487

Sexueller Missbrauch am Canisius-Kolleg Berlin

UPDATE (4.3.2011) Es gibt ein Update zu diesem Artikel und einen Demo-Aufruf: Bitte hier klicken.

Update Es wird am Dienstag, den 2.2.2010 eine Radio-Talkshow zum Thema geben, zur telefonischen Teilnahme sind alle herzlich eingeladen, wer persönlich mitkommen möchte, kann mich gerne kontaktieren. Mehr Infos gibt es hier.

———–

Seit einigen Tagen liegt mir und auch der Presse ein Schreiben des Rektors des Canisius-Kolleg vor, einem von Jesuiten betriebenen Gymnasium in Berlin. In dem Schreiben entschuldigt sich der Schulleiter und schämt sich für den sexuellen Missbrauch von Schülern durch lehrende Patres, der an der Schule offenbar in den 70er und 80er Jahren stattgefunden hat.

Also genau in der Zeit, in der ich die Schule besuchte.

Das Canisius-Kolleg galt — und gilt — als Elite-Schule. Als ich dort 1974 mit Beginn der fünften Klasse anfing meine Schulzeit fortzusetzen, wusste ich jedoch noch nicht einmal, was Eliten sind. Wie alle Eltern wollten auch meine, dass ihre Kinder eine bessere Ausbildung genießen sollten als sie selbst, und da es einige meiner Freunde zum „CK“ zog, es außerdem für Grundschulabgänger mit früher Gymnasialempfehlung nicht besonders viele Alternativen gab und das CK einen guten Ruf hatte, war mir die Wahl recht.

Dass die meisten meiner Mitschüler/innen (wir waren der erste Jahrgang mit Schülerinnen, denn bis dahin war das Canisius-Kolleg eine reine Jungenschule gewesen) aus „besserem Hause“ kamen als ich, wurde mir dennoch schnell klar. In den ersten Stunden, in denen wir uns den Lehrern, ein erheblicher Teil davon Patres, vorstellen sollten, gehörten dazu die Angaben des eigenen Namens, des Wohnbezirks und der Berufe der Eltern. Meine Klasse war voller Anwalts-, Ärzte- und Politikersprösslinge, die sich vor Lachen kaum halten konnten, weil mein Vater „Heizungsbauer“ und meine Mutter „Hausfrau“ war.

Freunde habe ich natürlich dennoch gefunden und im Großen und Ganzen war es eine gute Zeit, die mich durch den hohen Anteil verklemmter Junge-Union-Anhänger, die morgens von Pappas Chauffeur zur Schule gebracht wurden, früh politisiert hat. Die konstant spürbare katholische Ausrichtung der Schule (vor dem Unterricht wurde gebetet) konnte ich ganz gut ignorieren, ich war evangelisch und bekam daher gemeinsam mit drei, vier anderen Schüler/innen gesonderten Religionsunterricht. Da dieser meist ausfiel, wurde mein Tischtennisspiel etwas besser.

Für die freiwillige Nachmittagsbetreuung sorgte die „GCL“, die „Gemeinschaft Christlichen Lebens“, eine Art Klub, in dem man sich in einem eigenen Gebäude der Schule mit Brettspielen beschäftigen konnte. Der Klub wurde von Patres geleitet und stand, wenn ich mich korrekt erinnere, nur den Jungs zur Verfügung. Ein paar Mal war ich mit Freunden dort, doch die Patres waren mir unangenehm und meine Mutter erzählte mir gerade am Telefon, dass ich recht schnell darum gebeten hatte, dort nicht mehr hingehen zu müssen. An einen besonderen Anlass für diese Bitte kann ich mich nicht erinnern, ich glaube, mir war das einfach zu langweilig.

Erinnern kann ich mich jedoch sehr gut an das Erwachen unserer Sexualität. Wir waren vielleicht 13, 14 Jahre alt und gerade dabei, unsere eigenen Körper zu entdecken. Zu dieser Zeit gab es merkwürdige Berichte einiger Mitschüler, die Stammbesucher des Nachmittagsklubs an der Schule waren. Sie hatten eine Kerze als Geschenk von einem Pater erhalten, welche die Schüler jedesmal dann anzünden sollten, wenn sie onanierten. Die benutzte Kerze sollten sie später wieder mit den Club bringen, der Pater würde im persönlichen Gespräch klären, ob sie sich zu oft angefasst hätten.

Es tut mir heute so leid, dass wir nur blöd kicherten und das Thema beiseite schoben. Dass wir als Gleichaltrige nicht erkennen konnten, dass diese Geschichten vielleicht der einzig mögliche Hilferuf, ein erster Hinweis auf Missstände von denjenigen war, die sich einfach nicht ihren Eltern, geschweige denn anderen Lehrkräften mitteilen konnten. Mir wurde erst viel später klar, dass das relativ offene Verhältnis, dass ich zu meinen Eltern hatte, keineswegs die Norm war, dass es viele Mitschüler gab, deren Eltern ihnen das „Nein“-Sagen aberzogen hatten: Lehrern und Eltern widerspricht man nicht, Punkt.

So kehrte ich die Geschichten unter meinen persönlichen Erfahrungsteppich oder hielt die Mitschüler für Wichtigtuer und wunderte mich höchstens darüber, dass sie dieses blöde Spiel mitmachten.

Lange nach der Schulzeit erfuhr ich aus Erzählungen ehemaliger Mitschüler, dass Kerzen anscheinend nicht das einzige waren, was benutzt wurde. In den 80er Jahren soll es einen Missbrauchsfall an der Schule gegeben haben, auf Grund dessen ein Pater aus dem Schuldienst entfernt worden sein soll. Und schon früher, in den 70ern, soll ein mir damals bekannter Schüler im Rahmen der GCL von einem mir damals ebenfalls bekannten Pater missbraucht worden sein, wovon er einigen Mitschülern berichtet habe. Als es später innerhalb des Ordens Hinweise auf solche Taten gegeben habe, soll der betreffende Pater ebenfalls aus dem Schuldienst entlassen und in der Provinz in der Jugendarbeit eingesetzt worden sein. Der Mitschüler habe nach seiner Schulzeit einen Mordanschlag auf den betreffenden Pater verübt, welcher dadurch schwer verletzt worden sei — der Attentäter habe daraufhin eine Zeit in einer psychiatrischen Klinik verbracht, wo er sich wenig später das Leben genommen haben soll — nicht der einzige Selbstmord von ehemaligen CK-Schülern, behaupten einige.

Dies alles sind Berichte von ehemaligen Schülern. Sie stammen aus unterschiedlichen, aber inhaltlich deckungsgleichen Quellen.

Keinerlei Berichte gibt es über Anklagen oder gar Verurteilungen der betreffenden Patres. Und ebenfalls kein Wort darüber fällt in dem Entschuldigungsschreiben der aktuellen Schulleitung.

I live by the river!- Werbung in eigener Sache -
Es gibt das Spreeblick-eBook "I live by the river!" mit 15 Krachern der Unterhaltungsliteratur für lächerliche 99 Cent bei Amazon, Beam und als iBook in iTunes! Infos dazu gibt es auch hier.
- Ende der Werbung in eigener Sache -

487 Kommentare

  1. 01
    Martin

    Lt. Tagesspiegel sind die meisten Taten verjährt. Es ist tief bedauerlich, dass solche vergleichsweise kurzen Momente einem das Leben vermiesen können. Das tut mir leid für die betroffenen Personen. Das wird vermutlich ein schwieriges nächstes Jahrgangstreffen für euch (falls ihr sowas macht).

  2. 02

    Verjährt? Kommt dieser Bericht deshalb erst jetzt hervor gekrochen? Ne, also sowas darf nicht verjähren!

    Auf der anderen Seite sind das natürlich Ausnahmen. Ich kenne mehrere Pater/Brüder persönlich, die in der Jugendarbeit tätig sind, ihren Job aber genau so machen wie er gedacht ist. In der heutigen Zeit würde sowas sicher auch schneller rauskommen. Kein Jugendlicher lässt sich noch so einfach den Mund verbieten, was in diesem Fall auch gut ist.

  3. 03
    Brillenfux

    Jau — ab in die Provinz….. das ist immer das Beste :-/

  4. 04

    @Tom: Beim Verjähren (dessen ich mir nicht sicher bin), geht es nicht um dürfen, sondern um die Gesetzlage. Der Artikel kommt außerdem nicht “hervorgekrochen”, sondern die Entschuldigung der Schulleitung. Was bisher als Geschichten zwischen ehemaligen und damals Noch-Schülern kursierte, ist jetzt — in Teilen und ansatzweise — bestätigt worden.

    Dass sich heutzutage 13- oder 14-Jährige, die ebenso christlich aufgezogen werden wie einige Mitschüler damals, gegen ihre Lehrer stellen würden, bezweifle ich.

  5. 05
    fred

    ich bin gerade heil froh das meine späte geburt mir doch grundsätzlich andere erfahrungen mit dem ck und der gcl im speziellen beschert hat, aber dennoch geb ich dir recht, das bedürfnis der verantwortlichen “die dinge” in der familie klären zu wollen, war doch immer sehr ausgeprägt. vor dem hintergrund finde ich allerdings das verhalten von mertes doch respektabel, daß hätte es unter seinen vorgängern bestimmt nicht gegeben.
    wie auch immer es geht mir nicht darum irgendwas zu entschuldigen oder zu rechtfertigen. mir tun nur gerade die ganzen menschen leid die in den jahren danach gute und wertvolle arbeit in der gcl gemacht haben, da war sicherlich vieles was nicht jeder gut finden muß (vor allem im bezug auf religion) aber es war aus meiner erfahrung auch alles andere als institutionalisierter missbrauch, nicht das du das explizit schreibst, … aber … naja ach scheisse

  6. 06

    @Johnny Haeusler: mit “hervor gekrochen” meine ich natürlich die Meldung der Schule auf der der Artikel beruht.
    Meinst du wirklich, dass sich Jugendliche heute noch so bevormunden lassen? Es gibt sicher gefährdete Einzelgänger, aber ich hoffe doch, dass selbst katholische Klosterschulen mittlerweile im 21. Jh. angekommen sind was die Erziehungsmethoden betrifft.
    Und zum Verjähren sollte das entsprechende Gesetz dann geändert werden. Das Leben der Opfer ist schließlich auch nicht einfach nach 10 Jahren (nur ne Zahl) wieder normal.

  7. 07
    marin0

    @Johnny Haeusler: So denke ich auch. Der Gehorsam wird gerade in den oberen Schichten sehr gepflegt, und man hat auf die Zähne zu beissen wenn es schwierig wird. Und wo sollen solche Teenies hin? Einzig das Netz mit seinen Foren könnte eine Tür sein, in denen ihnen Mut gemacht werden könnte… könnte!
    Die Scham wirkt doch sehr!!

    Das Missbrauch verjährt (10Jahre) ist ein riesen Problem, da meist erst viele Jahre später die Opfer anfangen zu verstehen was überhaupt fehlgelaufen ist in ihrer Kindheit/Jugend. Und dann braucht es immer noch viel Zeit bis man sich zu einer Anzeige durchringt. Diese Öffentlichkeit, all die Fragen… und egal wie alt du bist, erst mal wird DIR nicht geglaubt, sondern du wirst komisch angeschaut, da du was unglaubliches behauptest. Und dann soll man sowas am besten auch noch beweisen, zumindest Einzelheiten erzählen. Wenn es dann auch noch gegen deine eigenen Eltern geht… oh man.
    Sowas darf nicht verjähren. Bei den Opfern verjährt sowas auch nicht. nie!

    Echt übel!

    ich gedenke an die Opfer
    martin0

  8. 08

    @Tom: Ich weiß das alles natürlich auch nicht und hoffe wie du. Missbrauch gibt es aber immer noch und er findet in erster Linie innerhalb der Familie statt — die Schule kann man u.U. als Verlängerung der Familie ansehen, zumindest aber als Autorität.

    Das beste, was man wohl für seine Kinder tun kann, um sie zu schützen, ist wohl, ihnen ein “Nein” zu erlauben, egal in welcher Situation. Und ich glaube, es gibt noch immer Familien, in denen das nicht der Fall ist.

    Die Verjährungsfrage hatten wir bei der Polanski-Diskussion auch schonmal “¦ wie so oft: Schwierig.

  9. 09
    Leopold W. Koch

    Zur Verjährung scheint nach kurzer Prüfung diese Erklärung zutreffend: http://www.selbsthilfe-missbrauch.de/hilfe/gesetze/d_verjaehrung.htm

    @Tom
    Falls das so gemeint war: Eine rückwirkende Änderung der Verjährungsfristen verbietet sich aufgrund von Art. 103 II GG (nulla poena sine lege praevia).

  10. 10
    Alberto Green

    Lieber Johnny, da waren wir ja auf derselben Schule! Aber mir fällt gerade ein, dass ich das schon mal wußte. Ich glaube, du warst mit dem Bruder von meinem besten Freund in einer Klasse. Vielleicht verwechsel ich das auch.

    Ich war viel später, aber auch noch in betreffendem Zeitraum dort.
    Entweder habe ich das krass verdrängt, aber ich hab nichts mitbekommen. Ich habe also Glück gehabt. Hast du denn Namen? Mir würden da ein paar einfallen. Aber das ist wahrscheinlich alles egal. Es tut mir nur für die Leute, die täglich um mich herum waren, leid.

    ach, und: Patres ist doch Latein und kein Spanisch ;-)

  11. 11

    So oder so: die Katholiken sollten sich jetzt endlich mal von diesem bescheuerten Zölibatgedöns lossagen. Es ist weder zeitgemäß, noch sind die Konsequenzen für die Zöglinge akzeptabel und es gibt einfach zu viele Anzeichen dafür, dass das Nichteinhalten zu oft zu Lasten von Kindern geht. Sei es, weil Kinder missbraucht werden, sei es, weil Kinder nicht zu ihrem Vater stehen dürfen.

  12. 12
    Alberto Green

    @creezy: Was ist das denn für eine Argumentation: “Weil ich nicht heiraten darf, vergreife ich mich an Kindern?” Das Problem ist, dass da Kinder von Menschen unterrichten werden, die Lehrer geworden sind, um in der Nähe ihrer Lustobjekte zu sein. Die meisten Priester, die ich kenne, haben “eine Bekannte” oder “einen engen Freund der Familie”, aber keine von denen steht auf Kinder. Über den Zölibat kann und sollte lange diskutiert werden, er sollte aber nicht als Ursache für Pädophilie bezeichnet werden.

  13. 13
    ch

    p.mertes habe ich persönlich nicht @ck erlebt, aber ich finde es schon in ordnung, wenn er sich zurückhaltend äußerst und zum gespräch einlädt. das ist besser als das thema auszusitzen oder auch aktiv reißerischer berichterstattung mehr nährboden zu geben.
    das im familiären zu klärende stellt grundsätzlich ein problem dar, zeigt sich meist bei vielen organisationen/unternehmen – auch wenn dies in völlig anderen zusammenhängen geschieht. hier sollte am ende des prozesses transparenz walten.
    eine entschuldigung durch die derzeitige schulleitung hat es zumindest vorhin im inforadio gegeben. m.e. kann es hier im nachhinein sowieso keinerlei richtige verhaltensweisen geben. dilemmasituationen sind nicht lösbar.
    wichtig ist, was johnny beschreibt: erziehung der kinder dahingehend, dinge kritisch hinterfragen zu können. die beteiligten müssen ihre pflicht begreifen, aktiv zu beobachten, zu reflektieren und zu handeln.

    *ch*

  14. 14

    @Alberto Green: Patres! Du hast Recht, danke!

    (Es gibt Namen, ja. Aber die gehören hier nicht hin, finde ich.)

  15. 15

    Ich ging auf ein staatliches Gymnasium in Lübeck und seinerzeit hat sich ein Lehrer an seinen Nachhilfeschülerinnen vergangen. Eine Schülerin hat sich dem Vertrauenslehrer anvertraut und der Lehrer wurde der Schule verwiesen. Keine Anklage und danach nur eine Mauer des Schweigens. Im Nachgang ist das für mich nach wie vor unverständlich, dass der Verantwortliche nicht zur Rechenschaft gezogen wurde.

  16. 16
    Alberto Green

    @Johnny Haeusler: (allerdings, ich muss leider gestehen, dass ich den drittletzten Absatz schlicht überlesen hatte. und jetzt auch keine namen brauche.)

  17. 17

    @Alberto Green:
    Meine ich Zölibat, meine ich das Enthaltsamkeitzölibat. Ich, Du, wir wissen nicht, ob der pädosexuelle Missbrauch in diesem Umfeld, den es ja gibt und auch schon immer gab, tatsächlich aus einem Ursprung der Pädophilie geschieht oder alleine deswegen, weil er unter den Schutzbefohlenen leichter zu vollziehen ist. Also Kindesmissbrauch nicht wegen der primären Neigung zum Kind, sondern alleine weil es einfacher ist, ein Kind unter Druck zu setzen bzw. zu manipulieren als einen Erwachsenen.

    Ich behaupte nicht, dass das Enthaltsamkeitzölibat Ursache für Pädophilie ist, womöglich aber sehr wohl Ursache für den eine oder anderen Fall bis viele Fälle von praktizierter Pädosexualität.

    Die Priester, die in Deinem Bekanntenkreis eine Bekannte oder einen Bekannten haben, leben ihre Sexualität also aus. Sie haben also das Bedürfnis — obwohl es ihnen verboten ist. Was aber tun die, die sich das genau nicht trauen? Eventuell — man kann natürlich nur vermuten, den Zahlen/Studien gibt es dazu nicht — würde so mancher Missbrauch von Schutzbefohlenen nicht stattfinden, würde es das Gebot der Enthaltsamkeit nicht geben?

  18. 18
    Jola

    @Tom: Ich glaube nicht, dass Jugendliche da heute offener sind.

    40 Jahre nach der sogenannten sexuellen Befreiung ist es immernoch schwer und peinlich, mit den Eltern offen über Sexualität zu reden. Auch die Sexualaufklärung in Schulen kann man oft vergessen.

    Wo werden junge Menschen mit ihren Fragen als ganze ernstgenommen?
    Es geht eigentlich immer nur um biologische und medizinische Fakten, selten um seelische Nöte der Jugendlichen und um ganzheitliche, soziale und menschliche Fragen. Schade! Aber gebessert hat sich gar nichts. Eher verschlechtert, weil allzu freizügige Bilder die jungen Leute emotional total überfordern.

  19. 19
    Jola

    @creezy: Was den Zölibat angeht gibt es das sicher alles, ja. Es wird immer so hingestellt, als wäre es der, dass Priester in Beziehungen leben oder Pädophil sind, dass sie alle heimliche Kinder haben oder doch mindestens verklemmt sind. Ich kenne ziemlich viele Priester und Ordensleute und ich gehe davon aus, dass die meisten davon durchaus mit der sexuellen Abstinenz klarkommen, weil ihre Liebe etwas gilt, das viel größer ist als alles. Ich verstehe nicht, dass man heute jemandem eher irgendwelche schrägen sexuellen Neigungen zugesteht, oder dass man ständig wechselnde Partnerschaften normal findet, usw. als dass man es akzeptiert, dass Menschen Sex nicht zur obersten Maxime ihres Lebens werden lassen und (vielleicht sogar aus guten Gründen?) freiwillig ganz darauf verzichten. Das gibt es denke ich häufiger als das andere – und das ist gut so!

  20. 20

    @Jola: Ich würde sagen: Jeder so, wie er mag, solange er Dritten damit nicht schadet. Was dabei “normal” ist, bestimmt eher der aktuell gültige gesellschaftliche Konsens. Was man leichter oder schwerer verstehen oder akzeptieren kann, bestimmt jeder für sich selbst.

    Insofern ist es mir aus ganzem Herzen schnuppe, ob Männer auf Männer, Frauen auf Frauen oder alle auf alle scharf sind. Oder sich für immer enthalten — wie gesagt, so lange niemand gezwungen wird, individuelle Leidenschaften zu teilen oder Minderjährige und noch dazu Schutzbefohlene ausgenutzt werden.

    Die Freiwilligkeit einer lebenslangen sexuellen Abstinenz zweifle ich persönlich zwar an, ich halte das eher für einen endlosen Kampf gegen sich selbst, denn ich glaube, dass Lust untrennbar mit dem Leben verbunden ist. Aber wenn man damit tatsächlich klar kommt: Bitteschön.

    Was daran aber nun “gut so” ist, das könntest du gerne noch etwas ausführen.

  21. 21
    Thomas

    da ich momentan in die 11te Klasse auf dem CK gehe, mal ein paar Worte dazu: Ich möchte behaupten, dass sowas heute so nicht mehr möglich wäre. Die sehr christliche Erziehung ist deutlich seltener geworden, evangelische Schüler machen ungefähr die Hälfte der Klasse aus, es gibt Atheisten, Mädchen sind in der GCL, genau wie Jungs, und Brettspiele spielt da auch keiner mehr. Die Jasagerei hat abgenommen.

    Und ganz abgesehen davon sind Jesuiten als Lehrer eine echte Minderheit geworden, von über 60 Lehrern sind vielleicht 10 Jesuiten. Das sind zumeist ganz normale Leute.

  22. 22
    mensch

    An dieser Stelle sei erinnert: Der (Sexuelle) Missbrauch (Kinder) sorgt (oft) für die Traumatisierung der Opfer. Dies hat auch gewisse Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung, Psyche und sorgt auch für extreme Auswirkungen in der Gesellschaft.
    Schaut euch doch mal die ganzen Missbrauchsfälle in Krisengebieten an, die von Rebellen, Soldaten, und sonstigen Spinnern praktiziert werden. Da sind nicht ein paar Opfer, da sind Massen. Selbstverständlich nicht alle missbraucht, die haben vielleicht auch nur (?) ihre Kinder, Eltern, Grosseltern, Freunde, Arme, Beine oder Finger vorloren, oder bei Massenmorden zugeschaut, oder wie ihre Hütten abgebrannt sind.
    Da ist die ganze Gesellschaft traumatisiert. Solche Traumagesellschaften sterben übrigens auch nicht aus, Traumata werden i. d. R. unterbewusst an die Kinder weitergegeben, bereits vor der Geburt, und natürlich auch durch die Erziehung.

    So gesehen ist es völlig aus dem Kontext gerissen wenn über ein paar Missbrauchsopfer von einem Berliner Gymnasium der Elite gesprochen wird. Ein krasses Paradoxon.
    Und natürlich, auch für die paar Individuen am Berlin Gymnasium äußerst doof. Hoffen wir dass sie alle aus gutem Hause waren, und nun wieder topfit sind, nach der Behandlung des Psychologen der in Bar bezahlt wurde.

    Traumatische Situationen sind für die meisten Menschen der Grund eines nicht erfüllten Lebens, vorallem dann, wenn die Situation dem Opfer gar nicht bekannt ist, weil sie verdrängt ist, und nun die Psyche oder auch das Soma entsprecht belastet ist.

    Wer darüber nicht soviel weiß sollte dringend mal Literatur lesen (für Leute die sich erstmal einlesen wollen, lohnt sich auch bereits Wikipedia).

    Leider werden diese äußert wichtigen Fakten dauerhaft in der Presse verschwiegen, und daraus resultiert natürlich auch ein ausgeprägtes Unwissen innerhalb der (Welt)Bevölkerung.

    Alles Gute.

  23. 23
    Jola

    @Johnny Haeusler: Es ist “gut so”, dass Menschen Sex nicht zur obersten Maxime ihres Lebens werden lassen und (vielleicht sogar aus guten Gründen?) freiwillig ganz darauf verzichten.

    Zur Erklärung ein Beispiel: manche Sportler kennen die Abstinenz zur Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit vor Wettkämpfen. Sie denken in dieser Zeit nicht ständig an Sex, sonst würde ihnen diese Abstinenz nichts bringen. Es ist also möglich, dass ein Mensch einen solchen Verzicht (auf Zeit oder für immer) wählt um sich etwas anderem hinzugeben. Dazu gehört aber ein gesundes und reifes Verhältnis zur eigenen Sexualität, die dann nicht mehr durch das Werben um eine Frau oder sexuelle Aktivität zum Ausdruck kommt. Ein gesunder Priester wird in anderer Weise fruchtbar, er strahlt eine große Liebe und Herzenswärme aus. Wenn ihm das gelingt, dann kann er sich mit all seiner Liebe seinem Dienst an den Menschen hingeben. Dann kann ich nur sagen: Das ist gut so. Da würde ich nie auf die Idee kommen, so einem zu erklären, dass er unbedingt Sex haben muss…

  24. 24

    @Jola: Hui.

    Ich glaub’, da misch’ ich mal lieber nicht weiter ein “¦

  25. 25

    @Thomas: Gut zu hören. Immerhin habt ihr ja auch einen Schulleiter, dem offenbar daran gelegen ist, diese Schatten in der Vergangenheit, die hoffentlich eine solche ist, zu erhellen und irgendwann ad acta legen zu können.

    Was deine Hoffnung angeht, das so etwas nicht mehr möglich ist “¦ ich weiß nicht. Das betrifft jetzt nicht das CK im Speziellen, ich glaube dir alles, was du schreibst, sehr gerne, und ganz bestimmt hat sich nicht nur dort vieles verbessert und ich hoffe doch sehr, dass wir hier tatsächlich über vergangene Geschichten reden, aber “¦ Ich war damals auch davon überzeugt, dass so etwas nicht möglich ist. War es aber offenbar doch.

  26. 26
    quasi

    das ist ja soooooo peinlich – dass das raus kommen musste – da kann man sich auch nur für entschuldigen – also soooooo was

  27. 27
    Jola

    @quasi: Bitte, was würden denn Sie an Stelle von Pater Mertes machen? Da kommt ein ehemaliger Schüler zu Ihnen, vertraut Ihnen so etwas an und bittet Sie (auch um ihn zu schützen) darum, zu schweigen – und das ganze war lange vor Ihrer Zeit und ist auch schon verjährt. Ich finde sein Verhalten absolut richtig. Jetzt, wo sich gehäuft Ehemalige bei ihm gemeldet haben geht er an die Öffentlichkeit, bringt den Stein ins Rollen um es auch anderen zu ermöglichen, sich endlich zu öffnen.

    Absolut richtiges Verhalten!

  28. 28
    micha m.

    ich war in der betreffenden zeit am cc und auch evangelisch , ging auch zu den sogenannten “gruppenstunden” wo all das ein offenes geheimnis war. wir wussten damals alle was da abging . die haben es mit allen dort versucht und uns zu einzelgespraechen ueber unser onanierverhalten eingeladen und individuelle hilfe angeboten. ich bin diesen einladungen nicht nachgekommen weil ich damals schon der meinung war das mein onanieren die schule nichts angeht. damit waren meine aussichten zum gruppenleiter fuer die juengeren zu werden erledigt und ich verlies die gruppe und dann nach zwei jahren die schule. heute leb ich in spanien und hatte alles schon vergessen. ich denke wenn das ganze nun zum oeffentlichen skandal wird kann es den damaligen opfern nun ueber 30 jahre spaeter nocheinmal schaden. mir war es damals schon unklar wie das ganze geduldet werden konnte von den anderen lehrkraeften die ja weder taub noch blind waren. aber nun ja, die katholischen moralvorstellungen werden dort eben sehr gepflegt. alles in allem aergert es mich das ich heute wieder an all das so gut vergessene erinnert wurde.
    agur

  29. 29
    micha m.

    ps : ich kam ein jahr bevor die ersten maedchen zugelassen wurden auf das ck und es war alles schon voll im gange. ich wurde von meinem gruppenleiter (aelterer mitschueler) sozusagen gewarnt was da kommen wuerde, wenn ich denn selbst einmal eine gruppe leiten wolle dann muesse ich auch zu den einzelberatungen gehen sonst wird das wohl nichts.

  30. 30
    christian hartmann

    hut ab vor deinem gedächtnis. vielleicht hab ich aber auch nur erfolgreicher verdrängt. und es gab eine menge zu verdrängen – glücklicherweise für mich nicht dieses. als protestanten haben wir vielleicht aber auch ruhiger und gefahrloser dort die zeit verbracht. an sowas hätten sie sich sicher nicht die “finger” oder anderes schmutzig gemacht.
    es ist die auch von pater mertes benannte kulter des wegschauens und ignorieren, die ich schon damals nicht verstanden und kritisiert habe, die m.e. das eigentliche problem ist. aber vor dem hintergrund der unantastbarkeit des papstes und seiner unfehlbarkeit vielleicht sogar “verständlich”.
    was mich aber ernsthaft erschüttert – obgleich aber auch nicht wirklich wundert – ist der umstand, dass ein auffällig gewordener geistlicher zwar in die provinz, aber zur jugendarbeit(!) geschickt wird. wie kann man sich das erklären? alles nich so schlimm, oder? war da was?

  31. 31
    xyz

    Ich war auch Schüler am CK in den 80er Jahren, einige Jahre nach Johnny. Gerüchte kamen auch ein- zweimal auf, dass es Lehrer gegeben habe (haben soll), die Jungen beim Duschen beobachtet hätten. Von konkreten Übergriffen habe ich in meinem Jahrgang nicht gehört – und ganz ehrlich, so richtig ernst hat das niemand genommen.

    Ich finde es absolut richtig, dass diese Vorgänge jetzt auf den Tisch kommen, auch wenn das bei manchem alte Wunden aufreißen wird oder das eigene Weltbild vom CK – das auch bei mir sehr, sehr positiv ist – Risse bekommt. Ich teile ausdrücklich nicht die oberflächliche Kritik an “katholischen Moralvorstellungen”. Zu meiner Zeit wurde auf dem CK immer Wert darauf gelegt, dass die Schüler eine eigene Meinung entwickeln, dass der moralische Kompass entwickelt, aber auch immer wieder in Frage gestellt wird. Es ist schade, dass diese Wertmaßstäbe von den Lehrern und der Schulleitung nicht ebenso angewandt wurde. Wichtig ist, dass nicht länger geschwiegen wird und die Opfer dieser Taten wissen, dass sie nicht allein mit ihrem Trauma sind.

  32. 32
    Jule

    Ich habe das CK vor langer Zeit besucht, aber nach dieser Zeit, um die es geht….Die Kultur des Wegschauens und Ignorierens zieht sich durch alle Bereiche, das ist auch mit ein Grund, weshalb meine Kinder diese Schule nicht besuchen. Probleme mit Lehrern gab es nicht (weil nicht sein kann, was nicht sein darf…), es lag immer alles an den Schülern, klar…Wir hatten einen Pater, der inzwischen verstorben ist, in den ersten (entscheidenden) Jahren in Mathe und Physik – beigebracht hat er uns nichts, wobei er wenigstens menschlich ein Segen für die Schule war. Das hat aber leider nicht gereicht…Wer das CK kennt, weiß sicher, um wen es geht ;-). Die Schule haben diese Missstände nicht interessiert! Und es gab noch diverse andere Lehrer, die eine Zumutung waren, teilweise auch handgreiflich wurden…

  33. 33
    marcus

    @Jule:
    Auch ich bin CKler aus dieser Zeit (Abi 84). Ja, die Ordenslehrer hatten ein unterschiedliches Niveau – von streng bis hin zum gezielten Kreidewurf auf quasselnde Mitschüler bis unfähig und unverständlich oder gar cholerisch (war aber sehr unterhaltsam). Aber: diese Range gab es nicht nur bei den Patres, die gab und gibt es bis heute auch bei den weltlichen Lehrern. Irgendwie war meine Schulzeit ein bißchen wie “Feuerzangenbowle”…
    Haben wir alle davon gewußt? Mein Bruder, der nach mir das CK besuchte und auch ich haben darüber natürlich gesprochen, aber direkte Hinweise darauf gab es für uns nicht. Die GCL war ab der Gruppenleiter-Ebene ein eingeschworener Verein, ich hab jahrelang in der “Burg” einmal in der Woche den Kiosk betreut, auch da fiel mir nichts auf. Klar, das Thema Sexualität wurde “katholisch” behandelt: bei unerwünschten Erektionen, die ja in der Pubertät durchaus vorkommen können, sollen wir uns auf den Bauch legen und an was anderes denken. Klang damals schon so lustig wie heute. Die GCL-Fahrten waren gemischt und auch dort ist mir nichts aufgefallen – selbst beim rückwirkenden Nachdenken darüber.
    Gerüchte kamen mir erst nach dem Abi zu Ohren. Die Versetzung des einen Paters usw. – ich empfand es als erschreckend, aber es war auf der anderen Seite auch nicht unvorstellbar.
    So schrecklich die Vorfälle sind, so gut und offen finde ich den Brief von Pater Mertens – und die Bereitschaft, alles aufzuarbeiten und die Verantwortung dafür zu tragen.

  34. 34
    christian hartmann

    @Jule: die rede ist von giften und zwergen? ;)

    die sache mit den (u.a. musikalischen) und ausgesprochen schmerzhaften handgreiflichkeiten gehört zu den dingen, die wir an entsprechender stelle (dem rektor) vorgetragen haben. seine reaktion: noch ein wort und ihr bekommt alle (drei) einen tadel. da ist die tür!

    und dann gäbe es noch die geschichte mit den spenden. von denen kann man natürlich in einer so wunderbaren “elite”-schule computer räume finanzieren, aber auch den eigenen sprösslingen über die nächste versetzungshürde helfen…

  35. 35
    chefkoch

    das ganze verjährt je nach tat erst nach 20 jahren. dass vorher nichts veröffentlich wurde, geschah wohl auf wunsch der geschädigten.

  36. 36
    ABC

    Es ist zu begrüßen, dass der jetzige Rektor die Aufarbeitung der Fälle anstrebt.

    Warum muss sich die katholische Kirche immer wieder mit Sexualstraftätern aus den eigenen Reihen befassen?

    Zu den Ursachen hier eine Analyse von Wunibald Müller:

    http://www.wir-sind-kirche.de/index.php?id=129&id_entry=991

    http://de.wikipedia.org/wiki/Wunibald_Müller

    In den vergangenen Jahrzehnten hat man die Problematik nicht so gesehen und auch nicht so sehen wollen. Dies galt nicht nur für katholische Internatschulen, sondern auch für andere Eliteinternatsschulen und deren berühmte Absolventen:

    Richard Dawkins (geboren 1940) berichtet in seinem Buch “The God Delusion”, dass er auf den englischen Eliteinternaten, die er besucht hat, selbst Opfer von sexuellen Übergriffen wurde. Diese Eliteschulen waren nicht katholisch. Interessant ist, dass Dawkins die Auffassung vertritt, dass sei nicht so schlimm gewesen. Hieran zeigt sich, dass das Problembewußtsein erst seit einiger Zeit wächst. Als Angehöriger des Jahrgangs 1940 möchte Dawkins diese Übergriffe einfach nur vergessen. Er verkennt aber, dass es immer wieder Kinder gibt, die durch Missbrauchserlebnisse später kaum beeinträchtigt werden, wie er selbst, aber auch andere Kinder, die darunter ein Leben lang leiden. Es handelt sich um einen Mißstand in autoritär geführten Jungeninternaten, je länger her, desto autoritärer und desto schlimmer.

    Hier noch ein Zitat aus “The God Delusion”, Seite 316 im Kapitel “Physical and Mental Abuse”:

    “All three of the boarding schools I attended employed teachers whose affection for small boys overstepped the bounds of propriety. That was indeed reprehensible. “¦…even as the victim of one of them (an embarrasing but otherwise harmless experience)……The Roman Catholic Church has borne a heavy share of such retrospective opprobrium. For all sorts of reasons I dislike the Roman Catholic Church. But I dislike unfairness even more, and I can’t help wondering whether this one institution has been unfairly demonized over the issue….”

  37. 37
    Grit

    Dickes Lob an alle Schreiber, dass Ihr Euch trotz unterschiedlicher Meinung nicht die Netiquette um die Ohren haut bei diesem emotionalen Thema wie in anderen Foren!
    Ich war nicht auf dem CK, habe aber in meiner Jugend Freizeiten unter der Leitung der Jesuiten mitgemacht. Für mich war das eine tolle Zeit in einer tragenden Gemeinschaft, die ich nicht missen möchte. Daß andere schlimme Erfahrungen machen musste, schmerzt mich daher sehr!
    Ich glaube, das Schule und Jugendhilfe leider auch ein Sammelbecken für Menschen mit narzistischen, sadistischen oder pädophilen Neigungen sind, die durch ihre Stellung im institutionalisierten Gefüge ihre Macht ausüben können. Kennt nicht jeder, wenn auch um mehrere Ecken, Berichte über das ‘absonderliche’ Verhalten von Jugendleitern, Sporttrainern oder Gographielehrern?
    Mein Grundschullehrer war ein schmieriger Typ, dem gerne mal die Hand ausrutschte und der die Muttis angeiferte. Aber er blieb trotz regelmässiger Beschwerden noch Jahre an unserer städtischen Schule, wurde später als Wanderpokal in der lokalen Schullandschaft weitergereicht, um dann mit Mitte 50 in den wohlverdienten Ruhstand zu gehen. Nicht nur die Kirche keht unter den Teppich! Das passiert doch immer noch weiter an deutschen Schulen, wo verbeamtete Lehrer sich eben keine Angst um ihren Job machen müssen.

  38. 38
    Jola

    @christian hartmann: Einverstanden bin ich damit, dass die “Kultur des wegschauens” das eigentliche problem ist. Warum dies jedoch “vor dem Hintergrund der unantastbarkeit des papstes und seiner unfehlbarkeit vielleicht sogar “verständlich”" sein sollte ist mir nicht klar. Das was da passiert ist, entspricht in keiner Weise den Wertvorstellungen der Kirche und auch der Papst würde an so einer Stelle wohl zu Zivilcourage aufrufen. Ein Wegschauen predigt er sicher nicht…
    Sowohl der Missbrauch als auch das Wegschauen sind zutiefst unchristlich.

