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Adventskalender 2015 – Tag 23

Wie im vergangenen Jahr wird euch auch 2015 der Spreeblick-Adventskalender begleiten, Johannes legt sich ins Zeug und präsentiert grandiose oder mindestens bemerkenswerte Perlen der deutschsprachigen Popkultur. Alle Einträge für 2015 sind hier zu finden.

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„Tirez sur le Stromguitariste“ hieß es am 13.11. im Bataclan, als drei fanatische Irre das Konzert der Eagles of Death Metal stürmten, 89 Konzertbesucher ermordeten und viele weitere verletzten – laut dem Bekennerschreiben der verantwortlichen Terrororganisation ist das Konzert im Bataclan Ziel des Anschlags gewesen, weil sich dort „hunderte Götzendiener in einer perversen Feier versammelt“ hätten…

Seltsame Argumentation von religiös motivierten Fanatikern, ist doch das Bataclan Auftrittsort für Künstler verschiedenster Stilrichtungen und Sinnbild für die Weltoffenheit und Heterogenität des 11. Arrondissement; Götzendienste werden hier wohl nicht abgehalten, sondern eher überaus tolerante Veranstaltungen.

Und so erhob dann auch Charles Aznavour seine Stimme und gehörte zu den ersten Unterzeichnern einer Protestnote, die die Pariser aufforderten, am Freitag nach den Anschlägen auf die Straße zu gehen und die Stadt im Zeichen der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Solidarität zu erleuchten.

Schahnur Waghinak Asnawurjan (der Geburtsname von Aznavour) kam 1924 als Sohn eines Künstlerpaares auf die Welt, das von dem türkischen Genozid aus Armenien nach Paris geflüchtet war. Als Chansonier entdeckt wurde er, Überraschung!, von Edith Piaf, die ihn 1946 auf ihre Tournee durch die USA mitnahm. Im Laufe seiner Karriere schrieb er an die 1000 Chansons und singt sie in Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch und Deutsch. 1964 veröffentlichte er sein erstes deutsches Album, „Von Mensch zu Mensch“, und auf seinem zweiten, „König des Chansons“ von 1967, ist auch der heutige Titel enthalten: „Und trotzdem lieb´ ich sie“.



Aznavour war auch als Filmschauspieler sehr aktiv, hier sieht man ihn als Spielzeughändler Sigismund Markus in der Schlöndorf-Verfilmung der Blechtrommel:

aznavour

Und begonnen hat das mit der Verfilmung von „Down There“ von David Goodis (der auch „Dark Passage“ geschrieben hatte, ein Klassiker des Film Noir) durch François Truffaut, in der Aznavour den glücklosen Musiker und Zielscheibe Charlie Kohler spielt:

Brillant in jeder Hinsicht.

Aznavour steht mit seinen 91 Jahren noch erstaunlich sicher auf der Bühne, sein nächstes Konzert findet am 21. Januar in Amsterdam statt, offenbar hat er sich nie gehen lassen, wie er es uns allen ja in seiner bekannten deutschen Version von „Tu t’laisses aller“ vorwirft:

So klingt’s übrigens im Original.

Ich lasse mich jetzt aber gehn und mache Schluss für heute!

À demain,
Johannes

5 Kommentare

  1. 01
    strom

    Der Auftritt für die irische Immobilienfirma U2 war meiner Meinung nach ein schwerer Fehler. Die Eagles hätten sich dieser Vereinnahmung entziehen sollen.

    Ansonsten: joeux noël mes amis.

  2. 02
    Marcus

    Der Anschlag ist schrecklich. Aber nicht schrecklicher als Vieles, was die USAmerkanische Regierung mit Unterstützung Vieler (Auch Deutschland!) gefördert oder angerichtet hat. Aber das ist ja Sankt Florian.
    Das sollte inzwischen bekannt sein.
    Der Sänger der EODM hat da laut Wiki eindeutige Postion:“Er selbst sieht sich dem äußersten, rechten Rand der Republikaner zugehörig, und verteidigt bis heute George W. Bush und dessen Krieg gegen den Irak.“

    Ähnliches habe ich in Interviews gelesen.

    Man sollte Kausalitäten sehen (Nicht in der Rockmusik aber in der Politik) und schlussfolgern.

  3. 03
    strom

    @Marcus: Dein Kommentar kann sehr leicht als „der hatte es verdient“ gelesen werden. War das deine Absicht? Ich finde auch verpeilte Republikaner sollten Konzerte spielen können ohne dabei verletzt oder gar erschossen zu werden.

  4. 04
    Marcus

    @Strom: Keiner hat so etwas verdient. Nicht die Menschen neben mir noch die in der Ferne.
    Eigentlich wollte ich darauf hinaus, dass es schade ist, dass Menschen meist nach dem Sankt Florian – Prinzip oder dem NIMBY funktionieren. Also Anschläge hier grässlich finden aber Kriegshandlungen in der Ferne seit Jahren ausgeblendet werden.
    Und ja, Republikaner sollten Konzerte spielen können ohne solche Geschehnisse.

    Deshalb:“Man sollte Kausalitäten sehen (Nicht in der Rockmusik aber in der Politik) und schlussfolgern.“

    Sorry, war vielleicht etwas missverständlich.

  5. 05
    strom

    @Marcus: Gut, danke für den Nachtrag.

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