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Wie man als Politiker*in mit jungen Menschen redet


Foto: Christian Herrmann/TINCON

Wir erleben es in diesen Tagen wieder vermehrt. Erwachsene Menschen mit politischen Ämtern treffen plötzlich, ohne Vorwarnung und völlig unvorbereitet, auf Jugendliche. Da die meisten Politikerinnen und Politiker im Alter von 34 zur Welt gekommen sind und daher nie selbst eine Adoleszenz erlebt haben, sind sie verständlicherweise mit der Situation überfordert, geraten ins Stottern. Schweißausbrüche sind keine Seltenheit, und oft bleibt aus Mangel an Kommunikationsmöglichkeiten mit der unbekannten Spezies nur die Flucht in die Amtsniederlegung.

Das muss nicht sein. Spreeblick, das meistdiskutierte junge Internetpolitikmagazin für junge Internetleute seit 2002, hat in einer großangelegte Studie drei Minuten lang rund zwei Teenager zwischen 16 und 17 Jahren per WhatsApp um Einblicke in ihre Lebenswelt gebeten. Dabei sind wir zu erstaunlichen Erkenntnissen gekommen, die wir hier weltexklusiv veröffentlichen, um allen politischen Amtsinhaberinnen die Angst vor dem Gespräch mit der jungen Generation für immer zu nehmen.

1. Alle Teenager sind gleich und haben keine Ahnung

Die wichtigste Grundregel gleich vorweg: Alle Menschen unter 27 Jahren (die wir trotz einer gewissen Unschärfe und solange sie ihre Füße unter unsere Tische legen einfach „Jugendliche“ nennen) sind absolut gleich. Egal, ob sie einen 17-Jährigen auf einem Skateboard oder eine 22-jährige Psychologie-Studentin treffen, ihre Lebenshaltung und ihre Weltsicht sind absolut identisch, schließlich sind beide jünger als Sie selbst. Und der Skater nicht mal wahlberechtigt.

Zudem haben alle Jugendlichen keine Ahnung von irgendetwas, weil sie den ganzen Tag nur auf ihr Smartphone starren, wo im Gegensatz zu Ihrem eigenen Smartphone voller Business- und News-Apps nur Instagram installiert werden kann (JuSchuGes. Art. 5 Abs. 13a und Telemedienstaatsvertragsgesetznovelle vom 12.7.1983).

Da alle jungen Menschen gleich sind, fasst man sie unter dem Begriff „Generation Z“ zusammen. Das „Z“ steht für „Ziemlichscheißegal“, denn dieser Generation ist alles ziemlichscheißegal. Wenn Jugendliche auf die Straße gehen und für Sauerstoff demonstrieren, den man atmen kann, dann werden sie dafür von Großkonzernen aus dem Ausland bezahlt, die gegen den Willen der erwachsenen und daher viel klügeren Bevölkerung eine Welt erzwingen wollen, in der man Sauerstoff atmen kann. Vergleichen Sie Jugendliche an dieser Stelle ruhig einfach mal mit sich selbst: Sie tun ja auch nur Dinge, für die man Sie bezahlt. Na bitte.

2. Starten Sie mit Äußerlichkeiten

Falls Sie mit Jugendlichen ein Gespräch beginnen müssen oder gar wollen, starten Sie unbedingt mit Bemerkungen über ihre Äußerlichkeiten. Jugendliche befinden sich in einer Phase der Eitelkeit (Instagram!) und lieben es, wenn sie von 62-jährigen in einem aschgrauen Anzug mit roter Fliege oder witzig bedruckter Krawatte auf ihre „verrückten Haare“ angesprochen werden. Andere Eisbrecher sind interessierte Fragen nach dem Geschlecht des jungen Gegenübers, das man ja „heutzutage manchmal gar nicht mehr erkennen kann“, oder ob der jeweilige Kleidungsstil Absicht ist. Bei jungen Menschen mit sichtbaren Tätowierungen und/oder Piercings lohnt sich „Hast du dir das damals auch wirklich gut überlegt?“ als erfolgreicher Gesprächseinstieg (bleiben Sie beim „Du“, das schafft Nähe!), und sehr gerne hören junge Menschen auch die Geschichte, wie Sie 1982 auch einmal über ein Tattoo nachgedacht haben, es dann aber wegen der Karriere und weil ihre Eltern dagegen waren doch nicht gemacht haben zum Glück. Kurz: Sprechen Sie auf Augenhöhe. Also von oben herab.