  39. 39
    Thomas_war_auch_ck

    Also ich bin Beglückter des Briefes des Rektors und falle also in die betroffenen Jahrgänge….zunächst hab ich aber den Inhalt nicht verstanden. Beim 2tern mal lesen war zumindest der Inhalt klar und die dazugehörige Geschichte.
    Mich hat die GCL damals nicht intressiert. Die Padres die ich als Lehrer genossen hab, waren von tollen Menschen über Cholerikern – die auch mal lautstark ihr Klagelied über das Fehlverhalten der Klasse in einem Gebet unterbringen, bis zu dem offenbar sehr leerreichen (!) Physikunterricht alles beinhalteten. Die weltlichen Lehrer waren nach meiner Erinnerung aber eher noch merkwürdiger….. Gibt ja auch eine recht fruchtbare Lehrer Schülerin Beziehung aus der Zeit…..
    Seit der Diskussion in TV und Presse und I-Net beschäftigt mich nun die Frage: Kenne ich Täter, kenne ich Opfer…die Zeit passt ja…..und ja, die Geschichten zur GCL war auch uns damals bekannt und es gab in der Tat auch merkwürdige Patres…aber deswegen gleich daraus zu schließen das der… oder der… bekomme ich nicht hin.
    Handgreiflichkeiten kann ich jedenfalls nicht bestätigen, auch nicht irgendwelche Diskussionen oder Gespräche zum Onanierverhalten. Scheinbar ist einiges an mir vorbeigegangen ohne das ich das jetzt bedauern muss.. Glück gehabt, oder schon damals einen gewissen Instinkt…und vorallen eine gute Gemeinschaft deren Treffen außerhalb der Schulinstutitionen stattfanden.
    Ich kann allerdings nicht verstehen, was jetzt an dem Verhalten des Leiters falsch sein soll. Meinen Respekt hat er. Es muss ihm klar gewesen sein, was jetzt auf ihn, die Schule, den Orden und die katholische Kirche einbricht.
    Jetzt zu behaupten, das würde nicht mehr klappen wegen der mündigen Jugendlichen…HA. Wir haben als Eltern erst merkwürdige Verhalten von Trainern einer Jugendfussballmannschaft vorgetragen. Vereinsreaktion: Keine. Reaktion der Kinder/Jugendlichen: Keine (weil eingschüchtert).
    Das ist NUR Freizeit…Kein Druck wie in der Schulsituation…
    Erst als der erste Stein umfiel, kam der Rest zu Tage…So ist es auch hier. Daher ist es richtig, egal wie spät, das Schweigen zu beenden. Wer weiß denn, ob nicht sogar die heutigen CK / GCL Schüler noch Dinge erzählen können ? Auch diesen Umstand kann der Rektor nun genauer beleuchten, die Tür ist zumindest offen.
    Bin sehr gespannt, was da noch zu Tage kommt, aber ich glaube nicht, dass die Geschichte öffentlich zu Ende gebracht wird – und das ist auch gut so !

  40. 40
    Kiki

    Was absolut abstößt, ist das mediale Tamtam, als gebe es sexuelle Übergriffigkeiten vorwiegend in katholischen Institutionen und als seien sie ein vergangenes Phänomen. Manche Eltern schicken ihre Kinder – heute – aufs Canisius-Kolleg, weil sie sich mehr Schutz vor der hier und heute massenhaften hoch missbräuchlichen sexuell-medialen Beballerung ihrer Kinder – zum Beispiel über Hardcoreporno-Handy-Filmchen – erhoffen. Viele Lehrer staatlicher Schulen sind nämlich der Auffassung, das sei Privatsphäre und Schule mische sich besser nicht in selbige ein.
    Wenn man darüber hinaus genau so systematisch alle ehemaligen Mitglieder städtischer Schulen, Jugendsportvereine und Pflegeeinrichtungen anschreiben und einen unabhängigen Ansprechpartner anbieten würde, wie Pater Mertes es für das Canisius-Kolleg getan hat, würde diese Stadt ihren Erkenntnisgewinn über sexuellen Missbrauch gewiss stark erweitern können. Was dann dabei rauskommt, kann allerdings nicht mehr so lüstern antikatholisch ausgeschlachtet werden. Gerade in den siebziger/achtziger Jahren fand sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in säkularen Institutionen gehäuft unter dem Gewand der sexuellen Libertinage statt – mit dem Giftpfeil des Prüderievorwurfs im Köcher.

  41. 41
    B.R.

    Das Canisius ist kein Einzelfall. Im Rheinland existiert ein katholisches “Elitegymasium” mit Internat, in dem der Nachwuchs der zahlungskräftigen lokalen Oberschicht, unter ihnen viele Kinder damaliger CDU-Politiker, kaserniert waren. Auch ein heutiger Talk-Show Host befand sich unter den Schülern.

    Mindestens noch bis Ende der 70-er Jahre durften die dort angestellten kirchlichen “Pädagogen” im Unterricht gegen alle Erkenntnisse der Wissenschaft üblen Unsinn als Wahrheit verbreiten um die Heranwachsenden zu terrorisieren, unter anderem dass man durch Masturbation wahnsinnig würde, davon unheilbare Schäden am Rückenmark bekäme und alles Sexuelle außerhalb einer ehelichen Verbindung unvorstellbar dreckig, widernatürlich und krankmachend sei.

    Mir sind Menschen bekannt die in diesem Internat von diesen Pfaffen, die zugleich als Lehrer und Erzieher fungierten, regelmäßig nachts von diesen genital missbraucht worden sind. Gerüchten und Hilferufen der Kinder ist nicht nachgegangen worden. Alles wurde unter den Teppich gekehrt, verzweifelte Kinder als Lügner und Verleumder dargestellt und die Eltern dieser Kinder genötigt ihre verdorbenen Kinder von der Schule zu nehmen. Nicht ein Fall ist vor Gericht gekommen, nicht ein einziger der Pfaffen zur Rechenschaft gezogen worden.

    Dass durch Verjährung die Täter ungestraft weiterleben können, ist ein Skandal.

  42. 42
    ABC

    Das Erzbistum erklärte, Erzbischof Kardinal Georg Sterzinsky habe “tief betroffen” reagiert, als er nun von den Missbrauchsfällen gehört habe. Er bestärke den Rektor in seiner Aufklärungsarbeit: “Wir finden gut, wie er das macht.”

    Quellen:

    http://www.morgenpost.de/berlin/article1247096/Die-wichtigsten-Fragen-zum-Canisius-Kolleg.html

    http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/uebergriffe-an-der-eliteschule/

    Wenn dies den Abschied der Katholischen Kirche von einer Politik des Verheimlichens hin zu einer radikalen Aufklärungsarbeit bedeuten soll, ist das sehr zu begrüßen.

    In diesem Zusammenhang verwundert dann aber die folgende Meldung zu den Heimkinderskandalen:

    “Leider besteht bis heute ein großes Interesse, die ganze unsägliche Thematik von Gewaltausübung bis hin zur sexualisierten Gewalt im kirchlichen Bereich möglichst nur sehr kontrolliert zu bearbeiten. Eine für den 2. Ökumenischen Kirchentag 2010 in München intensiv vorbereitete Podiumsdiskussion wurde kurzfristig von der Kirchentagsleitung abgesagt und in die Zuständigkeit von Caritas und Diakonie verwiesen — die allerdings selber in großem Maße Träger von Heimerziehung waren und sind. ”

    Quelle:
    http://www.we-are-church.org/de/?id=128&id_entry=2329

  43. 43
    Philipp

    “žEgo te absolvo..!” ist die Antwort, die gläubige Sünder nach der Offenbarung seiner Taten vor dem Beichtvater als übergeordnetem Organ mit Hoffnung auf eine milde Sühne, erwartet. Auch die Täter des elitären Canisius Kollegs müssen sich wohl mit Hinsicht auf irdische juristische Fristen nur noch vor Gott verantworten müssen. Die nunmehr so öffentlich zelebrierte Offenlegung der Vergehen und Verbrechen ist nur noch ein medienwirksamer Gang nach Canossa, die Täter in den eignen Reihen brauchen eine Verurteilung nur in moralischer Hinsicht zu fürchten.
    Eine Aktion, die für das Kolleg, dessen viel zelebrierte elitäre Reputation besonders von den Lehrkräften, Eltern und Schülern in stolzer Selbstgefälligkeit und Ehrerweisung längst vergangener Verdienste, nicht unüblich ist.
    Besonderes Augenmerk verdient der Appell des beschämten Rektors doch bei der Offenbarung zu berücksichtigen, dass dies dem Ruf der Schule nicht schade, sondern zur Aufklärung beitrage. Welche Arroganz muss man als selbsternannter Vertreter der Täterseite und bestenfalls Mittler zwischen den Parteien aufbringen, um die Reputation der Schule als Argument für die Aufklärung eines Verbrechens anzuführen , das bei verjährungshemmender Anklage mit einer mehrjährigen Freiheitsstrafe zu bestrafen wäre.

    Der Unterzeichner hat das Canisius Kolleg selbst in den 90er Jahren -also weit nach der fraglichen Epoche besucht- und keinesfalls als Ort der christlichen Werte nach heutigem Ermessen empfunden. Vielmehr fühlt man sich in die Zeit der Ablasspredigten zurückversetzt. Veraltete Lehrmittel und selbstherlliche Lehrer gehörten ebenso zur Tagesordnung wie die Bevorzugung von Schülern spendewilliger Eltern und ein Klassenklima, dem Begriffe wie teamfähigkeit leider fremd waren. Selbstverwirklichung um jeden Preis, Kritikfähigkeit war ebenfalls nicht vorhanden. Die Schule hat keine Probleme; bestenfalls einige Schüler mit der Schule. Eiskalt wurden diese gelöst nicht christlich nicht rücksichtsvoll; der gute Ruf ist unantastbar. Es stellt sich die Frage, welche positiven Besonderheiten die Eltern bewegen, diese Schule auszuwählen. Objektiv betrachtet bleibt letztlich nur die Reputation und auch diese ist per dato mit Hinsicht auf die Ereignisse höchst fragwürdig.
    Man entschuldigt sich lapidar bei den Opfern und geht zur Tagesordnung über.

  44. 44
    Jule

    @christian hartmann und @marcus

    ja, genau – Gifte und Zwerge ;-).
    Es ist erschütternd, was so alles ans Licht kommt….Auch das mit der Tadel-Androhung…Aber es wundert mich nicht und passt wunderbar ins Bild, das ich aus meiner Schulzeit da habe (Abi allerdings erst 91).
    Ja, klar betrifft das nicht nur die Patres, eher im Gegenteil, abgesehen von dem oben genannten (der wie gesagt wenigstens noch menschlich war, fachlich aber leider eine totale Niete, jedenfalls was das Vermitteln des Wissens anging…) sind es normale Lehrer, die ich so negativ in Erinnerung habe. Passiert ist nie etwas, auch ich hatte mal ein Gespräch mit dem damaligen Direktor (nicht Pater Mertes!!), was leider überhaupt nichts bewirkt hat. Der Lehrer, um den es ging, hat mich weiterhin gemobbt und ist heute noch an der Schule…
    Aber es gab bzw. gibt natürlich auch da tolle Lehrer, die fair waren und denen das Wohl ihrer Schüler am Herzen lag bzw. liegt!
    Wenn man hinter die Kulissen guckt, sieht es gar nicht mehr nach Elite-Schule aus.
    Und das mit den Spenden….ja, das fing schon früher an, schon beim Einstufungstest oder wie der hieß. Da bekam das Arzttöchterchen dann plötzlich doch einen Platz, obwohl sie erst eine Absage bekommen hatte…

  45. 45
    marcus

    @jule
    es scheint da irgendwie ein Bruch durch die Schülerschaft zu gehen. In meinem Jahrgang hatten die meisten bislang eine gute Erinnerung an die Schulzeit (gutes Klassenverhältnis, tolle Lehrer wie auch skurrile, aber wir waren – als Jungensklasse – auch nicht wirklich einfach und haben so manche Lehrkraft in die Verzweiflung getrieben), doch schon mein Bruder (4 Jahre jünger) schimpft auf die Schule und möchte am liebsten gar nicht mehr zu tun haben.
    “Eliteschule” habe ich schon damals nicht verstanden, die Aussenwahrnehmung war ganz anders als die Innenwahrnehmung :) War es auf dem CK schwerer als auf anderen Schulen? Ich glaube nicht. Fühlten wir uns elitärer? Auch nicht. Und es gab Popper wie Punker wie Teds wie an jeder anderen Schule auch. Das mit den Spenden hab ich so deutlich auch nicht mitbekommen.
    Der Eindruck meiner Schulzeit ist: Wir wurden in den ersten Jahren durchaus streng unterrichtet, aber ab der 10. wurden die Zügel losgelassen, frei nach dem Motto: “Ihr seid jetzt alt genug, um selbstständig und eigenverantwortlich zu arbeiten.” Ich bin dankbar für die humanistischen Ideale, die mir dort vermittelt wurden – und obwohl ich immer noch zahlendes Mitglied im “Verein” (katholische Kirche) bin, pflege ich meinen christlichen Glauben auch ohne die Institution der Kirche. Diese kritische Auseinandersetzung ist aber auch ein Resultat der Werte, die mir während meiner Schulzeit vermittelt wurden.
    Das ist meine Geschichte, andere sehen ihre Schulzeit am CK mit ganz anderen Augen – und weitaus schlimmer: Es wurde sich von einigen Verantwortlichen nicht an die postulierten Werte gehalten.
    In aller Schrecklichkeit schmälert das aber nicht meine guten Erfahrungen.
    Den fairen Umgang und Ton in dieser Diskussion schätze ich sehr!

  46. 46
    Thomas_war_auch_ck

    Als Empfänger des Briefes liegt meine Schulzeit am CK also in der betroffenen Zeit. Ich kann mich zwar an viele Episoden mit den Patres – cholerische Gebete und äußerst leerreiche (!) Physikstunden, aber auch mit den “weltlichen” Lehrern erinnern (habe eine “7″ mündlich bekommen, damit meine Zeugnisnote eine 5 ist….), aber selbst kann ich zu den Vorwürfen nichts sagen.
    Einzig, dass die GCL mir immer schon ein wenig merkwürdig vorkam, kann ich bestätigen, da aber mein Freundeskreis sich nach der Schule außerhalb der Schule traf, gabs auch hier keine Berührungspunkte. An eine Schul-Fußballreise habe ich nur lustige Erinnerungen.
    Schlimmer ist für mich nun die Frage, ob ich Opfer und/oder Täter kenne und ob ich/wir vielleicht sogar Opfer – ggf. durch das damals als merkwürdig eingestuftes Verhalten – ausgegrenzt und so zusätzlich “bestraft” haben. Leider gibt es Anlass dies zu denken, und das nach weit über 20 Jahren. Isofern werde ich die weitere Entwicklung sehr intressiert verfolgen.
    Das dies aber heute bei der so aufgeklärten Jugend nicht mehr vorkommen kann, glaube ich nicht. Selbst im Freizeitbereich (Jugendfussball) habe ich erst vor kurzem mitbekommen, wie Trainer billigend in Kauf nahmen, dass Spieler sich untereinander gängeln, bis hin zu quasi Waterboarding…und die Vereinsführung auf Hinweise nicht reagiert hat. Anderes Thema – selbes Schema !
    Die nun aufkommenden zusätzlichen Fälle beklemmen noch zusätzlich. Bin nur gespannt, ob wirklich alles begrenzt auf die benannte zeit bleibt. Ich hoffe es, allein hier fehlt mir der Glaube.

  47. 47
    isa

    Ich kann mich nur anderen anschließen, dass die “Kultur des Wegschauens” an deutschen Schulen, egal privat oder staatlich, konfessionell oder nicht, sehr verbreitet ist. An meiner Schule wurde nicht nur der fortstreitende Alkoholismus eines Geschichtslehrers ignoriert. Ein Lehrer war nachweislich mit drei (teilweise minderjährigen) Schülerinnen zusammen, alle wussten es. Konsequenz: Der Lehrer wurde versetzt an eine andere Schule.

  48. 48
    Ehemaliger

    Auch ich habe das CK 9 Jahre bis zum Abi besucht, allerdings vor der in den Medien bezeichneten Zeit für die Übergriffe. Abi Mitte der 70er.
    Auf der Homepage des CK fand ich eine Presseerklärung, in der die in den Medien verwendete Formulierung der ” Jahrzehntelangen Übergriffe” zurückgewiesen wird.
    http://www.canisius.de/aktuelles
    Dies kann ich so nicht bestätigen, obwohl die mir aus meiner Schulzeit in Erinnerung gebliebenen Vorgänge wohl nicht von der gleichen Dimension waren.
    In Erinnerung gebleiben ist mir ein Vorfall ( Ende der 60er Jahre) aus dem Lateinunterricht. Beim Abfragen der Vokabeln wurde ein Schüler vom Pater gefragt , ob er aufgeregt sei. Nachdem er dies bejahte ( er hatte wohl nicht gelernt ), wurde er aufgefordert, auf dem Schoß des Lehrers Platz zu nehmen, damit er ruhiger würde.
    Über einen anderen Pater wurde zu dieser Zeit erzählt, Probleme mit den Schülern ( disziplinarisch oder wegen Fehlleistung ) zur Vermeidung der Kontaktaufnahme mit den Eltern in einem persönlichen Gespräch nach dem Unterricht auf dem Zimmer zu klären. Näheres wurde nicht bekannt, aber die Gespräche waren allegemein gefürchtet , so die Gerüchteküche damals.
    Ich persönlich war von diesen Vorgängen nicht betroffen und habe die Dinge aus einer sicherlich vorhandenen Naivität und Gütgläubigkeit heraus damals als nicht weiter problematisch gesehen oder empfunden.
    So auch sicherlich die überwiegende Zahl der ebenfalls nicht direkt betroffenen Mitschüler.
    Abschließend möchte ich betonen, dass das Problem sexueller Übergiffe auf Schüler keinesfalls auf konfessioelle Schulen beschänkt ist. Als Vater schulpflichtiger Kinder habe ich erfahren, dass diese ” Gerüchte ” auch heute an staatlichen Schulen über gewisse Lehrer kursieren, genau wie bei uns damals. Und auch heute werden Lehrer plötzlich versetzt oder für einige Jahre ” aus der Schußlinie” genommen, weil meist die Beweislage nicht ausreichend ist.

  49. 49
    DonJay

    So, auch ich bin ehemaliger CK-ler.
    Die Gerüchteküche schwirrte schon immer, die beiden Patres sind vielen namentlich bekannt.
    Ich freu mich irgendwie, dass die Schule jetzt ein bisschen ihres “”"guten Rufs”"” verliert, weil, was damals in den 70ern dort abging, abgesehen von den aktuellen Vorwürfen, war schon bizarr. Gerade die Patres glänzten durch Cholerik, Lächerlichkeit, schwarze Pädagogik aus den 20er Jahren oder durch offensichtlichen Irrsinn.
    Für mich war immer klar, dass meine Kinde da nicht hingehen, weil, was man dort gelernt hat, war ein Elitebewußtsein zu entwickeln, gemischt mit , dazu im Widerspruch stehenden, hehren christlichen Idealen.

  50. 50
    Jule

    …ich finde ja auch, dass es höchste Zeit ist, dass mal Namen genannt werden, damit nicht alle Patres, die in dieser Zeit an der Schule waren, potentiell “verdächtig” sind….Ich habe mich schon selbst dabei ertappt, dass ich überlegt habe, wer dafür “in Frage käme”…Aber wie gesagt, es war eh vor meiner Zeit….

  51. 51
    Jule

    …komischerweise war mir die GCL auch immer suspekt und hatte bei uns den Beinamen “Kuschelgruppe”, warum auch immer….
    Klar kann sowas an jeder Schule passieren, ob privat oder staatlich, besonders schlimm ist es aber doch irgendwie, wenn es an einer konfessionellen Schule passiert, weil damit eigentlich keiner rechnen würde…

  52. 52
    ABC

    Erklärung des Rektor des Canisius-Kollegs von heute:

    http://www.jesuiten.de/aktuell/index.htm

  53. 53
    christian hartmann

    @Ehemaliger: d’accord.
    diese pressemitteilung zeigt wunderbar, wie wenig sich (der hier sonst nicht gescholtene) pater mertes von der vergangenheit zu distanzieren vermag.
    es sind “natürlich” nur zwei (und auf gar keinen fall mehr) schwarze schafe, die zu sündenböcken gemacht werden (können), und der rest der ehrenwerten lehrerschaft und die instutition als solche haben sich damit rein gewaschen !?!?
    es ist schlicht naiv und lächerlich anzunehmen, dass die gerüchteküche über jahre hinweg unter den schülern gebrodelt hat und der lehrkörper davon nichts mitbekommen haben will.

  54. 54
    xyz

    @Philipp
    Ich teile deine Ansicht nicht. Ich habe Pater Mertes schon bei der einen oder anderen Gelegenheit kennengelernt und halte sein Bedauern und seinen Wunsch nach Aufklärung für aufrichtig. Ich halte auch Deine Zustandsbeschreibung vom CK für deutlich übertrieben.

    Man sollte den heutigen Patres und Lehrern auch die Chance geben, ehrliche Aufklärung zu leisten. Ich kann mir vorstellen, dass die Gedanken mit denen wir uns heute herumquälen für die Lehrer an der Schule noch weitaus schlimmer sind: Hätte ich etwas wissen können? Habe ich Hinweise nicht ernst genommen?

  55. 55
    Ehemaliger

    Ja, auch ich finde diesen öffentlichen “Rückzieher” in der Presseerklärung unlogisch, will man doch lückenlos aufklären. ( eine Formulierung, die man auch in der Politik immer wieder hört…)
    Eine Möglichkeit aufzuklären, wäre eine z.B. Emailadresse auf der Homepage des CK, wo Ehemalige und Betroffene ihre Erinnerungen schildern könnten. Es bliebe dann immer noch die Möglichkeit der Bewertung der einzelnen Mails und würde sicherlich einen besseren Überblick über das Ausmaß der Vorfälle bringen.

    Interessieren würde mich jedoch , was die eigentliche Ursache für den derzeitigen Wirbel ist. Was hat die Schule veranlaßt, plötzlich mit Vorgängen , die mehr als 2 Jahrzehnte zurückliegen, von sich aus an die Öffentlichkeit zu gehen?

    Der hohe moralische Anspruch des Canisius Kollegs reicht mir hier als Erklärung nicht aus.
    In der Politik und Wirtschaft findet sich ein derartiges Verhalten öfters, wenn die Betroffenen bereits unter Druck stehen und so die Flucht nach vorne wagen.

  56. 56
    Musikfreund

    Als ehemaliger dieser Lehranstalt muß ich mich nun auch mal zu wort melden. Ich habe scheinbar einiges in den letzten Jahren verdrängt und vergessen. Plötzlich ist vieles, aber nicht alles, wieder da.
    Wir wussten alle in den fraglichen Jahren, was in der Burg abgeht und haben uns, wenn möglich, um Einzelgespräche gedrückt. Das Thema “Onanie” wurde sehr hoch gehängt, glaube ich zumindest. War es nicht so, das man für eine “Beichte” über seine “Gewohnheiten” eine LP, Langspielplatte” aus dem Fundus des betreffenden, dicken Brillenträgers bekam. Viel befremdlicher war jedoch, das man sich bei ihm im Büro(?) auf seinen Schoß setzten musste. Wer kann sich noch erinnern?…..Wir waren damals doch noch sehr naiv und viel peinlicher/befremdlicher wäre es gewesen seinen Eltern davon zu erzählen. Die GCL habe ich dann sehr bald verlassen.
    Ein besonderes Buch aus der Patres Bibliothek fällt mir noch ein:”problems of onanism” Ein Abi Jahrgang wird sich sicherlich daran gut erinnern.

  57. 57
  58. 58
    Ohnepseudonymgehtsleidernicht

    Ich sehe die sexuelle Misshandlung an katholischen Privatschulen eher als Spitze des Eisbergs, u.a. der äußerst fragwürdigen Beziehung von Kirche und Staat. Auch ich war auf einer Jesuitenschule. Die Schule wurde zu über 50% vom Staat getragen. Wer aber auf diese Schule wollte, musste samt Eltern beim Direktor vorsprechen. Eltern, die es sich leisten konnten, überzeugten den Direktor im Zweifelsfall mit großzügigen Spenden. Im Halbjahres- oder Jahresrhythmus bekamen alle Eltern einen Überweisungsschein zwecks Spende zugeschickt. Ich finde es krass, wenn einerseits solche Schulen vom Staat gefördert werden, andererseits der Sozialetat gestrichen wird, zumal ich den reaktionären Geist, der an solchen Schulen herrscht für alles andere als förderungswürdig halte.

    Jede Unterrichtsstunde, in der einE neueR Lehrer/ die Lehrerin das Klassenzimmer betritt, aufstehen müssen und sich erst dann setzen können, wenn er/ sie es erlaubt; in der ersten Stunde immer das Vaterunser beten; einmal in der Woche sich in der Zwangsmesse das Geschwafel des Heini an der Kanzel anhören müssen; jeden Morgen als Internatsschüler im Badezimmer nackt vor dem verhassten (angezogenen) Internatsleiter defilieren zu müssen; in- und außerhalb der Schule den Lehrer/ die Lehrerin (zuerst) grüßen zu müssen; Kontrolle auch außerhalb des Schulgeländes, ob man raucht oder trinkt; die Schulleitung kann eineN LehrerIn feuern, wenn dieseR sich scheiden lässt und erneut heiratet; Ächtung von Masturbation, Homosexualität und Pornografie im Religionsunterricht und natürlich auch in der Praxis; die Lehre von der Minderwertigkeit der Frau; die elitäre Arroganz gegenüber allen, die nicht diese Schule besuchten (insbesondere gegenüber “Türken”, auf die man an meiner Schule Oberstufenschüler zeitweilig mit Baseballschlägern Jagd machen ließ, weil irgendwelche Deppen wieder einmal die Basketballkörbe im Pausenhof geklaut hatten – inzwischen ist man dazu übergegangen, die Hetze gegen “Türken” auch ganz ohne Basketballkorbklau mit dem grassierenden Islamismus zu begründen); das Schweigen darüber, wenn der Lehrer mal wieder einem Schüler eins mit dem Lineal oder Geodreieck übergebraten hat und vieles mehr haben mit Demokratie und Selbstbestimmung überhaupt nichts am Hut.

    Sexueller Missbrauch ist (zumindest in dieser Form) nur in einer Atmosphäre der ständigen Angst, Kontrolle, Autoritätshörigkeit und sexueller Verklemmtheit möglich. In solchen Männerschulen wird man dazu erzogen ein “echter Mann” zu sein, und welcher “echte Mann” möchte schon zugeben, von einem Priester sexuell misshandelt worden zu sein? Wie man an dem Artikel sieht, haben die Verantwortlichen, bis man sich dazu durchgerungen hat, an die Öffentlichkeit zu treten, nichts zu befürchten, weil bis dahin die Verbrechen oft verjährt sind.

    In diesem Zusammenhang finde ich es abstoßend, wie sich PolitikerInnen zum gegenwärtigen Fall äußern (siehe http://www.taz.de/1/berlin/artikel/1/missbrauchs-geruechte-gab-es-schon-laenger/). Sie tun so, als ob es sich um eine völlig normale Schule handle. Konfessionsgebundene Privat(“elite”)schulen sind aber nicht normal – sie waren, sind und bleiben ein Problem (wie sicher auch die ach so linken, liberalen und/ oder toleranten PolitikerInnen, Gewerkschaftskader, Firmenbosse usw., die ihre Kinder auf solche Horte des Obskurantismus abschieben).

  59. 59

    Sogar der erste Filmbeitrag in der Abendschau. Dort wird auch Spreeblick gezeigt.

  60. 60
    ABC

    Radio und Fernsehen
    Weitere Missbrauchsopfer melden sich

    http://www.rbb-online.de/nachrichten/politik/2010_01/konsequenzen_nach.html

    Dort ein Audio- und zwei Video-Berichte

    Der Rektor betonte heute, dass sich innerhalb der katholischen Kirche einiges ändern müsse. «Die Missbrauchsfälle – nicht nur hier, sondern auch die der vergangenen Jahre – stellen eine schwergewichtige Frage an die katholische Kirche. Nämlich, ob sie Missbräuche begünstigt, durch ihre Kultur, durch ihr System», sagte der Pater. «Ich glaube, dass es zwei Stichworte gibt, mit denen die katholische Kirche arbeiten muss: Phobie und Sprachlosigkeit.»
    Die katholische Kirche habe ein Angstproblem, besonders mit der Homophobie. Außerdem sei Sprachlosigkeit ein Problem beim Thema Sexualität. «Wenn sich die Lehre der katholischen Kirche zur Sexualität so weit von den realen Fragestellungen, auch junger Menschen, entfernt, dass sie mit den realen Erfahrungen praktisch nichts mehr zu tun hat, dann führt das die junge Generation zu ganz großen Teilen in eine Sprachlosigkeit.» Beide Themen könnten zu Problemen führen, denen sich die katholische Kirche stellen müsse.”

    Ende des Zitats.

    Das ist alles gut und schön und der Wille, Mißstände zu beseitigen, ist sicherlich zu begrüßen. Die Stellungnahme verschweigt aber, das der Jesuitenorden eine der Hauptorganisationen dieser Kirche ist und bereit ist, im Dienst der Kirche alles mitzumachen.

    Vergleiche hierzu die Beschlüsse der 35. Generalkongregation

    insbesondere: Der Gehorsam im Leben der Gesellschaft Jesu, Seite 77- 96, die Predigt von Franc Kardinal Rodé auf Seite 137 und der Brief von Benedikt XVI. Seite 146

    http://www.jesuiten.de/aktuell/generalkongregation/files/jesuiten_dekrete_35_gk.pdf

    Die Homophobie und die Frauenfeindlichkeit der katholischen Kirche sind Menschenrechtsverletzungen. Wenn sich der Orden wie oben nachlesbar zum unbedingten Papstgehorsam bekennt, nimmt er diese Menschenrechtsverletzungen in Kauf.

  61. 61

    BILD, Spiegel, Abendschau. Passt auf, sonst werdet Ihr noch Mainstream :-)

    Abendschau-Video: http://bit.ly/cUrJgr

  62. 62
    lieber nicht

    Ich war auch viele Jahre auf dem Canisius Kolleg Schüler in den 70ern/80ern. Die “Gerüchte” waren zumindest bei einem bestimmten Pater sozusagen in aller Munde. Niemand, der zu mir etwas zu diesem Thema sagte, äußerte Zweifel daran, dass dieser Pater sexuell auf “Jungs” stand und viele hatten selbst Erfahrungen mit seinen Annäherungsversuchen, sagten sie, oder kannten einen oder mehrere “Betroffene”. Meistens wurden diese Themen aber von den Schülern, die sie ansprachen, absolut scherzhaft und “witzig” ins Gespräch gebracht. So wie man über einen anderen (weltlichen) Lehrer wusste, dass er zumindest einmal (oder doch mehrfach?) Schüler geohrfeigt hatte usw. und darüber wurde unter den Schülern so geredet, dass man das witzig fand. Eben die Marotten der Lehrer. Der Pater, den ich meine, gehörte nicht zu meinen Lehrern. Ich selbst bin auf der Schule nie sexuell belästigt oder missbraucht worden, dafür in jüngeren Jahren von meinem eigenen Vater, was ich erst in den letzten Jahren mir eingestehen konnte und so halbwegs aufgearbeitet zu haben hoffe. Ich muss sagen, im Vergleich zu meinem “Zuhause” kam mir diese Schule als ein Hort des Friedens und der Zivilisation vor. Natürlich gab es auch Mitschüler, bei denen ich das ähnlich einschätzen würde. Aber auch viele andere SchülerInnen, die anscheinend ein angenehmes Elternhaus hatten, von denen habe ich während und nach der Schulzeit viel Gutes über diese Schule gehört. Engagierte Lehrer, die sich um die Schüler kümmern, soziales Engagement für schwierige einzelne Schüler, wenig Drogen und Gewalt unter Schülern usw. Alerdings kenne ich auch zwei SchülerInnen, die sich später das Leben genommen haben und eine Person, von der ich nachher hörte, dass ihr die große Mehrheit der Lehrer UND Schüler – sozusagen insgesamt – sehr ausgrenzend, intolerant und verletzend vorgekommen war, so dass sie sich in der Schuleinsgesamt sehr unwohl fühlte. Ich habe es so wahrgenommen: Klar, es gab diese Erzählungen über sexuelle Belästigung und Missbrauch, sie waren glaubhaft, aber irgendwie zeigte sich auch niemand verletzt oder betroffen, und so war es eben ein Gag für die Pause so wie die Ticks der vielen anderen Lehrer und Patres, über die fast jeder ständig lästerte. Heute wird mir schlecht, wenn ich mir das ins Bewusstsein rufe, dass wir damals als Jugendliche damit konfrontiert waren, Bescheid wussten und doch darüber hinweg gegangen sind. Merkwürdigerweise kam mir erst durch die aktuellen Artikel wieder ins Bewusstsein, dass es dieses Thema überhaupt gab. Ich hatte immer vor, aufgrund meiner relativ positiven Erfahrungen sogar eigene Kinder gegebenenfalls auf die gleiche oder eine vergleichbare Schule zu schicken. Dazu muss ich auch sagen, dass ich von vielen Missbrauchsfällen aus dem Bereich zB der Sozialarbeit mit Jugendlichen von Leuten gehört habe, die ich privat kenne, und deshalb bin ich davon ausgegangen, dass sexueller Missbrauch einem sowieso überall begegnen kann, wo Erwachsene Kinder und Jugendliche betreuen. Heute bin ich eher nachdenklich, ob “wir” als “Canisius-Gemeinschaft” insgesamt, vielleicht insgesamt eine Art hatten, mit dem was nicht in unser Weltbild passte, ausgrenzend umzugehen oder es zu sehr “auf die leichte Schulter” zu nehmen. Vielleicht hat mich außer meinen Eltern auch die Zeit dort in diese Richtung beeinflusst. Vielleicht war diese ganze Vorstellung von einer heilen Gemeinschaft in einer schlechten Welt “draußen” (“die letzte christliche Schule vor Moskau”, sagte ein Pater oft, in dem er auf die Lage nahe der Mauer anspielte), die mir zuhause und im Canisius vermittelt wurde, ein Teil des Problems. Ich würde mir wünschen, ich hätte schon damals ein anderes gefühlsmäßiges Verständnis für das lernen können, was um mich herum vorging und würde heute für eigene Kinder lieber etwas anderes suchen als eine “heile” katholische Eliteschule, als die das Canisius ja wirklich galt.

  63. 63
    Frank

    @DonJay mich auch. kann dazu jemand mal stellung nehmen?

    Interessieren würde mich jedoch , was die eigentliche Ursache für den derzeitigen Wirbel ist. Was hat die Schule veranlaßt, plötzlich mit Vorgängen , die mehr als 2 Jahrzehnte zurückliegen, von sich aus an die Öffentlichkeit zu gehen?

  64. 64
    Ohnepseudonymgehtsleidernicht

    Ich war auf derselben Schule, allerdings ca. 20 Jahre später.

  65. 65
    marcus

    @Frank:
    Laut Brief von Pater Mertes haben sich Opfer in den vergangenen Jahren an ihn gewendet, 2007 wurde eine Stelle eingerichtet an die sich weitere Opfer vertraulich wenden können. Anscheinend sind dabei nun Hinweise entstanden, dass es sich bei den ersten Opfern, die sich gemeldet haben, nur um die “Spitze des Eisbergs” handelt. http://bit.ly/c86nIJ

    Mittlerweile wird in der Presse auch ausführlich über die Täter berichtet: http://bit.ly/b0ZL3l. Einer ist mir natürlich bekannt, den anderen habe ich an der Schule nicht mehr bewusst erlebt.

  66. 66
    Guido

    Hallo, alter Klassenkamerad!
    Dein Erlebnisbericht liest sich als waer’s meiner. Hab’s auch nur zweimal kurz im Hause der GCL ausgehalten. Der ganze Laden war ‘creepy’ und die Stories um Pater R.’s Interviews um in den inneren GCL Zirkel aufzusteigen schon damals Legende. R’s Masturbationsfragebogen auch. Der Typ war einfach nur daneben – immerhin: Wer einfach aufstand und rausging wurde danach in Ruhe gelassen. Komisch dass die Geschichte gerade jetzt hochkocht, denn ALLE haben es gewusst. Eltern (meine haben mir von inoffiziellen Elternversammlungen erzaehlt in denen das Thema eroertert wurde), Schueler (wir machten doch staendig Witzchen) und ganz bestimmt Pater Z., ergo die Schulleitung. R. musste dann ja auch wegen dieser unschoenen Geschichte mit dem undichten Schliessmuskel des Knaben aus der Klasse unter uns das Kolleg verlassen.
    Kindsmissbrauch war in den spaeten 70ern auch irgendwie nicht das Thema. Die betroffenen Eltern liessen sich mit Abiturgarantie und drei Vaterunser besaenftigen und gut war. Ich selbst empfand liebestolle Pfaffen nur als eine weitere Facette der ‘Holy Horror Pictureshow’ und hielt meinen Arsch halt immer dicht an der Wand.
    Als etwas tragischere Figur sehe ich Taeter Nummer 2, unseren alten Klassenlehrer, Pater S. Dem haette eine rechtzeitige Therapie wirklich helfen koennen. Naja, ein paar SM Fotos mit ihm als Hauptperson, dezent im Schul-Fotolabor hinterlegt, haben ja ca. ’81 auch seine Karriere im CK abrupt beendet.

    LieGrue aus Dubai

    Guido K

  67. 67
    ABC

    http://www.morgenpost.de/berlin/article1247757/Taeter-erschlichen-sich-das-Vertrauen-der-Schueler.html

    Der Rektor sagte gestern, die katholische Kirche habe ein Angstproblem, besonders mit der Homophobie. Außerdem sei Sprachlosigkeit ein Problem beim Thema Sexualität : «Die Missbrauchsfälle – nicht nur hier, sondern auch die der vergangenen Jahre – stellen eine schwergewichtige Frage an die katholische Kirche. Nämlich, ob sie Missbräuche begünstigt, durch ihre Kultur, durch ihr System», sagte der Pater. «Ich glaube, dass es zwei Stichworte gibt, mit denen die katholische Kirche arbeiten muss: Phobie und Sprachlosigkeit.»

    Dem gesellschaftlichen Ziel, Lesben und Schwulen in Deutschland ein Leben ohne Diskriminierung zu ermöglichen, steht in Deutschland insbesondere die Katholische Kirche entgegen. Zur Diskriminierung von Homosexuellen durch die Kirche gab es kurz vor dem Beginn des Kirchentages in Osnabrück in 2008 eine Veranstaltung der Osnabrücker Schwulen- und Lesben-Offensive mit einem Vortrag von Uta Ranke-Heinemann.

    Hier die Quelle für den Vortrag von Frau Ranke-Heinemann:

    http://www.lernfunk.de/Main/ranke-heinemann-gim-08

    und der Hinweis auf ein Interview von ihr.

    http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,193261,00.html

    Die Ziele und Forderungen des KirchenVolksBegehrens

    http://www.we-are-church.org/de/?id=117

  68. 68

    Hinweis an alle

    Oft werden eure Kommentare nicht sofort freigeschaltet, sondern landen versehentlich im Spam-Verdacht, das liegt daran, dass entweder zu viele Links enthalten sind oder ihr “verdächtige” Pseudonyme benutzt (z.B. nur wahllose Buchstaben). Dies nur als Hinweis, wir schalten die Sachen dann manuell frei, ihr braucht also nicht wiederholt zu posten, sondern nur etwas zu warten.

    Ich bedanke mich bei allen für den trotz der emotionalen Thematik sehr sachlichen Ton und die vielen Hinweise und Berichte!

