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Re: Wenn man keine Ahnung hat…

Beim Nachdenken über falsche Spielenamen in trashigen News-Redaktionen…

Ich war neulich in einem GameStop, und da wollte ein Vater seiner Tochter »ein Nintendo« kaufen. Er stand da also am Tresen, zeigte auf die Packung eines DS und sagte das: »Ich-ähm… ich möchte ein Nintendo. Ist für meine Tochter. Ist das da denn die neueste Version, also ist das der neueste Stand der Technik?«

Ich gehe mal davon aus, dass seine Tochter ihm durchaus den richtigen Namen des Zauberkastens genannt hat, und er sah auch nicht sonderlich dumm aus (um mal den Bogen zu Pro7 zu spannen, he). Dennoch konnte er sich lediglich den ersten Teil merken, und er hatte keinerlei Ahnung, in welchem Technologie-Umfeld sich das gewünschte Spielzeug befand. Er dachte ganz sicher, dass es ausschließlich »Nintendos« gibt, also weder PSPs noch stationäre Heimkonsolen. Für ihn war »das Nintendo« letztlich sowas wie »ein Handy« oder »eine Kamera«.

Der Verkäufer verhielt sich sehr verständnisvoll, um nicht zu sagen professionell. Kein Rumgereite auf Kleinigkeiten und unwichtigen Einzelheiten. Kein Aufklärungsgespräch über Produktnamen und technische Leistungsmerkmale. Stattdessen holte er eine Packung aus dem Schrank, legte sie auf den Tresen und sagte sinngemäß: »Das ist der DS lite. Das ist die aktuelle Version, und die bleibt sicher noch zwei Jahre lang Standard.«

Der Vater betrachtete zufrieden-interessiert die Schachtel mit der rosafarbenen Abbildung. Der Schock traf ihn erst bei der Antwort auf seine nächste Frage: »Was kostet das im Augenblick, und wieviele Spiele sind da schon drauf?«

Ich glaube nicht, dass es bei dieser Art von Unwissen oder Unbedarftheit darum geht, dass Games noch nicht »angekommen« sind.

Ich glaube eher, dass wir uns klar machen müssen, wie kompliziert diese ganze Geschichte mit den Videospielen und Konsolen und Herstellern und so weiter ist, und dass wir, die Gamer und Fans und Insider, extrem spezifisches Wissen angesammelt haben, auf das wir problemlos zugreifen können, von dem wir aber nicht erwarten dürfen, dass es dem Rest der Welt in gleichem Maße zur Verfügung steht.

Bücher z.B. gibt es nicht in fünffacher Ausführung; man muss nicht darauf achten, dass man die für sein Regal passende Version kauft. Filme gab es bis vor kurzem auch nur in zwei sehr eindeutigen Varianten, nämlich auf dicker Videokassette und flacher DVD. Selbst das ist mittlerweile nicht mehr ganz so easy, und ich kann mir gut vorstellen, dass manch einer das falsche Abspielgerät oder Medium kauft, wenn er sich nicht umfassend beraten lässt.

Selbst bei Musik habe ich schon mitbekommen, dass Leute diese komischen neuen CDs gekauft haben, deren Bezeichnung mir nicht einfällt, obwohl sie damit gar nix anfangen konnten. Für die Dinger braucht man spezielle CD-Player, vielleicht heißt das CD-S oder so, keine Ahnung.

Bei Spielen haben wir aktuell fünf unterschiedliche Systeme. Wer nicht selbst spielt, kann unmöglich verstehen, wieso es einen Unterschied zwischen all diesen Dingern geben soll: »Das Simpsons-Spiel ist also gar nicht DAS Simpsons-Spiel? Es gibt fünf Stück? Brauche ich die alle? Gibt’s das auch als „ºStaffel“¹?«

Man könnte nun argumentieren, dass dieses Nicht-Wissen zurückzuführen ist auf mangelnde Akzeptanz oder »Angekommenheit«, he, aber Skater sind auch angekommen, ich stand selbst mal auf so einem Brett, und trotzdem habe ich keinen blassen Schimmer wovon die Jungs da labern, und wo die Unterschiede zwischen all den Rollen sind, oder wie man die in der Szene nennen muss, um nicht aufzufallen.

(Gibt’s eigentlich noch T-Shirts von Ocean Pacific?)

Filme, Bücher und Musik sind außerdem immer gekoppelt an echte Menschen. Es heißt nur selten »die neue Musik-CD „ºBlues at the Yellow Club“¹ bricht alle Verkaufsrekorde«, sondern im Mittelpunkt steht der entsprechende Künstler.

Videospiele bieten das nur selten. Mario sowie Tomb Raider bzw. Lara Croft dürften die einzigen Fälle sein, bei denen es gelungen ist, die Marke vom tatsächlichen Produkt zu lösen und bekannt zu machen.

Das wiederum hat — bei aller Liebe zu Games, gee — mit der Austauschbarkeit der Spielehelden und -prinzipien zu tun und nicht zuletzt dem äußerst schwierigen Zugang zum Medium. Hat man keinerlei Videospiel-Erfahrung, muss man ein Game wie GTA IV sicher 20 Stunden lang spielen, um es kennenzulernen. Lesen, hinhören und zugucken kann dagegen jeder, und zwar auch ohne 400-Euro-Vorabinvestition.

Im Vergleich dazu bieten z.B. Comics, obwohl ähnlich kritisch beäugt und nicht nur medial unterrepräsentiert, deutlich bekanntere Helden. Meine Mutter kann aus dem Stand 20 Figuren nennen, ohne auch nur ein einziges Comic gelesen zu haben. Die Namen hat sie nicht aus den Nachrichten.

Wir müssen uns auch klar machen, dass all diese ausgedachten Namen und Bezeichnungen für Technikkrams (und Spiele), die in irgendwelchen PR-Abteilungen entstehen, für Außenstehende nichts weiter sind als heiße böhmische Luft — der iMac, das iPhone, der iPod und iTunes Music Store fallen mir da spontan ein. Da wird in den Medien auch teilweise alles mögliche durcheinandergeschmissen, ohne dass man behaupten kann, MP3-Player, Handys oder Apple seien Subkultur oder »noch nicht angekommen«.

Bei aller berechtigten Kritik an der Berichterstattung über Games, und bei allem Kopfschütteln über Eltern, die sich oberflächlich betrachtet nicht ausreichend mit den Interessen ihrer Kinder auseinandersetzen: Wenn GTA IV in den Nachrichten Erwähnung findet, und wenn Väter ihren Töchtern rosafarbene Spielkonsolen schenken, kann man beim besten Willen nicht behaupten, Videogames seien »noch nicht angekommen«.

Das Gegenteil ist der Fall.

Was jetzt noch fehlt, sind mehr bemerkenswerte Spiele.

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