14
Dieser Artikel ist ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion.

Blogosphäre oder Berlinosphäre?

Spreeblick – das klingt so… nach Berlin. Spreeblick – das war für mich meine Jogging-Strecke, als ich letztes Jahr drei Monate in Berlin lebte. Aber Spreeblick ist natürlich auch ein Blog. Eben eines aus Berlin.

Netzpolitik, Nerdcore, Carta, Niggemeier… Viele der Blogs in meinem Feedreader kommen ganz oder teilweise aus der Hauptstadt. Vor allem viele derer, die große Klickzahlen auf sich ziehen können, die häufig verlinkt, getwittert oder geflattrt werden. Gibt es in Berlin andere Internetanschlüsse?

Bereits als ich vor ein paar Monaten für mein Projekt youdaz.com einmal die deutsche Blogosphäre und die führenden deutschen Nachrichtenseiten kartographierte, verfärbte sich Berlin richtig kräftig. Ein bisschen was kommt noch aus NRW und aus München, das von mir derzeit bevölkerte Rhein-Main-Gebiet fällt schon kaum noch auf. Andere Teile Deutschlands bleiben vollkommen unberührt – blogtechnisch.

Warum ist das so? Ich habe eine Theorie. Und die hat mit dem Leben, das offline stattfindet zu tun. Wie eingangs erwähnt, habe ich selbst, zumindest rudimentäre, Berlin-Erfahrung. Und in dieser kurzen Zeit habe ich viele Menschen kennen gelernt, die in der deutschsprachigen Netzszene kleine, mittlere oder große Multiplikatoren sind. Ein netzpolitisches Feierabendbier gibt es in Darmstadt nicht. Und wenn, dann ist es eher der Stammtisch der lokalen Piraten.

Um engere Kontakte aufzubauen oder nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben, war meine Zeit in der Hauptstadt vermutlich zu kurz. Dennoch bemerkte ich bereits in den drei Monaten, dass sich gemeinsames Biertrinken auf Klick- und Followerzahlen auswirkt. Vor allem aber auf den Dialog, auch im Netz. Ich merkte es an @replies, an Backlinks, an Kommentaren.

Berlin hat als Hauptstadt schon von allein eine Menge wichtige Events, sowie eine Menge einflussreicher und interessanter Menschen. Die Stadt mit Spreeblick ;) würde in der deutschen Blogosphäre immer eine wichtige Rolle einnehmen. Die große Rolle, die sie aktuell hat, hat sie aber vor allem durch Dialog. „Morgen poste ich mal wieder was spannendes, da sitz ich seit längeren dran“ – und auf den Text wartet man. Bist du in Dieburg musst du hoffen, dass neben dir nicht zu viele RSS-Feeds in die Welt entlassen werden oder dass du den richtigen Moment in der Timeline triffst. Deine Links sammelst du quer über die Landkarte, während der Berliner es gelegentlich allein durch die Personen, mit denen er sich am Vortag austauschte, auf die Startseite des wiederauferstandenen Rivva schafft.

Andere Städte oder Regionen in Deutschland haben sicherlich ähnliches, wenn auch nicht gleich großes Potential, wie Berlin. Ich denke hier an Hamburg und München, vor allem aber auch das Ruhrgebiet, vielleicht in Verlängerung mit Düsseldorf und Köln/Bonn, wo zumindest ein bisschen etwas in diese Richtung geht. Auch das Rhein-Main Gebiet hat viele und interessante Menschen, viele sogar in der Medienbranche. Die gleichen Netzwerkeffekte wie in Berlin wollen aber nicht aufkommen. Und stehen sie einmal, sind sie fast ein Selbstläufer. Mehr noch: Mit jedem Treffen, jedem Event und jedem neuem Blog verstärkt sich der Effekt.

Das bringt jedoch auch Probleme mit sich. Gelegentlich gibt es in Berlin zu viel Selbstbezug. Außerdem fällt weniger auf, was anderswo passiert. Ähnliche Gemeinschaften wie in Berlin aufzubauen, wird dadurch erschwert (wenn auch sicher nicht unmöglich). Derzeit ist es aber so: Will man im deutschen Internet auffallen, muss man in Berlin auffallen. Wäre ich in Berlin mit meinem Projekt youdaz.com gestartet, vermutlich wäre es schneller gewachsen, als es das in Darmstadt (und Aarhus) tut.