  69. 69
    Guido Knigge

    @Thomas der auch am CK war.
    Ah ja, der weltliche Lehrer und die Minderjaehrige. Das war der Typ der im Unterricht immer und immer wieder diskutiert haben wollte, dass ihn der Gedanke ans zu spaet kommen sexuell erregt. Er war nicht wirklich boesartig, nur stocksauer dass sein Lieblingsthema nicht das unsere war. Mit der Ex-Minderjaehrigen hat er ja wohl eine Reihe, beinahe erwachsener Kinder.

  70. 70

    Vieles ist hier schon gesagt worden. Das Thema sexueller Missbrauch ist ein sehr komplexes Thema und ich könnte viel dazu sagen, möchte es aber hier nicht zu weit ausdehnen. Ein Teil über den ich hier stolperte sind die Verjährungsfristen, zu denen hier mit 10 und 20 Jahren unterschiedliche Angaben gemacht wurden. Daher als Info: die Verjährungsfristen sind im § 78 StGB geregelt. Demnach richtet sich die jeweilige Verjährungsfrist nach der gesetzlich geregelten Strafandrohung, “ždessen Tatbestand die Tat verwirklicht, ohne Rücksicht auf Schärfungen oder Milderungen, die nach den Vorschriften des Allgemeinen Teils oder für besonders schwere oder minder schwere Fälle vorgesehen sind.”
    So beträgt beispielweise die Verjährungsfrist zehn Jahre bei Taten, “ždie im Höchstmaß mit Freiheitsstrafen von mehr als fünf Jahren bis zu zehn Jahren bedroht sind” und “žfünf Jahre bei Taten, die im Höchstmaß mit Freiheitsstrafen von mehr als einem Jahr bis zu fünf Jahren bedroht sind”.
    Soweit ich es kenne, kommen meist mehrere Paragrafen zur Anwendung, je nach Deliktlage. Ginge es “žlediglich” (ist nicht bagatellisierend gemeint, sondern als Beispiel, falls nur dieser Paragraf in Frage käme) um sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen gem. § 174 StGB, läge ein Strafmaß von 3 Monaten bis fünf Jahren zu Grunde. Daraus ergäbe sich dann m. E. eine Verjährungsfrist von fünf Jahren.
    Allerdings ruht gem. § 78b StGB die Verjährung bei derartigen Sexualstraftaten bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres des Opfers.
    Auch wenn ich keine Juristin bin, habe mich aber schon häufig mit dieser Thematik befassen müssen und vielleicht ist es ja für den Einen oder Anderen interessant.
    Ganz persönlich denke ich ebenso, dass es gesetzlich anders geregelt werden müsste. Im Kontext des sexuellen Missbrauches oder auch von Vergewaltigungen wird häufig von “žSeelenmord” gesprochen. Opfer werden massiv traumatisiert und häufig lebenslang gezeichnet. Daher fände ich eine Regelung wie im Falle von Mord, der nie verjährt gerechter. Der Teil der Traumatisierung, deren Auswirkungen und Folgen ist nicht in wenigen Sätzen beschreibbar. Geht man davon aus, dass manche Opfer erst viele Jahre später — und zwar auch weit über das 18. Lbsj. – ihre Erinnerungen wiederfinden, sollte dies umso mehr gelten. Nicht Alle die Opfer wurden, wollen eine Strafverfolgung des Täters aber sie sollten zumindest die Möglichkeit haben. Um diese Möglichkeit wegen zeitlicher Faktoren beschnitten zu sein, schließt eine erneute Traumatisierung und Verstärkung des Gefühls “ždas was passiert ist, ist nicht so schlimm” bzw. weiteren Tabuisierungen usw. nicht aus.

  71. 71
    Jenny

    Hallo! Ich finde solche Berichte immer wieder erschreckend. Was da so alles unter dem Deckmantel der Christenheit geschieht, ist erschütternd. Ich selber bin in einer kleinen Mennoniten-Kolonie in Paraguay aufgewachsen und wurde dort in meiner Schulzeit als einzige Behinderte der Kolonie jahrelang von Mitschülern gemobbt. Lehrer schauten grundsätzlich weg. Man sollte meinen, gerade unter Christen ist sowas ausgeschlossen. Als ich es einmal wagte, mich bei meinem Klassenlehrer zu beschweren, sagte er nur: “Und was kann ich da tun?” Meinen Eltern hätte ich das nicht erzählen können, die hätten mir nicht geglaubt. Weil “es kann nicht sein, was nicht sein darf”. Uns wurde damals beigebracht, dass man Lehrern und Eltern nicht zu widersprechen hatte. Darum tat ich, sobald ich konnte, das Einzige, was mir möglich war… ich wanderte aus! :)
    Leider musste ich dann hier in Deutschland feststellen, dass es in diversen Blindenbildungseinrichtungen noch schlimmer zuging.

    Übrigens, noch ein großes Lob an die sehr gesittete Diskussion in den Kommentaren!

  72. 72
    Thomas Erxleben

    Anscheinend war der Missbrauch oder zumindest die sexuelle Belästigung von Kindern und Jugendlichen in den 70er Jahren an Schulen häufiger als bisher angenommen.
    Auch an unserer Schule gab es einen Lehrer der auf einer Klassenreise regelmäßig “versehentlich” in die Schlafräume der Mädchen platzte, und das kurz vorm Schlafen, also während sie sich auszogen. Ein anderer Lehrer bestand darauf die Jungen nach dem Sport beim Duschen zu beobachten, aus Gründen der “Überprüfung der Hygiene”. Und das war eine öffentliche, konfessionslose Schule. Am Zölibat der Lehrkräfte kann das gesteigerte Interesse der Lehrkräfte an Jugendlichen also nicht gelegen haben.

  73. 73
    heidrun

    es klingt schrecklich.

    schauderhaft finde ich aber auch, wie viele (auch hier) diesen fall nutzen, um über die katholische kirche, das zölibat oder solche schulen herzuziehen. nicht, dass ich das alles ganz toll fände, aber inzwischen ist es schon fast so weit, dass jeder pater schon unter generalverdacht des missbrauchs von schutzbefohlenen gestellt wird (so wie jeder bärtige im langen gewand ein terrorist ist?).
    auf den zwei staatlichen gymnasien, auf denen ich war, gab es insgesamt 3 missbrauchsfälle sexueller art, 1 rassistischen übergriff und 2 lehrer, denen “die hand ausgerutscht” ist (von den lehrer/innen, die aus anderen psychischen gründen vollkommen unfähig waren, diesen beruf auszuüben, wollen wir mal gar nicht erst anfangen).
    keiner, KEINER dieser fälle hat in einer entlassung geendet, alle wurden versetzt. sämtlich anderen missbrauchsfälle, von denen ich weiss, fanden in atheistisch geprägten familien statt. die antichristliche moralkeule darf also gerne wieder eingepackt werden.
    es gibt viele andere dinge, für die man den katholizismus kritisieren kann, und ich gehöre ganz sicher zu den leuten, die wünschten, es gäbe gar keine religion auf dieser schönen erde.
    und wer glaubt, jemand, der keinen sex haben darf bzw. sich für diese einschränkung entschieden hat, würde deswegen zum (homosexuellen) pädophilen, der pauschalisiert vielleicht auch ein bisschen arg.

  74. 74
    stefan.paul

    CK in den 50ern, Spruch eines Paters: Macht der Schueler quatsche, quatsche, macht der Pater patsche, patsche. Und er tat es auch, lustvoll mit Gewalt. Absolut erniedrigend. Aber gängige Praxis.
    Es ist sicher nicht nötig, diesen Pater zu benennen, die CKler dieser Jahrgänge wissen natuerlich wer gemeint ist.
    Und wenn ein Schueler als Ministrant fuer einen Ausseneinsatz im BMW 600 der Patres mitgenommen wurde, sprachen die Anderen von einem Einsatyz im Fummelbomber.
    Vielleicht ist jetzt auch der richtige Zeitpunkt ueber die beiden (bekanntgewordenen) Priesterkinder von Patres (und Fratres!!!) des CK zu reden – ein weiteres Tabuthema.

  75. 75
    Jenny

    @heidrun: Das Problem ist doch, dass, wer bei den Katholiken Priester werden will, gar keine andere Wahl hat, als das Zölibat zu akzeptieren. Ich würde das nicht als freiwillige Entscheidung betrachten. Aber eines stimmt: jede Religion hat ihre Leichen im Keller und Prügelstrafen waren früher fast überall an Schulen normal. Nur dass sich dass in deutschen Schulen im Ausland noch länger hält, weil es länger dauert, bis der Fortschritt dort ankommt, bzw. man ihn ankommen lässt.

  76. 76
    ABC

    Der Schulleiter scheint zur lückenlosen Aufklärung entschlossen. Der Orden setzen eine Missbrauchsbeauftragte als Anlaufstelle für Opfer ein. Das Sprechen über Sexualität und Machtstrukturen ist für ein großer Schritt nach vorne.

    Es hat hier niemand Lehrer verdächtigt, die jetzt an der Schule tätig sind. Es ging um diese beiden Männer:

    http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/0,1518,674970,00.html

    Zum Missbrauch sagt der für die Kirche tätige Theraupeut Wunibald Müller in dem folgenden Artikel, dass 90 % des Missbrauchs in der Familie geschieht, und selbstverständlich sind, wenn Schulen betroffen sind, nicht nur katholische Lehrer betroffen. Der Artikel differenziert auch sehr klar zwischen Homosexualität und Pädophilie:

    http://www.wir-sind-kirche.de/index.php?id=129&id_entry=991

    Man wird aber fragen dürfen, welche spezifischen Ursachen und Möglichkeiten der Prävention des Missbrauchs es in der katholischen Kirche gibt. Da jetzt auch noch von Priesterkindern die Rede ist, verweise ich auf das Zitat von Wunibald Müller. “……Und es wäre auch eine Form der Prävention, wenn die katholische Kirche dem Einzelnen die Entscheidung freistellt, ob jemand als Priester ehelos lebt oder nicht, wenn sie Frauen zum Priesteramt zulässt……”

  77. 77
    ABC

    Presseerklärung
    “Vollständige Aufklärung im Interesse der Opfer”

    http://www.jesuiten.de/aktuell/index.htm

  78. 78
    christian

    hallo guido, hallo jörg,
    auch ich habe vieles von dem wiedererkannt, was ihr beschrieben habt. Und es ist schon eigenartig, seine alte schulklasse auf diese weise in den medien wiederzufinden.
    @jörg: hat da wirklich jemand gelacht bei der vorstellung in der sexta? und ob dus glaubst nicht, ich habe alle cds von planb.
    spätestens ab der oberstufe kam mir manches komisch vor. aber anders als ihr mit euren eltern konnte ich mit meiner mutter über dieses – und die meisten anderen – themen nie reden. den versuch, den pater s. bei einem klassenkameraden, auch aus dem hohen norden, und mir gestartet hat, haben wir abgewehrt. nach der klassenfahrt an den rhein (lorch?) war der pater dann ja auch bald weg. ich kann mich nicht erinnern, dass der damalige klassenlehrerwechsel in der klasse ein grosses thema gewesen ist.
    ich habe das als kind damals echt nicht kapiert. zumal ich wie jörg evangelisch bin und pater s mich bei meiner konfirmation zuhause besucht hat. ich fand das damals klasse.
    die gcl-veranstaltungen waren mir suspekt, nachdem ich in quinta mal mitmusste. aber neben dem dort bekannten leiter pater r warte ich noch auf weitere outings seitens der damaligen lehrerschaft, siehe diverse blogs weiter oben. die jesuiten haben weggeschaut und gedroht, über das berichtete ja nichts zu sagen. ich habe das damals gemacht. vorwerfbar 1978/79? im rueckblick auf meine schulzeit am ck habe ich dort viel gelernt, den vorfall mehr oder weniger verdrängt und überwiegend gute erinnerungen.
    heute kann ich nur hoffen, dass meine frau und ich unsere kinder so erzogen haben, dass sie sich auch wehren, wenn etwas mit ihnen gegen ihren willen geschehen soll. und es uns erzaehlen!
    wuerde ich in berlin wohnen, haette ich das ck als schule für meine kinder nicht ausgeschlossen.

  79. 79
    Ohnepseudonymgehtsleidernicht

    1992 sieht ein Papst endlich ein, dass die Erde eine Kugel ist; 2010 ein Jesuitenpater, dass die katholiche Kirche an Homophobie leidet und an der nunmehr vor 90 Jahren gegründeten und heute von ihm geleiteten “Elite”-Schule ein zu autoritäres Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern herrscht. Ein Glück, dass das Rad vor der Gründung der Kirche erfunden wurde.

  80. 80
    Ohnepseudonymgehtsleidernicht

    Schade, dass wir nicht in einer Gesellschaft leben, in der Kinder, Jugendliche und Erwachsene frei entscheiden können, wie sie leben wollen – dann gäbe es vermutlich längst keine solchen Schulen (und Familien) mehr.

  81. 81

    @christian: Hallo Christian und überhaupt alle Ex-Mitschüler hier. Ich bin platt, so viele von euch nach 25, 30 Jahren hier zu lesen… ein virtuelles Klassentreffen aus traurigem Anlass.

    Christian, ja, ich kam mir in der ersten Zeit oft ausgelacht vor, das legte sich aber. Ich fand die Zeit am CK tatsächlich okay (Schule halt) und ich glaube, vieles Hässliche ist glücklicherweise an mit vorbeigegangen, eben weil ich kein Katholik war.

  82. 82
    Guido

    Ich sehe gerade dass R. (darf ich sagen Riedel?) laut Spiegel alles bestreitet. Waehrend S. (darf ich sagen Statt?) sich entschuldigt. Riedel war die abartige Pottsau, waehrend Statt sich haette terapieren lassen koennen. Aber das war wohl nicht im Handbuch der Jesuiten vorgesehen.

  83. 83
    micha m.

    ich dachte das es mir nur den heutigen tag verderben wuerde, aber nun werde ich doch eine umfassende schilderung meiner erlebnisse mit Riedel verfassen und den hoffentlich unabhaengigen untersuchungen , die nach dem aufruhr wohl stattfinden werden, schicken. In der hoffnung das der ( ich kenn gar kein passendes wort) noch zur rechenschaft gezogen wird.
    agur

  84. 84
    heidrun

    @Jenny: “Aber eines stimmt: jede Religion hat ihre Leichen im Keller…”
    ja eben nicht nur die religionen. ich finde die vorstellung, die welt wäre ein hort des glücks, wären wir alle atheisten, die bei solchen diskussionen oft unterschwellig mitschwingt (s. kommentar 79), einfach reichlich naiv.
    ein schwein, dass sich an kindern vergreift, ist doch nicht dann ein größeres schwein, wenn es (echt oder unecht) “religiös” ist. da gibt es ein menschliches problem.

    außerdem: zum priester-dasein wird wohl niemand gezwungen. in der katholischen kirche ist das nun mal so. man muss dem verein ja nicht angehören, gibt genug auswahl an anderen obskuren glaubensrichtungen. davon abgesehen, wiederhole ich gerne, dass ich es für eine sehr gewagte, um nicht zu sagen abstruse theorie halte, dass man durch sexuelle enthaltsamkeit pädophil wird.

  85. 85
    Angelika Oetken

    Hallo Johnny Haeusler und ehemalige MitschülerInnen,

    einige von Ihnen berichten, daß Sie damals – als Kinder bzw. Jugendliche – von den Vorfällen gewußt hätten oder “was gehört” hätten.
    Und daß Sie sich jetzt im Nachhinein schämen, daß Sie die Hilferufe der Betroffenen seinerzeit nicht wahrgenommen und ihnen nicht geholfen haben.

    Das ist nachvollziehbar. Aber vollkommen unangemessen.

    Die Einzigen, die derzeit vor Scham in den Boden versinken und anschließend an den Haaren wieder nach oben gezerrt werden sollten (bzw. an den Ohren, sofern sie keine Haare mehr haben) sind die Erwachsenen (Patres, Lehrer, Eltern, sonstwer), die genau wußten, was da vor sich ging und nicht gehandelt haben.

    Ich nehme an, daß viele Betroffene diese Blogs lesen und sich über Beiträge freuen, die Anteilnahme signalisieren. Anzüglichkeiten und süffisante Beschreibungen von Mißbrauchshandlungen sind nur ein Zeichen für den Grad der Verunsicherung der Verfasser und demütigen die Opfer im Nachhinein.

    Aus eigener Erfahrung und der anderer Betroffener kann ich nur sagen, daß es nicht so leicht ist, Mißbrauchern zu entkommen, wenn man einmal in deren Visier geraten ist. Es ist anmaßend von Leuten, mit denen das Schicksal es besser gemeint hat, wenn sie es heute so darstellen, als sei es ihr Verdienst, damals nicht mißbraucht worden zu sein. Oft ist es nur Glück oder Zufall. Bei einer Quote von bis zu 30 Prozent sexuell mißbrauchter Kinder in einer Kohorte kann man nicht mehr davon sprechen, daß bestimmte Merkmale ein Kind zum Mißbrauchsopfer prädestinieren.

    Mehrmals haben SchreiberInnen hier bedauert, daß sexuelle Misshandlung von Kindern in Deutschland verjährt.

    Wer möchte, kann eine Petition unterschreiben, die darauf abzielt, am Europäischen Gerichtshof deshalb Klage zu erheben.
    Infos dazu unter norbert.denef.com/petition

    Ich persönlich freue mich sehr über das große Interesse an diesem Thema und die im Großen und Ganzen sehr sachlichen und respektvollen Beiträge.
    Es ist eine Chance. Denn diesmal sind es nicht “Unterschichtler” (Heimkinder, Sozialwaisen, Trebegänger), über deren Mißbrauch berichtet wird, sondern Absolventen einer Eliteschule.
    Für die öffentliche Wahrnehmung ist das entscheidend.
    Sexueller Missbrauch ist ein “normaler” im Sinne von üblicher Bestandteil unserer Sexualkultur. Und zeigt, wie krank die eigentlich ist.

    Allen Betroffenen wünsche ich Mut, Kraft und Wut. Organisieren Sie sich und lassen sie die Verantwortlichen nicht ungeschoren davon kommen. Schämen dürfen sich ganz andere als Sie.

  86. 86
    Ohnepseudonymgehtsleidernicht

    …abgesehen davon, dass es schon der Gipfel ist, dass laut Herrn Mertes die katholische Kirche unter Homophobie leidet, die nicht-heteronorm lebenden bzw. empfindenden Menschen, die nicht zuletzt wegen der Hetze eines Herrn Ratzinger und seiner Schergen unter Diskriminierung leiden müssen, mit keinem Wort erwähnt werden; und dass er (wenn man sich sein zweites Statement auf der Zunge zergehen lässt) offenbar weiterhin nichts gegen autoritäre Erziehungsmethoden hat. Diese sollen bloß nicht “zu” autoritär sein.
    Die katholische Kirche soll also das Opfer ihrer selbst sein und nicht die Menschen (jenseits von ihr), die unter ihrer Hegemonie zu leiden haben. Geprügelt, gebrüllt und gemobbt wird in Jesuitenschulen in Zukunft freundlicher. Fazit: abgesehen von der Anpassung an das New-Economy-Sprech wollen die Jesuiten sich treu bleiben.

  87. 87
    asolventin

    Als Ehemalige (Abi `84) haben ich und meine Freundinnen zwar persönlich nicht unter den genannten Patres gelitten, aber ich möchte das Bild ein wenig vervollständigen: Gerüchte gab es schon viele zu der Zeit, aber man hat als Schülerin drüber gelacht, Eltern wußten auch einiges, aber es wurde nicht publik.
    Ich empfand die Atmosphäre an der Schule immer als eine angsteinflößende und einschüchternde, geprägt von zum Teil sadistischen und cholerischen Lehrern und Patres, die Äußerungen wie “Ich schlage auch Mädchen”(Pater L.) oder schlimmere verlautbaren ließen.
    In der sexta war ich in der GCL und erinnere mich bis heute an die Gruppenleiter, die uns kleine Mädchen mit anzüglichen Bemerkungen belästigten. Irgendwo muß man ja sein Ventil haben.
    Bin froh über die anstehende Aufklärung, die eine Lawine in der kath. Kirche auslösen wird.

  88. 88
    ganz egal

    @ABC (76): Es gab mindestens noch einen anderen Pater, der nicht im SPIEGEL genannt ist, und über dessen Annäherungsversuche unter Schülern allgemein gesprochen wurde. Er war auch Mitte der 80er noch als Lehrer am CK tätig obwohl man sehr offen über seine Vorlieben redete. Möglicherweise also mindestens 3 Männer, die sich schuldig gemacht haben. Wenn man die anderen Berichte so liest, kann man auf den Gedanken kommen, dass es auch noch deutlich mehr gewesen sein könnten.

  89. 89
    Jenny

    @heidrun: Ich wollte damit keinesfalls sagen, dass es nur die Religösen sind. Und ich glaube auch nicht, dass die Welt ohne Religion besser dran wäre, ganz im Gegenteil. Schwarze Schafe gibt es leider überall. Ich gebe Dir Recht, dass Enthaltsamkeit nicht automaitsch pädophil macht, das ist ein gefährlicher Trugschluss, sonst würde es nicht so viele Fälle geben, wo Kinder von den eigenen Vätern oder Onkeln missbraucht werden. Mein Mann ist selber Opfer von schwerem Missbrauch in der eigenen Familie geworden. Er leidet bis heute darunter, aber zur Rechenschaft gezogen wurde niemand.

  90. 90
    ABC

    @Ohnepseudonymgehtsleidernicht: Sollte man Herrn Mertes nicht wenigstens eine Chance geben? Vielleicht ist er ja doch ein Mensch guten Willens. Jedenfalls war er mir letztes Jahr in der Piusbrüderkrise schon einmal positiv aufgefallen:

    “Es ist eine Frage, die sich auch viele Katholiken stellen, vor allem in Deutschland, der Heimat des Papstes. “Hier herrscht helles Entsetzen”, sagt der Jesuitenpater Klaus Mertes. Er ist Rektor der Gedenkkirche für die Opfer des Nationalsozialismus, “Maria Regina Martyrum”, in Berlin- Charlottenburg. Allein deswegen könne er zu dem Vorgang nicht schweigen: “Entsetzen über Bischof Williamson sowieso. Aber auch über die Entscheidung aus Rom. Es mag sein, dass die Gründe noch nicht kommuniziert wurden. Aber welche Gründe könnten das sein, um Himmels willen?”

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-63947481.html

    Dass er nach Gründen aus Rom fragt, während es BXVI. ist, der für die Piusbrüderentscheidung verantwortlich war und ist, ist natürlich naiv. Tagesimpuls zum Sonntag daher: Sapere aude!

    “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! ”

    http://de.wikipedia.org/wiki/Beantwortung_der_Frage:_Was_ist_Aufkl%C3%A4rung

    Die Hasstiraden von BXVI. gegen Homosexuelle sind in der Tat gruselig. Es lohnt sich wirklich, in den Vortrag von Frau Ranke-Heinemann, auf den ich unter Nr. 67 hingewiesen hatte, einmal reinzuhören.

    Die Gehorsamsmystik der Jesuiten, aus der heraus sie den Kurs von BXVI. mittragen, macht sie in Menschenrechtsfragen dann doch unglaubwürdig. Wer sich für den Kurs von BXVI. entscheidet, entscheidet sich gegen die Meschenrechte von Schwulen und Frauen.

  91. 91
    Jola

    Am CK (1988-1996) ein besonderer Geist. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis war (meist) sehr menschlich. Von Autoritätshörigkeit konnte keine Rede sein. Wir wurden als Menschen ernst genommen wurden und lernten unsere Meinung frei und sachlich (und in angemessenem Ton) zu äußern. In allen Bereichen wurde uns Verantwortungsbewusstsein gelehrt.
    Entsetzt bin ich wenn Pater Mertes von “Homophobie”* spricht und sagt, dass “die Kirche voller Sprachlosigkeit beim Thema Sexualität” sei.
    Es stimmt: Im Bereich Sexualität wurden wir am CK genauso alleingelassen mit dem was “BRAVO” vermittelt, was der Bio-Lehrer erzählt und was das Fernsehen bringt wie Schüler anderer Schulen.
    Sie werden sich wundern, aber: Ich hätte mir eine gute katholische Sexualpädagogik sogar gewünscht und bedaure, dass diese immer als unmodern abgetan wird. Es wäre eine echte Stärke gewesen, uns zu vermitteln, dass unsere Kirche keineswegs zurückgeblieben und unmodern ist. Ich wurde leider von BRAVO aufgeklärt. Mühsam musste ich lernen, dass es nicht normal und ideal ist, möglichst früh möglichst viel Sex zu haben. Ich konnte damals mit keinem Erwachsenen frei sprechen und fühlte mich zurückgeblieben, aber ich kannte biologische und medizinische Fakten und unzählige Sexstellungen.
    Heute habe ich den Mut mit Jugendlichen offen über Sexualität zu sprechen, sie in ihren Fragen ernst zu nehmen. Und ich vermittle ihnen, dass dieses “Kein Sex vor der Ehe” gar nicht so dumm ist, weil Sexualität einen besonderen Schutzraum braucht, Vertrauen und auch Zeit zu wachsen. 40 Jahre nach der sogenannten sexuellen Befreiung sind junge Leute einfach überfordert mit dem was sie sehen und hören und alles was Aufklärung beinhaltet sind immernoch biologische, medizinische und chemische Fakten. Auf ihnen lastet ein unglaublicher Druck. Ich nehme Jugendliche als Menschen mit Körper, Geist und Seele wahr. Das ist für mich katholische Sexualpädagogik: Ihnen zu zeigen, dass sie sich überfordern, wenn sie nur auf ihre körperlichen Bedürfnisse achten, weil Seele und Geist nicht nachkommen, wenn alles zu schnell geht. Deshalb apelliere ich durchaus an junge Paare, das Tempo aus ihren Beziehungen zu nehmen und gut auf sich und aufeinander zu achten. Meist sind sie erstaunt, dass die Regeln der Kirche doch garnicht so dumm sind. Schade, dass das in Deutschland nicht einmal alle Geistlichen erkannt haben. Hier geht es ja nicht um strikte Regeln sondern um praktische Lebenshilfen und um Lebenserfahrung.

    *Und: so schwierig das Thema Homosexualität in der Kirche ist, weil sich eine homosexuelle Beziehung sicher nicht mit Ehe und Familie auf eine Stufe stellen lässt, so ist “homophob” meines Wissens ein Wort, das die Homosexuellenlobby als (unsachlichen) Vorwurf im militanten Kampf gegen die Kirche geprägt hat. Ich finde es dementsprechend nicht so glücklich, wenn Pater Mertes diesen Begriff verwendet, weil darin immer diese kirchenfeindliche Kampfansage mitschwingt. Intolerant waren wir Homosexuellen gegenüber übrigens nicht mehr als andere Jugendliche auch und es gab einige Mitschüler, die wir deshalb nicht ausgeschlossen haben.

  92. 92
    Bernhard

    Danke, Johnny, dass du dieses Thema auf so ehrliche und offene Weise aufgegriffen hast! Ich war selbst in einer kirchlichen – allerdings evangelischen – Jugendgruppe, deren Leiter mit uns sadistische Rituale veranstaltet hat. Außerdem hatte ich das deutliche Gefühl, dass er mit zwei von uns ein besonderes Verhältnis hatte. Mehr hätte ich damals nicht sagen können, denn über Sexualität wurde bei uns nicht gesprochen (ich bin Jahrgang 1956).
    Was die sadistischen Rituale angeht, wussten übrigens alle Eltern und sicher auch der Stadtpfarrer Bescheid. Aber so was hat man damals für normal gehalten.
    Du hast übrigens völlig recht, dass all das heute noch läuft, bloß nicht mehr so offen. Wobei die Täter natürlich selber bedauernswert sind. Was aber gar nicht bedauerns-, sondern verachtenswert ist, sind die Leute, die durch Wegschauen und Verharmlosen solche Tragödien erst ermöglichen.
    Fazit: Wir müssen uns alle immer wieder ermahnen, wachsam zu sein und Zivilcourage zu zeigen, in unserem eigenen Interesse und in dem unserer Kinder.

  93. 93
    Ehemaliger

    @ganz egal (87): Ich bin ganz deiner Meinug. Es gab auch Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre von anderen Patres Annährungsversuche und streben nach körperlichem Kontakt zu Schülern.
    Wir ( oder ich zumindest ) haben diese Dinge damals nicht so eingeordnet. Ich billige den damaligen Patres auch zu, dass es vielleicht wirklich nicht mehr als das weiter oben von mir Geschilderte war, wenngleich es andere Gerüchte gab. Doch auch das ist eben zuviel und zeigt , dass es eben am CK eine lange “Tradition” der Übergiffe gab. Somit sollte man nun auch vor dieser Zeit nicht die Augen verschließen. Die Tradition des Wegschauens bestand über Jahrzehnte.

  94. 94
    Kollege F.

    Schlimmer geht es wirklich immer!!!
    Auch ich war von 1975 bis `83 Schüler dieser öffentlich-unrechtlichen Anstalt CK. Mißbraucht wurde ich persönlich nicht (Glück gehabt?!),aber es war auch so schon übel genug:unter den weltlichen Lehrern fanden sich haufenweise verkappte alte Nazis,deren innere Uhr augenscheinlich auf 1945 stehengeblieben war und die in Gedanken immer noch die Reichshauptstadt gegen die anstürmenden Sowjethorden verteidigen wollten.Mit diesem Konzept kamen sie in der streng antikommunistisch geprägten Atmosphäre der Schule prima durch,und ihre Saat fiel auf erschreckend fruchtbaren Boden bei ein paar stramm rechten Recken aus der Jungen Union, die später zu den Republikanern überwechselten.Einer saß dann sogar für die REPs im Berliner Abgeordnetenhaus, was im Jahrbuch der Schule prompt lobende Erwähnung fand.Bei den Patres konnte man im wesentlichen zwei Gruppen unterscheiden:die distanziert-abgehobenen Zyniker und die cholerischen Psychopathen.Erstere spezialisierten sich darauf,Schüler mit wohlgesetzten Worten in vollständigen Sätzen niederzumachen (“Buchstabier mal Fiedler – ich mach`s Dir vor:N-I-E-T-E!”),letztere neigten chronisch zu Wutausbrüchen. (Ich fand den Giftzwerg kein bisschen lustig,im Gegenteil,mir verursachte dieser Unmensch echte Angstzustände!Ähnlich schlimm war auch der,der mit dem Kassettenrekorder schmiss.)
    Was ich sehr erschreckend finde, ist folgendes: Als ich im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung im eigenen Gedächtnis auf Spurensuche ging,da fielen mir beim Stichwort sexueller Missbrauch ganz andere Top-Verdächtige ein als die jetzt veröffentlichten Namen Peter R. und Wolfgang S. – nämlich Pater Kurt M. und Herr Bernd S. (Johnny, Du darfst natürlich die vollständigen Namen wissen und gegebenenfalls auch löschen,ich meine Michel und Siesmeyer.)Von ersterem vermeldete der Flurfunk ziemlich deutlich, dass er pädophilen Neigungen nachginge, und letzterer musste Anfang der 80er Jahre die Schule verlassen nach einem Vorfall, der definitiv mit dem Thema zu tun hatte.Man darf also echt gespannt sein,wie viele bislang unentdeckte Täter in nächster Zeit noch enttarnt werden.
    An dieser Stelle danke ich allen, die sich hier um Vergangenheitsbewältigung bemühen, auch wenn das Thema so widerlich ist…und ich beglückwünsche ganz ehrlich alle, die die Zeit am CK ohne Traumatisierung überstanden haben!!!

  95. 95
    marcus

    Oh, die Namen purzeln ja und ich weiß nicht, ob dies an dieser Stelle so sein sollte. Ich frage mich gerade, wo wir mit der Gerüchteküche anfangen und was im Moment wirklich verfolgt wird. Wir hatten auch einen Lehrer, der eine Schülerin unmittelbar nach dem Abi geheiratet hat, wenn ich mich recht erinnere und ein beliebter Bio- und Sportlehrer (der mit den Skifahrten) war ziemlich hinter den Mädels her. Normal?
    Natürlich verfolge ich auch die aktuelle Berichterstattung und weiß nicht, was mich im Moment mehr schockiert: die “Entschuldigung” von Pater S. oder aber die Ungeheuerlichkeit, dass Peter R. seine Schuldvorwürfe leugnet, was in meinen Augen eine nachträgliche Verhöhnung der Opfer darstellt.

  96. 96
    pater pius

    Jetzt scheint viel mehr an Mißbrauch und Mißhandlungen ans Tageslicht zu kommen. Mir kommt das Krisenmanagement des CK vergleichbar dem von Egon Krenz am Ende der DDR vor. Dieser hatte auch versucht, sich an die Spitze der Unzufriedenen durch Ablösung Honeckers zu setzen, wurde aber kurz drauf selber entsorgt.

  97. 97
    absolventin

    Mein GCL-Gruppenleiter, der uns 11 Jährige Mädchen mit anzüglichen Bemerkungen belästigte (Sexbombe,etc.), hat während des Studiums den Suizid gewählt, da er mit seiner Homosexualität nicht klarkam, wie mir jetzt aus verlässlichen Quellen berichtet wurde.
    Zu Pater M. kann ich auch nur sagen, dass mir der zuerst einfiel. Er hat mit unserer Klasse Theater gespielt, ich habe da nicht mitgemacht, weiß aber ,dass er ständig zusätzliche nachmittägliche Proben angesetzt hatte, und den smarten Hauptdarsteller in Einzelproben “unterrichtete”. Andeutungen waren im Umlauf!

  98. 98
    ne quid nimis

    Mir geht die Geschichte sehr nahe. War selbst auf einem “humanistischen Elitegymnasium” in den 70er/80ern — und bei uns gab es zwar keine bekannt gewordenen sexuellen Übergriffe, allerdings brutale Zurichtung, Einschüchterung und psychische Misshandlungen. Genau so wie hier geschrieben offiziell mit Aufstehen/Setzen und anderen blödsinnigen Disziplinierungsmaßnahmen, inoffiziell mit gelindem Terror.

    Allein in meiner Klasse gab es bis zur 10. drei Selbstmordversuche. Mein Hass auf Schule und Schulzeit sitzt bis heute tief. Und dabei sollte uns stets die Überlegenheit der abendländischen Kultur eingehämmert werden. Aber genau wie Johnny eingangs beschrieben hat, führte das ganze Konzept auch zu einer gründlichen Politisierung, die gegen jeden Elitegedanken allergisch macht. Weil einige von uns selbständig zu einem Schuljubiläum die “Arisierung” der Traditionsschule während der Nazizeit recherchierten und veröffentlichten, bekamen wir mit dem Abitur endlich das Hausverbot ausgesprochen. Es muss also nicht immer katholisch sein, was autoritär daherkommt. Und: es war ja erst 25 nach Adolf, also noch längst nicht alle Traditionspädagogen in Rente.

    PS: Mich stört weiterhin, dass immer von “Missbrauch” die Rede ist. Es geht um Vergewaltigungen und nicht um den richtigen oder falschen “Gebrauch” schutzbefohlener Kinder.

  99. 99
    Angelika Oetken

    Hallo liebe ehemalige CK-SchülerInnen,

    Danke für Ihre bewegenden, ehrlichen, anschaulichen Beschreibungen. Mir kam auch so manche sehr unangenehme Erinnerung an meine Gymnasialzeit hoch. Lehrer, die Mitglieder der NPD waren und im Unterricht ungebremst und ungehemmt faschistische Plattitüden losließen, psychisch kranke “Womanizer”, die versuchten, sich an Schülerinnen heranzumachen und frauenfeindliche Witzchen herumstreuten, aber auch “aufrechte” LehrerInnen, die ich heute noch als echte Vorbilder in Erinnerung habe.

    Viele von Ihnen berichten davon, daß es offenbar noch mehr übergriffige Lehrkräfte am CK gab (und gibt ?).
    Auch wenn alle ehemaligen SchülerInnen wahrscheinlich sofort wissen, wer gemeint ist (offenes Geheimnis ?) – seien Sie bitte vorsichtig mit der Preisgabe von Daten, die auf die Person des Lehrers schließen lassen.

    Sowas kann schnell in einer sehr unangenehmen Verleumdungsklage enden (auch wenn Sie tausendmal Recht haben).
    Ich weise nochmal darauf hin – die Taten sind verjährt. Es ist juristisch nichts mehr zu machen. Näheres unter “norbert.denef.com”.

    Ein Vorschlag : ich denke, daß Sie sich unbedingt weiter austauschen sollten. Die Vorgänge am CK sind symptomatisch und absolut typisch für unsere Gesellschaft und unser Schulwesen.
    Wie wäre es, wenn Sie die Dinge, die nicht sofort an die Öffentlichkeit dringen sollten (da noch auf der Ebene der Spekulation) privat austauschen ? – Falls es nicht schon längst geschieht. Für den Fall wäre es doch gut, wenn eine/r von Ihnen sich bereit erklären würde, die private Mailadresse als Kontaktadresse anzugeben.

    Im geschützten Rahmen und aus der jetzigen Perspektive kommen wahrscheinlich noch ganz andere Sachen ans Licht.

    Im Namen aller von sexuellen Mißhandlungen Betroffenen (v.a derer, die sich aus psychischen, wirtschaftlichen oder mentalen Gründen nicht oder nur eingeschränkt austauschen bzw. wehren können) wünsche ich mir, daß Sie alle dazu beitragen, daß die “Wahrnehmungsstörung” der Mitglieder unserer Gesellschaft, was das Ausmaß von sexuellen Übergriffen an Minderjährigen angeht, durch die Diskussion über das CK erfolgreich behandelt wird.

  100. 100
    ABC

    @Jola: Lieber Jola, Sie sind die Angehörige einer anderen Generation. Ees ist schön von Ihnen zu hören, dass in der Schule heute ein anderer Stil herrscht, aber die Fortschritte, von denen Sie berichten sind doch von anderen gesellschaftlichen Gruppen (z.B. der Frauenbewegung) Jahrzehnte vorher gegen den erbitterten Widerstand der Katholischen Kirche erkämpft worden. Wenn Sie selbst eine liberale Theologie haben, ist dies auch schön, es ist aber nicht die offizielle Theologie der Katholischen Kirche.
    Hier ein Dokument zur offiziellen Lehre der Katholischen Kirche und der Jesuiten aus 1968:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46056012.html

    http://de.wikipedia.org/wiki/Humanae_Vitae

    Während in 1968 noch einzelne Obere der Jesuiten sich darauf berufen haben, das Papstgelübde sei ein Einsatzgelübde, hat die 35. Generalkongregation in 2008 das Verständnis dieses Gelübdes dahin verschärft, es sei ein Versprechen der Theologie des Papstes zu folgen: Der Gehorsam im Leben der Gesellschaft Jesu Seite 77, Homilie von Franc Kardinal Rode CM (7. Januar 2008) Seite 137, Brief von Papst Benedikt XVI. an den Generaloberen Seite (10. Januar 2008) Seite 146, siehe dazu meinen Kommentar unter Nr. 60 hier,

    Wenn Sie, liebe Jola, sagen, Sie seien Homosexuellen gegenüber tolerant, ist das auch sehr schön, den Lehren des Weltkatechismus zur Homosexualität haben Sie diese Einstellung aber bestimmt nicht zu verdanken, sondern den gesellschaftlichen Entwicklung in den letzten Jahrzehnten.

