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Wii City Launch

wii launch hamburg

Freitag, 8. Dezember 2006: Europa-Start für Nintendos neue Spielkonsole. Die Berichte über rekordverdächtige Ausverkäufe in Amerika, Japan und bei amazon.uk sind auch in Hamburg vernommen worden.

Es ist 9:00 Uhr, als ich aus der U-Bahn-Station Hauptbahnhof komme. Ein blasser Dunst liegt über der Innenstadt, mäßige Geschäftigkeit, hier und da ein zum Entladen geöffneter LKW. Eine Gruppe rauchender Jugendlicher vor verschlossenen Weihnachtsmarktständen, zwei HVV-Bedienstete vor einem Stehimbiss.

Man sieht die Warteschlange schon von weitem. In wahrlich britischer Manier steht eine Reihe von grob geschätzt 200 Menschen vor den Einganstüren des angeblich größten Elektrofachhandels Europas. Sie verläuft über den tatsächlich großflächigen Platz bis kurz vor eine winzige Bushaltestelle; Last Exit Mönckeberg trifft Warten auf Wiimote.

Die Stimmung ist gut. Nicht überschwenglich, einfach nur gut. Hanseatisch zurückhaltend, aber gut. Es gibt vereinzelte Heyda!-Rufer, sobald einer der zahlreichen Fotografen versucht, auf einen der ganz-weit-vorne-Warter zuzugehen, aber die Angst um einen Startplatzverlust weicht schnell der simplen Erkenntnis „kein Endgegner, nur Ablenkung, stay focussed“.

Die ersten stehen seit 5:00 Uhr hier, heißt es. Einer soll sogar die Nacht auf einer der Metallbänke verbracht haben, Ankunft 23:00 Uhr. Hardcore, Baby.

Der Altersdurchschnitt wird durch eine doch recht ansehnliche Menge (vermutlich) um die Weihnachtsfest-Ruhe besorgte Eltern und Großeltern nach oben korrigiert. Respekt, die Damen und Herren, ohne Frage und Zweifel. Ich rede mit einer Frau um die 70. Sie steht noch nicht sehr lange hier, ist guter Dinge, hat ein weeenig Angst, dass sie ein weeenig zu spät aufgestanden sein könnte.

„Ich schlaf halt ganz gerne aus“, sagt sie mit einem aufgeregten Lächeln. Sie wird Glück haben heute.

Plötzlich branded Jubel auf. Angestellte in blauen Poloshirts treten aus den Glastüren, es geht los, es geht… nicht los. Die wartende Menge wird stattdessen über den gewünschten Ablauf unterrichtet: „Keine Hektik, kein Stress, innen noch mal anstellen, gaaaanz langsam, Ruhe bewahren, und vor allem jeder nur ein Gerät.“

Ein Gerücht macht die Runde, Angst macht sich breit. Im „anderen Laden“ gegenüber soll es lediglich 65 Konsolen geben. Was, wenn das hier ähnlich ist? Umsonst gestanden? Wie sag ich’s meinem Sohn? Was fang ich mit dem Resttag an? Was mit all dem Geld? Zum Glück regnet es nicht.

Ich erkunde die umliegenden Geschäfte und sehe überall das gleiche Bild, wenn auch in anderen Ausmaßen: Geschlossene Glastüren, entspannt und seelenruhig davor wartende Konsolenspieler oder -verschenker. Die meisten lächeln, es wird wenig gesprochen, müde, noch früh am Tag, und wer weiß wie lange die schon stehen.

Im internationalen Launch-Vergleich wird Hamburg schlecht wegkommen. Der Wahnsinn fehlt. Es gibt keine restlos überfüllten Straßenkreuzungen, keine verkleideten Camper oder Parkhausbesetzer, noch nicht mal DS-Spieler beim Download Play. Wer es nicht besser weiß, könnte meinen, die Leute stünden an für Monatskarten der Verkehrsbetriebe.

Nachher wird das freilich anders sein. Überall in der Stadt werden Menschen mit prall gefüllten Plastiktüten durch die Straßen wehen und dem „Sauseschritt“ zur überfälligen Renaissance verhelfen. Oder sie werden sich voll ungläubigem Glück im Stand und Kreise drehen, mit Handys an den kalten Ohren: „Ich hab eine! Jaaaaaaaa!“ Beckerfaust.

Um 9:30 Uhr setzt sich die mittlerweile nochmal deutlich verlängerte Schlange vor dem großen Elektronikmarkt in Bewegung. Weiterhin gesittet, ruhig, doch fremdartig dynamisch. Es entsteht der Eindruck eines „Anzieheffektes“, so als ob ein mächtiges Vakuum im Innern des Gebäudes die Straße leersaugen würde. Passanten und unschuldig umherstehende drehen und recken ungläubig die Köpfe und beteiligen sich am Wortspiel des Tages:

„Was ist da los?“

„Neue Spielkonsole.“

„Wie?“

„Genau.“

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