Doch auch unabhängig davon würde ich mir wünschen, dass die Rolle Berlins im deutschen Netz mehr Konkurrenz bekommt. Nichts gegen euch Berlinerinnen und Berliner. Ich mag euch wirklich sehr und lese vieles (nicht alles), von dem was ich macht, sehr gerne. Aber ein bisschen mehr Pluralität ist sicher nicht schlecht. Oder?

Ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion von

Andreas G. (Website) (Twitter)

14 Kommentare

  1. 01

    Oh, Darmstädter! :-)

    Ich habe euch mal in meinen Feedreader gepackt.

  2. 02

    Es ist interessant, wie man das Rhein-Main Gebiet dann doch teilweise unterschätzt- In Frankfurt gab es den vor allem durch Robert Basic am leben gehaltenen Cafe Haus Talk. Leider ist das inzwischen eingeschlafen.

    Ich waar überrascht, als in meiner Twitter Timeline plötzlich das TweetUp Mainz aufpoppte, dass ich dann prompt mitorganisiert habe und überrascht war, dass es auch hier so viele Twitterer gibt. Immehin kommt Thang von electru auch aus Mainz, wenn gleich er gerade einen Bloggeraustausch nach, genau, Berlin gemacht hat,

    Dann gibt es noch Stijlroyal, die mit ihren Releaseparties regelmäßg die deutsche Twitteria zusammen bringen. (Leider habe ich es noch nie dorthin geschafft)

    Das Rhein-Main-gebiet hat also durchaus einiges zu bieten, aber du sagst es die Vernetzung fehlt etwas. Wie kann man das anschieben?

  3. 03

    @Paul: Danke, bleib uns treu ;)

    @Jannis: Ich sagte ja bereits, es gibt einige interessante Leute und auch interessante Projekte. Auch von meiner Hochschule geht ja immer wieder mal was schönes aus – aus der Lehre selbst aber vor allem auch in Eigenregie der Abgänger oder Studenten. In Mainz ist sehr viel los, die Rheinzeitung hat z.B. eine recht aktive Netzszene um sich versammelt und es gibt regelmäßig sowas wie das Twittagessen.
    Ich denke ein großer Unterschied ist, dass hier zum einen viel mehr Leute nicht in den Städten leben und einiges daher sehr lokalen Charakter hat und zum anderen, dass es nicht so DAS Thema gibt. In Berlin dreht sich ja sehr viel um den Bereich Netzpolitik, grob so das, was netzpolitik.org auch vorgibt als eine Art Leidmedium. Die Frage für andere Regionen könnte also sein: Auch in dieses Thema stoßen, oder kann man mit anderen gemeinsamen Themen etwas aufbauen? Ist überhaupt ein Kernthema notwendig?

  4. 04

    Keine Sorge, Andreas. Wir sorgen schon für Pluralität. Mehr Darmstadt-Power gibt’s auf http://juiced.de @ Paul :)

    Es ist natürlich naheliegend, dass die meisten bekannten Blogger aus Berlin kommen. Dort ist die Szene am besten vernetzt, dort kann man sich am besten in echt treffen. Ansonsten führt man ein recht einsames Bloggerleben. Und ohne die Community hintendran, die Stammleser und die anderen Blogger, die einen regelmäßig verlinken etc., kommt man halt nicht weit. Das ist im Prinzip auch die schöne Erkenntnis: Zu erfolgreichem Bloggen gehört auch eine gute Vernetzung – online wie offline.

  5. 05

    … ob ich je ein Fan von Darmstadt werde, kann ich nicht sagen – dazu ist mir Koblenz zu sehr ans Herz gewachsen. Mit den Twitteren geht da einiges!

    Aber eines ist sicher, @Andreas und @Daniel: Darmstadt rocken wir!

  6. 06
    c0r3nn

    Ich denke, Berlin ist schon etwas Spezielles. Von den Städten ist es wohl eher mit anderen europäischen Metropolen zu vergleichen als anderen Großstädten in Deutschland. Ich denke auch, dass man, um in Berlin aufzufallen, schon etwas „lauter“ (finde irgendwie gerade kein anderes Wort, hm..) sein muss. Dadurch findet man (vermutlich) auch anderswo mehr Aufmerksamkeit? (ok, ist Spekulation, mag mich auch irren)

    An der Aktivität der Leute vor Ort wird es jedenfalls nicht liegen (z.B. hat Köln/Bonn wohl eine recht aktive Freifunker-Szene, Hamburg ist ja die Keimzelle des CCC) insoweit wird es wohl eher ein Netzwerk-Thema sein.