    Zum Thema Homosexualität in der Kirche verweise ich auf die Memoiren von Rembert Weakland, die ich in meinem Beitrag unter Nr. 10 zu “Bild-Telefonie” erwähnt hatte.

  101. 101
    Thorsten

    Was ich hier lese, bedrückt mich zutiefst, war ich doch selbst von 1992 an an dem CK. Nun weiß ich nicht, ob es Glück war oder ob in dieser Zeit tatsächlich ein anderer Wind wehte. Zumindest sind mir in meiner Schulzeit derartige Vorfälle nicht bekannt gewesen. Klar gab es Gerüchte in Bezug auf die Homosexualität von ein, zwei Lehrern und Patres, aber nicht ein einziges Mal bin ich mit Situationen, in denen Mißbräuche zu erahnen gewesen wären, konfrontiert worden.

    Ich selbst (konfessionslos) habe mich natürlich mit Beginn meiner Schulzeit am CK in einer Welt wiedergefunden, in der Disziplin und Werte stark in den Vordergrund gestellt wurden, jedoch ohne irgendwelche abartige Hilfsmittel zu verwenden.
    Mein erster Lateinlehrer befand es auch anfangs für wichtig, dass wir dem Lehrer Respekt zollten, indem wir bei seinem Betreten des Klassenraums aufstanden und ihn mit “salve magister” begrüßten, allerdings trichterte er uns ab der 6. Klasse dann aber auch wieder ein, diesen Brauch doch bitte sein zu lassen. Ihm ging es lediglich darum, dass man mit Beginn des Unterrichts sich auf die Stunde und den Lehrer konzentrierte – mehr nicht.
    Auch in meiner Zeit, in der ich in der GCL war, stieß ich niemals auf o. g. Situationen, sodass ich besonders schockiert bin, dass nur ein paar Jahre zuvor ganz andere Verhältnisse vorherrschten.

    Doch wie soll es nun weiter gehen? Ich persönlich kenne Pater Mertes sehr gut – sowohl aus dem Schulunterricht, als Rektor sowie auch aus Oasen-Fahrten – um sagen zu können, dass er es mit seiner Offensive sehr ernst meint und mit Sicherheit nur im Interesse der Opfer handelt als im Interesse des Rufs des CKs. Es ist einfach schrecklich, welche Kommentare ich teilweise in den letzten Tagen lesen muss. Als wäre das CK von heute nicht anders als damals, als die Mißbrauchsvorfälle stattfanden.
    Ich persönlich, der nun wirklich keine einfache Schulzeit hatte und mit einem wirklich miesen Abitur abgeschnitten hat, könnte jetzt natürlich auch rumwettern und gegen die Schule Partei ergreifen; aber nein, das will ich nicht! Diese Schule – egal wie sie damals gewesen sein mag – hat sich so sehr verändert! Keine Schule investiert so viel in die Entwicklung ihrer Schüler wie das CK, nirgendwo anders können Schüler und Eltern den Schulalltag so mitgestalten wie am CK.
    Auch die Mär, dass nur reichen Schülern der Besuch am CK sowie ein entsprechend gutes Abitur gestattet sei, möchte ich bestreiten. Es gab in meinem, aber auch in anderen Jahrgängen diverse Schüler, deren Eltern nicht in der Lage waren, das monatliche Schulgeld zu bezahlen. Dieser Betrag wurde ihnen erlassen.
    Heute weht ein ganz anderer Wind im CK – das auch macht das Vorgehen von Pater Mertes erst möglich. Dass jetzt alle Schuld von damals, alle Verantwortung, die nicht er zu tragen hat, an ihm lastet, macht mich traurig.

    Ich habe das CK anders kennengelernt und bin mir auch sicher, dass ebenfalls viele, die mit mir und nach mir das CK besucht haben, ähnlich darüber denken.
    Klar: die schrecklichen Taten von damals müssen aufgearbeitet werden, aber doch nicht auf dem Rücken der Schüler, Lehrer, Eltern und Patres des derzeitigen CKs! Die Schule kann helfen, verstaubte Akten aus den Kellern zu holen, den Opfern beizustehen – niemandem wäre geholfen, die Institution des CKs abzuschaffen.

    Der Mißbrauchsskandal hat aber hoffentlich auch die Wirkung, dass sich auch andere Schulen mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen bzw. ihre derzeitige Lage checken.
    Ich stehe auf jeden Fall hinter Pater Mertes und dem (heutigen) CK, denen ich einfach nur wünsche, dass die wahren Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden und der Schulbetrieb unbekümmert wieder weitergehen kann.

  102. 102
    christian h.

    zuerst mal muss ich musikfreund (56) zustimmen, auch ich habe von den vorfällen in der gcl mitbekommen, es war ja (zumindest unter den schülerInnen) allgemein bekannt, wobei sich die gerüchte teilweise ja auch auf den adlatus des “dicken” bezogen. ich selbst war allerdings nicht betroffen, vielleicht weil auch ich evangelisch war, vielleicht, weil ich mir damals noch nicht vorstellen konnte, gruppenleiter zu werden – vielleicht wollte ich aber auch nicht gruppenleiter werden, weil mir die erzählungen über den initiationsritus (allein mit pater r. auf seinem schoß) unangenehm waren – so gut funktioniert meine erinnerung dann doch nicht mehr.
    woran ich mich allerdings noch ziemlich genau erinnere, war, dass uns allen klar war, aus welchen gründen pater r. vom ck versetzt wurde, und dass es die überlegung gab, sich mit den institutionen, für die er dann jugendarbeit machen sollte, in verbindung zu setzen, was meines wissens aber nie geschehen ist.
    als kleine anmerkung vielleicht noch, dass ich mich später (unter pater lutz) doch noch mehr in der gcl engagiert habe, und ich ihm und den menschen, mit denen ich dort zu tun hatte, unendlich dankbar bin! ohne euch wäre ich nicht der mensch, der ich heute bin.

  103. 103
    mauser

    Nachdem ich in den letzten Tagen über die Vorfälle an besagter Schule las, wurde mir erst gestern klar, daß mich dieses Thema doch etwas unmittelbarer betrifft, als ich zunächst angenommen hatte.
    Als Ehemaliger einer anderen jesuitischen Bildungsanstalt in Deutschland hatte ich ebenfalls das Vergnügen mit den, wie er jetzt sagt, pseudopädagogischen Methoden eines der Beschuldigten nähere Bekanntschaft machen zu dürfen.
    Wenn der Orden tatsächlich seit 1991 vollumfänglich informiert gewesen sein sollte, dürfte es mit dem Willen zur Aufarbeitung ja nicht so weit her gewesen sein.

    Ich selbst habe diesen Vorfall bisher zwar stets als ein reichlich bizarres Beispiel ignatianischer Pädagogik gesehen, das ohne Frage im Widerspruch zum Recht auf eine gewaltfreie Erziehung steht, die erotische Komponente war mir jedoch weniger bewußt. Ich bin mir selbst jetzt bei Neubewertung des Geschehenen nicht klar, ob es sich um die objektive Vornahme einer sexuellen Handlung iSv § 177 gehandelt haben könnte, letzteres wäre aber im Hinblick auf mögliche Fristen durchaus einer gesonderten Betrachtung wert.

  104. 104

    CK 74-82 (evangelisch)
    Hallo Jörg, Christian und all diejenigen, die ich aufgrund der Pseudonyme nicht erkennen konnte oder die das CK zu einer anderen Zeit erlebt haben,

    als ich am Freitag nachmittag die Nachricht aus den Medien erfuhr – einen Brief habe ich nicht bekommen – war ich einfach platt und kurz darauf sehr aufgewühlt.
    Sollte das Vetrauen, das ich in die Schule und ihre Lehrer hatte, und auf dem ja auch ein Teil meines Lebensweges aufgebaut war und ist, nicht gerechtfertigt gewesen sein? Auf die Schnelle fielen mir nicht mal die Namen vieler Lehrer ein. Alles war so weit weg. Mit dem Abitur war Schule und damit auch CK für mich erledigt. Ich war dorthin gegangen, um Abitur zu machen und gut gebildet studieren zu können, um meinen Traumberuf zu erlernen, den ich heute sehr zu meiner Zufriedenheit ausübe.
    Nie wieder hatte ich Verlangen nach einem Wiedersehen, also Ehemaligentreffen. Ich wollte nicht erleben: mein Haus, mein Auto, mein Swimmingpool…
    Jetzt aber geht es nicht um Materielles, sondern um gemeinsame Sorgen.
    Seit Freitag verfolge ich nun die Zuschriften hier und bin jetzt erst in der Lage mich selbst zu äußern. Ich empfinde es als einen Glücksfall, dass durch dich Jörg als Ehemaliger, zudem aus meinem Jahrgang, diese Möglichkeit hier zur Verügung steht.
    Ich habe von all dem vorgenannten nichts mitbekommen, nicht einmal gerüchteweise. Der geschützte Raum Schule, als heile Welt habe ich ihn nie empfunden, hatte für mich nie die Bedeutung wie mein Elternhaus. Ich wußte recht früh, wie die Realität draußen aussah (Krankheit und Tod).
    Ich habe dafür aber auch nicht nur Verständnis bei den Lehrern geerntet, wenn doch auch von einigen Lehrern dafür um so mehr. Ich hoffe sehr, dass diese Lehrer keine Mitwisser waren.
    Ich bin traurig für meine ehemaligen Mitschüler, die traumatisiert aus dieser Schule in ihr weiteres Leben geschickt wurden.

  105. 105
    ABC

    Der Missbrauchsskandal betrifft möglicherweise auch St. Blasien. Der jetzt geständige Jesuitenpater hat in den 80-er Jahren am Jesuitenkolleg in St. Blasien unterrichtet, wie dessen Direktor Pater Johannes Siebner heute sagte.
    “Ich muss davon ausgehen und gehe davon aus, dass es durch ihn auch am Kolleg St. Blasien Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben hat.”

    Quelle:

    http://www.badische-zeitung.de/st-blasien/missbrauch-skandal-betrifft-auch-st-blasien

  106. 106

    Liebe Schreiber/Innen, Ich sehe es so, dass nach Ihrem mutigen Nachvornegehen mit diesen so verstörenden Erlebnissen und der hier stattfindenden Diskussion ein Dammbruch einsetzen wird:
    Ich weiß aus der Geschichte eines Freundes, der zwei sogenannte deutsche Elite-Internats-Schulen in den 50ern besuchen musste, wie sehr er bis heute unter den schwersten Demütigungen und Ausgrenzungen bis hin zur Zerstörung seines Selbstwertes, begangen durch die damaligen Elitelehrer leidet.
    Er konnte sich seinen Eltern aus Scham nicht offenbaren.
    Vielleicht wird Ihr Mut die vielen festverschlossenen Schleusen öffnen und den Schmerz und die Scham jener leichter machen, indem sie, auch wenn all dies lange zurückliegt und nicht mehr justiziabel ist, sich ermutigt durch Ihr Beispiel zu Wort melden.
    Hochachtungsvoll E. Krämer

  107. 107
    Miguel

    (CK 82-91)
    Hallo alle Ehemaligen!
    Ich möchte ein paar allgemeine Dinge zum CK aus meiner Sicht schreiben. Dabei möchte ich nichts zur Missbrauchsproblematik beitragen. Denn ich kann ganz klar sagen, ich höre davon jetzt zum ersten Mal. Natürlich gab es kauzige Lehrer (die an staatlichen Schulen wohl gar nicht hätten unterrichten können, ich sage nur Fächerkombination Sport/Sport), denen man zur allgemeinen Belustigung so manches nachsagte, und einige skurrile Patres, von denen man aber z.T. kaum mehr etwas mitbekam, auch weil es kaum noch Unterricht von ihnen gab. Aber das was man jetzt hört, … nein, keine Ahnung. Anscheinend war die Überlieferung in den Jahren zwischen Johnny und uns weitgehend abgebrochen, obwohl ich durch Geschwister von Freunden noch die (teilweise) reinen Jungsjahrgänge kannte.
    Letzteres passt zu meiner These: in den Jahren vor uns hatte sich einiges zum Guten verändert. Wenn ich meine Erinnerungen mit denen von Johnny und anderen hier vergleiche, kann ich folgendes sagen: Bei uns ging es in der Gesamtheit weder seitens der Schüler noch der Eltern sehr elitär zu. Berufe der Eltern spielte keine besondere Rolle. Ernsthafte Ausgrenzung gab es kaum. Die wenigen, die wegen Problemen (mit Lehrer) das CK dann vielleicht mit Groll verließen, waren unter den Schülern immer noch relativ gut integriert und wurden auch von der Lehrerschaft doch relativ fair behandelt. Das alles machte doch für mich und andere das Bild der Schule aus, an der man vielleicht noch am ehesten bemängelte, dass alles ein wenig zu viel Friede, Freude, Eierkuchen war.
    Was die Lehrer angeht, so gab es gute, mittelmäßige und schlechte, wie überall, nur dass sie es am CK sicher viel leichter hatten als an anderen Schulen mit weniger Eierkuchen. Die ganz schlechten wurden (in erster Linie durch die Schüler) manchmal sogar erfolgreich entfernt, freundlich aus dem Dienst in der eigenen Klasse, wenn sie eigentlich ganz lieb waren, oder richtig (vielleicht erinnert sich jemand an die AVF).
    Wir wurden auch nicht zu wirklich nennenswerten Dingen gezwungen.
    Auch die GCL war harmlos und die in der derzeit zuständigen Patres eher eine erfrischende Abwechslung. Ich erinnere mich gut an die damalige Anti-JP II-Stimmung. Ja, “žKuschelgruppe” sagte man, aber das bezog sich doch eher auf noch mehr Eierkuchen. Als ich davon auch genug hatte und es mit zu esoterisch wurde, ging ich halt nicht mehr hin.
    Aber eines möchte ich sagen: Es dauerte nicht lange, wenige Jahre nach unserem Abi, dass ich das Gefühl bekam, dass ein Teil der guten Entwicklung sich wieder zurückzudrehen begann. Ich vermute, dass der Umzug der Bundesregierung etc. dazu einiges beigetragen hat.
    Tja, die goldenen 80er in Westberlin … Aber gut, dass dann die 90er kamen, … ohne CK.

  108. 108
    Wolfgang

    Ein Freund besuchte als Jugendlicher ein katholisches Internat (in Westdeutschland). Als Erwachsener reagierte er aggressiv und auch gewalttätig auf religiöse Menschen. Er benötigte psychotherapeutische Behandlung und Medikamente. Über seine Missbrauchs-Erfahrungen konnte er nicht sprechen. Sein soziales Leben wurde (dauerhaft) schwer geschädigt.

  109. 109
    Ansgar

    Hallo Guido, hallo Johnny, hallo Christian und andere,

    auch ich war in der Zeit von 1974-1982 am Canisius, und ich habe vor 10 Tagen den betreffenden Brief erhalten und mich sofort erinnert – an die Geschichte mit Kerzen und Onanie, was wir vor der Schule stehend besprachen, an Erklärungen über Sexualität an einem Nachmittag in der MC-Burg, die mir komisch vorkamen, heute würde ich sagen, schlüpfrig, oder wie manche Patres den Jungen auf Fluren, in oder vor Klassenräumen auf eine Art begegneten, die eine Mischung von unerbittlicher autoritärer Strenge und nahem körperlichen Herankommen an Mitschüler war. Wegen dieser “žkomischen” Empfindungen, ohne es mit 12, 13, 14 Jahren, reflektieren zu können, hatte ich mich damals von Riedel und Statt und auch von anderen ferngehalten. Außerdem hatte ich das Glück, in einer anderen katholischen Jugendorganisation in meiner damaligen Pfarrgemeinde eingebunden gewesen zu sein, wo es viel um Selbstbestimmung und Aufbruch ging, und diese Aktivitäten haben mich mitgeprägt, und das positiv. Wäre ich nicht dort gewesen, wer weiß, vielleicht wäre ich damals in der GCL gewesen und hätte ähnliche Erfahrungen gemacht, wie bisher genannt. Soweit ich in Artikeln lese, spielte es sich genau in unseren Jahrgängen ab, unserem, nach uns, vor uns und auch noch einige Jahre vor uns. Die GCL war mir zum damaligen Zeitpunkt suspekt, aber der Geist, selbst offen Meinungen ausdrücken oder gar nein sagen zu können, war mir damals nicht vermittelt worden.
    Ein anderes Detail: Weltweit erscheinen in der Presse Berichte über das Canisius, ob in den USA, England und anderswo. Ganz besonders in Lateinamerika wird auf dem ganzen Kontinent massiv berichtet, vermutlich wegen der dortigen starken Verbundenheit zur katholischen Tradition und der bedeutenden Rolle, die die Jesuiten dort in positiver und negativer Hinsicht spielten. Die dortigen Journalisten recherchieren offensichtlich online und übersetzen aus den deutschen Artikeln ins Spanische, denn Inhalt und Ton sind den deutschen Berichten ähnlich.
    Auf alle Fälle muss und wird sich die katholische Kirche — insbesondere nach den Ereignissen in Irland, den USA und anderen Ländern — zu Pädagogik, Sexualität und Jugendarbeit positionieren, hoffentlich positiv.
    Danke an Johnny, der du als erster in deinem Beitrag so ausführlich gesprochen hast.

  110. 110

    Kp ob das schon vor mir wer gefunden hat:
    Unter http://www.bz-berlin.de/bezirk/tiergarten/canisius-warum-schwiegen-alle-article719393.html
    auf der BZ-Homepage steht folgendes:

    â–º Schon damals gab es immer wieder Gerüchte über sexuelle Übergriffe. Ein ehemaliger Schüler schreibt im Internetblog “žSpreeblick: “žWir wussten damals alle was in der Burg abgeht (“¦), Lehrer, Schüler und auch der Direktor Z.” Aber: Niemand begehrte auf.

    Wo steht das hier? Habs iwie ned gefunden.
    :)

  111. 111
    Sam Cartwright

    CK 70 – 79

    Liebe Mitschüler,

    vielleicht ist das hier tatsächlich ein eng gestecktes “žGenerationsding”. Die von Euch, die in den 80ern auf dem CK waren, sind in Wirklichkeit auf eine andere Schule gegangen. Anfang der 70er war das CK eine Schule mit alten Männern, die fast alle in die “žFeuerzangenbowle” gepasst hätten, 30er Jahre Pädagogik und einer relativ konkreten Vorstellung, welche Vorlieben, Interessen, Eigenschaften “žanständige Jungen” zu haben hatten.

    Pater Scharfenberger (Englisch) gab uns schon mal den Ratschlag, das Verb to push eher nicht zu verwenden, da es ihn an das Urinieren weiblicher Personen erinnere (hat er das tatsächlich gesagt ?) J. M. Schmutte (den Du, Johnny, ja auch noch genießen durftest — vermutlich das letzte Fossil des ancien régime) erzählte, am Steglitzer Gymnansium habe ein Junge einmal eine unanständige Zeichnung gemacht, “žund am nächsten Tag war der weg”.

    So war das. Sexualität als Unausprechliches oder in Verbindung mit uns nur als schmutziger Witz denkbar. Sex gab es in der Ehe, und das war später, viel später und tauchte in der Lebenswelt des “žKlassenvaters” ja sowie nicht auf.

    Und dennoch fand in den Siebzigern am CK so etwas wie eine Epochenwende statt. Ihr werdet Euch erinnern, dass auch in der Berliner KSJ die winds of change ordentlich in die Segel bliesen. Riedel und Statt waren da vielleicht nicht federführend oder in allervorderster Front, aber sie waren eben doch Teil einer Generation junger Patres, die sehr wohl von 68 geprägt waren, die versuchten, den alten Mief und seine Tabus rauszukehren, die uns Fragen stellten und auswendig gelernte Antworten nicht akzeptierten. Das waren Typen mit einem Missionsdrang, mit Elan, mit der Gewißheit, ausreichend Substanz vermitteln zu können. Ich habe mit dem irgendwie charismatischen Klaus Okonek mehrere Fahrten mitgemacht, die aufregend, fordernd und mit der Begeisterung der Betreuer eine höchst unkonventionelle Dynamik aufwiesen. Die Beatmessen mit Jo Reille, später die Kurkorrekturen mit Hannes Wrembek, “žLupo” Ulbricht – und eben Wlfgang Statt. Ich würde heute sagen, dass sie es tatsächlich schafften, so etwas wie Aufbruchsstimmung, zumindest aber eine Art esprit de corps zu vermitteln.

    Peter Riedel war eben auch ein Produkt dieser Generation. Im Tagesspiegel vom 30.01.10 heißt es “žSie mochten den Pater, der die Schüler duzte”. Ich bin sicher, ich bin nicht der einzige, der den Fehler bemerkt hat. Daß Riedel uns das “žDu” anbot, also gegen alle hierarchische Konvention ein programmatisches Zeichen setzte, scheiterte nur daran, dass wir einfach zu unreif waren, dass automatisch mit dem “žSie” sofort jeder Respekt über Bord ging. Daß Riedel dann im Religionsunterricht und ergänzend dazu an “žWochenendseminaren” Fragen zu unserer (damals eher noch nicht besonders artikulierten Sexualität — seine zweite Fehleinschätzung) thematisierte, will ich mal neutral als genau den Versuch interpretieren, mit der Kultur des Unaussprechlichen zu brechen, eine eigene Sprache zu finden und bei unserer Entwicklung realitätsnahe Hilfestellung zu leisten. Mag sein, dass auch hier schon der Verdacht einer überproportionierten Fixierung auf eine bestimmte Thematik nahe lag, aber so weit, so gut.

    Das alles passierte mehr oder weniger im Klassenverband, wo wir vieles einfach weglachten (tatsächlich waren wir einfach zu jung, zu blöd, zu pubertierend, um überhaupt eine sinnvolle Debatte darüber führen zu können.). Und dann — ein bisschen später — die GCL-Gruppenleiter Einzelgespräche. Ich will ihm da nicht einmal Vorsatz unterstellen, aber er kam ja aus dem selben Verein, und was weiß ich, wie es mit der Sexualität eines Dreißigjährigen, zölibatär Verpflichteten aussieht. Vielleicht war es der Kick, der Zugang zu einer eben sehr privaten Intimität über die institutionelle Machtposition, Allmachtsphantasien, als er merkte, dass man Kinder psychotechnisch, über suggerierte, schuldüberfrachtete, scheinbare Komplizenschaft nach Belieben (und vermutlich mit zunehmendem Geschick) manipulieren konnte.

    Es geht aber nicht darum, dass hier etwas “žaus dem Ruder lief”, sondern es geht um des Vorwurf des “žsystematischen” Missbrauchs. Und “žsystematisch” heißt andauernd, über Jahre hinweg, und dann möglicherweise auch noch später woanders. Kein Innehalten, kein “žWas-mach-da-eigentlich”, sondern eher die Verfeinerung und Perfektionierung der eigenen Manipulationstechniken.

    Ich hoffe, Peter Riedel, dass Du die letzten Tage sehr intensiv mit Deiner eigenen Darstellung, verbracht hast. Ein “žmea culpa, mea culpa, mea maxima culpa” wird da nicht reichen. Ich hoffe, dass Deine Antworten einigermaßen intelligent, sensibel und eloquent sind. Denn, wo immer Du bist, wird jemand vor Deiner Tür stehen und Dich fragen. Und wenn Du Glück hast, sind die vom SPIEGEL oder Tagesspiegel, wenn Du Pech hast, ist es die BILD. Und dann wirst Du immer noch denen von uns, die es betrifft, antworten müssen. Und das ist die etwas schwierigere Aufgabe.

  112. 112
    Angelika Oetken

    Hallo,
    “Sam Cartwright” und andere haben die Atmosphäre an der Schule und die Qualität der Beziehungen von Peter Riedel zu den Schülern sehr anschaulich dargestellt.

    So wie Herr Riedel beschrieben wird, wäre er auch dann als Mensch gescheitert, wenn er gar nicht erst Priester geworden wäre.

    Ob und wie jemand Manipulation einsetzt, um im zwischenmenschlichen Bereich seine Interessen durchzusetzen ist abhängig von der persönlichen Grundstruktur. Und die entwickelt sich nicht erst im Priesterseminar.

    Die Grenze zum Pathologischen hin ist dabei fließend. Gerade die “Eloquenten” und “Intelligenten” sind da besonders gefährlich, weil effektiv.

    Für Kinder und Jugendliche schwer zu durchschauen.

    Die Frage, die ich mir stelle ist, warum das innerhalb der Bruderschaften nicht herauskommt. Immerhin lebt man lange und eng zusammen. Stellt sich viele ethische Fragen.

    Evtl. weil der eloquente, intelligente Manipulator eigentlich erwünscht ist?

    Besonders als Anführer für die etwas klügeren, kritischeren Schafe?

    Dumm gelaufen in diesem Fall.

  113. 113
    Angelika Oetken

    Hallo,
    “Sam Cartwright” und andere haben die Atmosphäre an der Schule und die Qualität der Beziehungen von Peter Riedel zu den Schülern sehr anschaulich dargestellt.

    So wie Herr Riedel beschrieben wird, wäre er auch dann als Mensch gescheitert, wenn er gar nicht erst Priester geworden wäre.

    Ob und wie jemand Manipulation einsetzt, um im zwischenmenschlichen Bereich seine Interessen durchzusetzen ist abhängig von der persönlichen Grundstruktur. Und die entwickelt sich nicht erst im Priesterseminar.

    Die Grenze zum Pathologischen hin ist dabei fließend. Gerade die “Eloquenten” und “Intelligenten” sind da besonders gefährlich, weil effektiv.

    Für Kinder und Jugendliche schwer zu durchschauen.

    Die Frage, die ich mir stelle ist, warum das innerhalb der Bruderschaften nicht herauskommt. Immerhin lebt man lange und eng zusammen. Stellt sich viele ethische Fragen.

    Evtl. weil der eloquente, intelligente Manipulator eigentlich erwünscht ist?

    Besonders als Hirte für die etwas klügeren, kritischeren Schafe?
    Damit die immer brav mitlaufen – aus Angst oder aus Überzeugung.

    Dumm gelaufen in diesem Fall.

  114. 114
  115. 115

    @Barbara: Hallo Babschi, hallo Christian, hallo Guido, hallo Ansgar und natürlich Johnny und alle anderen Anonymen,
    genau wie Du Babschi, hoffe ich erstmal dass die wenigen Guten nicht auch Mitwisser waren oder alles als harmlos eingestuft haben wie wir damals. Jedenfalls gab es für mich – und ich war immer weit genug weg von der Burg und Jungsklassen – keinen Anlass zu glauben dass die merkwuerdigen Verklemmten tatsächlich mehr taten als schräg und anzüglich mit sexuellen Themen umzugehen so wie die heterosexuellen Nicht-Priester: Gut in Erinnerung dürfte allen Betroffenen der widerlich geifernde Sportlehrer K. sein und auch sein blondes Pendant war ja nicht ganz ohne. Und die Geschichte vom C. und seiner Schülerin ist ja oben schon zitiert.

    Umso mehr schockt mich das wirkliche Ausmaß und die Tatsache das Ihr Betroffenen 35 Jahre mit all dem für Euch klar kommen musstet, ohne Aussicht auf Gerechtigkeit. Wehrt Euch jetzt! Sprecht es aus! Wir sind auch für Euch da, sprecht mit uns!

    P.

    PS Ich bin inzwischen sogar sowas wie Profi für Traumata.

  116. 116
    B.R.

    Ich begrüße den Mut des Wolfgang S. sich wenigstens im Nachhinein zu seiner kriminellen Schuld zu bekennen, auch wenn er juristisch nichts mehr zu befürchten hat. Ein großer mutiger Schritt für jemanden der dressiert wurde genau diesen Schritt nie zu tun. Es wäre nie so weit gekommen wenn er nicht von der Lügenmischpoke bis ganz oben zum “Heiligen Vater” gedeckt worden wäre. Es ist ein winziger Schritt, aber einer in die richtige Richtung, auch wenn man nichts mehr ungeschehen machen kann.

    Ich würde mich nicht wundern wenn es jetzt endlich private Abrechnungen gäbe mit den anderen Feiglingen, die sich verstecken und auf unschuldig und ahnungslos machen. Niemand ist unauffindbar, meine Herren “Patres” und “Fratres”; you can run but you can’t hide, und manche Menschen schlafen immer noch nicht. Manche sind von euch für’s Leben verkrüppelt worden.

    Hat sich eigentlich mal jemand die Frage nach dem Namenspatron der Anstalt der heiligen Väter gestellt?

    1628 wütet die Pest in Augsburg während der katholische “Gottesmann” Petrus Canisius öffentlich gegen “Hexen” hetzte. Ein klerikaler Brandstifter mit Blut an den Händen. Was für ein Hohn, wenn man dieses mit den Kernthesen der christlichen Kirchen vergleicht.

    Wen wundert das Erbe bei solcher Doppelmoral.

    Viel Elend hätte vielen Kindern erspart bleiben können wenn endlich das von Hitler eingeführte Reichskonkordat abgeschafft würde. Es steht in diametralem Gegensatz zum Grundgesetz und ist in jeder Hinsicht illegal und mit republikanischem Selbstverständnis nicht kompatibel. Selbst jeder Atheist subventioniert zwangsweise das Pfaffentum durch seine Steuern, ob er will oder nicht. Auch ohne Kirchensteuer!

    Religion ist Privatsache, und sonst gar nichts.

    Nehmt dem Klerus ENDLICH die Macht!

    P.S. Wen interessieren irgendwelche vatikanischen “Untersuchungsgerichte” in Italien. Es ist in Deutschland passiert, Deutsche Gerichte sind zuständig und in Deutschland wird Recht gesprochen nach dem Strafgesetzbuch das für solche Verbrechen zuständig ist. Bei Offizialdelikten ist die Staatsanwaltschaft sogar verpflichtet zu ermitteln. Man lasse sich das mal auf der Zunge zergehen.

  117. 117
    ThomasW

    Ebenfalls ein Ehemaliger, aus einem der Jahrgänge über euch. Ich hätte einiges zu schreiben, auch aus eigener Betroffenheit, aber im Moment bin ich nach den letzten drei Irrsinnstagen wegen dieser Sache zu müde dafür, ich hole das aber nach.

    Aber eine Anmerkung, die mir wichtig ist: bitte verwechselt nicht Pädophilie mit Homosexualität. Beide Täter sind nicht homosexuell, Wolfgang S. ist inzwischen verheiratet und hat Familie (ist/war im Internet nachzulesen), Peter R. hat auch Mädchen belästigt, wenn er die Gelegenheit hatte, wie ich in zwei Gesprächen erfahren habe (und wohl auch in Hildesheim, wenn man der BZ-Meldung aus 107 glauben möchte) – R.s und St.s Missbrauchsgeschichten sind keinen fehlgeleiteten oder unterdrückten homosexuellen Neigungen entsprungen.

    Es hat mich ziemlich (und zusätzlich) geärgert, dass auch Mertes das nicht kapiert hat, und in einem Interview die Taten in einen Kontext zur Homophobie der Kirche (ist zwar richtig immer wieder mal darauf hinzuweisen, aber nicht wegen R. und S.) gestellt hat.

    Soweit erstmal

  118. 118

    @BZ: Ein Teil davon findet sich in Kommentar #56, korrekt zitieren tut die BZ nicht. Deshalb und sowieso:

    Bitte denkt alle daran, dass dies ein öffentliche Website ist. Einige Medien zitieren aus dieser Diskussion mit den hier von euch verwendeten Namen, wer also anonym bleiben möchte, sollte sich ein Kürzel zulegen. Auch mit Beschuldigungen und Namensnennungen ist doppelte Vorsicht geboten, wenn man sich nicht wirklich sicher ist. Wir sind als Betreiber der Site auch für die hier von euch veröffentlichten Sätze verantwortlich und können natürlich nicht alles überprüfen. Ich bitte daher einfach nur darum, dies hier nicht zu einem Tribunal oder Ersatz für Polizei- und Schulleitungsarbeit werden zu lassen.

    Auch wenn das Thema aufwühlt: Beschimpfungen, Beleidigungen oder gar der Ruf nach Rache rücken kein versautes Leben wieder zurecht, machen keinen Selbstmord ungeschehen und drehen die Zeit nicht zurück.

    Danke daher für die Sachlichkeit und Gewissenhaftigkeit, die fast alle trotz Wut und Trauer an den Tag legen.

  119. 119
    Sam Cartwright

    @Angelika OetkenDie Frage, die ich mir stelle ist, warum das innerhalb der Bruderschaften nicht herauskommt. Immerhin lebt man lange und eng zusammen.
    :
    Das ist die nächste Ebene. Was war mit Euch, die Ihr ja aus dem gleichen “Jahrgang” wart (einen anderen gab es nicht mehr, auch wenn Ihr Euch alle vom “Ordensformat” verabschiedet habt). Habt Ihr nie gefragt, was macht der da, was läuft da ? Von den Schmuttes, Manieras, Roszyks, Längers war ja wohl nicht die konstruktiv-kritische Hilfestellung zu erwarten. Aber Ihr ?

    Mein Patenkind (Vater Klassenkamerad) hat sich im Januar für die Aufnahme im CK beworben. Es waren Typen wie Du, Johannes Wrembek, die das ganze für mich ins Positive relativiert haben, Ihr habt uns älter werden sehen, und Ihr wusstet, wann wir alt genug waren für die richtigen Fragen. Ihr wart das Gegenmodell, Ihr wart Kumpel und Führungsoffizier und eben genau der Gegenentwurf zum Kolleg der alten Männer (an dieser Stelle – danke für Alles – Johannes Wrembek, du warst ein toller Lehrer, Typ, Vertrauter), aber Wolfgang Statt und Peter Riedel waren welche von Euch, Euer Jahrgang, die Jungtürken bei der SJ. Habt Ihr, was wir irgendwie wussten, nicht mitbekommen ? Kein “laß die Jungs in Ruhe, sonst gibt es eins in die Fresse”? Oder gab es das 11-Freunde-Prinzip bei Euch auch nicht ? (Wir wussten ja, daß sich Maniera, Schmutte, etc. siezten – als Ordensbrüder und Kampfgenossen!). Keine Schuldzuweisung, aber echte Frage. Zudem wart Ihr in der besseren Position, die relevanten Alarmglocken zu läuten.

  120. 120
    Jola

    @ABC: Ja, zu meiner Zeit (ab 1988) herrschte am CK ein anderer Stil als früher aber ob es ein Fortschritt ist, dass die Schule vieles von dem, was die sogenannte sexuelle Befreiung gebracht hat kritiklos angenommen hat? Ich habe mich als Jugendliche was das angeht überfordert und alleingelassen gefühlt, weil es in der Sexualaufklärung am CK eben nur um Verhütungsmethoden u. ä. ging. Modern – wie an jeder anderen Schule, aber es geht am Menschen vorbei, weil wir Körper, Geist und Seele sind. Ich kannte sämtliche Sexstellungen und fühlte mich zurückgeblieben. Sex schien das wichtigste im Leben zu sein, nur ich hatte noch keinen Freund! Komplexe, die man bekommt, wenn man auf die Lektüre von Bravo angewiesen ist und kein Erwachsener den Mumm hat, einem etwas anderes zu vermitteln.
    Es ist das andere Extrem: Früher wurde über Masturbation gewettert, heute scheint im sexuellen Bereich alles zu gehen – nur normal ist nicht normal… Auch zu meiner Schulzeit stand uns keiner bei unseren Fragen zur Seite.
    Ich möchte klarstellen, dass meine Theologie keineswegs “liberal” ist, sondern durch und durch katholisch (was für mich weder weltfremd noch verbissen bedeutet). Je mehr ich mich (nach der Schulzeit) mit dem Katechismus beschäftigt habe, desto menschenfreundlicher fand ich ihn und ich finde es schade, dass viele Deutsche Katholiken (Pater Mertes evtl. eingeschlossen) ihre eigene Kirche nicht mehr verstehen, teils weil früher soviel Schindluder getrieben und gedroht wurde, teils weil heute vieles verkürzt dargestellt wird. Auch die Enzyklika “Humanae Vitae” scheint mir übrigens zu unrecht verschrien…

    Wenn P. Mertes sagt, dass sich «die Lehre der kath. Kirche zur Sexualität so weit von den realen Fragestellungen, auch junger Menschen, entfernt, dass sie mit den realen Erfahrungen praktisch nichts mehr zu tun hat, dann führt das die junge Generation zu ganz großen Teilen in eine Sprachlosigkeit.» irrt er meines Erachtens: Sprachlos sind zuerst die Alten den Jungen gegenüber, was eine Katastrophe ist und zweitens hätte die Kirche modernen Jugendlichen durchaus einiges zu sagen, was diese auch hören wollten, weil ihre Lehre sie mit ihren Fragestellungen ernstnehmen könnte. Wir können aber als Katholiken nur überzeugend auf die junge Generation wirken, wenn wir selbst überzeugt sind. Wenn wir unsere eigene Kirche nicht verstehen wollen und sie verteufeln, dann sind wir wahrlich sprachlos und wir müssen zusehen, wie wir auch gesellschaftlichen Fehlentwicklungen nichts mehr entgegenzusetzen haben.
    Dabei habe ich gerade am CK (zumindest in anderen Bereichen) kritisches Denken gelernt. Wenn sich hier die Kritik nur gegen die Kirche wendet und dafür kritiklos hinnimmt, was es an gesellschaftlichen Neuerungen im sexuellen Bereich gibt, dann Gnade uns Gott…

  121. 121
    machmalhalblang

    ja, es gab missbrauch am ck in den 70er und 80er Jahren.
    Aber bevor hier alles verteufelt wird, was keinen atheistischen heiligenschein auf dem kopf hat:
    1. Ist das ck heute (eigene erfahrung) sehr weltlich, es gibt c. 7 unterrichtende Patres.
    2. Ist es auch eine verhältnismäßig gute schule und die ignatianische pädagogik endet nicht nur in missbrauchsfällen, sondern auch im Erlernen von sozialer Verantwortung, Reflexion und dem Hinterfragen von Normen.
    3. @ne quid nimis: vergewaltigung wars nach allen berichten, die ich gelesen habe nicht: keiner wurde in den busch gezerrt, gefesselt, eingesperrt etc. Das macht natürlich keine Tat besser.

    Das Problem an der Diskussion hier, wie auch in der Diskussion in anderen Medien ist, dass die Ursache des Falls immer an der Schule gesucht wird: zu autoritär, zu elitär, zu katholisch…
    Das CK ist eine Schule.
    Wär die Diskussion an einer anderen Schule auch so intensiv und so in den Medien vertreten?

