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Dieser Artikel ist ein Leserbeitrag im Rahmen der Open-Spreeblick-Aktion.

Blogosphäre oder Berlinosphäre?

Spreeblick – das klingt so… nach Berlin. Spreeblick – das war für mich meine Jogging-Strecke, als ich letztes Jahr drei Monate in Berlin lebte. Aber Spreeblick ist natürlich auch ein Blog. Eben eines aus Berlin.

Netzpolitik, Nerdcore, Carta, Niggemeier… Viele der Blogs in meinem Feedreader kommen ganz oder teilweise aus der Hauptstadt. Vor allem viele derer, die große Klickzahlen auf sich ziehen können, die häufig verlinkt, getwittert oder geflattrt werden. Gibt es in Berlin andere Internetanschlüsse?

Bereits als ich vor ein paar Monaten für mein Projekt youdaz.com einmal die deutsche Blogosphäre und die führenden deutschen Nachrichtenseiten kartographierte, verfärbte sich Berlin richtig kräftig. Ein bisschen was kommt noch aus NRW und aus München, das von mir derzeit bevölkerte Rhein-Main-Gebiet fällt schon kaum noch auf. Andere Teile Deutschlands bleiben vollkommen unberührt – blogtechnisch.

Warum ist das so? Ich habe eine Theorie. Und die hat mit dem Leben, das offline stattfindet zu tun. Wie eingangs erwähnt, habe ich selbst, zumindest rudimentäre, Berlin-Erfahrung. Und in dieser kurzen Zeit habe ich viele Menschen kennen gelernt, die in der deutschsprachigen Netzszene kleine, mittlere oder große Multiplikatoren sind. Ein netzpolitisches Feierabendbier gibt es in Darmstadt nicht. Und wenn, dann ist es eher der Stammtisch der lokalen Piraten.

Um engere Kontakte aufzubauen oder nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben, war meine Zeit in der Hauptstadt vermutlich zu kurz. Dennoch bemerkte ich bereits in den drei Monaten, dass sich gemeinsames Biertrinken auf Klick- und Followerzahlen auswirkt. Vor allem aber auf den Dialog, auch im Netz. Ich merkte es an @replies, an Backlinks, an Kommentaren.

Berlin hat als Hauptstadt schon von allein eine Menge wichtige Events, sowie eine Menge einflussreicher und interessanter Menschen. Die Stadt mit Spreeblick ;) würde in der deutschen Blogosphäre immer eine wichtige Rolle einnehmen. Die große Rolle, die sie aktuell hat, hat sie aber vor allem durch Dialog. „Morgen poste ich mal wieder was spannendes, da sitz ich seit längeren dran“ – und auf den Text wartet man. Bist du in Dieburg musst du hoffen, dass neben dir nicht zu viele RSS-Feeds in die Welt entlassen werden oder dass du den richtigen Moment in der Timeline triffst. Deine Links sammelst du quer über die Landkarte, während der Berliner es gelegentlich allein durch die Personen, mit denen er sich am Vortag austauschte, auf die Startseite des wiederauferstandenen Rivva schafft.

Andere Städte oder Regionen in Deutschland haben sicherlich ähnliches, wenn auch nicht gleich großes Potential, wie Berlin. Ich denke hier an Hamburg und München, vor allem aber auch das Ruhrgebiet, vielleicht in Verlängerung mit Düsseldorf und Köln/Bonn, wo zumindest ein bisschen etwas in diese Richtung geht. Auch das Rhein-Main Gebiet hat viele und interessante Menschen, viele sogar in der Medienbranche. Die gleichen Netzwerkeffekte wie in Berlin wollen aber nicht aufkommen. Und stehen sie einmal, sind sie fast ein Selbstläufer. Mehr noch: Mit jedem Treffen, jedem Event und jedem neuem Blog verstärkt sich der Effekt.

Das bringt jedoch auch Probleme mit sich. Gelegentlich gibt es in Berlin zu viel Selbstbezug. Außerdem fällt weniger auf, was anderswo passiert. Ähnliche Gemeinschaften wie in Berlin aufzubauen, wird dadurch erschwert (wenn auch sicher nicht unmöglich). Derzeit ist es aber so: Will man im deutschen Internet auffallen, muss man in Berlin auffallen. Wäre ich in Berlin mit meinem Projekt youdaz.com gestartet, vermutlich wäre es schneller gewachsen, als es das in Darmstadt (und Aarhus) tut.

Doch auch unabhängig davon würde ich mir wünschen, dass die Rolle Berlins im deutschen Netz mehr Konkurrenz bekommt. Nichts gegen euch Berlinerinnen und Berliner. Ich mag euch wirklich sehr und lese vieles (nicht alles), von dem was ich macht, sehr gerne. Aber ein bisschen mehr Pluralität ist sicher nicht schlecht. Oder?