    Inwieweit die Tatsache mit rein spielt dass Berlin eine einzige Millionenstadt ist während die anderen Ballungsräume in viele einzelne Städte und/oder Landkreise aufgeteilt sind, ist wohl eher eine Frage für die Sozialwissenschaftler ;)

    Gruß ausm Hochtaunuskreis ;)

  7. 07

    @Andreas:
    Zunächst einmal: Herzlichen Glückwunsch: Du hast es mit diesem Artikel auf die Startseite von Rivva geschafft. Aber (wieder) ein Berliner Blog. :-)

    Natürlich ist Berlin etwas besonderes. Vor allem verglichen mit dem Rhein-Main Gebiet. Wie Du in Deinem Kommentar schon schreibst: Im Rhein-Main Gebiet leben viele gar nicht in den eigentlichen Städten sondern in den „Speckgürteln“ außen herum.

    Ich glaube nicht, dass ein Kernthema notwendig ist. Es hilft allerdings, da man dann schneller mal etwas zum verlinken findet oder ähnliches.

    Zum Schluss möchte ich Dich (und die anderen aus dem Rhein-Main Gebiet) noch auf zwei Sachen aufmerksam machen:

    1. Der Twittwoch Rhein-Main ist wieder gestartet. Bzw. der Twittwoch Rhein-Main ist als Nachfolger des Twittwochs Frankfurt gestartet. Wenn ihr Euch dafür interessiert gibt es folgende Möglichkeiten:
    – Auf Twittwoch.de vorbeischauen. Hier werden neue Termine bekannt gegeben. (z.B. http://www.twittwoch.de/1-twittwoch-rhein-main-am-29-06-neuer-name-neues-team-gleiche-location/)
    – Folgt dem Twitter Account: @TwittwochRM
    Der nächste Twittwoch Rhein-Main wird voraussichtlich am 28.09. in Wiesbaden stattfinden.

    2. Ich habe mal versucht einen Social Media Kalender Rhein-Main zu starten. Wenn ihr also Termine habt, die dort eingetragen werden sollen einfach bei mir melden.
    Ansonsten den Kalender abonnieren. Oder den Twitter-Account: @SocialMedia_RM
    Im Moment gibt es die Termine des Online Stammtischs Frankfurt, des Webmontags Frankfurt und des Twittwochs Rhein-Main. (http://www.nicokirch.de/social-media-kalender-rhein-main/)

    Schöne Grüße aus Frankfurt

  8. 08

    Gut beobachtet. Die Berliner Überrepräsentation gilt meines Erachtens übrigens nicht nur für Blogs. Ich glaube, das Gleiche auch bei den Twitter-Accounts mit besonders vielen Followern und neuerdings auch bei Google+ zu beobachten. Dort könnte man schon jetzt problemlos einen Riesen-Circle eröffnen mit dem Titel „Berliner“.

    Hat wohl was mit der „Urbanität“ des Lebens- und Arbeitsstils in Berlin zu tun, die offenbar in anderen Metropolen weniger ausgeprägt ist – in der „Provinz“ ohnehin kaum. Hier in Baden etwa scheint der Anteil der „Offliner“ und Social-Network-Verweigerer erheblich größer zu sein als in der Hauptstadt – eigentlich keine Überraschung.

  9. 09

    Sehr spannende Beobachtung. Hier in Nürnberg versucht man z.B. mit so mehr oder weniger regelmäßigen Events wie dem „Creative Monday“ oder dem „Webmonday“ dem Networking in der Kreativ- und Webworkerszene etwas auf die Sprünge zu helfen. Auffällig ist, dass sich die Teilnehmer bei solchen Events so im knapp hundrigen Bereich bewegt und gerade bei den „Creative Mondays“ (also die Zusammenkunft der handwerklich begabteren Freiberufler) was Netzleben und Onlinereputation angeht manchmal bei Null angefangen wird.
    Ich möchte nicht sagen, dass das vielleicht mit der Einwohnerstruktur zusammenhängt, die gerade realisiert, dass sie ins Postindustriezeitalter geworfen wurde, aber vielleicht liegts genau daran.

Diesen Artikel kommentieren