  122. 122

    @Sam Cartwright: Gute und wichtige Fragen in der Tat. Ich würde dennoch darum bitten, mit Namensnennungen etwas sorgfältiger umzugehen, siehe oben, es ist eine öffentliche Site und es sind einige tausend Leute pro Tag auf der Seite. Nicht jeder, der an der Schule war (oder ist), hat etwas mit den Vorgängen zu tun, und niemand davon ist froh darüber, wenn morgen sein Name in der Zeitung steht oder selbige vor seiner Tür.

    @machmalhalblang: Ich verstehe den Wunsch nach Mäßigung. Und ich glaube, die Reformen, die es offenbar an der Schule gab, wurden durchaus erwähnt. Es ist dabei aber nicht allein die Tatsache, dass es Missbrauch gab, die viele so aufwühlt, sondern die Erkenntnis, wie systematisch diese Verbrechen offenbar über lange Zeit durchgeführt wurden. Das war meiner Meinung nach nur in einer so “geschlossenen Gruppe” wie einer Ordensgemeinschaft machbar, und natürlich gibt das den Vorgängen noch einmal eine weitere Ebene.

    Eine Ebene, bei der man sich fragen muss, wer denn noch Täter war neben den Tätern: Unterlassene Hilfeleistung, noch dazu bei Schutzbefohlenen.

  123. 123
    SaScha

    Direkt dazu: “Es ist dabei aber nicht allein die Tatsache, dass es Missbrauch gab, die viele so aufwühlt, sondern die Erkenntnis, wie systematisch diese Verbrechen offenbar über lange Zeit durchgeführt wurden. Das war meiner Meinung nach nur in einer so “geschlossenen Gruppe” wie einer Ordensgemeinschaft machbar, und natürlich gibt das den Vorgängen noch einmal eine weitere Ebene.”

    Das ist eben die Frage. Waren die Jesuitenkommunitäten in den 70er Jahren noch die “geschlossene Gruppe” wie in den 50ern oder vielleicht heute wieder? Wieviele interne Konflikte gab es in der Umbruchszeit nach dem Konzil (als praktisch in der ganzen katholischen Kirche ein regelrechter “Bürgerkrieg” herrschte!) auch innerhalb der einzelnen Kommunität? Und kann es sein, dass das “Wegsehen” der älteren Jesuiten (inkl. Z. und dem jeweiligen Rektor) auch damit zu tun hatte, dass die interne Kommunikation aus ganz anderen Gründen völlig gestört war? Sams Beiträge geben da, glaube ich, schon ziemlich gute Hinweise in diese Richtung. Da liegt der Schlüssel, nach meinem Eindruck.

  124. 124
    St. Blasien

    (St. Blasien, 80er)
    Ohne dass ich selbst jetzt voreilige Behauptungen aufstellen möchte, scheint mir Siebner in diesem Interview (http://www.badische-zeitung.de/st-blasien/missbrauch-skandal-betrifft-auch-st-blasien) genau das zu tun: voreilig etwas Unbewiesenes zu behaupten! Da ist er wohl etwas vorausgeprescht in eine nicht ganz nachvollziehbare Offensive zur Ausweitung des Skandals auch auf sein Haus, aus welchem lauteren Motiv auch immer. Jedenfalls war ich zu genau der Zeit dort Schüler, in der besagter Lehrer dort ebenfalls unterrichtete, wurde von ihm unterrichtet und war wirklich nicht so dermaßen sozial blind, dass ich nicht gemerkt hätte, wenn in meinem Umfeld mehr als “merkwürdige Pädagogik” passiert wäre (die es freilich nicht nur seinerseits gab, sondern gewiss auch von manch anderem, und nicht nur in dieser eher schrulligen Variante, in der mir Wolfgang S. in Erinnerung ist!). Also: Meine anthropologische Prämisse besagt, dass Menschen sich ändern können (auch solche) und ich habe nicht den Eindruck gewonnen, dass ich oder irgendeiner meiner Mitschüler in Sankt B. sich zu der Zeit vor seinen sexuellen Übergriffen in Acht nehmen mussten. Insofern verstehe ich wirklich nicht – und würde gerne wissen -, was hinter Siebners sicherer Annahme steckt, es habe auch dort solche Übergriffe gegeben, und hinter seiner kryptischen Weigerung, etwas darüber verlauten zu lassen, ob ihm denn Opfer bekannt sind (also: ist es Beflissenheit, jetzt nur alles richtig zu machen oder ist es ein Bisschen Neid, dass St. B. diesmal weniger Publicity erhält als das CK?).

  125. 125
    Sam Cartwright

    @Johnny Haeusler: Die Namen von R. und St. sind an an vorheriger Stelle mehrfach im Klartext genannt, so daß wir im weiteren Verlauf auf die Charade von Anonymität verzichten können. Alle anderen Namen sind als Funktionsträger recherchierbar und ansonsten von mir klar gekennzeichnet als positive Gegenfiguren. also in keiner Weise mit den hier debattierten Vorgängen inkriminierbar.

  126. 126
  127. 127

    @Sam Cartwright: Ich merke ja nur an. Du nennst einfach viele Namen. Nur nicht deinen. Was ok ist, aber denk bitte dran, dass ich u.U. für deine Worte gerade stehe. Aber alles gut, ich habe wegen deiner Äußerungen keine Bedenken, weiß aber oft nicht, wer hinter den Namen hier steht und wie sehr es bewusst ist, dass hier nicht wenige Leute mitlesen.

  128. 128
    exsj

    @Pimi: “Und die Geschichte vom C. und seiner Schülerin ist ja oben schon zitiert.” Derselbe, der dann vor einigen Jahren passenderweise deutschlandweiter “Delegat für Ignatianische Pädagogik” wurde…

  129. 129
    mauser

    @ St. Blasien

    ich möchte einmal zunächst die BZ zitieren, die zum Thema folgendes schreibt:

    “Aus Berlin wurde Wolfgang S. 1982 nach Sankt Blasien im Schwarzwald versetzt. Auch dort soll er als Sportlehrer zwei Jahre lang Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben. Der damalige Direktor P. Hans Joachim Martin berichtet der BZ am Sonnntag: “Es gab immer wieder Gerüchte, dass er einigen Jungen nachmittags Nachhilfe gab und bei Ungehorsam ihnen den nackten Hintern versohlte.”
    Der Direktor konfrontierte Wolfgang S. mit den Taten. “Er hat zwar alles geleugnet, aber ich habe ihn trotzdem entlassen und an den Orden berichtet.” Doch niemand reagierte.”

    Ich würde den redaktionellen Zusatz, dass “niemand reagierte” gerne insofern präzisieren, als daß Wolfgang S. zu meiner Zeit an besagter Schule wieder ein gern gesehener Gast war und der Kollegbrief seine Vorträge erwähnt. Damals hatte Pater Happel den Posten des Kollegsdirektors übernommen was wohl heißt, daß alle Anschuldigungen, die immerhin zur ENTLASSUNG des Betreffenden wenige Jahre zuvor geführt hatten mit dem Weggang Pater Martins hinfällig geworden waren.

    Ich will nicht behaupten, daß sich Menschen nicht ändern können aber ich kann ihnen aus eigner Erfahrung sagen, daß die gemachten Vorwürfe, die wie ich nochmals unterstreichen möchten bereits bekannt waren, auch im Jahr ’88 zutrafen. So er jetzt “mit [seiner] Vergangenheit vor Gott und der Welt im Reinen ist”, darf er sein Handeln gerne einmal seiner Tochter erklären. Diese soll heute 12 Jahre alt sein.
    Genauso alt war ich damals.

    Bis vor wenigen Tagen war mir die Vorgeschichte natürlich nicht bekannt und ich ging von einer isolierten Begebenheit aus, wenngleich ich nicht allein betroffen war.
    Daß der Orden nach 1991 nicht die geringsten Anstrengungen gemacht hat, der Sache nachzugehen und sich auch 2004 hinter “zugesicherter Diskretion” versteckt, macht mich fassungslos. Was glaubt Pater Mertes eigentlich, welchen “hochkomplexen Ermessensspielraum” der Gesetzgeber einer Privatschule zubilligt, wo es um ein Offizialdelikt geht?

  130. 130
    Jule

    …vielleicht kann mich mal jemand aufklären, was der Lehrer, der seine ehemalige Schülerin geheiratet hat, mit diesem Thema hier zu tun hat…???? Ich finde, dieser Vergleich ist hier absolut fehl am Platz!!!!

  131. 131
    pater pius

    @jule Vielleicht der Verdacht auf Mißbrauch von Schutzbefohlenen, was bedeutet: Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses? Hier wurde ja schon angedeutet, daß versetzungsgefährdende Noten durch Sitzen auf dem Schoß eines Priesters aufgebessert werden konnten. Mich wundert, daß es noch so viele Fürsprecher für die vorsichtig gesprochen seltsame katholische Welt gibt.

  132. 132
    Jule

    @#pater pius
    Nee, verstehe ich nicht!!!! Es geht hier darum, dass sich ein Lehrer und eine Schülerin verliebt haben und nach ihrem Abi geheiratet haben (was ja wohl freiwillig geschehen ist, ebenso der “Haufen Kinder”), was hat das mit Missbrauch zu tun?? Das mit dem “geifernden Sportlehrer” kann ich hingegen unterschreiben…
    Mir fällt noch die Story vom jungen Religionslehrer in den späten 80ern ein, der dann mit einer Lehrerin (ebenfalls CK) liiert war und die Schule dann ziemlich plötzlich verlassen hat…Das kam mir damals schon komisch vor, und man hat vermutet, dass er gehen musste, weil diese Liason nicht geduldet war…??

  133. 133
    micha m.

    Guten morgen
    Ich wuerde gern eimal erklaert bekommen warum die kirche ,wenn sie doch weiss das ihre angestellten sexuelle straftaeter sind,diese nicht ausschliesst und den zustaendigen weltlichen behoerden uebergibt ? Statt dessen versetzt diese nur die betroffenen kriminellen in eine andere gegend und dann noch weiterhin in der jugendarbeit. klingt fuer mich nach billigung des geschehenden. Das ck ist ja nun wahrlich kein einzelfall. Ohne den schutz der kirchlichen verantwortungstraeger waere auch die verjaehrungsfrist nicht abgelaufen.
    ich dachte immer es waere strafbar ein verbrechen zu decken, denn man macht sich mitschuldig.
    ich hab meinen damals sehr kleinen glauben an gott und kirche endgueltig verloren.
    obwohl ich nach nur 4 jahren abging oder auch elegant entsorgt wurde war nich alles schlecht im ck.

  134. 134
    Babsi

    Zitat von Angelika Oetken:
    Im Namen aller von sexuellen Mißhandlungen Betroffenen (v.a derer, die sich aus psychischen, wirtschaftlichen oder mentalen Gründen nicht oder nur eingeschränkt austauschen bzw. wehren können) wünsche ich mir

    @ Angelika Oetken

    ich würde mir von Ihnen wünschen,das sie nicht im Namen aller Betroffenen sprechen,da ich finde,das es anmaßend und übergriffig ist.

    Ich finde das sie sich das Recht herausnehmen,für alle Betroffenen zu sprechen,ohne vielleicht noch nicht einmal die Erlaubnis von allen Betroffenen zu haben.

    Mein Erlaubnis haben sie nicht.

    Gruß
    Babsi

  135. 135
    exsj

    @Jule: Du hast recht. Der einzige Vergleichspunkt ist – und deshalb gehört es doch hierher – die Kultur des Wegschauens am CK. Denn dass dies Konsequenzen hätte haben müssen, wirst du nicht bestreiten.

  136. 136
    Jule

    @exsj: Meinst Du, es hätte Konsequenzen haben müssen, dass ein Lehrer eine ehemalige Schülerin geheiratet hat????? Es gab am CK (auch vor gut 20 Jahren) einiges an Ungeheuerlichkeiten, aber das (s. o.) gehört doch wohl sicher nicht dazu! Im übrigen auch nicht die Tatsache, dass es homosexuelle Lehrer gab und gibt (was weiter oben mal erwähnt wurde..)! Es wäre ja schlimm, wenn die Lehrer nun danach ausgesucht werden würden…

  137. 137
    Angelika Oetken

    @Babsi:

    Hallo Babsi,
    habe lange über diese Passage nachgedacht, bevor ich sie geschrieben habe. Mich aber dann entschieden, das so zu formulieren.

    Sie haben Recht : es wirkt anmaßend.

    Das mit dem “übergriffig” kann ich dagegen nicht nachvollziehen.

    Wie wäre es, wenn Sie nochmal erläutern, warum Sie diesen Teil meines Beitrages als “übergriffig” empfinden.

    Grüße von
    Angelika Oetken

  138. 138
    Babsi

    @ Angelika Oetken
    weil ich finde,das sie ohne zu fragen für alle sprechen ( sprich auch für mich).

    Wie bei meinem Missbrauch,ich wurde nicht gefragt,sondern es wurde einfach gemacht.

    Das ist es was ich mit übergriffig meine.

  139. 139
    St. Blasien

    @mauser (Nr. 129)

    Ihre Empörung will ich keineswegs schmälern oder begangenes Unrecht kleinreden, aber ich bitte doch um eine Objektivierung der Vorwürfe. Es machte etwas den Eindruck, dass Sie erst nach der Zeit Schüler waren, als Pater S. dort als Lehrer aktiv war, denn 1988 war er ja bereits nicht mehr (oder vielleicht nur besuchsweise noch) dort. Ich kann mich hingegen selbst sehr gut daran erinnern, wie er etwas verkrampft-scherzhaft einigen meiner Mitschüler auf die angezogenen (!) Gesäßmuskeln klopfte, die sich dabei für den Zeitraum von etwa drei solcher “Schläge” über seine Oberschenkel legen mussten, wobei man das wirklich nicht als “Schlagen” bezeichnen konnte. Ich war Klassensprecher seinerzeit und niemals hörte ich etwas davon, dass jemand sich ernsthaft körperlich oder seelisch misshandelt gefühlt habe. Natürlich ist dieses symbolische Übers-Knie-Legen ein nicht gerade adäquates Verhalten, aber die nackten Hintern und der Gewalt implizierende Ausdruck “Schläge” lässt sich mit meiner Erinnerung nicht in Verbindung bringen und ich halte dies eher für eine heutige Fehlerinnerung und Rekonstruktion im Lichte der Ereignisse im CK (bis zum Beweis des Gegenteils).

  140. 140
    micha m.

    hab in den google news gesehen das die ” bloedzeitung ” den jetzigen wohnort von Riedel veroeffentlicht hat. Nach dem hohn den er fuer seine opfer uebrig hat indem er seine taten leugnet, finde ich es nur gut das der sich nun wohl ne neue wohnung suchen darf , schade das er wohl nie in einer jva landen wird, wo er wohl am besten aufgehoben waere

  141. 141
    Thomas_war_auch_ck

    Vergleich nicht so gemeint…

    Also falls zumindest meine Einlassung hier falsch gedeutet wird: Es steht mir gar nicht an, zu Beurteilen, wie die Beziehung des Lehrers C, der heute noch am CK tätig ist und der ehemaligen Schülerin entstand. Ich möchte dies in keinster Weise mit den hier ansonsten diskutierten Dingen in Zusammenhang gestellt wissen. Es ging mir im Erwähnen der Geschichte lediglich darum darauf hinzu weisen, dass die Qualität der Lehrer als Lehrer und als Vorbild/Mensch was auch immer am CK nach meiner Erinnerung nach nicht vom Status Pater oder nicht abhing und es seltsame, lustige, befremdliche, merkwürdige, bemerkenswerte Geschichten aus jeglichen Richtungen gab und vermutlich gibt.
    War vermutlich eine blöde Idee dies überhaupt als kleine Nebengeschichte zu erwähnen.
    Nachdem nun ja die Namen und Bilder juristisch korrekt in Presse und TV aufgeführt sind, bleibt mir nur ein dunkler Fleck was eine Fussball-Fahrt angeht,…ich hab nix zu berichten, bin mir nicht mal sicher, wer da mit war und wer nicht.
    Aber eins bleibt – und es beschäftigt mich nach wie vor – habe ich/wir und in nicht-wissen der Umstände ggf. gegenüber Opfern zusätzlich fies, unfair, gemein, abweisend, ausschließend, etc. verhalten? Mir düngt es so. Ohne zu wissen, ob meine Vermutung zu möglichen Opfern überhaupt stimmen, bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Auch die Nacharbeitung der letzten beiden Abitreffen ergab nur die Bestätigung, dass manche NICHT da waren….obwohl sie teilweise den Gerüchten nach in Berlin wohnen…und nichts mehr mit der Schule etc. zu tun haben wollen…machts nicht besser, egal, ob diese persönlichen Entscheidungen überhaupt mit den Ereignissen zu tun haben…
    Eins finde ich nach Lesen der vielen Einträge hier jedoch noch bemerkenswert. Anscheinend gibt es viele, die zwar irgendwie was hörten oder ahnten, aber es eher “lustig” fanden und finden. Zumindest nach Bekanntwerden der Umstände kann ich dies nicht teilen. Meine bisher eher anekdotischen Erinnenrungen haben nun eher einen deutlich faden Beigeschmack bekommen …

  142. 142
    utopia

    @Jule: ich finde auch, dass die Geschichte von C und C nicht hierher gehört. C war nie ”seine” Schülerin, außerdem war es eine, wie schon erwähnt, Beziehung auf freiwilliger Basis.Schülerin C war alt genug und besaß die nötige Reife, selbst zu entscheiden.

    @ThomasW: Mich ärgert als betroffene weibliche Ehemalige auch , dass Pater Mertes den Fokus auf die Homophobie in der Kirche steuert. Ich kann nur hoffen, hier nicht vor einen Karren gespannt zu werden, der nicht der meinige ist.

    Gleiches gilt übrigens auch für Ihre Aufforderung Frau Oetken. Ich weiß nicht, ob es für mich in der Verarbeitung des Erlebten hilfreich ist, mich mit Ihnen oder andreren zusammenzuschlißen. Es erfordert nach meiner Erfahrung eher ein Vertrauen in die differnzierte Wahrnehmungsfähigkeit und die Diskretion dessen , von dem ich mir Hilfe erwarte. Das mag dann sicher auch von Fall zu Fall und Person zu Person verschieden sein. In sofern mag ich nicht in Ihren Topf geworfen werden. Kampfansagen finde ich persönlich eher unpassend.
    Für mich ist es heute besonders erschreckend, dass so viele etwas geahnt oder gewusst haben. Aber scheinbar niemand auf die Idee gekommen ist, dass es sich um eine Straftat handeln könne, die auch entsprechend zur Anzeige gebracht hätte werden müssen. …………
    Entsetzlich ist doch, dass anzunehmen ist, irgendjemand von der Seite
    der Verantwortlichen der Schule oder des Ordens hat gewusst, was vorgefallen ist, und hat daraus dann ein Beichtgeheimnis gemacht.
    Gruselig. ( und immer noch schwer zu fassen)
    Ich bin gespannt, ob mit der von Pater Mertes ebenfalls gestellten Frage
    nach der Struktur der katholischen Kirche nun endlich eine Diskussion
    zwischen der Institution Kirche und denen, die ihre eigentlichen Werte tragen, zum Thema Machterhalt stattfinden wird.

  143. 143
    KaMaZhe

    @St. Blasien: Können Sie sich rückblickend vorstellen, dass ein Junge, der erst mit Vertrauensbeweisen und Zuneigung geködert wird, um dann in ritualisierten Sitzungen stundenlang auf das nackte Gesäss geschlagen zu werden bis er nicht mehr sitzen kann, nicht ausgerechnet zu seinem gleichaltrigen Klassenkameraden rennt, um Hilfe zu suchen?
    Ich verstehe, dass es für diejenigen, die in der Nähe waren, aber es nicht bemerkt haben, heute verstörend sein muss, wenn sie erkennen wie sie getäuscht wurden. Aber machen Sie das bitte nicht den Opfern zum Vorwurf. Wir sprechen von 12 bis 14 Jährigen Kindern.

  144. 144
    KaMaZhe

    Froh und fast euphorisch habe ich die Postings hier seit drei Tagen verfolgt. Gut, dass es keine grosse Diskussion gibt, sondern Betroffene und Zeitzeugen einfach ihre Erfahrungen teilen können. Das macht ja ein Teil der Tragödie aus, dass es keine Möglichkeit dazu gab, damals nicht und seit dem auch nicht. Bis jetzt.
    Aus den Missbrauchshandlungen der beiden Verbrecher R. und S. sind vielfältige Verwundungen entstanden. Ich kann und will nur für mich sprechen, obwohl ich manches von dem was ich hier beitragen will auch bei anderen Überlebenden dieser Zeit beobachte. Ihr merkt,ich nehme innerlich Anlauf”¦

    Ich hatte mit beiden Tätern über Jahre mehr Kontakt als gut für mich war. Die “žSchadensereignisse” beschränken sich in meiner Erinnerung bei mir auf drei oder vier Situationen. Doch die psychologischen Wunden sind tiefer als die körperlichen. Nach einer stundenlangen Sitzung mit Pater S. musste ich drei Nächte auf dem Bauch schlafen bevor ich wieder sitzen konnte. Doch nach dreißig Jahren habe ich immer noch Schwierigkeiten NEIN zu sagen, wenn mir jemand einen Vorschlag macht, den ich eigentlich ablehnen möchte. Oder zehn Jahre mit dem falschen Partner zusammenzubleiben, statt sich abzugrenzen und sich zu trennen, was ist das im Vergleich zu übergriffigen Beichtgesprächen und Streicheleinheiten, die man nicht bestellt hatte und an Stellen, wo man sie nicht haben wollte.

    Nach unserem Rechtsverständnis wird jedoch nur die “žTat” selbst bestraft. Auch die Medien waren tagelang nur auf der Suche nach Schilderungen, wie Pubertierende die in Büchern nach “žStellen” suchen (— heute googeln sie stattdessen wohl eher, aber die Älteren werdens verstehen.)

    Doch die Folgen bleiben für die Überlebenden” auch nach Jahrzehnten in ihrem Leben gegenwärtig. Sie äußern sich in Verunsicherung, mangelndem Selbstbewußtsein, Depressionen, Suchtmittelmißbrauch, Fluchtverhalten. Sie lassen eine geordnete berufliche Entwicklung kaum zu und belasten Partnerschaft und Sexualität.
    Ich will damit nicht sagen, dass jeder jedes Symptom bei sich finden wird. Es gibt stärkere und schwächere Seelen. Viel hängt wohl auch von der Dauer der ganzen Situation ab.

    Wie hier schon angedeutet, herrschte im CK der 70er eine Art innerer Belagerungszustand. Schließlich war das ja “ždas letzte Kolleg vor Moskau”. Also waren harte Jungs gefragt, die nicht gleich heulen, wenns mal weh tut. Wieviel Hilfe konnte man da erwarten?
    Und diese Abschottung wurde in der MC/GCL noch auf die Spitze getrieben. Es hatte etwas sektenartiges, wie sich die Eingeweihten, die die “žPrüfung” durch den Pater Peter überstanden hatten, sich danach verhielten. Denn die Hauptaufgabe für den Guru ist, alle und alles unter Kontrolle zu halten und zu verhindern, dass Außenstehende hinein gucken. Viele, die bis zum Abitur dabei geblieben sind, schämen sich seit langem dafür. Auch ich.

    Wie stark diese psychische Abhängigkeit wirkt, sieht man daran, dass es vielen Betroffenen bis heute schwerfällt, negative Gefühle wie Wut und Zorn gegen die Täter bei sich zuzulassen. Doch dass es jetzt so explodiert, zeigt jedoch wie groß der Druck für die Betroffenen ist. Ich habe die Titelseiten der Boulevardpresse genossen. Und die Beiträge von Leidensgenossen aufgesogen wie der Verdurstende in der Wüste das Wasser.

    Danke, dass dieser Blog zum richtigen Moment am richtigen Ort war.

  145. 145
    ch

    Nur kurz der Vollständigkeit halber:
    (von der Pressestelle des Erzbistums heute erhalten)

    Presse-Information der Deutschen Provinz der Jesuiten

    Vollständige Aufklärung im Interesse der Opfer

    Presseerklärung des Provinzials der Deutschen Provinz der Jesuiten, Stefan Dartmann SJ, zu den Missbrauchsfällen in den 70er und 80er Jahren im Canisius-Kolleg in Berlin

    In den vergangenen Tagen ist in der Öffentlichkeit bekannt geworden, dass es in den 70er und 80er Jahren im Berliner Canisius-Kolleg zu Missbrauchsfällen durch damalige Mitglieder des Jesuitenordens gekommen ist. Zusammen mit Pater Klaus Mertes, dem Rektor des Kollegs, teile ich die Trauer und Scham über die Verbrechen unserer ehemaligen Mitbrüder.

    Bereits Ende 2006 wurde ich als Provinzial von Pater Mertes über entsprechende Signale Betroffener informiert. Zu diesem Zeitpunkt baten die Opfer um absolute Diskretion. Das jetzige Hervortreten einiger Opfer macht nun ein Untersuchungsverfahren zur vollständigen Aufklärung der damaligen Missbrauchsfälle möglich und zwingend.

    Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ermittelt Frau Ursula Raue, lange Jahre Vorsitzende von “žInnocence in Danger”, im Auftrag des Ordens — und doch unabhängig von der Ordensleitung gemäß den von der Deutschen Ordensoberenkonferenz (DOK) 2003 bzw. 2009 erlassenen Richtlinien. Dabei geht es auch um die Klärung der Fragen, die jetzt in der Öffentlichkeit mit Recht gestellt werden, nämlich, welches Wissen es um die Vorfälle am Canisius Kolleg seinerzeit bei den Verantwortlichen in Schule und Orden gegeben hat bzw. welche Konsequenzen man damals im Bezug auf die Täter gezogen oder nicht gezogen hat.

    Um die Unabhängigkeit der Ermittlungen und der Bewertung der Fakten zu gewährleisten — der Orden kann nicht gegen sich selbst ermitteln —, liegt die Untersuchung ausschließlich in den Händen von Frau Raue. Sie hat Kontakt mit Opfern und Tätern. Sie wird die Unterlagen prüfen und auch mit den damals Verantwortlichen Gespräche führen. Ein Zwischenbericht mit ersten Ergebnissen wurde mir bis Mitte Februar zugesagt. Diesen Ergebnissen möchte ich nicht vorgreifen.

    Für Nachfragen stehe ich zur Verfügung am:
    Montag, 01. Februar 2010, 16.00 Uhr, im Canisius-Kolleg in Berlin, Tiergartenstraße 30/31

    Pater Provinzial Stefan Dartmann SJ

    30.Januar 2010

  146. 146
    KaMaZhe

    @ThomasW:
    Danke für den Hinweis Tom.
    S. und R. sind oder waren gestörte Menschen, Sadisten vielleicht. Aber sie sind beide nicht schwul. Einige ihrer Opfer waren es aber.
    Der Zusammenhang ist klar: schwule Jungs waren (sind?) mit Eintritt in die Pubertät in einer absolut schwulenfeindlichen Umgebung wie dem CK völlig wehrlos ihren Gefühlen ausgesetzt: unglaublich schwer irgendwo Hilfe oder Unterstützung zu finden. Deshalb waren sie auch so empfänglich für scheinbar aufrichtiges Interesse und Zuneigung von Erwachsenen. Und wurden so zu einfachen Opfern.

  147. 147
    christian h.

    @KaMaZeh
    gerade die kommentare hier scheinen mir eher zu zeigen, dass hier nichts “explodiert”.
    vielleicht liegt das ja auch an der erziehung, die wir am ck genossen haben; kein hau drauf und schluß, sondern eher reflektiert und nachdenklich.
    was mich allerdings verwirrt, ist dein satz “Ich habe die Titelseiten der Boulevardpresse genossen.” ich finde es absolut in ordnung, dass darüber berichtet wird, die unterschwellige häme, dass es nun schülerInnen eines “elite”-gymnasiums getroffen hat, finde ich allerdings abstoßend, und den begriff des genießens ist für mich eher voyeuristisch als aufklärerisch und hilfreich.

  148. 148
    KaMaZhe

    @christian h.:

    Ich habe mich über die Titelseiten deshalb so gefreut, weil ich mir jahrelang nicht erlaubt habe, Wut oder Zorn zu empfinden – gesunde Empfindungen wenn dir Unrecht geschieht. Stattdessen dumpfe Sprachlosigkeit.
    Die Häme über die Eliteschule haben sich die Jesuiten auch selbst zuzuschreiben. Vielleicht verwandelt die sich aber in Achtung, wenn sie sich jetzt wirklich ehrlich machen. Aber Sie werden verstehen, wenn meine Gedanken und Gefühle im Augenblick nicht um das Image der Schule kreisen.

  149. 149
    Marian Przybilla

    @Johnny Haeusler: Jonny, Du hast Recht, die Namen gehören hier nicht hin, dann stehen die (berechtigten) Mutmaßungen nächsten Tag in Bild usw. – FAZ, Spiegel, Welt und Tagesspiegel haben auch schon das Niveau der Springer Presse. Das Möchtegernhauptstadtblatt Tagesspiegel berichtete sogar auf Seite 1. Leute, macht es doch einfach so wie ich und schreibt doch eure Begebenheiten mit den Namen direkt an das CK zu P. Mertes. Dann kann er damit etwas anfangen. Soll P. Mertes jetzt alle Stunde Spreeblick durchforsten, ob dort wieder eine Zeitbombe tickt? Der hat doch genung jetzt damit zu tun, Sacharbeit zu leisten. – Die Ordensleitung wurde informiert, aber warum gab es nicht wenigstens Konsultationen mit dem entsprechenden Polizei-Dezernat , das nur 10 Minuten Fußweg vom CK entfernt ist. Im letzten 180 Seiten Jahrbuch von 2009 hätte auch schon ein Hinweis auf die bestehende Kommission stehen können. Das erhalten noch viele Ehemalige, gerade auch von älteren Jahrgängen, die nicht nur viel Schrulliges und Kurioses an Lehrern erlebt haben…., zum Glück aber auch noch positive Erinnerungen in Winkeln des Gehirns finden können. – Wir älteren Jahrgänge bekamen ja keinen Brief; waren wirklich in der Schule nicht mehr Erzählungen der Eliten im Umlauf? Wo ist nur das konservative Traditionsbewusstsein verblieben? Auf Klassentreffen lebt es immer auf.
    Das sollte die aufrichtige Aufarbeitung bewirken: Dem CK ist eine gute Zukunft und ein guter Ruf zu wünschen!

  150. 150
    Sam Cartwright

    @KaMaZhe:
    “Vielleicht habe ich zuviel geschrieben”
    Hast Du nicht, Differenzierung braucht ihren Raum. Und natürlich war klar, dass sich Deine Häme nicht gegen die Opfer richtet.

    “Geschieht denen recht” (“denen” natürlich die Schule bzw. die SJ) war aber tatsächlich eine gängige Reaktion von einem Teil Ehemaliger, mit denen ich in den letzten Tagen gesprochen habe, wobei natürlich die alten Männer von damals inzwischen alle tot sind.

    Fairerweise darf man natürlich Mertes nicht für die Versäumnisse von Z. verantwortlich machen (der erste Brief von Betroffenen war ja schon von 81).

    Dreißig Jahre später geht die Bombe hoch und ich bin erstaunt, wie sehr mich die Sache genau wie Euch (zumal als Nicht-Betroffener) beschäftigt.

  151. 151
    ABC

    @Sam Cartwright: Wenn hier über die alten Lehrer und die Vertreter des ancien régime abgelästert wird, irritiert mich das deswegen, weil diesen Lehrern (Geburtsjahrgang um 1920) außer Schrulligkeit und einem Vorschaden durch den Krieg nichts vorgeworfen wird.

    Beschwerden dieser Art wird es aus Schulen in ganz Deutschland über diese Lehrergeneration geben. Ich halte es deswegen für fair, Vertreter dieser Generation einmal selbst zu Wort kommen zu lassen und zitiere im folgenden aus der Zeitschrift “Jesuiten” 2/2005 aus einem Interview mit einem Angehörigen dieser Lehrergeneration:

    “Was faszinierte dich am Orden? Die jungen Jesuiten! Die Hälfte meiner Klasse— ich auch — hatte keine Väter mehr.

    ……..Die Zeit im Militär prägte dann — nach meinem Eindruck— manchmal den Gehorsamsstil: Die alten Soldaten gehorchten einfach immer! Das entspricht nicht unbedingt meinem Ideal vom jesuitischen Gehorsam. Ich hatte aber das Gefühl, das war auch bei uns oft das Entscheidende…..Viele Jesuiten waren deshalb auch so leicht führbar durch die Oberen. Die Geschichte der Mitnovizen hat man aber nicht erfahren……Ich bin überhaupt überrascht, dass wir so wenig miteinander gesprochen haben.Wir haben nicht mal mit unseren lateinamerikanischen Mitbrüdern in der Theologie über deren Situation gesprochen. Wir wussten doch gar nichts über das Elend in der Dritten Welt…..Wir waren bis 1968 zufrieden damit, wie es lief im Orden. Man war angesehen als junger Jesuit. Die Weihe war das Anstrebenswerteste……”

    Andere Interviews auch mit Jesuiten, die am Canisius-Kolleg tätig waren, in “Aufräumen und Weitermachen” in der Zeitschrift Jesuiten 2005/2:

    http://www.jesuiten.org/jesuiten-deutschland/files/jesuiten_2005_2.pdf

    Zur Tätigkeit der Jesuiten nach dem Krieg als Erzieher hier noch der Hinweis das Buch

    “Sachwalter väterlicher Erziehung – Ein Jesuit in seinem Selbstverständnis als Lehrer im Jahr 1951″

    Der nachstehende Text “žHerzensergießungen eines Schulmeisters, als wieder ein Jahr zu Ende ging” wurde am 21. Juni 1951 in dem Heft “žUnsere Schule” des Berliner Katholischen Gymnasiums Canisius-Kolleg, Zweite Folge, Heft 3, Seite 16-20, veröffentlicht.

    Auch in der folgenden Quelle geht es um Vaterersatz und Vaterbindung nach dem Krieg

    http://www.grin.com/e-book/24759/sachwalter-vaeterlicher-erziehung-ein-jesuit-in-seinem-selbstverstaendnis

    Aus dem Text dieses Angehörigen der Jahrgänge um 1920 wird immerhin klar, dass es ihm darum ging, vaterlosen Jungen den Vater zu ersetzen. Dies ist mir dann doch lieber als die dynamischen Führungsoffiziere, die danach kamen.

  152. 152
    mauser

    @St. Blasien

    Ich wollte eigentlich nicht so deutlich werden, aber ich kann ihnen sagen, daß die von ihnen in ironisierenden Anführungszeichen genannten Schläge weder scherzhaft noch unerheblich waren.
    Pater S. war damals ein kräftiger Mittvierziger und wie ich auch bereits schrieb nur zu Besuch am Kolleg. Offenbar hatte er in mir und einem weiteren Mitschüler seine Opfer ausgemacht: beide hatten wir schulische Probleme und in meinem Fall kamen schlechte Kopfnoten dazu.
    Seine Darstellung, uns für diese Verfehlungen erzieherisch zu bestrafen, hielt ich damals irrigerweise für gedeckt seitens des Präfekten. Die Möglichkeit, daß ein Pater des Jesuitenordens, der tags zuvor noch von seiner Tätigkeit in den Elendsquartieren Chiles berichtet hatte, eine solche Berechtigung zur Anwendung körperlicher Gewalt nur erfunden haben könnte, kam uns für keinen Moment in den Sinn.
    Das nackte Gesäß beruht auch keinesfalls auf einer Fehlerinnerung, wie sie meinen, sondern auf einen Angebot seitens Pater S.: Hose runter = Reduktion der Schläge um die Hälfte. Daß er uns mit diesem scheinbar freiwilligen Beitrag zu seiner Tat zu Komplizen machte, zeigt, wie durchdacht er die Sache anging.

    Näheres möchte ich an dieser Stelle wirklich nicht schreiben und den geforderten Beweis auch gerne schuldig bleiben, zumal ich ihre Forderung mich zu rechtfertigen gelinde gesagt als unsensibel empfinde.

  153. 153
    Sam Cartwright

    Ich weiß, das ist jetzt ein bißchen reißerisch.

    Berliner Morgenpost, Montag, 1. Februar 2010 13:03
    http://www.morgenpost.de/berlin-aktuell/article1249055/Tatverdaechtiger-Ex-Pater-verlaesst-offenbar-Berlin.html

    “Einer der beiden tatverdächtigen ehemaligen Lehrer, Ex-Pater Peter R. (69), wurde am frühen Montagmorgen dabei beobachtet, wie er seine Wohnung in Berlin-Lichterfelde mit einer Reisetasche verließ und in einem Taxi mit unbekanntem Ziel davon fuhr. Auf Fragen von Journalisten antwortete er vor dem Einsteigen ins Taxi lediglich: “Ich war es nicht”.”

  154. 154
    Sam Cartwright

    @ABC:
    Hier geht es weder um Vorwürfe, noch um Ablästern, aber es geht auch nicht um die Umstände, die unsere Lehrer geprägt haben. Ich habe versucht zu beschreiben, was die Generation S. und R. für uns signalisierte (und in vielem auch einlösen konnten) gerade vor der Kontrastfolie der alten Garde, die sich von unseren Lebenswelten doch sehr stark entfernt hatte.

    Ich glaube, ich habe auch klar gemacht, daß ich meine Zeit am CK insgesamt positiv bewerte, daß wir uns aber auch in einem ziemlichen Reibungsprozess befanden. Das war zum Teil sehr belastend (nicht im Sinne der hier debattierten Thematik, aber ich hatte große Schwierigkeiten mit meinem Latein- und Klasssenlehrer (der schon erwähnte J.M.S.), dass wir sogar den Schulwechsel zumindest erörterten. Weit entfernt vom skuril-anekdotischen hatte ich lange das unterschwellige Gefühl, dem brachialen empfundenen Stil der Schule nicht gewachsen zu sein.

  155. 155
    Ro.Do.

    @Brillenfux: Was heißt hier ab in die Provinz. Ich war in den 60er Jahren in einem “Christlichen Internat” in der tiefsten Eifel. Und wir jungen Schüler wurden von Patres und Primanern missbraucht. Hätte ich in den Ferien zu Hause etwas gesagt; meine bigotte Großmutter hätte mir auf den Mund geschlagen. Was hat das mit Stadt oder Provinz zu tun, der katholisch gepuderte Tuntenhaufen ist überall.

  156. 156
    ABC

    @Angelika Oetken:

    Zu Ihrer Frage, “….warum das innerhalb der Bruderschaften nicht herauskommt. Immerhin lebt man lange und eng zusammen…..”

    In den Satzungen von Ordensgesellschaften gibt es das Verbot von Partikularfreundschaften. Die Satzungen der Gesellschaft Jesu finden Sie in dem Buch Ignatius von Loyola, Gründungstexte der Gesellschaft Jesu, übersetzt von Peter Knauer, Echter Verlag Würzburg, 1998

    Demnach ist es durchaus möglich, dass ein Jesuit auf der mittleren Führungsebene eine Aufgabe übernommen hat, und wirklich nicht wußte, ob sein Vorgänger da Leichen im Keller hinterlassen hat, weil die Informationen zentral ganz oben zusammen laufen.