3. Sprechen Sie die Sprache der Jugend

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Um mit der Jugend kommunizieren zu können, müssen Sie ihre Sprache sprechen. Jugendliche lieben diese Wertschätzung ihres Daseins und erkennen sofort: Hier ist jemand, der uns nahe ist. Der uns versteht.

Nennen Sie männliche Jugendliche wahlweise „Bro“ [ˈbroʊ], „Digger“ [ˈdɪgɜ:] oder „Junge“ [ˈjʊŋə]. Weibliche Jugendliche schätzen die Ansprache „Girl“ [ˈgɜ:l] oder „Bitch“ [ˈbɪtʃ] sehr, je älter Sie selbst sind, desto überzeugender werden Sie mit diesen Begriffen eine sachliche Unterhaltung mit der jungen Generation beginnen können. Haben Sie den Eindruck, dass sich der junge Mensch für Philosophie interessiert, dürfen Sie ihn oder sie auch „Kant“ nennen.

ACHTUNG! Bei anderen, nicht anwesenden Jugendlichen, über die Sie mit jungen Menschen sprechen, verändert sich die Ansprache im männlichen Bereich, greifen Sie hier auf „Huso“ zurück (nicht „Juso“!), wofür diese Abkürzung steht, tut hier nichts zur Sache.

Versuchen Sie auf keinen Fall zu verstehen, was Jugendliche sagen. Antworten Sie niemals in Ihrer eigenen Sprache, sondern kommentieren Sie Aussagen von jungen Menschen entweder mit „lol“ [lɔl] oder einem Buchstabe für Buchstabe und als Frage gesprochenen „WTF?“, kurz für „Why the face?“, in etwa: „Warum bist du so betrübt?“.

Vermeiden Sie Inhalte. Jugendliche haben keine Ahnung. Siehe oben.

4. Gestik und Mimik

Niemand unter 27 gibt sich die Hand. Wenn Sie Jugendlichen begegnen, wenn ein Jugendlicher etwas gesagt hat oder wenn eine Jugendliche unbeteiligt in ihrer Nähe steht: Strecken Sie einen ihrer Arme aus (nicht völlig durchgedrückt) und halten Sie ihm oder ihr Ihre Faust entgegen (Höhe in etwa zwischen Bauchnabel und Brustkorb, nicht in Richtung Gesicht!). Der junge Mensch erkennt Sie als einer der Ihren an, wendet sich ab und geht. Und das ist ja, was Sie erreichen wollen.

Wenn Sie selbst vor Jugendlichen sprechen (bitte niemals mit Ihnen!), gestikulieren Sie dabei irgendwie herum, orientieren Sie sich dabei an aktuell bei Jugendlichen beliebten HipHop-Videos (YouTube-Suche nach „Joe Cocker“).

5. Inhalte

Was aber, wenn sich im Gespräch mit diesen jungen Leuten das Zuhören nicht mehr vermeiden lässt? Wenn ein Teenager vor Ihnen steht und in für Sie unverständlicher Jugendsprache Dinge sagt wie „Ich möchte, dass Politik und Wirtschaft mehr unternehmen, um die Klimakatastrophe zu verhindern“ oder „Eine Drogenbeauftragte, die sich nicht mit der erfolgreichen Drogenpolitik anderer Länder beschäftigt, halte ich für inkompetent“?

Dann hilft alles nichts. Da müssen Sie durch. Gaukeln Sie Interesse vor. Tun Sie so, als würden Sie die Anliegen der Jugendlichen ernst nehmen und als würden Ihnen diese am Herzen liegen. Sagen Sie Sätze wie „Das ist doch ausgemachter Unsinn“, „Von Leuten mit blauen Haaren lasse ich mir gar nichts erzählen“ oder „Hab du erstmal deinen zweiten Porsche abbezahlt, dann wird sich deine Meinung schon zu meiner verwandeln“.

