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500beine für fooligan: WAT NE KANONE

Auch wenn ich in meiner Jugend chronischer Torschützenkönig war, ich kann mich nur an wenige Treffer genau erinnern. Darunter eine aus der Luft genommene Granate in Wuppertal (”Wat ne Kanone!”) und ein völlig verunglückter Elfmeterschuss in Baumberg am Rhein, wo ich halb in den Boden und halb vor den Ball trat.

Die entsetzten Aufschreie der Mitspieler im Rücken schaute ich der Pille hinterher, die wie in Superzeitlupe in Richtung Tor holperte, es sich kurz vor der Linie aber anders überlegte und eine grobe Unebenheit des Platzes nutzend von einem Hubbel abhob und dem verdutzten Keeper durch die fangbereiten Arme glitt: 1:0.

Mein erster Trainer hiess Alfred Becker. Ein kleiner sechzigjähriger Schlosser mit karierter Schiebermütze, der uns Jungs nicht gerade mit Samthandschuhen anfasste.
Den dicken Mario Duca hatte er besonders auf dem Kieker.
“Duca, fauler Hund! Dir kann man beim Laufen die Schuhe besohlen!”
Mario Duca, dem ich viele Jahre später die erste Begegnung mit der Gräfin verdankte, war einer von mehreren Söhnen italienischer Einwanderer in unserer Mannschaft. Wir hatten schon damals einen hohen Ausländeranteil, was hauptsächlich daran lag, dass der RSV aus dem Betriebssport hervorgegangen war.

RSV, das stand für Rasspe-Sport-Verein, und Rasspe war ein mittelständischer Hersteller von Landwirtschafts-Maschinen, viele Jahre einer der grössten Arbeitgeber vor Ort. Das Emblem von Rasspe, das auch hoch oben am Schornstein prangte, war ein dampfender Pfeifenkopf. Spötter nannten unseren RSV daher auch Ormsnut, Solinger Platt für: Atemnot.
Vereine wie die 1. Sportvereinigung, die immer in schmucken weissen Trikots aufliefen und vor Arroganz kaum aus den Augen gucken konnten, machten sich einen Spass daraus, uns zu verhöhnen, war der RSV doch ein Arbeiterverein durch und durch, beinahe britisch in seinem trotzigen Stolz.
Dass ich im Gegensatz zu meinen Mitspielern keine Schlosserlehre bei Rasspe absolvierte, sondern das Gymnasium besuchte, fiel mir eigentlich erst auf, als unsere Klasse kurz vor der Mittleren Reife eine Betriebsbesichtigung bei Rasspe machte.
Da standen meine Kameraden im Blaumann vor den lauten, ölverschmierten Maschinen, und ich kam mir reichlich schnöselig vor, in meinen glitzernden Blue Jeans.

Verrufen war der RSV in Solingen und Umgebung aber weniger wegen der sprichwörtlichen Atemnot oder der Arbeitervereinmentalität, sondern wegen des unmöglichen Platzes.
Der Platz war wirklich eine Rarität.
Teils Asche, teils Rasen.
Nicht Fisch, nicht Fleisch.
Ein Scheissplatz.

Die Asche erstreckte sich in Form eines grossen Hühner-Eis über den Spielplatz, nur an den Rändern und vor den Toren war Rasen ausgelegt.
Warum dies so war? Keine Ahnung. Vielleicht war den Altvorderen unterwegs das Geld ausgegangen, als der Platz 1909 angelegt wurde. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals über die Gründe gesprochen hätten.
Es war halt so. Und fertig.

Aber der seltsame Platz hatte auch sein Gutes. Weil jeder danach strebte, auf dem (übrigens sehr gepflegten) Rasenbelag am Spielfeldrand zu stürmen, zogen wir automatisch ein offensives Flügelspiel auf, und ich war der Vollstrecker.
“Ihr sollt den mit den Locken decken!”, das war der Spruch, der mich in der Jugend durch die gegnerische Deckung brachte.

Eine weitere Besonderheit des RSV: Vereinsheim und Kabinen lagen etwa einen Kilometer vom Platz entfernt. Dazwischen waren Felder und Kartoffeläcker, die vor allem im Winter zu wahren Schlammwüsten mutierten.
Manch ein Team war schon erledigt, wenn es endlich unseren erbarmungswürdigen Nicht Fisch, nicht Fleisch-Platz erreicht hatte.
Wir waren schon eine gefürchtete Heimmannschaft.

2 Kommentare

  1. 01

    Ein klassischer 500er! Schön, Herr Minipli! :)

  2. 02
    Fish

    Schöne Geschichte.
    Mit Scheissplätzen kannte ich mich auch mal aus. Schlammplätze nach zwei Tagen Regen – wir sahen alle aus wie James Dean in Giganten nachdem er auf Öl gestossen ist – nur eben mit Schlamm. Oder vereiste Plätze im Winter mit delliger Granitoberfläche. Dann latscht dir so ein Blutgrätscher auf den halbabgefrorenen Fuß und einen Tag später löst sich der ganze Zehnagel ab. Hat echt immer Spass gemacht.

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