    Aufgrund der Gehorsamsideale der Jesuiten, siehe der Text, den ich unter Nr. 60 verlinkt hatte “Der Gehorsam ist entscheidend fur die Sendung und die Einheit der Gesellschaft Jesu, und ein besonderes Band des Gehorsams verbindet die Gesellschaft mit dem Heiligen Vater, “ždem Nachfolger des hl. Petrus und Stellvertreter Christi auf Erden”, etc etc” ist es auch nicht möglich, die Entscheidungen von Vorgesetzten kritisch zu hinterfragen. Es empfiehlt sich wirklich, diesen Text, der eine Selbstauskunft zum Befinden der Gesellschaft im Jahr 2008 darstellt, einmal zu lesen.

    Kritische Auskünfte zu den Idealen von Ordensgesellschaften finden Sie in dem Buch von

    Eugen Drewermann, Kleriker, Psychogramm eines Ideals

    Es handelt sich um die erste Pionierarbeit zu diesem Thema aus dem Jahr 1989.

    Zum Verbot von Partikularfreundschaften in Ordensgesellschaften schreibt er auf Seite 187 ff. “Wie das Ideal des Klerikerseins in der katholischen Kirche in Gänze beschaffen ist, zeigt sich am klarsten, wenn man zu der Bloßstellung des Einzelnen vor dem Konvent als komplementäre Bestimmung das strikte Verbot hinzunimmt, irgendwelche persönlichen Gefühle für andere Menschen zu entwickeln, dargestellt als das Verdikt privater Partikularfreundschaften…. Jedes totalitäre System muß die Liebe zu seinem ärgsten Feind erklären, weil sie diejenige Bindungsenergie darstellt, die das Ich am leidenschaftlichsten erhebt und ihm im Gegenüber eines anderen Kräfte verleiht, die es nie zuvor in sich gespürt hat………Es ist mir nicht bekannt, daß es in der Religionsgeschichte der Völker jemals ein System gegeben hätte, das nicht nur die Liebe zwischen Mann und Frau, sondern weit darunter noch sogar die Freundschaft zwischen den Gruppenmitgliedern unter Aufsicht und Verbot gestellt hätte……”

  157. 157

    Auf Anraten von Johnny wende ich mich auf diesem Weg an diejenigen von euch, die es vielleicht fertig bringen, über ihre Erfahrungen mit einem Medienvertreter zu sprechen – sprich mit mir als Redakteur der Berliner Zeitung für die Seite 3.

    Ich bringe immerhin eine gewisses Vorverständnis mit, denn ich war von 1967 bis 1973 (Obertertia) auf dem CK. Dann bin ich abgegangen und habe mein Abitur auf einer staatlichen Schule in Spandau gemacht. Außerdem bin ich auf Sekten spezialisiert (habe vier Bücher zu dem Thema geschrieben), und hier sind durchaus Parallelen erkennbar.

    Mir fällt es schwer, mich wieder mit dieser Zeit zu befassen, da ich das CK in den letzten zwei Jahren meiner dortigen Schulzeit als sehr repressiv empfunden habe und froh war, es hinter mir zu haben. Trotzdem bin ich zu zwei Klassentreffen gegangen, das letzte vor fünf Jahren, und habe mich gefreut, alte Klassenkameraden wiederzusehen. Ich bin auch bis heute der meinung, dass ich auf dem CK viel gelernt habe. Aber das ist eben nicht alles…

    Ähnlich widerstreitende Gefühle habe ich jetzt als Journalist. Ein wenig war ich froh, dass ich bis heute andere Dinge zu tun hatte. Aber ich glaube, es kann auch gut sein, dass ich mich jetzt mit der Vergangenheit befassen muss. An Pater R. habe ich sehr schwache Erinnerungen, an Pater St. kann ich aber gut erinnern. Missbrauchsgerüchte gab es auch zu meiner Zeit, also Ende der 60er/ Anfang der 70er jahre.

    Ich werde also ab heute über die Missbrauchsvorwürfe in der Berliner Zeitung schreiben, und ich wäre froh, wenn sich Betroffene und vielleicht auch Lehrer aus jener Zeit mir anvertrauen. Ich garantiere auf Wunsch absolute Anonymität. Ich habe einen guten Ruf als seriöser Journalist und Buchautor, glaube ich. Wen es interessiert, einfach meinen Namen googeln oder auf Wikipedia nachschauen.

    Ich suche auch Exemplare des “Roten Arthurs”. Meine finde ich blöderweise nicht mehr.

    Kontakt zu mir geht über folgende Nummern und Adressen:

    * Tel. 030/ 23275485 (Redaktion Berliner Zeitung)
    * Handy: 0172/ 3156714
    * e-mail (Redaktion): fnordhausen@berliner-zeitung.de
    * e-mail (privat): franknordhausen@gmx.net

    Jetzt werde ich zur Pressekonferenz im CK fahren. Ich würde mich sehr über Rückmeldungen freuen.

    Viele Grüße an alle, die mich kennen und auch an die anderen, die mich nicht kennen
    Frank

    Und hier noch der Artikel, den ich am Freitag bei uns in der Zeitung hatte (als “Zeitzeuge”):

    “ZEITZEUGE
    Kopfnüsse und Kasernenton

    Frank Nordhausen

    Als ich 1967 mit elf Jahren die Aufnahmeprüfung in dem düsteren Bau am Tiergarten bestand, fühlte sich das für mich wie eine Befreiung an. Erstmals wurde ich geistig gefordert. Schlagartig verschwanden die Magenschmerzen, die mich in der Grundschule gequält hatten, weil es dort so entsetzlich langweilig war. Das war am Canisius-Kolleg anders. Das war gut.

    Andererseits war das Canisius-Kolleg damals ein humanistisches Gymnasium wie aus der “Feuerzangenbowle” – mit all dessen Schattenseiten. Es gab Frontalunterricht und praktisch keine Sexualaufklärung. In der Anstalt lernten nur Jungen. Weibliche Lehrkräfte waren meist steinalt und knochenhart im Umgang. Bei einigen Lehrern herrschte ein Kasernenhofton, der aus der Nazizeit zu stammen schien. Auch für Katholiken wie mich waren die schwarz gekleideten Patres, die in einem eigenen Gebäudetrakt lebten, gewöhnungsbedürftig – wie die Kopfnüsse, die einige verteilten.

    Wir staunten sehr, als 1968 rebellierende fremde Schüler vor unsere Schule zogen – eine Demo mit roten Fahnen und dem Transparent “Prügelpatres raus!” Was sind Prügelpatres, fragten wir uns, was wollen diese Leute? Die Lehrer erklärten es uns nicht. Das besorgte unsere subversive Schülerzeitung “Der rote Arthur”, in der Interna standen, die die “schwarze Pädagogik” der Lehranstalt attackierten. Die Lehrer zerrissen die Hefte. Aus dem “Roten Arthur” erfuhr ich, wenn ich mich richtig erinnere, erstmals Gerüchte über zudringliche Patres. Wir waren wohl zu jung, um das zu verstehen. Wir verstanden aber den Lateinlehrer, der davon sprach, dass ein als Autor der Zeitung verdächtigter Primaner “einen roten Punkt” am Wohnungsfenster habe, also Kommunist sei. Darüber lachten wir.

    Wir lachten auch noch, als die Toilettenkabinen in der Turnhalle mit Stacheldraht bekränzt wurden. Offiziell hieß es, man sollte nicht mehr rüberklettern können. Damals waren wir in der Pubertät, und tuschelten viel darüber. Es hieß, dies richte sich gegen “Schwule”. “Schwul” war ein häufiges Schimpfwort in der jungmännlichen Gemeinschaft und Stoff wabernder Gerüchte. Man sprach über Patres, die “Zöglinge” zu oft umarmten. Es gab Lehrer, vor denen man sich in Acht nahm. Auf einem späteren Klassentreffen wurde erzählt, dass Schüler homosexuelle Beziehungen pflegten – angeblich auch mit Lehrern.

    Die übergroße Mehrheit der Lehrer verhielt sich korrekt. Mir waren sie und ihre Schule schlicht zu konservativ. Vor allem gab es keine Mädchen. Deshalb wechselte ich in der zehnten Klasse in ein liberales Gymnasium – und erlebte den Wechsel wieder als Befreiung.”

  158. 158
    ABC

    @Sam Cartwright: Da also die Adresse von Peter Riedel jetzt sowieso schon öffentlich bekannt ist, dann noch der von mir bisher zurück gehaltene Hinweis: Aus dem kirchlicher Anzeiger für das Bistum Hildesheim vom den 22. April 2003 ergibt sich auf Seite 112, dass Pfarrer Peter Riedel erst zum 1. April 2003 von seinen Aufgaben als Pfarrer entpflichtet und in den Ruhestand geschickt wurde.

    Da er seine Wohnung inzwischen verlassen hat, hier der Link

    http://www.downloads.bistum-hildesheim.de/1/10/1/93737431608543166275.pdf

    Er ist also von der Kirche bis 2003 als Pfarrer weiterbeschäftigt worden.

    Zu den Hintergründen dieser Weiterbeschäftigungspolitik geben für die USA die Memoiren von Rembert Weakland Auskunft:

    http://www.amazon.com/Pilgrim-Church-Memoirs-Catholic-Archbishop/dp/0802863825/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1265033043&sr=8-1

    auf die ich schon ausführlich unter Nr. 10 unter “Bild-Telefonie” hingewiesen hatte.

  159. 159
    heidrun

    wollte nur mal kurz loswerden, dass ich vor einem großen teil der kommentatoren hier allergrößten respekt und bewunderung empfinde für ihre offenheit und auseinandersetzung mit ihren traumata. (also, nicht dass ich die anderen kommentatoren nicht respektieren würde…) ich weiss bzw. eher ahne ich (zum glück nicht aus eigener erfahrung, aber aus meinem engen freundeskreis), wie viel kraft und mut es kostet, sich mit einer solchen vergangenheit auseinanderzusetzen.
    wow.

  160. 160
    St. Blasien

    @mauser

    Entschuldigen Sie, wenn ich Sie gekränkt haben sollte und es tut mir leid, dass Sie diese Erfahrungen gemacht haben, aber es erscheint mir nicht unsensibel, danach zu fragen, ob es für eine Behauptung (von Herrn Siebner) objektive Hinweise gibt (MEINER Erinnerung nach eben nicht). Es scheint so zu sein, dass im Falle sexualisierter Gewalt niemand mehr genauer nachfragen oder andere Erlebnisse schildern darf, ohne deshalb als unsensibel oder mit dem Täter auf einer Stufe stehend erlebt zu werden. Es gelten meines Erachtens hier dieselben Maßstäbe an die Wahrheitsfindung wie bei jedem anderen Thema, oder nicht?

  161. 161

    Update Es wird am Dienstag, den 2.2.2010 eine Radio-Talkshow zum Thema geben, zur telefonischen Teilnahme sind alle herzlich eingeladen, wer persönlich mitkommen möchte, kann mich gerne kontaktieren. Mehr Infos gibt es hier.

  162. 162
    bckaemper

    @ABC: Die Informationspolitik des Kolpingwerks in Lateinamerika ist auch etwas merkwürdig. In einem Bericht vom Samstag
    http://www.morgenpost.de/printarchiv/berlin/article1248362/Canisius-Skandal-Jesuitenpater-bittet-um-Vergebung.html

    zitiert die Morgenpost Luis Enrique Díaz Soffia, Leiter des Kooperations- und Beratungsbüros für das Kolpingwerk in Lateinamerika, mit den Worten: “Soffia erklärte weiter, er habe mehrfach in dienstlichen Angelegenheiten mit St. Kontakt gehabt und beschreibt den 65-Jährigen als netten Mann, der bei jedermann beliebt gewesen sei. Wolfgang St. habe mehrere Jahre als Manager ein bescheidenes Studentenhotel in Santiago de Chile geleitet.”

    Was der (so ein anderer Morgenpost-Bericht vom gleichen Tag) “offizielle Vertreter des Kolpingwerks für Lateinamerika” verschweigt, ist die schlichte Tatsache, dass der Posten als “Manager eines bescheidenen Studentenhotels” des Kolpingwerks in der Landeshauptstadt nur ein Nebenjob war und er Wolfgang Statt gerade selbst erst als Leiter des Kooperations- und Beratungsbüros für das Kolpingwerk in Lateinamerika abgelöst hat. Bild und Name auf der Website des SEK-Teams http://www.kolping.net/entwicklung/das_team_des_sek.html wurden erst in den letzten Tagen ausgetauscht (siehe Google Cache).

  163. 163
    utopia

    @St. Blasien: Klar sollten dieselben Maßstäbe an die Wahrheitsfindung gestellt sein, aber gerade das aktuelle Beispiel zeigt, wie wichtig Maßnahmen für den Opferschutz sind und die dürfen der Wahrheitsfindung in einem öffentlichen Blog auch im Weg sein.
    Ich sehe da die eigentliche Schwierigkeit. Wer möchte immer wieder mit
    den schmerzhaftenErfahrungen in seinem Leben konfrontiert werden, das
    Erinnern ist auch immer ein Wiedererleben. Mittlerweile weiß auch die Psychologie, dass nicht allen damit geholfen ist über seine Erfahrungen zu reden. Insofern ist die Nachfrage nach dem Beweis unsensibel.
    Mich beschäftigt denn auch inwieweit es jetzt einen Schutz für die Betroffenen geben kann.
    Herr Nordhausen, wie sensibel kann und wird die seriöse Presse mit den
    Daten umgehen können? Ich habe schon beim Lesen des Beitrags über
    das plötzliche Verreisen von Peter P. den Atem angehalten, ob jetzt auch noch die vollständige Adresse folgt.

  164. 164
    ABC

    DER SPIEGEL
    Berliner Canisius-Kolleg
    Schulleitung wusste früh von Missbrauch

    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,675288,00.html

  165. 165
    Bernhard

    @St. Blasien (Nr. 139):

    Ich kann kaum glauben, dass Sie die von Ihnen selbst beschriebenen Vorgänge (“harmlose” Schläge auf den angezogenen – statt nackten – Hintern) offenbar als akzeptabel empfinden. Ist Ihnen nicht klar, dass sich hinter solchen scheinbar lustigen Dingen oft brutaler Missbrauch verbirgt, wie in diesem Fall klar geworden ist? Genau deswegen haben platte Sprüche wie “Wehret den Anfängen!” durchaus ihren Sinn. Wenn man einem potenziellen Täter einen scheinbar harmlosen Übergriff erlaubt, fordert man ihn geradezu dazu auf, das nächste Mal – natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit – weiter zu gehen. Hätten Eltern, Schulleitung und Kollegen den verantwortlichen Patres rechtzeitig auf die Finger geklopft, sie in eine Therapie geschickt und ihr Verhalten genau beobachtet, dann wäre es sicher nicht so weit gekommen.

  166. 166
    ABC

    Nachdem er nach Hamburg weitergereicht wurde, durfte er dann dort weitermachen:

    Canisius-Kolleg
    Drei Hamburger Missbrauchs-Opfer offenbaren sich

    http://www.morgenpost.de/berlin-aktuell/article1249213/Drei-Hamburger-Missbrauchs-Opfer-offenbaren-sich.html

  167. 167
    Sam Cartwright

    Bericht von der heutigen Pressekonferenz:

    TAZ 01.02.2010
    http://www.taz.de/1/berlin/artikel/1/fruehe-hinweise-auf-sexuellen-missbrauch/

    “Schließlich lässt der Pater Kopien von einem Brief verteilen, den 1981 acht Berliner Schüler an die Leitung schrieben. Darin appellierten sie für einen anderen Umgang im “Bereich der Sexualpädagogik”. “Aus eigener Erfahrung wissen wir, daß (…) mit Verboten versucht wird, die Sexualität einzelner gezielt zu steuern”, heißt es darin. Es wird auch Aufgabe von Anwältin Raue sein zu klären, warum es im Jahr 1981 auf einen solchen Brief keine Antwort gegeben hat.”

    Das finde ich beeindruckend. Die meinen das wirklich ernst mit der Aufklärung. Respekt.

  168. 168

    Hallo,

    kleine Korrektur zu meinem vorherigen Eintrag: Ich bin natürlich nach der Obersekunda abgegangen (für alle, die es interessiert).

    Über die turbulente Pressekonferenz schreibe ich nachher noch was.

    Und nochmal der Hinweis: ich suche Leute, die sich in der Lage fühlen, mir ihre Geschichte zu erzählen, um darüber in der Berliner Zeitung zu schreiben. Ich werde alles, was mir gesagt wird, absolut vertraulich behandeln und nur das schreiben, was wir dann absprechen.

    Viele Grüße an alle und an alle, die mich kennen
    Frank

  169. 169
    ABC

    @ThomasW: Vielen Dank für diese Aussage: “Aber eine Anmerkung, die mir wichtig ist: bitte verwechselt nicht Pädophilie mit Homosexualität. Beide Täter sind nicht homosexuell, Wolfgang S. ist inzwischen verheiratet und hat Familie (ist/war im Internet nachzulesen), Peter R. hat auch Mädchen belästigt, wenn er die Gelegenheit hatte, wie ich in zwei Gesprächen erfahren habe (und wohl auch in Hildesheim, wenn man der BZ-Meldung aus 107 glauben möchte) — R.s und St.s Missbrauchsgeschichten sind keinen fehlgeleiteten oder unterdrückten homosexuellen Neigungen entsprungen. ”

    Unter dem Titel “Get out and get proud” hat die Zeitschrift “The Economist” heute ein 5 minütiges Video veröffentlicht, dass sich mit Vorurteilen befasst:
    “Via Andrew Sullivan comes a wonderful, short video by Rob Tisinai countering the slander that paedophiles are largely gay men.

    http://www.economist.com/blogs/democracyinamerica/2010/02/gay_men_arent_paedophiles

  170. 170
    Jola

    Mich würde mal interessieren, was wirklich in dem Brief von 1981 drinsteht. Zuerst hatte ich verstanden, dass darin acht frischgebackene Ehemalige die beiden Patres klar und deutlich des Missbrauchs beschuldigt hätten. Wenn daraufhin nichts passiert ist/wäre ist/wäre das katastrophal. Wie es jetzt in den Medien wiedergegeben wird klingt es aber eher so, als hätten sie damals umfassend Kritik an Schule und GCL geübt und sich unter anderem auch zur (nicht zeitgemäßen) Sexualpädagogik im Allgemeinen geäußert. Was heißen würde, dass aus dem Brief nicht direkt hervorgeht, dass es sexuelle Übergriffe gab. Das wäre ein wesentlicher Unterschied. Was davon stimmt den nun?

  171. 171
    NameMussSein

    Die Schulleitung des CK wusste schon 1974 von den Einzelgesprächen hinter verschlossenen Türen. Die Mutter eines befreundeten Klassenkameraden (CK 71-79), mit der ich heute noch in Kontakt stehe, hatte sich darüber massiv beschwert.

    Es wurde dann kurzzeitig etwas ruhiger um unseren Religionslehrer.

    Ich habe gerade noch mal mit ihr telefoniert, sie hat es mir abermals bestätigt. Mein Freund verließ die MC (Marianische Congregation, später hieß sie dann: GCL oder Gemeinschaft Christlichen Lebens). Ich selber habe ihn bewundert, dass er diesen Mut aufbrachte, wir hatten doch Peter Riedel unser “Stillschweigen” zugesichert, da unsere Eltern die “tiefere” Bedeutung der Gespräche nicht verstehen würden.

    Ich will nicht verhehlen, dass ich heute für mein eigenes Verhalten genauso Scham empfinde wie in der damaligen Situation der Einzelgespräche. Ich wollte an der Gemeinschaft und den Jugendreisen teilhaben und habe den Missbrauch ertragen, um dabei sein zu dürfen. Naja, vielleicht ist man mit 12 auch noch nicht so schlau!

  172. 172
    Angelika Oetken

    @ABC:
    Hallo,
    ich habe gestern eine Stellungnahme von Pater Mertes im “Tagesspiegel am Sonntag” gelesen :
    “Die Kirche leidet an Homophobie. Homosexualität wird verschwiegen. Kleriker mit dieser Neigung sind unsicher, ob sie bei einem ehrlichen Umgang mit ihrer Sexualität noch akzeptiert werden.”

    Offenbar will Pater Mertes die Diskussion in diese Richtung lenken.

    Homosexualität mit “Pädophilie” gleichzusetzen ist allerdings für sich allein genommen schon mehr als diskussionswürdig.
    (“Pädophilie” setze ich in Klammern, weil “Liebe” und diese Neigung meiner Erkenntnis nach nichts miteinander zu tun haben, Prof. Beiers Argumente überzeugen mich da nicht)

    Die Argumentation von Pater Mertes ist in diesem Zusammenhang nichts weiter als eine leicht durchschaubare Ablenkungstaktik.
    Man könnte sie auch geschmacklos nennen.

    Oder auch dreist.

    Es hört sich doch im ersten Augenblick so schrecklich verständnisvoll und progressiv an.

    Pater Mertes versucht damit ganz geschickt vom eigentlichen Problem abzulenken :
    Die Katholische Kirche verfügt über von der Öffentlichkeit nicht ausreichend kontrollierte Machtinstrumente. Ihre Herrschaftsstrukturen widersprechen demokratischen Prinzipien.
    Das gilt für das deutsche Schulwesen im übrigen auch.

    Das allein sind die Gründe dafür, daß Kinder und Jugendliche persönlichkeitsgestörten Individuen wie diesen beiden Patres schutzlos ausgeliefert waren und auch heute noch sind.

    Anmerkung : Pfarrer W. (Mißbrauchsvorwurf in einer Gemeinde in Hohenschönhausen) war auch so ein “verhaltensauffälliger” Wanderpokal. Unfähige/Übergriffige Bürgemeister kann man überall abwählen. Einen unkoscheren, unfähigen Priester wird eine Gemeinde nicht los.

  173. 173
    ABC

    @Angelika Oetken: Hallo Frau Oetken, das ist Gedankenübertragung! Gerade habe ich zu dem von Ihnen angesprochenen Thema etwas geschrieben. Auch ich fühle mich von dem letzten Statement von Pater Mertes veralbert und schreibe es – in dubio – noch seiner momentanen Überforderung durch den Kommunikationstsunami zu.

    Das zur Prävention sexualisierter Gewalt geforderte NEIN!-Sagen ist keine Stärke in Institutionen, die den absoluten Gehorsam fordern.

    Zitat aus weltonline:

    “Die jüngsten Missbrauchsfälle beleben nun auch die Diskussion über den kirchlichen Umgang mit der Homosexualität. Rektor Klaus Mertes vom Canisius-Kolleg stellte die These auf: “žMeine Kirche leidet an Homophobie.”"

    http://www.welt.de/politik/deutschland/article6210412/Missbrauch-Skandal-entfacht-neue-Zoelibat-Debatte.html?query=Canisius

    Problem der Jesuiten ist, dass es sich bei dem obersten Homophoben um BXVI handelt. Sachverständige Quelle:

    http://www.queer.de/detail.php?article_id=2706

    Und was macht der Jesuit mit diesem Homophoben dann? Siehe mein Beitrag Nr. 60? oder doch mal NEIN! zum Papst sagen?
    Die Diskriminierung von Homosexuellen ist abzulehnen. Zur Reform der Kirche gehört aber auch die Gleichstellung von Frauen und diese anderen Ziele und Forderungen des KirchenVolksbegehrens:

    http://www.wir-sind-kirche.de/index.php?id=117

    Oder soll die Diskriminierung von Frauen ein Kavaliersdelikt bleiben?

  174. 174
    AH

    @St. Blasien…bis zum Beweis des Gegenteils

    als ehemaliger Internatsschüler in St. Blasien zwischen 1983 und 1990 kann ich bestätigen, dass Pater Wolfgang S. in den jüngeren Jahrgängen (5. bis 7. Klasse) regelmäßig Schüler unter einem Vorwand mit blankem Hintern übers Knie gelegt hat:
    An 1-2 Abenden pro Woche wurde uns Kindern von Pater W.S. im Schlafraum aus einem Buch vorgelesen. Er kam meist schon früher und beaufsichtigte uns Kinder bei der Abendwäsche. Dabei galt die von ihm aufgestellte Regel, dass man sich mit freiem Oberkörper zu waschen habe. Wer die Regel nicht beachtete wurde von ihm zur Belustigung der anderen mit leichten Schlägen auf den nackten Po bestraft. Dieses Vorgehen war bekannt und wurde von der Präfäktin trotz des Protestes einiger reiferer Kinder geduldet. Als damals 13-14 jähriger Junge war das ein Spaß, heute denke ich anders darüber, zumal ich heute die weitere Geschichte kenne. Weitergehende Vorfälle sind mir nicht bekannt.

  175. 175
    ThomasW

    @Jola:

    Es geht hier nur um R. Offensichtlich (der Brief liegt mir auch nicht vor) waren die Formulierungen in dem Schreiben um einiges verschwurbelter und viel verklemmter als ich es in Erinnerung habe – das zeigt mir, wie sehr wir damals in disem Sektenhaften gefangen waren und wie schwierig es war sich zu lösen. Nichtsdestotrotz hätte da bei Formulierungen wie “sexueller Steuerung “jeder von den Empfängern nachhaken müssen, ganz klar …
    Außerdem wurden die harten Fakten im Gespräch kommunziert (von einem anderen Betroffenen) Das hat inzwischen der damilige Rektor bestätigt (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,675288,00.html).

  176. 176
    Frank Nordhausen

    Der Brief von 1981 ist tatsächlich ziemlich 70er mäßig verschwurbelt und erfordert viel Gespür fürs Zwischen-den-Zeilen-Lesen. Die entscheidende Passage lautet:

    “Der Bereich der Sexualpädagogik liegt in der GCL in alleiniger Verantwortung des geistlichen Leiters. Ein vernünftiger Austausch mit Älteren findet kaum statt. Eine weibliche Bezugsperson für die heranwachsenden Mädchen ist nicht da. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass Sexualität tabuisiert und mit Verboten versucht wird, die Sexualität einzelner gezielt zu steuern und zu beeinflussen. Wir halten das für falsch und gefährlich, denn wir müssen uns fragen, ob nicht durch diese starre Praxis Schuldgefühle vor allem auf jüngere geladen werden, die sich schließlich zu Neurosen ausweiten könnten. Wir sind überzeugt, dass gerade dieser Punkt die Zusammenarbeit untereinander wesentlich behindert hat, da einige ihre persönlichen Spannungen vehement mit ihrer Arbeit verquickt sahen und es uns nicht möglich war, dieses Thema offen zu diskutieren. Wir verweisen ferner auf die auch in der offiziellen katholischen Lehre ungelösten und unserer Meinung nach falsch reflektierten Probleme homosexueller Jugendlicher, die sich sicherlich nicht nur in der GCL, aber auch da, schwerwiegenden Belastungen ausgesetzt sehen müssen und vielfach mit ihren Problemen allein gelassen werden oder erfahren müssen, ‘widersittliche’ und ‘unnatürliche’ Auffassungen von Sexualität zu haben.”

    Der Brief hat immerhin sechs Seiten.

    Die Pressekonferenz war unglaublich gut besucht, allein der RBB hatte drei Teams geschickt. Die entscheidenden Fragen nach dem damaligen Wissen der Ordensoberen und ihrer daraus abgeleiteten Verantwortung blieben unbeantwortet. Das habe die Archivrecherche nicht eindeutig klären können.

    Da ich mich daran erinnerte, dass ich sowohl Pater Riedel wie Pater Statt Ende der 60er Jahre selbst kennengelernt habe, jetzt aber immer nur von ihrer Zeit nach 1972 bzw. 1975 die Rede war, bin ich der Sache nachgegangen. Beide waren schon 1967/68 (Riedel) und 1969/70 (Statt) am CK, und zwar im Rahmen des Praktikums während ihres Theologiestudiums. Es kann also auch zu jener Zeit Opfer gegeben haben – nicht erst ab Mitte der 1970er.

  177. 177
    ThomasW

    @Frank Nordhausen:

    Danke! Um die konkreten Vorwürfe lavieren wir da wirklich ziemlich rum. Möglich, dass wir mit dem Schreiben denjenigen, der den direkten Kontakt zu Fischer gesucht hatte, unterstützen wollten … der für die Fakten, wir für eine breitere Streuung, dass da was im Argen ist.

    Sechs Seiten, puuh …. ich weiß nicht, ob ich das nochmal lesen möchte ….

    Deine anderen Fragen nach den 60ern sind sehr richtig, bemerkenswert auch, dass beide selbst CK-Schüler waren .. evt. finden sich auch da traumatisierende Erlebnisse.

    Ich fürchte allerdings, dass eine Frau Raue mit diesen Fragen überfordert ist (ist sie es nicht jetzt schon, wenn sie z. B. wie vergangenen Freitag Informationen über die ihr bekannten Betroffenen an die Journalisten weitergibt?)

    Man müsste den ganzen Zeitraum seit dem zweiten Weltkrieg bis heute untersuchen lassen .. und dies durch einen wirklich unabhängigen (also nicht von den Jesuiten) eingesetzten Historiker.

  178. 178
    Frage

    @ThomasW: “Ich fürchte allerdings, dass eine Frau Raue mit diesen Fragen überfordert ist (ist sie es nicht jetzt schon, wenn sie z. B. wie vergangenen Freitag Informationen über die ihr bekannten Betroffenen an die Journalisten weitergibt?)”

    Nebenbei: Kurz vor mir (also ca. 95) machte eine Rebecca Raue Abitur am CK. Kann mich irren aber Ursula Raue müsste ihre Mutter sein. Wär echt merkwürdig.

  179. 179
    Kollege F.

    @Bernhard (Nr. 165)
    Man muss sich darüber klar werden, wie das System funktioniert, das diesen Missbrauch möglich macht.Es sind zwei Bestandteile, die zusammenwirken:
    - Zum einen die unnahbare und unantastbare Autorität und Macht der Priester und Lehrer (egal ob mit Sutane oder in Zivil). Man traut sich nicht, ihnen gegenüber Widerwillen oder gar Widerstand zu zeigen und nimmt still die Schläge auf sich.
    - Zum anderen Sexualität als Tabuthema, wobei der Priester in seiner ganzen Autorität verkündet:”Darüber spricht man nicht!” Die Worte, die davon handeln, sind also allesamt “pfui”. Wie sollten junge Menschen, die eben noch Kinder waren, denn erkennen, wo Missbrauch anfängt, und ihn beim Namen nennen, wenn ihnen noch nicht mal vermittelt wurde, was “normal” ist?
    (Sicher hätte hier ein aufgeklärtes Elternhaus im Einzelfall viel korrigieren können, aber so etwas war wohl im erzkatholischen Milieu eher selten.Zumal in den 70ern.)
    So hätte also ein junger Mensch, der Missbrauchsopfer wurde, gleich zwei dicke Mauern durchbrechen müssen, hätte sich gegen die Autorität auflehnen müssen und hätte das Unaussprechliche in Worte fassen müssen – das alles verbunden mit dem Risiko, dass man am Ende dem Täter eher glaubt als dem Opfer…
    Autorität und Tabu, beides zusammen funktionierte so zuverlässig wie ein Zwei-Komponenten-Kleber: Alles wird versiegelt und verriegelt und unter der Decke gehalten…bis nach dreißig Jahren die Decke morsch wird!

  180. 180
    Qwertz

    CK 76-85

    Schade! Ich hatte das CK in guter Erinnerung.

    Bereits damals waren die kuriosen Patres am Aussterben und die
    Geschichten über die wir am meisten gelacht haben waren schon
    von den vorigen Jahrgängen überliefert (etwa das Pater K.,
    als er in der U-Bahn angepöbelt wurde, sich ein Messer ins Bein
    gerammt hat, um die Jungs zu schockieren. Pater K. hatte ein Holzbein).

    Im Gegensatz zu einem Vorredner und einigen Freunden habe ich den
    “Physikunterricht” eher von der humoristischen Seite genommen,
    auch wenn ich selbt – kein Mädchen – tatsächlich eine Ohrfeige
    kassiert habe. Unschuldig! Ich saß einfach in der ersten Reihe.
    Gequatscht wurde hinter mir, aber ich war besser zu erreichen ;-)

    Ich habe diese und viele andere Anekdoten bislang immer gerne
    zum Besten gegeben, nun werden diese Geschichten um einiges
    weniger lustig.

    Ich weiß, dass bei uns prinzipiell alle Patres unter einem
    gewissen Generalverdacht standen und jede öffentliche Handlung
    durchaus wahrgenommen und kommentiert wurde. Ich erinnere mich
    dunkel an eine sog. “Kuko” (“Kurskorrektur”) im Don Bosco Heim, nach
    der genau dieser Pater S. bei uns in der Klasse seinen Ruf
    weg hatte. Allerdings ist dort ausser einer flüchtigen Berührung
    eines Mitschülers nichts passiert, was aus unserer damaligen
    Sicht einen klaren Mißbrauch (das Wort kannten wir so gar nicht)
    offenbar hätte werden lassen. Wir haben dann unsere Witze über
    den “schwulen Pater” gemacht aber die ganze Sache natürlich nicht
    ernst genommen.

    Instinktiv habe ich mich aber glücklicherweise von diesen Menschen
    ferngehalten.

    Auch Pater R. war mir von Anfang an höchst suspekt und die merkwürdigen
    Strukturen in der GCL haben mich abgestoßen. Die GCL war in meiner
    Erinnerung eine mehr oder weniger geschlossene Gesellschaft. Ich kann
    mich an keinen Schulkameraden erinnern, mit dem ich näher Kontakt hatte,
    der dort engagiert war.

    Entsprechend sind auch zu unserer Clique die Geschichten über Onanie-
    Gespräche und R.´s Initiationsriten nie durchgedrungen. Ich habe zwei
    Klassen wiederholt, kenne also die entsprechenden Gerüchte und
    Geschichten aus drei Jahrgängen ohne jemals konkrete Geschichten
    dieser Art gehört zu haben. Auch nach dem Verschwinden der beiden
    Patres kann ich micht daran erinnern, dass groß über die Ursachen
    diskutiert wurde.

    R. war unser erster Religionslehrer und gleich in der Sexta oder
    Quinta mit auf Klassenfahrt. Mir ist dort sein machohaftes
    Gehabe aufgefallen (mit 80 Sachen mit dem Bully voller Kinder
    über eine schlaglochübersäte Schotterpiste rasen) und er hat
    dort Snoopys nach für alle unerklärlichen Kriterien verschenkt.
    Damals war ich sehr geknickt, dass ich keinen Snoopy bekommen habe,
    obwohl ich am Ende noch den Aufenthaltsraum sauber gemacht habe.
    Heute kann ich mich offenbar glücklich schätzen.

    Der weiter oben genannte Pater M. ist mir allerdings persönlich
    unangenehm aufgefallen, als er mir bei einer Referatsvorbereitung
    die Hand tätschelte. Ich habe mich damals bei einer Mitschülerin
    erkundigt, die regelmäßig in M.´s Theater-AG war, ob der vielleicht
    dort noch heftiger zur Sache geht, aber das wurde verneint und
    da der Mensch mir nie wieder zu Nahe kam, habe ich das als Marotte
    eines alten Mannes abgetan, der wegen des Zölibats eben körperliche
    Nähe erkämpfen oder erschleichen muss. Es war mir etwas unangenehm,
    aber eben gerade noch vor der Grenze eines tatsächlichen Mißbrauchs.

    Unabhängig von diesen unangenehmen Geschichten darf man aber auch
    nicht vergessen, dass es auch viele sehr engagierte und vorbildliche
    Menschen am CK gab und wir, vielleicht anders als die Jahrgänge
    vor uns noch, ein hohes Maß an Freiheit und Entfaltungs-
    möglichkeiten genossen haben.

    Eine Freundin auf einer konfessionellen evangelischen Schule
    durfte zu dieser Zeit keine Ohrringe in der Schule tragen und
    Aufkleber auf der Mappe waren tabu. Wir hingegen konnten ohne Probleme
    unsere jeweilige Weltanschauung in die Schule tragen
    und uns kleiden
    wie es uns beliebte. War es nicht schon Dein Jahrgang, Johnny, in dem
    der erste Punk das beste Abi gemacht hat?

    Ich bin in der gesamten Zeit niemals für meine Kleidung oder linke Aufkleber diskrimiert worden. Nur unser Sportlehrer Herr N., der Konfzius gut fand, hat irgendwann den Spruch gemacht, ich sähe nun aus wie alle
    anderen, die anders aussehen wollen ;-)

    Die JU und REP-Scheiße betrifft genau meine Zeit und hier waren
    nur wenige Schüler des CK involviert. Die Hetzzeitschriften mit
    Verherrlichungen von Nazi-Größen waren ohne Zutun unserer Mitschüler
    von der JU Tiergarten vor dem CK verteilt worden. Die Kollegen, die
    von der JU zu den REPs gegangen sind und sich dann eher unerwartet
    in Ämtern wiederfanden konnten wir erfolgreich bewegen dort wieder
    auszusteigen.

    Die Söhnchen von Lummer & Co. waren selbst eher unpolitisch.

    Richtige Nazis unter meinen Mitschülern kenne ich keine und auch
    keine entsprechenden Parolen seitens der Lehrerschaft. Im Gegenteil!
    Sowohl am CK, wie auch in der heimischen Kirchengemeinde wurden wir
    recht schonungslos mit den Nazi-Greueltaten konfrontiert. Schon
    relativ früh haben wir Auschwitzdokumentationen etc. in aller
    Drastik zu sehen bekommen.

    Das EKH, was sich in meiner Oberstufenzeit zum zentralen Treffpunkt
    der über Berlin verstreuten CK-Schülerschaft entwickelt hat, wurde denn
    auch mindestens einmal ernsthaft (Kieferbruch bei einem Mitschüler)
    von Nazis überfallen, da das Publikum vorwiegend aus Mods, Punks und
    Alternativen bestand.

    Erschreckend finde ich, wie die katholische Kirche regelmäßig
    mit Mißbrauchsfällen umgeht. Immer wieder werden einschlägig auffällige
    Kandidaten nicht nur nicht angezeigt, sondern teilweise sogar wieder
    in Bereichen eingesetzt, wo erneute Übergriffe naheliegend sind.
    Hier wird die Amtskirche bzw. der Orden zum Mittäter.

    Der gesamten Struktur ist vorzuwerfen, dass – obwohl bekannt ist,
    dass das Zölibat entweder umgangen wird oder zu Krisen, Mißbrauch
    oder Sucht führt und nur von den Wenigsten ertragen wird – sie nicht
    von dieser schwachsinnigen Regel abrückt.

