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Dieser Artikel ist ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion.

warum ich immer schon im wedding wohnte.

warum ich immer schon im wedding wohnte. und nie woanders.
„warum wohnst du schon immer im wedding? und nie woanders?“ hat mich noch nie jemand gefragt, das wollte niemand je wissen.
„wegen meiner szene-allergie“ würde ich aber antworten, vielleicht.
und dann die diskussion zu meiner antwort selber beginnen.
denn obwohl: auch der wedding ist voller szenen.

…der, der seine leeren  bierflaschen schnell in neue umgesetzt wissen will, schnauzt den leergutmann an. warum geht das denn nicht schneller? -weil der leerguttisch voll ist. -dann machen se doch den automaten wenigstens schon mal an! -wenn der leerguttisch leer ist. -vollpfosten. so ein vollpfosten. echt. vollpfosten. (tritt an den automaten. tritt nochmal an den automaten.) -so ein vollpfosten!
…aus dem pfennigland kommt eine gehbehinderte frau mit einem gehbehinderten mann, beide aneinander festgekrallt um fortbewegung zu erreichen. „wird immer schlimmer mit uns, manne“- lacht die frau. kehlig. beinahe zahnlos.

und wieder andere menschen (aber ich will das fortan vermeiden) machen eine literatur daraus. ein magazin, das ist neu. das magazin bildet ab. bildet einfach nur ab und beschreibt ohne besonderen mehrwert, wie es aussieht, da, wo die kultur fast völlig fehlt. sie nennen das magazin dann tatsächlich „magazin für alltagskultur“. das ist frech. alltagskultur ist ein wort, das ich nicht verstehe. ich begrüße das magazin zunächst naiv, ich kaufe es einem kioskbesitzer ab. der kioskbesitzer steht von sieben bis einundzwanzig uhr in seinem kiosk. er verkauft am meisten die bz, jetzt aber auch das magazin für alltagskultur. als ich bezahle und der besitzer mich anklagend anblickt, fühle ich mich ertappt. aber ja, die spinnen doch! möchte ich dem kioskbesitzer im nachhinein zuschreien. besitzergreifende abbildung fremder leute alltag! magazinherausgeber mieten wohnungen in den schmucklosen straßen, weil das so vergleichsweise billig ist. und weil gucken noch nicht genug ist, beginnen sie damit, gesehenes mittels medien abzubilden und zu beschreiben und machen das, was praktisch und unreflektiert passiert, plötzlich theoretisch. ganz so, als sei alles mit kultureller absicht passiert! und sie verleihen dem, was ohnehin passiert wäre, eine gebärde von welt. all das, was ohne betrachtung, abbildung und thematisierung viel besser funktionieren würde, läuft jetzt gefahr, sich im begriff „alltagskultur“ zu verlieren.

man muss das alles für sich behalten.
: schönheit fehlt meistens, aber da, wo sie ist, rührt sie zutiefst.
: alkohol ist eine lösung, weil es eine aufgabe ist, von morgens bis abends.
: nicht jede biographie ist im neon-sinn geglückt. was es nicht geben darf: menschen (z.b. mit neon-biographien), die sich in die sümpfe der missglückten biographien wagen, um sie abzubilden.

Ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion von

EllaIstUebel (Website)

2 Kommentare

  1. 01

    Endlich mal ein Text, der den Wedding so beschreibt, wie er ist. Keine üblen Klischees, aber auch keine Romantisierung. Wedding ist eben einfach … Wedding. Gefällt mir!

    Schöne Grüße von glamorama,
    der auch im Wedding wohnt :)

  2. 02
    Karo

    Danke. Richtig. Wobei ich schon „gespannt“ bin, wie sich die Brunnenstraße so weiterentwickelt.

    Das gehbehinderte Pärchen hab ich auch schon mal gesehen, würde ich sagen.

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