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Dieser Artikel ist ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion.

Grüne Knie

„Ich finde, wer am Ende des Tages keine grünen Knie hat, sollte sein Leben ernsthaft überdenken.“ – Calvin

 

Ich möchte wieder 5 Jahre alt sein. Ich möchte mit Grasflecken auf meiner Hose nach Hause kommen und mir Abends eine Standpauke bei meiner Mutter abholen. Ich möchte im Sandkasten toben und mir keine Gedanken über die neuen Schuhe oder das saubere T-Shirt machen. Ich möchte nie wieder den Satz „Du bist doch keine 5 Jahre alt mehr, da musst du dich alleine drum kümmern“ hören. Ich möchte mich nicht um Krankenversicherungen und Bausparverträge kümmern, am liebsten möchte ich überhaupt nicht wissen was das ist. Ich möchte mit dem Fahrrad ohne Stützräder bis zum Spielpaltz fahren. Ich möchte das ganze Jahr von Weihnachten träumen dürfen. Ich möchte fangen spielen. Ich möchte eine rießige Schneefestung bauen und Schneebälle für den nächsten Angriff der Nachbarskinder vorbereiten. Ich möchte so viel Eis essen wie nur irgendwie möglich und danach die Hälfte in meinem Gesicht kleben haben. Ich möchte in den Spielzeugladen, mir irgendwas aussuchen und dann an der Kasse nicht komisch angeguckt werden. Ich möchte schreien und rennen und singen und lachen. Ich möchte die Anziehsachen von meiner Mutter rausgelegt bekommen und es einfach egal sein lassen ob es farblich zueinander passt oder was gerade in Mode ist. Ich möchte Sonntags Morgens K-RTL gucken und mich dann auf Peter Lustig in seinem Wohnwagen freuen, der mir tolle Sachen erklärt. Ich möchte mit den anderen Kindern um die Wette schaukeln und hoffen, dass ich mir beim Absprung nicht irgendwas breche, auch wenn ein Gips schon ziemlich cool aussieht. Ich möchte mich nach einem langen Tag auf dem Spielplatz in mein Bett legen und Benjamin Blümchen hören bis ich einschlafe. Ich möchte Fußballsammelkarten in einer kleinen roten Box aufbewahren und mit den Nachbarskindern zwei Dynamo Dresden gegen eine Borussia Dortmund tauschen. Ich möchte so viele selbstgebackene Kekse meiner Oma essen, bis ich das Gefühl, dass ich platze. Ich möchte stundenlang mit dem Kopf in meiner Playmobil-Kiste hängen und mir meine eigene Welt kreieren. Ich möchte mir keine Sorgen machen über den Arbeitsmarkt, die Milchpreise oder amerikanische Investmentfonds. Ich möchte „Darf der rauskommen zum spielen?“ durch eine Haustürsprechanlage fragen. Ich möchte zum Kiosk laufen und mir eine gemischte Tüte ohne Lakritz kaufen. Ich möchte Brauseufos und Lutscher und Schokonikoläuse und Weingummi und ne große Flasche Fanta. Ich möchte Fußball gegen die Kinder von der anderen Straßenseite spielen. Ich möchte niemals Hausaufgaben machen. Ich möchte grüne Knie.

Ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion von

nomissimon (Website)

5 Kommentare

  1. 01

    Ein Teil von mir
    ist gefangen in einem Dienstagmorgen
    ich bin acht Jahre alt
    im Winter auf dem Weg zur Schule
    Es ist noch dunkel
    der große Schnee knirscht
    unter meinen kleinen Stiefeln
    doch ich bin dick angezogen
    warm und sicher
    und ich weiß nicht
    wo ich bin
    Gefangen
    in einem Dienstagmorgen

    Ein Teil von mir
    ist gefangen in einem Samstagnachmittag
    ich bin zehn Jahre alt
    und komme gerade vom Fußballspielen
    ich trinke eine kalte Fanta
    meine Sachen stinken
    (genau wie ich)
    nach Gras und Schweiß
    so stehe ich in der sauberen Küche
    und bin mir nicht mehr sicher
    ich bin mir nicht mehr sicher
    Gefangen in einem Samstagnachmittag

    Ein Teil von mir
    ist gefangen in einem Mittwochnachmittag
    ich bin zwölf Jahre alt
    höre „Discothek im WDR“
    mit Mal Sandok
    er spielt „Ballroom Blitz“
    niemand beobachtet mich
    also drehe ich das Radio auf
    laut, laut, laut, LAUT!
    und springe durch das ganze Haus
    DAS GANZE HAUS…
    Gefangen
    in einem Mittwochabend
    in einem Dienstagmorgen
    ich bleibe
    gefangen
    in einem Samstagnachmittag

    (Bernd Begemann)

  2. 02
    Floda Nashir

    Ja, schön war es als Kind.

    Aber wenn Du das heute echt noch/wieder so haben möchtest … dann mach doch einfach!

  3. 03

    Musste eben eine Träne abwischen.

    Danke für den Artikel!!

    Ein paar Sachen davon darf ich mit meiner Tochter nochmal miterleben.

  4. 04
    enze

    schöner artikel,
    aber ich persönlich bin eher froh drum, dass ich mir mein zimmer (bzw. wohnung) so einrichten darf, wie ich möchte, immer essen darf, was ich will, anziehen darf, was mir gefällt, dass ich alkohol trinken und sex haben darf, dass ich reisen kann und mein eigenes geld verdiene, dass ich mir ein pony und eine katze kaufen kann (und dies auch getan habe!) und das mir keiner der nachbarn mehr fratzengesichter schneidet um mich aufzuheitern und mir auf dem kopf rumtatscht.
    ICH bin einfach lieber erwachsen, auch wenn das verantwortung bedeutet.

  5. 05
    maggus

    Der Vorteil im Kindsein besteht ja auch darin, dass man überhaupt nicht weiß, wie das Erwachsensein ist. Man kann sich danach garnicht sehnen, weil man keine Vorstellung hat, was das bedeutet. Man meint als Kind zwar Sachen wie – „Wenn ich groß bin werd ich / mach ich / will ich ….“ – aber auch das ist schon wieder so typisch Kindsein, dass es schön ist.

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