    Traurig sind diese Geschichten – abgesehen von den Opfern
    natürlich – für die Leute, die sich mit besten Absichten
    engagieren. Auf alle Patres, die gute Arbeit machen und
    gemacht haben fällt nun ein Generalverdacht. Und natürlich
    immer besonders auf die, die sich über Gebühr engagieren,
    weil man gerade bei denen zuerst Verdacht schöpft.

  181. 181
    Alt-CKler

    CK 1959-1963
    Immaculata-Kolleg (Jesuiten-Internat), Büren 1964

    1. Es ist Augenwischerei, sich in den jetzigen Diskussionen fast ausschließlich auf die sexuellen Übergriffe zu stürzen. Dies ist nur die andere Seite der voyeuristischen Medaille, die mir und all den anderen z.B. in der Beichte untergekommen ist. Ausführlichst wurde ich stets nur nach Verstößen gegen das 6. Gebot befragt. Zur Erinnerung:

    “Im Sündenbekenntnis müssen wir uns selber anklagen, damit der Beichtvater als Bußrichter unsere Sünden erkennen und das Urteil fällen kann. Wir müssen uns deutlich, aufrichtig und in wahrer Bußgesinnung anklagen, dürfen keine Todsünde verschweigen oder beschönigen.

    Damit die Beichte gültig und würdig sei, muß man bei den Todsünden genau angeben, so gut man es kann, wie oft man sie begangen hat; und wenn sie oft begangen wurden, wenigstens wie oft im Monat oder in der Woche; fernerhin die Art der Sünde und die verändernden Umstände.

    Keuschheit
    Sünden gegen die Keuschheit, wenn sie mit klarer Erkenntnis und mit voller Absicht oder voller Einwilligung geschehen, sind schwere Sünden.

    Hast du verbotene Regungen des Geschlechtstriebes oder unkeusche Lust gesucht und geweckt oder darin eingewilligt?
    Durch unkeusche Blicke? Wie oft?
    Durch unkeusche Gedanken und Vorstellungen? Wie oft?
    Durch unkeusche Reden? Wie oft?
    Durch Aufsuchen der nächsten Gelegenheit? Welcher? Wie oft?
    Durch unkeusche Werke an dir selbst? Wie oft?
    Durch das Zulasen unkeuscher Werke an dir selbst? Wie oft?
    Durch unkeusche Werke mit anderen (Männern oder Frauen)? Wie oft?
    Handelt es sich um ein unerlaubtes Verhältnis? Um bräutliche Untreue?
    Hast du anderen Anlaß zur Unkeuschheit gegeben? Wodurch? Wie oft? Wie vielen?
    Hast du andere zur Unkeuschheit verführt? Wie oft? Wie viele?”

    Wer von den Patres ermisst eigentlich, in welch grauenhaftem Konflikt sich ein junger Mensch befindet, der sich “unkeuschen Werken” durch einen Pater ausgesetzt sieht, dies aber einem Angehörigen derselben Kaste beichten soll?!

    2. Es wurde hier schon darauf hingewiesen, dass es neben den offen oder unterschwellig sexuellen vor allem körperliche und psychische/ seelische Übergriffe gab- nach meiner Erfahrung weitaus häufiger. Zumindest in den Jahren, in denen ich dem jesuitischen Erziehungssystem ausgesetzt war. Darauf geht die Societas Jesu aber überhaupt nicht ein. Obwohl schon 50 Jahre her, ist mir das Ziehen an den Haaren (Koteletten), bis man ganz aufgereckt auf den Zehenspitzen stand, noch lebhaft in Erinnerung. Die Kopfnüsse, die pfeifenden Schläge mit dem Zeigestock auf die Fingerspitzen (bei Wegziehen dann zur Strafe halt zweimal), die Schläge mit der flachen Seite des Tafellineals auf verschiedene Körperstellen. Das In-der-Ecke-Stehen, die Verächtlichmachung und persönliche Herabsetzung durch Lehrkräfte, die Kollektivstrafen zum Heranziehen von Denunzianten. Das Deklamieren mit “Klapsen” auf den Hinterkopf (“Leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen!”): Aurea/prima/sata est/aetas/quae/vindice/nullo/sponte/sua/sine lege/fidem/rectumque/colebat.

    Naja, wir kennen ja alle den gängigen Satz “Eine Backpfeife von Zeit zu Zeit hat ja noch niemand geschadet!” EInfach nur krank, sowas.

    Wer von den CKlern meines Jahrgangs erinnert sich noch an die Finger-Appelle, wo die Länge der Fingernägel und deren Sauberkeit kontrolliert wurde? Nicht sauber genug? Nach einen lautstarken Anschiss als “Drecksau” musste man dann aus dem Hauptgebäude in den Waschraum der Sporthalle losrennen (ohne sich beim verbotenen Rennen auf dem Gang erwischen zu lassen) und sich die Fingernägel schrubben. Da zwischenzeitlich der Unterricht begonnen hatte, hatte man deswegen kein Recht, sich auf dem Flur aufzuhalten und riskierte so einen weiteren Anschiss, sofern man erwischt wurde. Kinder in eine solche doppelte Zwickmühle zu zwingen ist schlichtweg sadistisch.

    3. Es ist ein – meiner Meinung nach unzulässiger – Rechtfertigungsversuch, diese Art der Pädagogik als historisch bedingt oder als (entschuldbare) persönliche Defizite einzelner Lehrkräfte hinzustellen. Generalisierte Verlogenheit und hohle Sprücheklopperei: da werden Demut, Nächstenliebe und Barmherzigkeit gepredigt, aber Überheblichkeit, Herabsetzung und unbarmherzige Härte ausgelebt. Leitmotiv war offenbar der Satz aus Menanders Werken: “Ho me dareis anthropos ou paideuetai.” (lat.: “Male eruditur ille, qui non vapulat.”). “Der Mensch, der nicht geschunden wird, wird auch nicht erzogen.” oder anders gesagt: “Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie.”

    Wenn heute der Erfolgs- und Konkurrenzdruck bei Schülern als so gravierend hingestellt wird, da lach’ ich doch fast drüber – Frontalunterricht bei 50 Jungs in der Sexta, wo man vielleicht zweimal im Halbjahr mündlich dran kam! Gnadenlos unter Druck gesetzt und gegeneinander ausgespielt. “Wer nicht spurt, fliegt! Am Ende der Sexta darf sich sowieso ein Drittel ‘ne neue Schule suchen, da wird kräftig gesiebt. Luschen können wir hier nicht brauchen!” Also: Auswendiglernen, Nachplappern, Herbeten, nach dem Mund reden, ja nicht auffallen.

    Anekdote: auf dem Weg zum Pausenhof kamen wir immer an der Klausur (den Privatgemächern der Patres) und an der Küche vorbei. Der Satz “Wasser predigen, aber Wein trinken” liess sich dabei an den umfangreichen Bier- und Weinlieferungen sehr schön quantifizieren.

    4. Es ist unglaublich blauäugig zu meinen, es habe Übergriffe am CK nur in den 70er und 80er Jahren gegeben. Deswegen hat Mertes unrecht, wenn er sich gegen die “Unterstellung” verwahrt, es habe “jahrzehntelangen” Missbrauch gegeben – es handele sich nur um “jahrelangen”. Meine Erfahrungen stammen aus dem Ende der 50er / Anfang der 60er Jahre, ich bin mir aber sicher, dass es CKler aus dem Anfang der 50-er Jahre gibt, die ebenfalls ihre traumatischen Erfahrungen gemacht haben. Also von den 50ern bis in die 80er: da kann man schon von “jahrzehntelang” sprechen, oder? Insofern rollt Mertes hier den Verharmlosungsteppich aus, auf den vermutlich viele (bereitwillig) drauflaufen.

    Ich habe immer noch – inzwischen allerdings recht diffuse und wohl auch weitgehend verdrängte – Erinnerungen an viele demütigende und schmierig-unangenehme Situationen. “Explizite” sexuelle Übergriffe mir gegenüber hat es nicht gegeben, aber das körperliche Bedrängen ohne ausweichen zu können, empfinde ich genauso als Verletzung meiner Intimsphäre – das In-den-Arm-nehmen, das Über-den-Kopf-Streicheln, das An-mich-Drängeln, das In-die-Backen-Kneifen, das Sanft-Beiseite-Schubsen. Sei es während des Studiums (also der Zeit nach der regulären Schulzeit, sowas wie Hausaufgabenbetreuung), als junge Fratres auf uns losgelassen wurden, sei es bei den Aktivitäten der MC (“Marianische Congregation”) wie dem Ausschneiden, Sortieren, Ablösen und Pressen von Briefmarken oder das Arbeiten in der Dunkelkammer des “Fotoklubs”. Meine Teilnahme an derlei Aktivitäten war jeweils nur von kurzer Dauer, ich wurde aber ständig unter moralischen Druck gesetzt, dass ich mich sozial engagieren und dementsprechend dabeibleiben – also der Situation weiterhin ausgesetzt sein – müsste.

    Als eher unangepasster Schüler wurde ich öfter zu Einzelgesprächen zitiert. Noch heute löst der Geruch von Sumatra-Zigarren bei mir Brechreiz aus, weil er mich an diese Sitzungen erinnert, in denen ich einem zigarrelutschenden Pater gegenübersaß, der unter seiner Soutane herumnestelte.

    Für die, die sich tatsächlich mit den längst vergangenen Zeiten auseinandersetzen wollten, ist es übrigens nicht einfach. Die Namen der damaligen Patres, Fratres und sonstigen Lehrkräfte sind auf der CK-Website ja nicht zu finden, geschweige denn Bilder. Von Büren fällt mir überhaupt kein Name mehr ein, vom CK geistern gerade mal noch drei Namen durch den Kopf.

    5. Es ist die ewige Ausrede totalitärer Systeme, dass bestimmte Vorkommnisse nur Ausnahmen und/oder persönliche Verfehlungen, aber eben keine systemimmanenten Auswüchse seien. Hitler war halt irgendein Spinner und Stalin ein Verbrecher. Aber ist es vielleicht nicht eher so, dass der Stalinismus die Zuspitzung des Leninismus ist, der seinerseits dem Marxismus entspringt? Und ist die Überlegung wirklich so abwegig, dass bei den Katholiken die Übergriffe nach aussen gegenüber Andersgläubigen und die Übergriffe nach innen gegenüber Schutzbefohlenen dem (von BXVI. ja ausdrücklich aufrechterhaltenen) Alleinvertretungsanspruch des Katholizismus entspringen?

    Die Jesuiten machen es sich selbst dabei im Grunde leicht und ihren Gegnern besonders schwer: sie polarisieren schnell und grundsätzlich und gründlich. Ein Instrument dabei ist das, was Angelika Oetken (113) so beschreibt: “Gerade die ‘Eloquenten’ und ‘Intelligenten’ sind da besonders gefährlich, weil effektiv.” Jesuitische Diskussionen laufen immer darauf hinaus, den anderen in die Ecke zu treiben. Nach Dr. Dr. Wolf Ruede-Wissmann könnte man das “Dialektische Rabulistik” nennen. (Ich kenne keine Jesuitenzöglinge, die “lau” sind – entweder es sind glühende Verfechter des Katholizismus oder glühende Bekämpfer. Zu welcher Spezies ich gehöre, könnt ihr euch ja denken.)

    Für mich sind Jesuiten Chamäleons, die sich ihrer Umgebung perfekt anpassen, damit sie umso besser ihre Beute schnappen können. Während andere Orden noch in Kutte oder Soutane herumlaufen, tragen Jesuiten längst Jeans und Gelfrisur. Als technokratische Vorhut des Katholizismus beherrschen Jesuiten selbstverständlich die Klaviatur der neuen IT-Techniken, wo andere Orden noch Spirit-Carbon-Matrizen verwenden, um ein Mitteilungsblatt zu vervielfältigen. So gelten Jesuiten als modern.

    Jesuiten sind zu klug, um Dinge abzustreiten, die bereits bekannt oder offensichtlich sind. Statt plump zu mauern, gehen sie dann in die (vermeintliche!) Offensive, wenn es unvermeidbar ist und versuchen damit, sich die Deutungshoheit anzueignen. Vermischt man das zusätzlich mit entsprechender Betroffenheitsrhetorik, hat man sich einen entsprechenden medialen Vorsprung errungen.

    Hier wird ja auch gleich entsprechend personalisiert (und damit das Problem wieder relativiert): wie sehr man Mertes sein Engagement doch abnimmt, als wie authentisch und offen man ihn doch erlebt hat usw. Und schwupps kann man die, die auf diese Nebelkerzen nicht hereinfallen, auf das Trefflichste diffamieren – als ob Übergriffe und deren Aufdeckung eine Frage einzelner fehl- oder wohlgeleiteter Personen wäre.

    Ich hoffe nur, dass das Erbe der Aufklärung noch nicht ganz verloren gegangen ist und nicht noch mehr Menschen dem religiösen Obskurantentum verfallen, auch wenn es in der “modernen” Verpackung des Jesuitentums daherkommt.

    6. Mehrfach habe ich hier den Dank gelesen, wie gesittet und sachlich es hier zugeht. Darf ich die Idylle vielleicht für eine Sekunde stören?

    Eigentlich wünsche ich mir Rache für all das, was man mir als Kind und Jugendlicher angetan hat. Ich wünsche mir Ersatz für den Preis der vielen Kubikmeter Wasser, die ich bis heute verwende, um mich zweimal am Tag gründlich zu duschen und mich dennoch immer schmutzig zu fühlen. Ich wünsche mir, dass diejenigen in der Hölle schmoren mögen, die mir durch ihre Übergriffe verwehrt haben, zu anderen Menschen Vertrauen zu fassen und angstfreie Beziehungen einzugehen. Ich möchte jemand vor mir haben, dem ich die Fresse polieren kann, um meine Wut abzureagieren. Ich möchte der ganzen verlogenen Katholenbande meinen Hass in den Rachen stopfen, damit ich ihn endlich los bin und nicht /ich/ davon zerfressen werde, sondern /sie/. Ich würde gerne, dass /sie/ sich minderwertig und hilflos fühlen und nicht ich. Und: ich hätte meine Kraft lieber in ein positiv-kreatives Leben gesteckt, statt mich im Kampf gegen den Alptraum der Vergangenheit fast zu verschleissen.

    Jedenfalls werde ich den Jesuiten nicht helfen, aus ihrer Bredouille herauszukommen. Anpassungsfähig wie sie sind, schaffen sie das sicher selbst. Meine Absolution wollen sie? Nee, auch die werden sie von mir nicht kriegen – ich habe nichts zu verzeihen oder zu vergeben. So wie ich mit meinen Narben leben muss, müssen sie mit ihrer Schuld und ihrer Schande leben.

    Aber wie oben geschrieben: Die Jesuiten machen es sich selbst auf gewohnt katholische Weise dabei im Grunde leicht und ihren Opfern besonders schwer. Der versierte Küchen- ääh Kirchenmeister rät: bereuen – beichten – Buße tun (3 Vaterunser und 3 Ave Maria beten sollte langen) und dann, schwuppdiwupp, beruhigt weitermachen.

  182. 182
    Brillenfux

    @Ro.Do.: darum ging es ja.. deswegen ja auch: “:-/”
    Ich bezog mich da auf eine Stelle im Artikel:
    “Als es später innerhalb des Ordens Hinweise auf solche Taten gegeben habe, soll der betreffende Pater ebenfalls aus dem Schuldienst entlassen und in der Provinz in der Jugendarbeit eingesetzt worden sein.”
    Nach dem Motto: “Aus den Augen, aus dem Sinn”
    Der Sarkasmus meines Beitrags ist wahrscheinlich entgangen.

  183. 183
    Thomas_war_auch_ck

    Also das fast schon schelmische Grinsen bei Pater Mertens bei seinen Ausführungen zu “die (die Opfer..) können jetzt das erstemal angstfrei über das erlebte reden .. auch in ihren intimbeziehungen (!?) [so oder so ähnlich..] hat mich doch etwas irritiert.
    Diejenigen, die unter dem Erlebten schwere dauerhafte Traumata erlebt haben müssen sich veralbert vorkommen. Auch um Entschuldigung zu rufen finde ich haarsträubend. Die Schuld ist den Tätern nicht zu nehmen ! (Ent – Schulden… ha). Auch die Wegseher und nicht Begreifen-Wollenden und Nichts gewußt haben wollenden…nur Sie selbst wissen, wieviel Schuld Sie jeder haben und daran sollen Sie bitte gaanz lange Leiden…die Opfer leiden auch gaanz lange – manche für immer und EWIG.
    Die öffentliche Darstellung k…zt mich inzwischen an. Kommt mir fast so vor, wie der arme Mörder oder Betrüger oder eben Kinderschänder, der ja gar nichts für seine Taten kann und die opfer haben eben Pech, was sind Sie auch zu der Zeit in der Situation…
    Die Erklärungsmuster für die Täter werden breit erläutert, die Opferseite unter den Teppich gekehrt. Hat der Orden ja noch Glück, das keine amerikanischen Gerichte hier Milliarden an Wierdergutmachung aufruft – auch wenn Geld hier gar keine Linderung der Qual bringt.
    Ich bin inzwischen entsetzt. Sowohl über die frühere Vertuschung, als auch über die aktuelle Aufklärungskampanie. Schade. Denn den eigentliche Ansatz von P.M. fand und finde ich ja richtig. Was daraus bis jetzt geworden ist, ist und wird zur Fratze…

  184. 184
    KaMaZhe

    @Alt-CKler:
    Vielen Dank für diesen großartigen Text.
    Bei dieser Gelegenheit möchte ich daran erinnern, dass die beiden (muß man noch sagen: mutmaßlichen?) Täter des aktuellen Skandals, Peter R. (CK 53-62) und Wolfgang S. (CK 55-54) genau dieser Erziehung am CK ausgesetzt waren, bevor sie beide jeweils gleich nach dem Abitur in den Orden eintraten, um nach wenigen Jahren als Fratres, danach als Patres an den Ort ihrer Schulzeit zurückzukehren.
    Womit nichts entschuldigt wird, vielleicht manches erklärt. Aber vor allem zeigt sich: es gibt hier eine Tradtionslinie des Missbrauchs und der Gewalt. Wäre doch interessant, dazu den letzten Überlebenden dieser alten Garde am CK zu hören, den vielfach geschätzten Pater Glorius.

  185. 185
    Jule

    @KaMaZhe:

    “Wäre doch interessant, dazu den letzten Überlebenden dieser alten Garde am CK zu hören, den vielfach geschätzten Pater Glorius.”

    …daran habe ich auch schon gedacht in den letzten Tagen…
    Es ist so gruselig, dass es offenbar sehr, sehr viele gewusst haben…

  186. 186
    KaMaZhe

    @Thomas_war_auch_ck:
    Die Geschädigten lassen sich nicht veralbern, sondern werden vom Orden et al. “tätige Reue”, also Wiedergutmachung verlangen.

    Dazu wurde inzwischen die Berliner Rechtsanwältin Manuela Groll beauftragt:

    Anschrift: Wexstraße 28, 10715 Berlin
    Telefon: 030/85078000
    Mail: rain-groll@gmx.de

    Wer sich anschließen möchte, kann sich gerne bei ihr melden. Es geht sicher nicht um amerikanische Dimensionen, aber um mehr als eine Entschuldigung mit 30 Jähriger Verspätung auf jeden Fall.

  187. 187
    Wolfgang

    @Alt-CKler:
    Nicht nur die christliche Verbrechensgeschichte – und Zurichtung der menschlichen Gesellschaft – umfasst mehr. Ich erinnere mich noch an die Philipp-Holzmann-Schule, Berufsschule für das Bau- und Holzgewerbe, in Frankfurt am Main, 1967-69. Ein Mitschüler aus nichtreligiösen Elternhaus musste (damals noch) am Religionsunterricht teilnehmen. Er wurde von einem katholischen ‘Exorzisten’ während des Religionsunterrichtes aufs übelste angelabert und beschimpft. Der Mitschüler blieb (äußerlich) erstaunlich gelassen und ruhig.

  188. 188
    Qwertz

    Bei meinem letzten Absatz oben hatte ich natürlich genau an “Glori” gedacht, der mit seinem Bauorden in meiner Erinnerung ja gute Arbeit gemacht hat. Aber natürlich habt Ihr Recht. Auch diese Leute müssen irgendwann von den Umtrieben Ihrer Mitbrüder gewusst haben. Krass!

    Mir fällt gerade noch ein, dass ich vor zwei Jahrem einem Verwandten das Canisius Kolleg wärmstens empfohlen habe, dieser aber dankend ablehnte, weil er selber einschlägige Erfahrungen mit einem Geistlichen hat. Ich hätte mich damals noch für die Integrität des CK verbürgt…

  189. 189
    Hubert Zimmermann

    Ich war am CK 60-69.Damals hieß die GCL noch MC. Der langjährige Leiter (Schönen Gruuß von Pater R…) eröffnete die MC-Burg und hielt mit Gruppenstunden, Fahrt und Lager, mit Exercitien und MC Sonntagen mit Gottesdienst und Vormittagsprogramm die MC am Laufen. Von 68 bis 69 war ich der Präfekt (Leiter) der MC. Das war für mich eine tolle Zeit, von pädophilen Gegebenheiten kann ich nicht berichten.
    Natürlich war uns Schülern klar, dass man sich bei manchen Vorkommnissen mit den Patres seinen Teil denken mußte, bei mancher Züchtigung, manch Berührung, manchem Zunahekommen etc. Auch bei welchem Pater man da etw. vorsichtiger sein mußte, die Namen sind hier genannt worden, das wußte man. Und machte darüber seine Pausenwitze. Für mich blieb es in den 60er Jahren bei diesen kleinen Peinlichkeiten.
    Und mit der Ordnung der eigenen erwachenden Sexualität, dem Durchleben der homophilen und heterophilen Phase,hatte man in einer reinen Jungenschule schon selbst genug zu tun. Und einen S. oder R. als Pater gab es noch nicht, sondern nur als Mitschüler.

  190. 190

    Liebe ehemalige CKler,
    Johnny Haeusler hat mich ermutigt, mich auf diesem Wege an Sie zu wenden – wie schon mein Kollege vor mir, als Journalistin. Ich arbeite für das ZDF in Berlin und suche insbesondere für die heute-Sendungen und das heute Journal ehemalige Schüler, die als Zeitzeugen bereit sind, vor der Kamera über ihre Erinnerungen zu sprechen, auf Wunsch natürlich völlig anonym.
    Ich weiß nicht, warum, vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich mein Abitur an dem “anderen” konfessionellen sogenannten Elitegymnasium in Berlin gemacht habe und das Canisius Kolleg bei den Klosteranern immer schon mehr Aufmerksamkeit genoss als andere Berliner Schulen, jedenfalls beschäftigen mich die Taten an Ihrer Schule sehr stark. Und ich wende mich nicht nur wegen der “Story” an Sie (obwohl es unlauter wäre, diesen Aspekt des beruflichen Interesses zu leugnen); ich würde mir vor allem wünschen, dass nicht nur diejenigen zu Wort kommen, die aus dem System kommen – so aufrichtig ihr Aufklärungsinteresse auch sein mag; sondern auch diejenigen, die unter diesem System gelitten haben. KaMaZhe sprach von einer “Traditionslinie von Missbrauch und Gewalt”; dieser Linie sollte sich der Orden und die katholische Kirche meiner Ansicht nach endlich stellen. Ich würde mir auch wünschen, dass auf Grund einer seriösen Berichterstattung andere Opfer den Mut finden, sich zu öffnen, diejenigen anzuklagen, die sie missbraucht und misshandelt haben, und damit vielleicht auch mit sich selbst und ihren Erlebnissen etwas ins Reine kommen zu können.

    Sie erreichen mich telephonisch unter
    030 – 2099 1207
    oder mobil
    0179 – 513 38 70
    oder per Mail
    hollstein.s@zdf.de

    Falls Sie sich unsicher sein sollten, stehe ich natürlich auch jederzeit für Fragen zu mir, meiner Arbeit und meinen Beweggründen für diese Anfrage zur Verfügung.
    Ich danke Ihnen!
    Sonja Hollstein

  191. 191
    hermesgolf

    @B.R.: mit ihrem statement
    “Viel Elend hätte vielen Kindern erspart bleiben können wenn endlich das von Hitler eingeführte Reichskonkordat abgeschafft würde. Es steht in diametralem Gegensatz zum Grundgesetz und ist in jeder Hinsicht illegal und mit republikanischem Selbstverständnis nicht kompatibel. Selbst jeder Atheist subventioniert zwangsweise das Pfaffentum durch seine Steuern, ob er will oder nicht. Auch ohne Kirchensteuer!

    Religion ist Privatsache, und sonst gar nichts.

    Nehmt dem Klerus ENDLICH die Macht!”

    sprechen sie einen wichtigen punkt an. die arroganz, mit der die kirchenoberen mit den missbrauchsfällen auf der ganzen welt umgehen, ist v.a. auf ihren starken einfluss auf regierungen/staaten zurückzuführen. besonders schlimm ist es gerade in deutschland, wo kirchen jährlich mit ca. 25 mrd euro (zum großen teil verfassungswidrig) privilegiert werden.
    besser ist da der frz. artikel 2 des trennungsgesetzes von 1905: “die französische republik erkennt keinen kult an und subventioniert keinen kult.”

  192. 192
    ABC

    @Angelika Oetken: Zu Ihrer Aussage. “Pater Mertes versucht damit ganz geschickt vom eigentlichen Problem abzulenken : Die Katholische Kirche verfügt über von der Öffentlichkeit nicht ausreichend kontrollierte Machtinstrumente. Ihre Herrschaftsstrukturen widersprechen demokratischen Prinzipien.”

    Zunächst einmal die gute Nachricht. Es gibt auch ein Beispiel im Jesuitenorden, wo die verantwortliche Leitung in einem Fall sexueller Belästigung sofort und effizient tätkräftig eingeschritten ist. Zitat: “žAllein der Dämon, der immer neidisch ist und das Böse aussät, hat Besitz genommen von Magister Matthias. Dieser bereitet uns viel Molesten und Unverschämheiten. Unter anderem ist er in unsere Kirche eingedrungen, “¦so bitte ich Sie “¦.einige Worte zu Seiner Heiligkeit zu sprechen, damit der Papst hier eingreife…”
    Aus dem Brief von Isabel Roser vom 27. März 1545 an Margarita de Austria. Das Belästigungsproblem wurde durch ihr Eingreifen als Oberin des Marthahauses dann sehr schnell gelöst. Leider konnten die männlichen Jesuiten mit dem tatkräftigen Frömmigkeitstil von Frau Roser, geborene Ferrer, nichts anfangen. Sie wurde am 1. Oktober 1946 aus dem Orden gefeuert. Frau Roser war eine spanische conversa.

    Die Geschichte des Jesuitenordens ist auch eine Geschichte von gewalttätigen Ausgrenzungen. Die größten sehr frühen Ausgrenzungen sind der gewalttätige Rauswurf der Frauen aus dem Orden (1546) und der Ausschluss der Judenchristen (conversos) aus dem Orden

    Zu den conversos als Quelle und mit erschütternden Dokumenten dort:

    http://www.jewishjesuits.com/

    Frau Isabel Roser ist dort nichtaufgeführt.

    Quelle zum Ausschluss der Frauen: Hugo Rahner, Ignatius von Loyola, Briefwechsel mit Frauen, Verlag Herder Freiburg 1956

    Es wäre schön, wenn sich einmal eine Frau wissenschaftlich mit diesem Buch und seiner völlig verzerrten Darstellung der Frauen beschäftigen würde. Aber Vorsicht Hugo, der Bruder von Karl Rahner, ist ein Gefühlsmensch, der selten mit dem Kopf schreibt. Es ist der Frauenbewegung und nicht der katholischen Kirche zu verdanken, dass heute niemand mehr so angeblich “žwissenschaftlich” schreiben kann, wie Hugo Rahner im Jahr 1956.

    Der Jesuitenorden war seit 470 Jahren der Lehrorden der katholischen Kirche und ist daher durch seine Theologie erheblich an der Unterdrückung der Frau in der Kirche beteiligt.

    Et ceterum censeo: Einer Kirche, die die Gleichberechtigung ablehnt, muss endlich die staatliche Förderung entzogen werden. Der Staat kann die Verletzung der Menschenrechte durch diese Kirche nicht auch noch finanzieren.

  193. 193
    Alt-CKler

    Hier ein Gedicht von Dieter Höss, das seit vielen Jahren bei mir eingerahmt an der Wand hängt:

    “Auch das noch

    Zehn Jahre lang
    muteten sie im
    das Unzumutbare zu.
    Weil er es ertrug,
    sagten sie ganz erstaunt:
    Der läßt mit sich
    alles machen.

    Im elften Jahr
    ertrug er es nicht mehr.
    Als er plötzlich zurückschlug,
    sagten sie noch erstaunter:
    Jähzornig ist er
    also auch.”

    Das ist für mich fast die Quintessenz jesuitischer Erziehung. Zwar als Gedicht nicht brilliant argumentativ aufbereitet, aber erfahrungsgebunden-emotional gut nachvollziehbar. Irgendwer hat mal gesagt: “Die Gesellschaft müsste mir auf Knien danken, dass ich kein Terrorist geworden bin!”

    @webadmin: Danke, dass wir hier nicht nur 500 oder 1000 Zeichen eingeben dürfen!

  194. 194
    St.

    Als:
    - ehemaliger Gymnasiast (1977 – 87) an einem katholischen Jungengymnasium (kirchlicher Träger, nicht SJ),
    - Ex-Novize SJ (1989/90)
    - Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Strafrecht und
    - homosexueller Mann

    habe ich die Meldungen über die Ereignisse an verschiedenen Jesuitenschulen sehr interessiert verfolgt; gerade auch die Beiträge in diesem Blog habe ich aufmerksam gelesen, da die meisten von ihnen von “Insidern” stammen und sehr sachlich sind.

    Ich möchte kurz einige Punkte benennen, die mich bewegen, um alles jetzt ausdifferenziert zu formulieren, fehlt die Zeit:

    1. Übergriffige Pädagogik, ausgeübt von Lehrern/ Lehrerinnen – geistlich wie weltlich – die sozialisiert wurden in den 30er – 60er Jahren, gab es in den 70er und 80er Jahren noch überall (Schulen, Behindertenheimen, Altenheimen, Erziehungsheimen); übergriffige Pädagogik wird es auch heute noch geben, wenn auch in anderer Form.

    2. Das individuell-übergriffige Versagen der besagten Patres S. und R. ist das Eine; das Andere, nicht minder gravierende ist aber, dass die damaligen Ordensoberen – zeitgeistbedingt wie andere Kleriker auch – dieses Versagen der individuellen Patres letztlich noch verstärkt und perpetuiert haben (Versetzungen nach St. Blasien, Ansgarschule Hamburg, Jugendarbeit Chile, Bistum Hildesheim…); vielleicht geschah dies auch deswegen, weil die Jesuiten unter Papst Johannes Paul II. einen schweren Stand hatten…. Dies ist für die damaligen Oberen und die SJ als Kollektiv ein ganz schwerer Vorwurf. Jeder Jesuit, egal ob Novize oder Pater, führt einmal pro Jahr ein Gespräch mit seinem Provinzial, weitere Gespräche mit vorgesetzten Mitbrüdern. Die Mechanismen der brüderlichen Zurechtweisung haben in den 70er und 80er und den frühen 90er Jahren offenbar in den beiden deutschen SJ-Provinzen nicht funktioniert.

    3. Ich nehme der jetzigen Ordensleitung ab, dass sie aufklären will. Dazu gehört aber das klare Benennen des Versagens des Ordens als Institution in den 70er, 80er und frühen 90er Jahren. Dies habe ich bisher von P. Dartmann und P. Mertes noch nicht vernommen; es dauert sicher auch einige Zeit, die damaligen Akteure, sofern sie noch leben, zu befragen und das SJ-Archiv zu sichten. Die Problematik mit den beiden Patres S. und R. war mit Sicherheit mehreren damaligen Ordensangehörigen (Provinzial, Rektoren) bekannt; diese Problematik einfach an andere Orte (St. Blasien, Hamburg, Hildesheim, Chile) zu verlagern – und weitere Jugendliche zu gefährden -, anstatt sich der Problematik zu stellen, die betroffenen Patres zu versetzen und ihnen Psychotherapie anzubieten, war sicher nicht Alleinstellungsmerkmal der SJ (dies wurde wohl in allen Amtskirchen und Orden damals so gehandhabt, s. Irland, USA), gleichwohl aber unverantwortlich.

    4. Bei den konkreten Ereignissen muss sehr genau unterschieden werden: sexueller Missbrauch an Minderjährigen und Schutzbefohlenen; Pädophilie; Ephebophilie; Hetero- und Homosexualität; Zölibat; Keuschheitsgelübde etc. Ich empfehle diesbezüglich u.a. Arbeiten von P. Hermann Kügler SJ, der die Dinge beim Namen nennt und nicht so verschwurbelt daher redet wie die frühere Pastoralpsycholgie.

    5. Es ist einfach, aus heutiger Perspektive über die 70er und 80er Jahre zu urteilen. Ich denke, dass sich gerade in der heutigen deutschsprachigen SJ einige Jesuiten finden, die die Politik der Glaubenskongregation unter Ratzinger in Bezug auf Homosexuelle und homosexuelle Geistliche sehr kritisch betrachten. Die sehr wohl wissen, dass auch katholische Priester und Ordensleute sexuelle Wesen sind; dass es letztlich nicht die Frage ist, ob Geistliche homo- oder heterosexuell sind, sondern wie sie damit umgehen, ob sie verdrängen, sublimieren oder als Erwachsene reif für sich entscheiden, ihre Homo- oder Heterosexualität nicht auszuleben, sondern sich als schwul/ lesbisch zu bekennen, aber gleichwohl unverkrampft und selbtbewusst keusch zu leben, ohne dass andere Menschen leiden müssen.

    Ich selbst habe damals gemerkt, dass ich als junger Mann, der seine Homosexualität erst nach und nach entdeckt hat, in der katholischen Kirche und auch in der SJ keine Heimat habe. Dies war ein schmerzlicher Prozess, denn ich bin auch heute noch kein plumper “Kirchen- oder Ordens-Basher”.

    Gleichwohl habe ich die gute und begründete Hoffnung, dass die SJ gerade des deutschsprachigen, europäischen und US-amerikanischen Raums eine wichtige Rolle dabei spielen wird, Werthaltungen der röm.- kath. Amtskirche unter Ratzinger kritisch zu hinterfragen.

    Ich wünsche der SJ ein gutes Gelingen bei dem schonungslosen Aufarbeiten der besagten Ereignisse. Ich traue ihr zu, diese konkreten Ereignisse einzuordnen in den übergeordneten Rahmen einer aufgeklärten Kirche und ihrem Umgang mit Priestern und Ordensschwestern, die sich zu ihrer Homosexualität bekennen und gleichwohl ihr Amt ausfüllen dürfen – dem Keuschheits (nicht: Ehelosigkeits-) Gelübde genauso unterworfen wie ihre heterosexuellen Amtsbrüder und Amtsschwestern.

  195. 195
    ABC

    @Thomas_war_auch_ck: Ich bin weiterhin bereit Pater Mertes den benefit of doubt zu geben, dass er als Angehöriger der mittleren Führungsebene von den Altlasten der Schule bis vor kurzem nichts gewußt hat, da er erst 1994 an die Schule versetzt wurde und von seinen Vorgesetzten nicht informiert wurde. Ich war zunächst bereit, ihm abzunehmen, dass er nun ernsthaft aufarbeiten wollte. Jetzt überwiegt bei mir doch das Störgefühl, dass man sich möglichst elegant aus der Affäre ziehen will.

    Grundsätzlich soll dann wohl doch nichts diskutiert werden.

    Immer mehr stellt sich durch die Wortmeldungen hier doch heraus, dass das Hauptproblem die Gewalttätigkeit von Jesuiten im Umgang mit Schülern war, selbst wenn diese nicht zum sexuellen Missbrauch geführt haben. Diese Gewalttätigkeit hat eine lange Tradition.

    Zum Thema Gewalttätigkeit des Ordens im Umgang mit den eigenen Mitgliedern jüdischer Abstammung zur gewalttätigen Ausgrenzung der conversos zwischen 1593 und 1946 aus dem Orden möchte ich noch auf die folgenden Quellen verweisen:

    http://sites.google.com/a/jewishjesuits.com/www/briefhistoricalsetting

    und

    The Jesuit Order as a Synagogue of Jews
    Jesuits of Jewish Ancestry and Purity-of-Blood Laws in the Early Society of Jesus
    Robert Aleksander Maryks

    In The Jesuit Order as a Synagogue of Jews the author explains how Christians with Jewish family backgrounds went within less than forty years from having a leading role in the foundation of the Society of Jesus to being prohibited from membership in it. The author works at the intersection to two important historical topics, each of which attracts considerable scholarly attention but that have never received sustained and careful attention together, namely, the early modern histories of the Jesuit order and of Iberian “purity of blood” concerns.
    An analysis of the pro- and anti-converso texts in this book (both in terms of what they are claiming and what their limits are) advance our understanding of early modern, institutional Catholicism at the intersection of early modern religious reform and the new racism developing in Spain and spreading outwards.

    http://www.brill.nl/default.aspx?partid=210&pid=31314

    Der Hinweis darauf, dass die erste später gefeuerte Jesuitin Isabel Roser eine conversa war findet sich auf Seite 50.

    Ausführungen zu den pureza de sangre Gesetzen finden sich auch in Friedrich Heer, Gottes erste Liebe, hier eine Rezension des Buches durch Rudolf Augstein:

    http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=46369458&aref=image036/2006/03/21/PPM-SP196703701200126.pdf&thumb=false

  196. 196
    ThomasW

    @ABC:

    Zu:
    @Ich bin weiterhin bereit Pater Mertes den benefit of doubt zu geben, dass er als Angehöriger der mittleren Führungsebene von den Altlasten der Schule bis vor kurzem nichts gewußt hat, da er erst 1994 an die Schule versetzt wurde und von seinen Vorgesetzten nicht informiert wurde.”

    So hat er das bisher gesagt. In einem Bericht zur PK gestern heißt es jedoch:

    “Pater Mertes sagte, als er 1994 an die Schule kam, habe er Gerüchte über sexuellen Missbrauch von Schülern gehört.”

    Also hat er doch schon 1994 was gehört gehabt.

    Weiter:

    “Seitdem habe er das Thema bei jedem Jahrgangstreffen angesprochen und den ehemaligen Schülern signalisiert, dass er ein offenes Ohr dafür habe.”

    (Quelle beides: http://www.tagesspiegel.de/berlin/Canisius-Kolleg-Kindesmissbrauch;art270,3018961)

    Hat jemand mal so eine Äußerung wahrgenommen? Ich kann mich daran nicht erinnern (und ich war auf auf drei Jahrgangstreffen zwischen 1999 und 2009)

  197. 197
    Thorsten

    Dass Pater Mertes natürlich den Ruf des Canisius Kollegs aufrecht erhalten möchte, versteht sich doch aber von selbst.
    Es ist ja nicht so, dass das CK bzw. seine Schüler heute noch unter den oben beschriebenen Verhältnissen leiden müssten.
    Viel hat sich geändert.

