals nicht die Stimme und die musikalische Erfahrung. Seine ersten Schritte würden heute keiner einzigen Castingshow stand halten. Aber man merkt dadurch welche Grundlage in ihm schon damals schlummerte. „I Dig Everythig“ passt von den Lyrics für die heutige digitale Boheme super. In erster Linie hat er eher die Arrangements neu aufgestellt ohne dabei Pseudomodern sein zu wollen. Alles schöner Classic-Rock und das passt so. Alles andere währe auch wieder Quatsch und würde den Originalen nicht gerecht werden.

Digitaler, ziviler Ungehorsam ist hier durchaus angebracht. Ich möchte gar nicht so sehr auf die bösen Plattenfirmen eindreschen. Das wurde in den letzten 15 Jahren genug gemacht. Es wundert mich dennoch, dass es 10 Jahre gedauert hat bis das Album als mp3 „richtig“ im Netz auftaucht, vorher immer nur die YouTube-Schnipsel kursierten. Liebe Plattenfirmen macht so etwas nie wieder. Gebt Künstlern Freiraum auch im Alter. Lasst sie einfach machen. Bringt das Album offiziell in vernünftiger Klangqualität raus. Ich bin der erste der es kauft. Es ist einfach schön anzuhören und Menschen möchten solche Kultur haben egal was ein A&R Manager denkt. Besinnt euch auf eure Stärken, Musikern echten Support zu geben und wenn es bedeutet den Papierkram abzunehmen. Die Entscheidung ob eine Arbeit „wertvoll“ ist liegt nicht mehr bei euch sondern dem Kreativen und den Medienkonsumenten selber.

Ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion von

Dirk Basquiat (Website) (Twitter)

6 Kommentare

  1. 01
    markus

    dazu auch dieser schöne beitrag von einer meiner lieblingsseiten:

    http://www.dangerousminds.net/comments/lost_bowie_album_found_on_bit_torrent_trackers/

  2. 02
    alex

    Ich frage mich mal, wieso du explizit darauf hinweisen wolltest, dass der gute Herr Jones ausgerechnet in DUZENDEN Formationen gespielt hat?! Müsste doch auch zu erwarten sein, oder? Ich meine, eine Band verbringt in der Regel schon eine Menge Zeit zusammen, so aufgrund von Bandproben und Songschreiben und gemeinsamen Schlafquartieren auf Tour, da wird man im Laufe der Zeit doch relativ gut miteinander vertraut. Meines Erachtens wäre es eigentlich nur dann bemerkenswert, wenn man trotz alledem immer noch auf Siezen pochen würde. Aber vielleicht geht’s ja nur mir so.

    Ansonsten fand ich den Artikel gut.

  3. 03

    @alex: meinte natürlich dutzend ;)

    @markus: hey cool – danke gleich mal abonniert. Kannte ich noch nicht

  4. 04
    Manni

    Im Namen der rüstigen Rentner auf Spreeblick möchte ich jetzt mal meine Stimme erheben:

    Also dass Du auf Herrn Bowie 1997 aufmerksam geworden bist, möchten wir hier nicht lesen. Da fühlen wir uns einerseits alt und andererseits fragen wir uns, warum wir Texte von Rotzlöffeln über Rock-Rentner lesen sollen. Ich hab aber trotzdem weiter gelesen.

    Dann wurde zwar in den letzten 15 Jahren wirklich viel auf der Plattenindustrie rumgedroschen, aber erstens wohl immer noch nicht genug und zweitens wurde auch schon davor auf denen rumgedroschen. Das geht vermutlich so, seit die erste Rockn-Roll-Platte veröffentlicht wurde. Hinweis an die Jugend: Früher brauchte man für das Rumdreschen auf den Labels kein Internet; die haben uns immer jede Menge Anlässe geliefert. Schon vor mp3 und youtube.

    Und weil ich schon mal im Rentnermodus bin: Dass Bowie mehr Lables hatte als andere Platten gemacht haben, mag ein ewiges Drama sein, ist aber bestimmt kein Dilemma. Und jetzt werd ich ganz schlimm kleinlich: Die folgende Phrase enthält mindestens zwei Fehler: „erstaunlicher weiße“.

    So. Weitermachen! Schon 10 durch, Zeit für meinen Mittagsschlaf.

  5. 05

    Habe auch schon einige Songs von ihm gehört. Er macht einfach gute Musik. Kann ich jedem nur empfehlen.

  6. 06
    Tim

    Im Alter sollte Künstern nicht mehr Freiraum, sondern ein Platz in einem Musiker-Mehr-Generationenhaus gegeben werden. Ich kann diese Rockveteranen, die umhertingeln und Platten mit Motown-Coversongs veröffentlichen nicht mehr sehen und hören. Beim Zappen gestern oder so gesehen: Deep Purple in Montreux. Smoke on the Water haben die vor 40 Jahren das erste Mal intoniert und ziemlich genau vor 40 Jahren auch in der französischen Stadt aufgenommen. Dass Paul und Ringo nächstes Jahr in London auftreten sollen, ist eine Drohung, aber bringt die Musikkultur nicht weiter.

    Und mal unter uns Musikfans: Wenn der jungen David Bowie mit Casting-Show-Kandidaten verglichen wird – wie im Text – dann zeigt es doch genau das Problem: Musik und Zeit sind untrennbar verbunden. Smoke on the Water 1971 kann man nur im Kontext verstehen und ist von Rock-Rentnern 2011 auf die Bühne gebracht nicht mehr als eine Realsatire, die für teures Eintrittsgeld verkauft wird.


    Ich habe Bowie auch mit 17 entdeckt beim Bäcker. Als er ein paar Straßen weit von der elterlichen Wohnung entfernt wohnte.

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