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Dieser Artikel ist ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion.

Der Feind in meinem Geldbeutel

Ich rede mit meinem Geld. Nein, das ist nicht verrückt, ganz ehrlich. Im Gegenteil, das solltet ihr auch mal alle tun. Dann würdet ihr nämlich merken, es hat euch mehr zu erzählen als ihr euch wünscht. Gut, dass wir das geklärt haben.

Sicherlich habt ihr mitbekommen, dass unser geliebtes Geld ein paar Sorgen hat. Früher beschwerte es sich bei mir nur darüber, dass es in meiner Hosentasche durch meinen Hintern zerquetscht wurde. Auch damals waren die Zeiten nicht leicht. Es ist also kein Wunder, dass mein Geld immer so zerknittert ist, aber die Sorgenfalten, die es jetzt hat, sehen schrecklich aus.
Der Euro redet, ach, er sprudelt nur noch über ein einziges Thema: die Krise. Er jammert unentwegt über Ratingagenturen, Stresstests und diese zockenden Banken, die gerettet wurden, um jetzt ihre Retter, die Staaten, zu retten. Irgendwie sind die Staaten jedoch weniger systemrelevant als die Banken und müssen nicht gerettet werden, obwohl Staatspleiten wiederum die Banken gefährdet, die aber im Fall der Fälle mit Sicherheit gerettet werden würden.
Mal ehrlich, wie soll man derart skurrile Geschichten noch verstehen können? Nur eines ist mir klar geworden: mein teurer Gesprächspartner hat Ängste, Existenzängste.

Heute habe ich wieder einmal meinen Geldbeutel gezückt und mir einen saftiggelben Zweihunderter als Gesprächpartner heraus gezogen.

“Du, sag’ mal, was ist da eigentlich in Griechenland los?”
“Kann ich offen reden?”, entgegnete mir der Geldschein.
Verblüfft antwortete ich: “Ja klar, natürlich!”
Irgendwie spürte ich, dass es heute kein normales Gespräch wie sonst wird und er keine dieser ständigen Jammerorgien veranstalten möchte.
“Reden wir Tacheles. Vergiss alles, was du in den Medien über die Staatsschulden in Griechenland oder sonst wo liest. Sie verschleiern nur das Problem. Wenn du verstehen willst, was gerade geschieht, dann überlege dir einfach: was passiert normalerweise, wenn ein Kredit nicht zurückgezahlt werden kann.”
“Ich werde angeklagt und dann wirst du mir weggepfändet”, versuchte ich zu scherzen.
“Ja, so ist es”, bestätigte mich der Euro, “aber bei Staatsschulden gibt es diese Möglichkeit nicht! Es existiert keine Instanz in Europa, die Streitfragen zwischen Staatsschuldner und Gläubiger regeln kann.”
“Du meinst, wir haben .. nein .. das kann nicht sein!”
“Doch, wenn es um mich geht, haben wir einen rechtsfreien Raum.”
“Hä? Wie .. echt? Das kann nicht sein!”
“Die Idee meiner Eltern war schlicht und einfach: wenn keiner pleite geht funktioniert alles. Leider ist das eingetreten, was meine Eltern sich nicht vorstellen konnten. Die Euro-Staaten gehen einer nach dem anderen bankrott. Jetzt haben wir den Schlamassel. Ohne geordnetes Verfahren, ohne verbindliche Regelungen gilt nur noch das Gesetz des Stärkeren. Wer seine Interessen durchsetzt, der gewinnt.”
“Stopp, du meinst, deine bürokratischen und regelwütigen Eltern haben bei deiner Zeugung nicht bemerkt, dass ein rechtsfreier Raum entsteht? Und all die Jahre, in der du groß wurdest, taten sie nichts? Als dann die Krise in Amerika ausbrach, sahen sie die Gefahr nicht und machten auch nichts? Und vor einem Jahr, als Griechenland am Abgrund stand, immer noch nichts?”
“Nein, statt die Ursache des Problems zu lösen, holten sie sich fremde Hilfe und schickten mich zu einem Pfuscher namens IWF. Die katastrophalen Folgen sieht man ja, Griechenland ist kollabiert.”
“Und das ganze, nur weil deine Eltern nicht selbst die Verantwortung übernehmen wollten?”
“Ja” – und das Ja klang ganz schön verzweifelt.

Wir beide sind gemeinsam durch dick und dünn gegangen, doch diesmal könnte es richtig ernst werden. Den Euro kenne ich übrigens schon seit seiner Geburt. Er war ein ungeliebtes, politisches Projekt und dieser Makel haftet noch heute an ihm wie Pech. Erst langsam fand er Freunde wie mich.
Leider, das erfuhr ich erst im Nachhinein, gab es während der Geburt ökonomisch bedingte Komplikationen. Über die Behinderungen, die zurück blieben, konnte ich lange Zeit nicht mit ihm sprechen. Es war ein Tabuthema. Heute platzte es aber irgendwie aus ihm heraus.

