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Eine Woche offline

Ich war vor kurzem mal wieder eine Woche in Urlaub. Weg, raus, Kind und Kegel eingepackt und ab nach Norden. Keine Technik an Board, noch nicht mal mobile Telefone.

Nichts, so die Idee, könnte so wichtig sein, als dass es nicht auch noch bis zur Rückkehr warten könnte.

Grandios entspannte Zeit.

Nachmachen!

Ich weiß nicht genau, was es ist. Vielleicht der Elektrosmog, vielleicht die Lüftergeräusche, vielleicht irgendein Subfrequenzrauschen oder Hypertonfiepen, evtl. auch nur Einbildung oder Frühsommerempfindsamkeit.

Sobald jedenfalls sämtliche Geräte in meiner Wohnung abgeschaltet, Stecker gezogen und Lämpchen erloschen sind, macht sich eine tiefe innere Ruhe breit, und ich habe den Eindruck, als würden sich unendlich viele Kleinstmuskeln langsam aber sicher entspannen.

Tschhhhhhhhhhhhhhhhhhh…

Dann noch ein paar hippelige Stunden überstehen (Entzugserscheinungen, ganz klar), und solange niemand auf die blöde Idee kommt, den Fernseher einzuschalten oder das »zur Not halt doch« mitgenommene Handy einzustöpseln, ist alles gut. Richtig und umfassend gut.

Eine Woche offline bedeutet für jemanden wie mich, der sich dumm-und-dämlich am Copyright eines berühmten Telekom-Claims verdient hat, ja eigentlich den Verzicht auf so gut wie alles. Wissen, Kultur, Kontakte — alles.

Ich kann mir keine Nummern merken, keine Straßennamen, noch nicht mal Kochrezepte. Ich lese kaum noch Zeitungen, schlage nur selten was im Duden nach (haha), und meine Handschrift ist zu einem katastrophalen Großbuchstaben-Gekrakel verkommen. Außerdem habe ich keinerlei Überblick über meine letztlich doch sehr überschaubare CD-Sammlung — ganz abgesehen vom irrationalen Wunsch, »Track 6 von dieser, Track 12 von jener, sowie 12 zufällige Tracks von XYZ« auf Random zu hören, inkl. Überblendungen versteht sich.

Eine Woche offline geht eigentlich gar nicht, außer ich habe vorab bereits Pizza geordert und liege krank im Bett.

Eigentlich.

Denn es geht sehr wohl.

Sehr gut.

Und es befreit von so mancher Vorstellung, technisierte Lösungen seien analogen um Längen überlegen.

Bestes Beispiel: Die Wiederentdeckung der Tageszeitung.

So wurde mir nicht nur (erneut) bewusst, welch großen Schrott doch Nachrichtenlisten auf Nachrichten-Websites darstellen, sondern vor allem, wie verdammt rückschrittig RSS-Feeds im News-Reader sind: Alle Artikel identisch gewichtet, alle Themen durcheinander, diese wahnsinnige Abhängigkeit von reißerischen Headlines, und die im Hinterkopf wummernde Angst, trotz 5-Minuten-Update DOCH nicht auf dem letzten Stand der Dinge zu sein.

Dazu dieses blöde Gefesseltsein an einen Bildschirm: »Ne, ich kann grad nicht raus. Zu hell, das ist nicht entspiegelt, und meine Batterie macht auch gleich die Grätsche.«

Selbst der angeblich größte Nachteil der Tageszeitungen — die »News von gestern« — ist in Wirklichkeit ein riesiger Vorteil. Die Aufnahme geschieht weit weniger hektisch, und auch wenn man sich manchmal ein paar Hintergrundinfos mehr wünscht (und so evtl. Wikipedia vermisst), verplempert man nicht sinnlos Zeit mit der Suche nach Alternativmeldungen und -meinungen und Last-Minute-Breaking-Exclusives, die meist eh nicht viel mehr sind, als vermutete Vorabinformationen auf Basis von »durchgesickerten« Meinungen gar-nicht-dabei-gewesener Wichtigtuer.

Das ganze gilt erst recht für Themen, denen herkömmliche Tageszeitungen maximal zwei Zeilen im Panorama widmen.

Wo Webnews durch stetiges Korrigieren stressen bis zum Abwinken, ist Zeitungskonsum cool, entspannt, und — oh Wunder — auch in der Gruppe zu genießen. Im Freien sitzen, drei Leute lesen, einer pennt, man wirft sich Zitate zu und lauscht dem Rascheln des Papiers. Kein aufpoppendes Chat-Fenster, kein Handyklingeln, kein bettelndes Piepen des Feedreaders, doch bitte JETZT und SOFORT/DRINGEND die neuesten 2.500 Beiträge querzulesen.

Und keine E-Mails. Keine Witzfilme und Massenmails. Kein Spam-Dreck. Kein Chat, kein Twitter, kein Blog. Keine Bugs, keine Patches, keine Updates. Vor allem keine Nachrichten über Bugs, Patches oder Updates, und keine Richtigstellungen von Falschmeldungen oder Gerüchten über neue Versionen irgendwelcher Software-Pakete.

Ich weiß, dass viele Leute meinen, ohne Computer nicht mehr leben zu können, ohne ihre Netzwerke und Kontake, ihr ausgelebtes Mitteilungsbedürfnis und die »Informationen an ihren Fingerkuppen«. Kann also sein, dass ich nur einer von ganz wenigen bin, die sich vom Web und der Informationsmasse ebenso gehetzt und gestresst fühlen, wie von der vermeintlich ständigen Erreichbarkeit; der eigenen und der von anderen.

Eine Woche offline — für viele sicher der blanke Horror!

Für mich letztlich viel zu kurz, denn ich könnte mich daran gewöhnen, ganz ehrlich.

Als ich zurückkam, habe ich übrigens etliche Feeds und einen ganzen Haufen Boomarks gelöscht. Vorläufig, versteht sich, mal gucken wie’s läuft.

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