Wenn Sie auf einer öffentlichen Veranstaltung sind, nehmen Sie jungen Sprecherinnen oder Sprechern das Mikrofon weg. Ist dies in einer TV-Talkshow nicht möglich, warten Sie, bis die Kamera mit dem roten Licht auf Sie gerichtet ist und kommentieren Sie die Aussagen einer jungen Person wortlos mit hochgezogenen Augenbrauen und einem väterlichen Lächeln, oder stellen Sie kopfschüttelnd (aber milde lächelnd!) ihr Wasserglas ab.

Falls Sie nicht genügend Vorbereitungszeit für diese Reaktionen hatten, erkämpfen Sie sich Zeit. Sagen Sie „Ich finde das toll, wie sich die jungen Leute heutzutage engagieren!“, selbst dann, wenn die junge Person gerade vom Leid ihrer am Existenzminimum lebenden Großmutter berichtet hat. Laden Sie die den jungen Mensch dann öffentlich zu einem authentischen Gespräch auf Augenhöhe in den Bundestag ein, wo die junge Person, deren Namen Sie noch auszusprechen lernen müssen, ganz in Ruhe und sachlich mit Ihnen, den Sicherheitsmitarbeiterinnen, ihren Referendarinnen und Assistentinnen, zwei Dutzend Pressevertreterinnen, drei Fotografinnen und einem Kamerateam reden können.

Verbieten Sie danach das Internet.

Appendix 1: Die Bedeutung der Jugendmode

Rote Haare Ich wollte gerne mal rote Haare haben
Grüne Haare Ich wollte gerne mal grüne Haare haben
Gelbe Haare Ich wollte gerne mal gelbe Haare haben
Blaue Haare Ich zerstöre die CDU

Schwarzer Kapuzenpulli Mir war kalt/ich bin Nico Semsrott
Blauer Kapuzenpulli Mir war kalt/ich bin nicht Nico Semsrott
Roter Kapuzenpulli Mir war kalt/ich bin nicht Nico Semsrott
Oranger Kapuzenpulli Ich zerstöre die CDU, obwohl ich nicht Nico Semsrott bin

Basecap-Schirm nach links Ich find’s gut, den Schirm links zu tragen
Basecap-Schirm nach rechts Ich find’s gut, den Schirm rechts zu tragen
Basecap-Schirm nach hinten Ich bin gar nicht mehr jugendlich
Basecap-Schirm nach vorn Ich zerstöre die CDU

Update Meine Söhne haben den Artikel gelesen und mich auf schwerwiegende Fehler hingewiesen: Den Schirm der Basecap nach hinten zu tragen, ist noch völlig okay, aber zur Seite trägt niemand mehr seine Cap. Ansonsten stimmt aber wohl alles.

11 Kommentare

  1. 01
  2. 02
    Martin

    Starke Glosse. Von der pfiffigen Art profitieren auch ältere Semester.

    Schön, dass Du wieder schreibst!

  3. 03
    Eva

    … moment…. ich bin 29…. heißt das, ich bin keine Jugendliche mehr und die hören (eventuell) auf mich?
    Verdammt… nächstes Mal trag ich auf der Demo meinen Ausweis um den Hals – nur für den Fall der Fälle.

    Danke für den Artikel ;-)

  4. 04
    Gabi

    Jetzt kann ich endlich meine Enkel besser verstehen!! ;-)))
    Toller Artikel!!

  5. 05

    ROFL. Wenn sich dieses Internet dann doch durchsetzen sollte in 200 Jahren, muss ich das geteilt haben.

  6. 06

    Traue keinem über dreissig. So ist das halt. Generationen kommen und gehen.

  7. 07
    Graue Literatur

    Wenn Sie auf einer öffentlichen Veranstaltung sind, nehmen Sie jungen Sprecherinnen oder Sprechern das Mikrofon weg – wie bitte? =)

  8. 08
    Hessam Kordian

    Ein humorvoller Artikel für alle Generationen. Klasse.

  9. 09
    Stughilfe

    Der Artikel zeigt, wie dumm die Jugend ist? Ich fühle mich unwohl. Aber da ist auch etwas wahres. Danke schön.
    LG
    Marc

  10. 10
    Johannes

    Sehr schöner Artikel. Genau mein Humor! ^^

  11. 11

    Guter Artikel, voller Sarkasmus. Da wurde aber bei den Jugendwörtern hier und da etwas nachgeholfen und diplomatischer „übersetzt“;)

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