“Weißt du, warum ich mir so leer vorkomme?” eröffnete mir der Euro unerwartet.
“Nein”, log ich.
“Ich bin eine Gemeinschaftswährung von souveränen Staaten. Eine Gemeinschaft von Einzelkämpfern sozusagen.”
Ich nickte.
“Ich bin ein unlösbarer Widerspruch. Entweder man ist Einzelkämpfer oder eine Gemeinschaft, beides zusammen geht einfach nicht. Ich fühle mich so richtig unwirklich.”
“Aber alle glauben an dich, jeder möchte dich in seinen Händen haben.”
“Wenn ich aber ein Nichts bin, nur Illusion, was dann?”
“Jeder kann dich fühlen, also bist du da!”
“Das schon. Was ist aber, wenn ich wertlos bin, werden mich dann die Leute noch haben wollen?”

Was soll ich mit meinem Freund machen? Seine Sorgen sind berechtigt, schließlich hat er nicht nur einen Konstruktionsfehler. Das hat die Krise schonungslos offen gelegt. Die Probleme müssen wir dringend lösen. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr. Seine Eltern sind jedoch offensichtlich unfähig, mit der Krise um zu gehen.
Die Schicksalsfrage des Euros lautet: sind wir, die Europäer, eine Gemeinschaft oder sind wir Einzelkämpfer?

Der Euro ist aus Sicht des Nationalstaates eine Fremdwährung. Damit beraubt er die Staaten um die Möglichkeit, auf eine Finanzkrise reagieren zu können: nämlich mit einer Auf- und Abwertung der Währung.
Statt dessen sind die Staaten in das Korsett der Währungsunion eingequetscht. Das ist auch der Grund, weshalb die Krise in Europa vor allem die Peripherie der Weichwährungsländer so hart trifft. Hätten die Länder ihre eigenen Währungen, könnten sie besser mit den Krisenfolgen umgehen.
Klar, Griechenland hat Probleme und diese hätte es auch ohne den Euro, aber der Euro verstärkt sie noch. Hätte Griechenland noch seine Drachme, könnte es es jetzt abwerten, die Krise wäre entschärft und hätte nicht diese katastrophalen Folgen.
In anderen Worten: mit der fehlkonstruierten Gemeinschaftswährung haben wir uns unsere eigene Währung zum Feind gemacht.

Wer glaubt, das ist jetzt nur so komisches Bloggergequatsche, der solle sich mal eine Frage stellen: Weshalb sind nur Länder in der Krise, die den Euro haben?

Ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion von

einspruch (Website)

8 Kommentare

  1. 01

    Weshalb sind nur Länder in der Krise, die den Euro haben?

    Wie kommst Du zu dieser arg gewagten und leicht widerlegbaren Aussage?

  2. 02

    @Armin

    Ich meine damit die mediale Darstellung der aktuellen „Staatsschuldenkrise“. In den letzten Wochen wurde nur Ländern der Kollaps prophezeit, die den Euro haben. Natürlich befinden sich andere Länder ebenfalls in der Krise, aber eben nicht in den Medien. Ich habe mir also nur erlaubt, die mediale Wirklichkeit als alternativlose Realität zu setzen :)

  3. 03

    Das Ende ist recht gewagt, ansonsten hast du die aktuelle Lage aber so gut erklärt, dass ich es meinen Eltern zum Lesen geben werde. Danke.

  4. 04

    @Matthias

    Oh, ich habe die aktuelle Lage gut erklärt??? Du machst mir Angst ;-)

  5. 05
    pmn

    Eine Abwertung der Drachme unter diesen Umständen hätte zur Folge, dass Griechenland seine Schulden in Fremdwärungen nicht mehr bedienen könnte. Die Krise ist nicht Produkt des Euro, sondern der Geldwirtschaft schlechthin. Vielleicht sollten die ganzen depperten Hobbyökonomen auf diesem Planeten mal anfangen Marx und Minski zu lesen…

  6. 06

    „Weshalb sind nur Länder in der Krise, die den Euro haben?“

    Die USA sind in 2 Wochen insolvent, wenn sie sich nichts einfallen lassen. Soweit ich weiß, haben die keinen Euro…

  7. 07

    Raffgierige Egomanen, die keine Verantwortung übernehmen müssen, in den höchsten Positionen sind halt für keine Währung gut…

  8. 08

    @pmn

    Die Lösung für Griechenland ist entweder ein guter Haircut, oder jemand anderes muss für die Schulden haften (EU-Steruerzahler, ergo wir). Das hat aber nichts mit der Euro-Problematik an sich zu tun.
    Ich vermisse vor allem gute fundierter Wirtschaftsjournalismus. Ohne den ganzen TINA-Irrsinn und dem stumpfsinnigen Populismus könnte man ja ernsthaft über die Krise und die Probleme reden.

    @Johannes

    Die USA sind die letzte verbliebene Suppermacht, besitzen mit dem Dollar die Leitwährung, die Öltransaktionen werden in Dollar gehandelt, sie haben ein Trippel-A rating und können Geld drucken. Sie können sich nur selbst stürzen, das machen sie erfolgreich – wegen einer selbstverordneten Schuldenobergrenze.
    Der Euro ist eine Farce, aber die Dollartragödie ist Stumpfsinn unterhalb des Nullpunkts. Ich müsste mein Hirn ausschalten, um darüber bloggen zu können, daher habe ich die Dollarproblematik erfolgreich verdrängt, auch im Blogartikel.

    @BLOOD

    Schau mal unter Peterprinzip. Dort findest du die wissenschaftliche Begründung dafür, weshalb in hierarchischen Systemen am oberen Ende die Inkompetenz akkumiliert wird.

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