    Dass es allerdings Pater Mertes’ Herzensangelegenheit ist, die Vorfälle von damals heute an die Öffentlichkeit zu bringen, solltet Ihr ihm schon abkaufen.
    Und was könnte er denn sonst Eurer Meinung nach tun? Ich denke, er sieht sich gerade selbst mit einer Situation konfrontiert, auf die er bestimmt nicht vorbereitet war.
    Die, die ihn nicht persönlich kennen, bitte ich darum, sich mit ihm persönlich in Verbindung zu setzen, falls er Eurer Meinung nach anders agieren müsste.

    Auch wer gegen die Kirche wettert und sich die Kirche aus dem Schulwesen wünscht:
    Warum? Weil Ihr denkt, dass auch heute noch an konfessionellen Schulen Patres wie S. und R. arbeiten? Weil Pädophilie eine Sache der Kirche ist?
    Weil solche Taten nur an konfessionellen Schulen denkbar sind?

    Die Schule durchläuft gerade keine leichte Zeit und mit ihr die Schüler, Eltern und Lehrkräfte, die dem CK von heute ihr Gesicht und den guten Ruf geben, den das CK auch mit Recht verdient.
    Soll diese Schule, die Kinder, Eltern und Lehrer etwa für das bezahlen, was den eigentlichen Schuldigen zuzuschreiben ist?

  198. 198
    pater pius

    Ich war nicht auf dem CK, habe aber reichhaltig Mißhandlungserfahrung aus Opfersicht.
    Leider sagt mir meine fast 50-jährige Lebenserfahrung: der Mensch ist Teil einer gewalttätigen Natur und es wird deshalb immer Mißhandlungen geben. Heute gibt es sie vermutlich nicht mehr auf dem CK, dafür aber in Elternhäusern und Religionsschulen des Islam. Die Verhaltensweisen in christlichen Elternhäusern/ Schulen vor 40 bis 50 Jahren dürften sogar denen der heutigen islamischen Eltern/Koranlehrer stark ähneln.
    Wobei damals bei den Christen wie auch heute beim Islam die sexuelle Mißhandlung eher die Ausnahme sein wird, die seelisch und körperlich gewalttätige Mißhandlung aber die Regel.
    Und was die heutige Mißhandlung durch Islamgläubige Eltern und Lehrer( private Koranschulen) betrifft: hier schaut Johnny leider genauso weg wie seinerzeit die Gesellschaft bei den christlichen Mißhandlungen. Es hat sich also leider nichts wirklich geändert in der Gesellschaft, und aus den oben erwähnten Naturgründen scheint mir das bedauerlicherweise auch nicht möglich zu sein.

  199. 199
    Thomas_war_auch_ck

    @thorsten:

    unbenommen sollte das heutige CK anders sein als das damalige…darum gehts mir nicht…auch das prinzipielle Ansinnen ist ja sehr in Ordnung. Und ja, solche Vorfälle gabs, gibts und wird es leider weiterhin geben, irgendwo irgendwie irgendwann…

    Aber manches kommt seltsam daher. Wer kennt das nicht ? Startet wie ein Tiger…landet als Bettvorleger. Ich bin gerne bereit, Pater Mertens zuzugestehen, dass er klare Vorstellungen von seinem Handeln hat(te) und dass die Situation von vornherein nicht einschätzbar war, was Reaktionen aus allen Richtungen angeht.

    Die Entwicklung der Äußerungen und der Berichterstattung wirkt zunehmend abstossend – und gerne : AUF MICH! Jeder hat da seine eigenen Würdigungen und Wertvorstellungen….

    MIR kommen die Opfer inzwischen eindeutig zu kurz, MIR düngt es, als dass das System seine m.E. offensichtlichen Schwächen dann doch nicht zu öffentlich bekennen will, MIR erscheint es so, als ob nun die geballte Hierarchie der Kirche das Handeln übernimmt oder zumindest übernehmen will. Das widerum erscheint MIR wird nicht zu einer vollständigen Aufklärung führen.

    Anderseits erscheint es MIR profan, aus dem Fehlverhalten einiger ein komplettes Sozialsystem in Frage zu stellen. Achtung! blöder Vergleich !
    Dann dürfte es keine Radrennen mehr geben und schon gar keine Fussballspiele…blöder Vergleich Ende!

    Also ich wünsche allen aktuellen Canisianern die Geduld und die Kraft “es auszuhalten”.

    Ich würde zugerne hier oder woanders Alt-Padres zu damaligen Interner hören (oder lesen) , warum nicht P.Glorius?

    Ich würde zugerne sehen, wie die Schuld an den Opfern getilgt werden würde, nur allein mir fehlt die Vorstellung wie das gehen soll ….

    Drei Ave Maria sind hier nicht die Absolution.

  200. 200
    Frank

    @Hubert Zimmermann:
    CK 1963 – 1972

    Allen wirklich betroffenen Schülern mein aufrichtiges Mitgefühl, die aufgeregten ideologischen Trittbrettheuchler sollten schweigen, um die notwendige Aufarbeitung nicht zu verflachen. Nötig weil ich – was offenbar passiert ist – eigentlich nicht fassen kann.

    Obwohl ich meine volle neun Jahre am CK verbracht habe, in der MC (GCL) aktiv tätig war und auf diese Zeit immer sehr stolz war. bin ich tief getroffen. Beide Beschuldigten habe ich in ihrer Zeit Präfekten kennen gelernt habe.
    Ich habe damals von keinen vergleichbaren Fälle erfahren. Ich bezweifle allerdings, dass in Zeiten der 68′ und des “Roten Arthur” die beschriebenen Vorgänge hätten verheimlichen werden können.
    Auch als Jugendleiter der MC hätten wir derzeit sicher gehandelt, vielleicht gegen “übergeordnete” Vorstellungen unseres Leiters.

    In der Zeit der studentenbewegten APO und ihrer schulischen Ausläufer am CK gab es durchaus offene und heftige Kritik an einigen jesuitischen Lehrern. Dabei ging es aber um körperliche Züchtigung (Prügelpatres), was unsere Eltern damals – aufgrund eigenen Erfahrens im Dritten Reich – als völlig normal betrachteten, eine sexuelle Komponente hatten diese Vorkomnisse – nach derzeitegem Wissensstand – nicht.
    Es wurden viele Dinge neu gedacht in diesen Jahren.

    P. Mertes hat den richtigen Weg gewählt, seine Vorgänger hätten diesen Schritt nicht getan. Nicht weil sie etwa Wolfgang St. und Peter R. schützen wollten, vielmehr weil sie sich im Rahmen einer Güterabwegung für Schweigen entschieden haben.

    Ich verstehe nicht, warum damals keine strafrechtliche – von den Betroffenen Schülern und ihren Eltern ausgehende – Konsequenz ausging.
    Haben sie derzeit die Vorgänge anders bewertet, als es heute – fast 30 Jahre später – eine meldungshungrigen Medienwelt tut?
    Waren sie angepasster, konfliktscheuer oder einfach nur hilfloser als wir, zehn Jahre zuvor?

    Viele meiner alten Lehrer habe ich auf Ihrem letzten Weg begleitet, haben an den Gräbern der Jesuiten auf ihrem Friedhof gestanden. Ist ihr Lebenswerk, ihr hoher Einsatz nun weniger respektabel?

  201. 201
    tzu

    Als ehemaliger Schüler des Kolleg St. Blasien bin tief erschüttert – gleichzeitig
    täte eine Differenzierung not – wie hier an andere Stelle kommentiert
    (Kommentar 12, http://www.spreeblick.com/2010/02/01/radio-talkshow-zu-den-missbrauchsfallen-am-canisius-kolleg/ ).
    Diese Schandtaten sind vor 30 Jahren geschehen, und betrifft somit eine andere Generation sowohl der Täter als auch der Opfer als heute.
    Vor allem auch im Bezug auf Johnnys neuen Artikel zur Odenwaldschule verstehe ich einen Punkt nicht – wer an einem Internat war weiß, dass durch die geringere Privatsphäre solche Dinge eigentlich sofort rauskämen – und zumindest wir hätten da kein Spass verstanden.
    In St. Blasien wurde der eine Pater ja gefeuert, dass er da überhaupt hingeschickt wurde und es danach keine genauer Untersuchung gab ist nicht akzeptabel.
    Ich wünsche mir trotz alledem eine breite Debatte und Aufklärung, solche Taten entsprechen sicherlich nicht dem Geist, mit dem wir aufgewachsen und begleitet worden sind und auf den sicherlich die allermeisten Altkollegianer Stolz sind.
    Ich würde mir wünschen, daß den Opfern denen es erst mit langem Abstand möglich scheint sich mit den Misshandlungen auseinanderzusetzen kompetente Hilfe zukommt.

  202. 202
    Nicht-CKler

    Interessant ist ja nun, ob zivilrechtlichen Anspürche gegen die Täter oder die Schule bestehen. Und ob die Verschweigung der 1991 bekannt gewordenen Straftaten wann verstrichen ist. Merkwürdig ist auch, dass die Kirche hier intern selbst mit externen Rechtsnormen als Grundlage ihren Handelns offen argumentiert. Tenor: Man habe sich dann nichts mehr gedacht. Theologisch und christlich ist das unfassbar; kirchlich aber geht sowas oder wie?
    Das Unterlassen von Hilfe für Mißhandelte ist ein starkes Stück, zumal ja wohl zumindest irgendwie bekannt war, welche extreme Folgen ein Einzelfall mit Mordversuch und Suizid hatte.

    Sprachlich ist auch merkwürdig, weshalb von “Scham” die Rede ist, aber sich niemand “beschämt” fühlt. Scham erwischt worden zu sein? Oder institutionell versagt zu haben? Das ist schon unglücklich für einen Berliner Vorzeigekatholiken wie Mertes, nun dieser Materie ausbaden zu müssen. Wird nun sich mit dem Scham der Opfer solidarisiert? Den kann man ja wohl nicht gleichsetzen?

    Mit dem notorischen Schweigen gegenübern Opfern und Eltern und staatlichen Gremien wurde das Handeln der eigenen Lehrerschaft ja irgendwo durch Teile der Kirche in Form der Jesuiten oder sogar aufgrund der Sonderstellung von Stellen im Vatikan gebilligt und die Schuldgefühle in der Schülerschaft ein zweites Mal instrumentalisiert, nach dem Motto, es sei zu ihrem Besten zu schweigen.

    Bitte und Forderung nach Entschuldigung ist auch nicht dasselbe wie Eingeständnis, Vergebung zu benötigen. Aber Souveränität heisst für manche Spitzenfunktionäre eben, sich ein Stück unberührt zu zeigen (verständlich wenn einzige Alternative ein “ich bin ja achso tief betroffen” ist). Nur geht es um die Öffentlichkeit – also das Weltliche – oder um die Betroffenen und ihre Familie und deren Seelenheil?

    Wenn Penetration vorliegt, würden ja 20 Jahre gegolten haben (oder wurde das erst später eingeführt?). Diese Rechtsfiguren scheinen den Mißbrauch von Jungen zu ungenügend zu erfassen. Statt von äußerer sozialer “optischer” Evidenz müsste Mißbrauch, der auf die Stimulanz des Penis zielt, analog als Penetration aufgefasst werden. D.h. medizinisch / psychatrisch / psychologisch verstanden werden und die Schädigung des Opfers vielleicht im Vergleich zu Vergewaltigungshandlungen anhand wissenschaftlicher Befunde im Hinblick auf die Langzeitfolgen bewertet werden. Sofern Jungen mit Übergriffen zunächst in sozial-seelischer Hinsicht und körperlich-seelisch anders umgehen, d.h. sozial “unauffälliger”, als Mädchen, sich solche Gender und/oder Natur bedingte Faktoren aber über 10-20 Jahren in den Langzeitfolgen abschwächen, und eventuell erst in der zweiten Lebenshälfte richtig aufbrechen, weil sie als Plage eben nicht verschwinden, sollte doch klar sein, dass nicht die äußere Tathandlung, sondern deren “äußere”, d.h. “körperliche” Wirkung, also Nervenimpulse. Insofern könnte auch nicht länger zwischen penetrativ und nicht-penetrativ für das Strafmaß unterschieden werden. Auch dieses Verdreschen des Arsches erscheint ja irgendwo reichlich durchdringend, ergo penetrativ. Die implizite Unterscheidungen zwischen einem sexuell-erotischen (intimes Betatschen) und einem voll-geschlechtlichen ist mir nicht per se nachvollziehbar. Für jemanden, der noch keinen Geschlechtsverkehr hatte, ist ja die andere Form der Sexualität seine ganze Form und wenn so etwas mißbraucht wird ist das ein vollständiger Mißbrauch.

    Die Durchbohrung der Seele in ein peripheres, lediglich äußeres Körpergeschehen abzuwerten, das normal verjährt, wertet Körper und Sexualität so weit ab, dass es am Ende fast gar kein echtes Verbrechen mehr ist. Es wurde ja nichts sichtbar zerstört.

    Jemand der die Freude der Sexualität Liebender gar nicht kennt und ihre Befreiung, kann wohl auch den Schaden nicht so ganz erahnen, der da angerichtet werden kann.

    Und wurde in den 70er das Schweigen erreicht? Gab es weiter Zusagen neben dem in Forum angedeuten Praktik Zusagen im Hinblick auf das Abitur zu unterbreiten?

    Dann kommt noch in Frage, ob der Mantel des Schweigens ausgebreitet wurde, weil man gar nicht wusste, wieviele Fälle es gibt, so dass alles eine Epidemie darstellt. Und ob damit in Zusammenhang steht, dass allgemein klar war, dass die Form der Verbreitung von Mönchstum, Zöllibat und sexueller reifer zu einem Bias zu Homosexualität und Pädophilie einschließlich Pädosexualität.

    Grundsätzlich scheint mir in der katholischen Kirche ein geistiges Defizit in der Geistlichkeit zu bestehen, Sexualität zu erfassen. Dies tritt zum emprischen persönlichen Defizit im Klerus wohl nachteilig hinzu. Gleichzeitig orientiert sich die Wahrnehmung der eigenen Sexualität bei den Gläubigen durch religiöse Verkündigung und Volkskultur.

    Dies hängt auch mit den Paradigmen zusammen, also der Mischung aus griechisch-antiker und mittelalterlicher Philosophie. Sexualität wird als Reiz und Affekt verstenden, der gleichzeitig mit der sakralen Magie des Kultus in Konkurrenz steht.

    Begriffe und Figuren wie Begehren und Gefühl sind damit außen vor. Das zeigt sich gut an der Finanzkrise: Sozialkritik orientiert sich an Kritik der Gier. Ein Begehren nach Geld kommt aber nicht vor. Wer begehrt, von Kindern erotisch oder sexuell begehrt zu werden, ist erkrankt und ihm muss geholfen. Wieso man Versetzungen so lange hinreichend beurteilt hat, ist naiv und eine an Hybris und Manie grenzende Selbstüberschätzung, man könne die Sexualität unter Geistlichen kontrollieren. Nach den nicht unpopulären Publikationen von Eugen Drewermann in den 80er Jahren, zu denen man ja stehen kann wie man will, ist das schon sehr merkwürdig.

    So kann aber auch Sexualität nur kurzzeitige Affekte mit “scharf sein” oder “geil sein” vestanden werden, was durch biologistische Konzepte gestützt wird. Ein notorisches Begehren rück so gar nicht in den Fokus. Wer den Segen mehr von noch-Kindern erhofft als von Gott hat in der Kirche nun wirklich nichts verloren. Aber man rettet wohl lieber jedes schwarze Schaf.

  203. 203
    mauser

    Ich kann mir nicht helfen, aber mir drängt sich da einfach der Verdacht der Inszenierung auf. Gerade weil es Jesuiten sind und sie so überraschend den eigenen Orden und sogar die Kirche selbst kritisieren.
    Seit dreißig Jahren war Stellen im Orden das konkrete Problem bekannt, dadurch, daß diese Information aber nicht jedem gleichermaßen zugänglich gemacht wurde, kann natürlich heute jeder sagen, daß ihm damals nichts bekannt war. Mit der Erinnerung scheint es jedoch nach wie vor so eine Sache zu sein:

    “Karl Heinz Fischer, Rektor des Canisius-Kollegs zwischen April 1981 und Juni 1989, bestätigte dem SPIEGEL, dass ihm ein Schüler in der ersten Jahreshälfte 1981 von den strafbaren Praktiken R.’s berichtet hatte. Fischer habe daraufhin sofort seinen damaligen Vorgesetzten Pater Rolf Dietrich Pfahl, den damaligen Provinzial der Jesuiten-Provinz Norddeutschland, über die Vorwürfe in Kenntnis gesetzt. Dieser habe kurz darauf die Versetzung des beschuldigten Pädagogen angeordnet. Bereits nach den Sommerferien 1981, so Fischer zum SPIEGEL, sei Pater Peter R. nicht mehr im Unterricht eingesetzt worden.
    Pfahl war vor seiner Berufung zum Provinzial seit 1977 selbst Rektor des Berliner Canisius-Kollegs. Noch am vergangenen Freitag hatte er in der “Berliner Morgenpost” erklärt, von den Missbrauchshandlungen nichts gewusst zu haben. “Ich bin schockiert”, zitierte ihn das Blatt, “hätte ich es vor dreißig Jahren gewusst, hätten wir sofort gehandelt.”

    (www.spiegel.de)

    Trotzdem setzten sie ihn weiter im Erziehungswesen ein und leiteten die entsprechenden Informationen nicht weiter. Natürlich kann man das so sehen, daß sie dem “Gestrauchelten” eine Chance geben wollten, nochmal neu anzufangen. Interessanterweise wurde Pater S. damals auch psychologisch betreut:

    “Martin wirft der Ordensleitung vor, der Schulleitung von St. Blasien die Vorfälle um Wolfgang S. in Berlin verschwiegen zu haben. Dann sei es auch in St. Blasien zu Missbrauch gekommen. Wolfgang S. habe ihm gegenüber die Vergehen zugegeben. Daraufhin habe er die Ordensleitung informiert, und Wolfgang S. habe die Schule 1984 verlassen. Dartmann bestätigte, dass Wolfgang S. auch Übergriffe in St. Blasien gestanden habe. S. habe an seinem Problem gearbeitet und habe nach seiner Berliner Zeit viermal in der Woche eine Psychoanalyse in Hamburg absolviert. Von St. Blasien aus sei er regelmäßig nach Freiburg zur Gruppentherapie gefahren.”

    (www.faz.net)

    Ein therapeutisches Angebot, welches den Opfern allerdings nicht gemacht wurde.
    Schlußendlich trennt man sich voneinander und der ehem. Pater geht in die “Neue Welt”.
    Trotz des nun umfassenden Wissens versäumen es die Jesuiten, eigene Maßnahmen für die Opfer zu ergreifen. Erst als diese sich melden, wird der Fall für sie wieder brisant. Doch alles läßt sich zunächst unter dem Mantel der Vertraulichkeit halten.
    Insofern kommt die Pressekonferenz mir jedoch wie eine lang vorbereitete Inszenierung vor. Keiner der jetzt Sprechenden kann leugnen, seit 5 Jahren persönlich von der Sache gewußt zu haben. Da sie mit traditionellem Mauern nicht weiterkommen und die Diskussion angesichts der sich ausweitenden Zahl an Betroffenen doch öffentlich zu werden droht, gehen sie stattdessen zur Offensive über.
    Wie kann man ein nicht mehr zu verhinderndes Desaster doch noch zu seinem Vorteil nutzen?

    “Wenn du dich und den Feind kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten. Wenn du dich selbst kennst, doch nicht den Feind, wirst du für jeden Sieg, den du erringst, eine Niederlage erleiden.” Sun Tzu

    Der Orden weiß, was die Presse erwartet und tut deswegen das genaue Gegenteil: statt die Anschuldigungen abzustreiten, werden sie eingeräumt und sogar selbst ausgeweitet noch bevor ein neugieriger Spiegel Reporter einen schwitzenden Schulleiter in die Enge treibt oder ein Monitor Team irgendein Klingelschild filmt. Stattdessen also eine Pressemappe in der sich sogar besagter Brief aus dem Giftschrank findet und das umfassende Eingestehen des Versagens. Weil der Orden nicht gegen sich selbst ermitteln könne habe man diese Aufgabe in die Hände einer unabhängigen Expertin gelegt. Auch dies natürlich eine Überraschung und der scheinbare Beweis es ernst zu meinen. Tatsächlich aber gelingt es so, die Deutungshoheit über das Geschehene zu behalten und sich nichts von der Presse aufzwingen zu lassen. Letztere schluckt brav den Köder.

    Entscheidend wird nicht sein, welche Ergebnisse diese Untersuchung bringt. Sie wird alles, was schon bekannt ist und was sich noch herausfinden ließe bestätigen und sogar noch ein klein wenig mehr, damit anerkennend von schonungsloser Offenheit gesprochen werden kann. Das werden sie alles richtig machen bis hinein in die Sprachregelung, davon bin ich überzeugt.
    Wird sich jedoch auch praktisch etwas ändern?

    Dem Orden bietet sich nämlich, wenn er es denn ernst meint, die einmalige Chance zu umfassenden Reformanstößen. Dadurch, daß sie sich jetzt exponieren zwingen sie die restliche Kirche auf ihre Linie, wenn sie jetzt ein Papier produzieren muß Rom darüber zu ihren Bedingungen diskutieren. Das Problem ist nicht auf Deutschland begrenzt und die Erosion des Ansehens gerade in den katholischen Ländern mit herkömmlichen Mitteln nicht aufzuhalten.

  204. 204
    KaMaZhe

    @mauser:
    Zu der an sich guten Analyse, eine Ergänzung: aus St. Blasien schickt man den Pater nach Chile. Die dortige Jesuitenprovinz ist völlig ahnungslos und erfährt gerade mit Entsetzen, wen man da bei ihnen abgeladen hat.

    http://www.eluniversal.com/2010/02/02/int_ava_orden-jesuita-en-chi_02A3379411.shtml

  205. 205
    bergchristall

    CK Abi 79

    Hallo Johnny und alle anderen Ehemaligen,

    Wirklich ein sehr gutes Forum! Dank an Dich und alle sachlichen Schreiber. Und Dank auch an die anderen Betroffenen, die mir durch ihre Schilderungen den Mut gemacht haben, von meinen Erfahrungen am CK zu berichten.

    Neben den positiven Aspekten unserer Schule gab es auch die dunkle Seite. Mit zwei von den Patres hatte ich Erlebnisse, die es nicht hätte geben dürfen. Neben R. handelt es es um M., der weiter oben erwähnt wurde. Leider ist es kein Gerücht. Der Skandal wird sich ausweiten. Es waren mehr als zwei Patres…

    Bekannt sind mittlerweile die Machenschaften von R. Ich gehörte ca. 1976 für ein halbes Jahr der GCL an und auch ich mußte zu ihm zu einem Einzelgespräch erscheinen, das einzig und allein darauf hinzielte, mich nach meinen Onanierpraktiken zu befragen. Ich konnte ihn abblocken, da ich von vielen Anderen gewarnt worden war, die vor mir bei ihm gewesen waren und ausführlich von ihm ausgefragt worden waren. Ich hatte Glück, ihn abwehren zu können, denn dieses Eindringen in die Köpfe Jugendlicher, dieses Aufgeilen an verbalerotischen Schilderungen, dieses sich Einschleichen in die Intimsphäre Heranwachsender war ein schwerer Angriff auf das gesunde Seelenleben der Schutzbefohlenen. Ich betone dies ausdrücklich, da R. die Vorwürfe bestreitet. Dies finde ich besonders schäbig und ist mit ein Grund, warum ich mich heute melde. Die Opfer haben die Wahrheit gesagt. Allein in meiner Klasse gab es eine zweistellige Zahl von Betroffenen.

    Der andere Fall betrifft Pater M., der weiter oben bereits erwähnt wurde.
    Jener Pater kam 1974, als ich 13 Jahre alt war, während der Schulzeit zu mir und fragte mich, ob ich Lust hätte, mal mit ihm in die Sauna zu gehen, das würde sehr gut tun etc. Ja, wenn ich Lust hätte, grad heute würde er in die Sauna gehen und ich könnte doch gleich nach der Schule mitgehen. Auf meinen Einwand, dass man mich zuhause zum Essen erwarten würde, sagte er, ich könne ja anrufen und fragen, ob es in Ordnung wäre, wenn ich später kommen würde, um vorher noch mit in die Sauna zu gehen. Dies tat ich, meine ahnungslose Mutter hatte keine Einwände (damals glaubten Leute wie meine Mutter noch an die Unfehlbarkeit der Priester) und so ging es direkt nach der Schule los: wir beide alleine in eine öffentliche Sauna.

    Nach dem ersten Saunagang folgte mir der Pater in die Dusche, um mir seine Hilfe beim Einseifen anzubieten, er erklärte sich freundlicherweise sogar bereit, mich zu massieren. Dabei verfingen sich dann seine Hände zweimal an meiner Badehose, die ich bis dahin noch nicht ausgezogen hatte, und mit den Worten, dass ich doch sicher nichts dagegen habe, die störende Hose auszuziehen, entfernte er das letzte Kleidungsstück. Während der darauffolgenden Massage befummelte er mich von oben bis unten, berührte jedoch nicht meine Geschlechtsteile. Deutlich erinnere ich mich jedoch an den Moment, als er niederkniete, um Beine und Füsse zu massieren und sein Gesicht sich dabei meinem Penis bis auf wenige Zentimeter näherte. In diesem Moment spürte ich diese für mich damals diffuse emotionale Regung des Paters. Meine eigene Sexualität war noch gar nicht richtig erwacht, ich hatte weder Erfahrungen noch Vorstellungen, konnte das Geschehen in keiner Weise einordnen. Es hinterliess jedoch ein unbehagliches Gefühl. Zu einem zweiten Saunagang hatte ich keine Lust mehr. Und natürlich sprach ich erstmal lange mit keinem Menschen darüber.

    Bei all dem hatte sich Pater M. stets freundlich, väterlich verhalten. Auf sehr geschickte Weise steuerte er die Abläufe, brachte mich dazu, Dinge mitzumachen, die ich von mir aus nicht hätte machen wollen.

    Ich weiß nichts von weiteren ähnlichen Fällen, kann mir aber gut vorstellen, dass ich nicht der Einzige war, der mit in die Sauna genommen wurde. Das gezielte, planmässige Vorgehen einschließlich der Einholung der Legitimation bei den Eltern legen die Vermutung nahe.

    Als 13jähriger hatte ich damals keine Chance, mich zu wehren. Der Respekt vor den Patres war gross und das Erlebte kam unvorbereitet Ein Aufarbeiten war schwer möglich, da es niemanden gab, mit dem man darüber sprechen wollte.

    Die Welt ist nicht schwarz/weiss. Vieles wäre einfacher, wenn sie es wäre. Gerade am CK war in den 70ern die Welt grau, angefangen von den Gebäuden bis hin zu den Patres. Man kann sie nicht in einen Topf werfen. Ich habe viele gute Erfahrungen gemacht an der Schule, auch skurille, wie weiter oben bereits geschildert. Und keinesfalls dürfen alle Patres einem Generalverdacht ausgesetzt werden.

    Lasst uns dieses Forum nutzen, um die Wahrheit herauszufinden. Ich denke, dass Erfahrungsberichte von Betroffenen der beste Weg sind, Licht ins Dunkel zu bringen. Daher stelle ich meinen Bericht hier rein. Und ich hoffe, weiteren Betroffenen ebenfalls Mut gemacht zu haben. Wir müssen die Täter nennen. Ich nenne auch gerne die Anderen, die wirklich gute Arbeit geleistet haben, wie die oben erwähnten Wrembek oder Lupo, mit denen ich Reisen machte und die uns nie auch nur irgendwie komisch kamen oder unseren ersten Klassenlehrer, Pater Berner, der zwar streng, aber auch gütig und menschlich war und uns lehrte, den eigenen Kopf zu benutzen.

    Was ich allen vorwerfen muss, ist jedoch das kollektive Schweigen. Zu meiner Zeit wussten fast alle Schüler aus den entsprechenden Jahrgängen von den Machenschaften von R., und da will ausgerechnet die hauseigene Priesterclique, die beim kleinsten Verdacht hätte aufhorchen müssen, nie auch nur irgendetwas mitbekommen haben?

    Ich sehe die Täter auch als Opfer. Opfer von sexualfeindlichen, die Lebensfreude zerstörenden Strukturen innerhalb der katholischen Kirche. Hier liegt die Wurzel vieler Übel. Schäbig ist jedoch das Verhalten von R., der jetzt noch die Opfer verhöhnt mit seinem Leugnen.

    Ich hoffe, dass es ihm nicht gelingen wird, davonzulaufen…

  206. 206
    Elblette

    Ich komme aus einer katholischen Gegend (Emsland), und ein Freund berichtete mir auch vom versuchten Mißbrauch eines Paters in der örtlichen Klosterschule – muss auch so Anfang der 70er gewesen sein. Er hat es damals niemanden erzählt, ich gehe aber nicht davon aus, dass er der einzige war. Ein anderer Freund war auf einem englischen Internat, wo der Mißbrauch von Jüngeren durch ältere Schüler durchaus an der Tagesordnung war (systematisches Quälen auch). Was ich daran traurig finde, ist, dass ich mich als Frau früher immer als potentielles Opfer von sexueller Gewalt gesehen habe und nie begriffen habe, dass auch Jungs sexuellen Belästigungen ausgesetzt waren, zum Teil sogar schlimmer, weil sie aus Scham eher noch weniger darüber reden konnten. Mittlerweile weiß ich, dass in Konstellationen, in denen Mädchen wenig Rechte haben und somit oft Opfer sexueller Gewalt werden, auch sexuelle Gewalt gegen Jungen an der Tagesordnung ist. Wird halt nicht drüber geredet. Fazit: Strenge Hierarchien produzieren sexuelle Gewalt gegen alles, was in der Hierarchie unten steht. Weil es geht.

  207. 207
    ABC

    Neue Presseerklärung vom 2.2.2010

    Neue Opfer nennen weiteren Täter
    München, 02.02.10 SJNews – Presseerklärung des Provinzials der Deutschen Provinz der Jesuiten, Stefan Dartmann SJ

    “žAuf der Pressekonferenz am 1.2.2010 in Berlin habe ich bestätigt, dass zwei ehemalige Patres aus dem Jesuitenorden sich in den 70er und 80er Jahren sexueller Übergriffe schuldig gemacht haben.

    Nun teile ich Ihnen mit, dass es einen weiteren Jesuiten gibt, der sich zu sexuellen Übergriffen bekannt hat,……..

    http://www.jesuiten.de/aktuell/index.htm

  208. 208
    mauser

    Zu der schon aufgetauchten und natürlich berechtigten Frage, warum die Opfer denn so lange geschwiegen hätten, möchte ich noch kurz eingehen.

    Als Kind erfasst man die Bedeutung dieser Vorgänge nicht. Bei dem heute in der BZ veröffentlichten Artikel, wie qualitätsjournalistisch er auch sein mag, wird dies deutlich:

    http://tinyurl.com/y9cgdka

    (Ein Artikel der mir persönlich nahe geht, da sich die dort beschriebene “Bestrafung” bis in die Details mit meinen Erlebnissen deckt).

    Zu wem soll man gehen mit diesem diffusen Gefühl, daß da etwas passiert ist? Einen Schulpsychologen gibt es ja nicht und bei Pater L, dem damaligen Seelsorger hatte ich schon gesessen. Zumindest damals hatte ich das Gefühl, da mag ich mich irren, daß er die Unterredungen mit mir nicht vertraulich behandelte. Jedenfalls war er jemand zu dem ich geschickt wurde und nicht eine Person der ich mich hätte anvertrauen wollen. Darüber hinaus ging ich ja davon aus, daß Pater S. im Wissen und mit Auftrag des Kollegs gehandelt hatte.
    Zu meinen Eltern bestand damals auch nicht das Vertrauensverhältnis das hier nötig gewesen wäre.

    Es wäre auch falsch zu glauben, daß man ein solches Erlebnis mit sich herumschleppt und während des Heranwachsens stetig neu bewertet. Tatsächlich verdrängt man es doch weitgehend, ohne es jedoch vergessen zu können. Die Auswirkungen und tieferen Zusammenhänge bleiben einem selbst verborgen. Erlebnisse aus meiner Zeit in St Blasien begegnen mir immer noch in meinen Träumen und erschüttern mich wie es auch scheinbare Nichtigkeiten tun können.

    Selbst jetzt, nach den für mich überraschenden Erkenntnissen der letzten Tage, die Pater S’ Verhalten plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen, stellt sich mir die Situation auch wie folgt dar:

    Das momentane Interesse der Öffentlichkeit wird natürlich nachlassen, tatsächlich interessiert sich der Mensch trotzdem, er allerseits entrüstet das Gegenteil bekundet, nicht für derlei Probleme.
    In Berlin hat der Senat kein Interesse daran, eine der wenigen renommierten Bildungsanstalten ernsthaft beschädigt zu sehen.
    Letzten Endes wollen die Eltern ebenfalls das die Geschichte zwar erledigt und auch aufgearbeitet wird aber vielleicht auch nicht zu sehr. Schließlich soll sich der Imageschaden der Schule ja nicht zum Karrierehemmnis für die eignen Kinder auswachsen. Der Versicherung dass derlei heute nicht mehr passieren könne, wird dankbar geglaubt.
    Die Ehemaligen wollen die eigne Vita natürlich gleichfalls nicht in Frage gestellt sehen, denn es scheint ja den Vorwurf zu enthalten, daß sie sich mitschuldig gemacht hätten. Letzteres ist selbverständlich Unsinn.
    Dennoch wird keiner seine alte Schule gerne öffentlich in derlei Zusammenhang gebracht sehen wollen.
    Daß der Orden vor allem sich selbst verpflichtet ist, liegt in der Natur der Sache.

    Was also hat das Opfer zu gewinnen?

    In der Vergangenheit waren Prozesse in Fällen von Kindesmißbrauch, insbesondre solche, welche Institutionen betreffen, meist belastender für das Opfer als für die Täterseite.
    Selbstverständlich spielen auch Scham und mangelndes Selbstvertrauen eine Rolle dabei. Auch jetzt reagiert ein Teil der Öffentlichkeit mit Unglauben, Leugnung und Relativierung.

    Gestern zB zitiert der Tagesspiegel einen Berliner, der auf gewohnt direkte Art sagt, das sei doch alles “vollkommen lächerlich” gewesen und harmlos, da “passiert ja in jedem Puff mehr”.

    Auch folgende Erkenntnis bei Lesern der FAZ, hinter der ja bekanntlich immer ein kluger Kopf stecken soll, scheint mir beachtenswert:

    “Eltern die ihre Kinder auf kirchliche Eliteschulen schicken, müssen sich einfach im Klaren darüber sein, welchem Risiko sie ihre Kinder aussetzen. Die Fälle sind hinlänglich bekannt und irgendeine Korrelation zum Mißbrauch scheint es bei diesem Schultyp einfach zu geben. Genauso wie zu klasssicher Bildung und Aufstiegschancen. Oder anders formuliert: wenn ich mein Kind zum Fußballtraining schicke, muss ich mich nicht wundern, wenn es gelegentlich blaue Flecken am Schienbein hat.”

    Na dann!

  209. 209
    Frank Nordhausen

    Zusammen mit einer Kollegin habe ich heute wieder über das CK geschrieben. Der folgende Text erscheint nur in der Abend- und Auswärtsausgabe der Berliner Zeitung. Für die bescheuerte boulevardeske Überschrift muss ich mich entschuldigen. Sie ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern zu dem Zeitpunkt saß ich mit einem Ex-Canisianer im Café.

    Hier der Artikel:

    “žEinsatz im Fummelbomber”

    Ex-Schüler des Canisius-Kollegs berichten, dass Lehrer — anders als bislang bekannt — schon in den 60er-Jahren Jungs missbrauchten

    von Sabine Deckwerth
    und Frank Nordhausen

    Eigentlich wünsche er sich Rache für all das, was ihm als Kind und Jugendlicher angetan wurde, schreibt ein ehemaliger Schüler des katholischen Canisius-Kollegs auf der Internetseite “žSpreeblick”. “žIch wünsche mir Ersatz für den Preis der vielen Kubikmeter Wasser, die ich bis heute verwende, um mich zweimal am Tag gründlich zu duschen und mich dennoch immer schmutzig zu fühlen. Ich wünsche mir, dass diejenigen in der Hölle schmoren mögen, die mir durch ihre Übergriffe verwehrt haben, zu anderen Menschen Vertrauen zu fassen und angstfreie Beziehungen einzugehen.” Der Mann, der das schreibt, hat das Canisius-Kolleg von 1959 bis 1963 als Schüler besucht, also lange vor der Zeit, in der die jetzt bekannt gewordenen Missbrauchsfälle passierten. Es sei “žunglaublich blauäugig zu meinen, solche Übergriffe beschränkten sich auf die 70er- und 80er-Jahre, schreibt er auf “žSpreeblick” — einer Plattform für Betroffene.
    Auch nach Recherchen der Berliner Zeitung muss von sexuellen Übergriffen in den sechziger Jahren ausgegangen werden. Drei frühere Schüler des Canisius-Kollegs nannten im Gespräch mit der Berliner Zeitung die Namen von drei weiteren Patres, die inzwischen pensioniert, beziehungsweise verstorben sind. Der verstorbene Pater Kurt M. beispielsweise sei Mitte der sechziger Jahre, obwohl kein Sportlehrer, häufig im Berliner Poststadion aufgetaucht, wenn die Jungen der siebten Klassen Schwimmunterricht hatten. “žEs war nicht sehr angenehm, anschließend nackt zu duschen, während ein Erwachsener, zudem noch ein Pater, einen dabei anstarrte”, erinnert sich ein Ehemaliger. Auch die Namen von zwei weiteren Lehrern, die keine Patres waren und die mit sexuellen Übergriffen in den siebziger Jahren in Verbindung gebracht werden, wurden im Gespräch mit der Berliner Zeitung erwähnt.
    Früher als vom Rektorat des Kollegs angegeben, waren zudem die beiden bereits öffentlich des Missbrauchs bezichtigten Ex-Patres Peter R. und Wolfgang S. an der Schule tätig, und zwar von 1967 bis 1968 beziehungsweise 1969 bis 1970 im Rahmen ihres Praktikums während des Theologiestudiums. Bisher wurde von Übergriffen der Patres in den 70er- und 80er-Jahren berichtet. Diese Übergriffe sollen auch der Ordensleitung der Jesuiten bekannt gewesen sein, die nichts unternahm. Sie ließ auch zu, dass die Lehrer danach an andere Schulen gingen, wo sie weitere Jungen missbraucht haben sollen.
    In Berlin habe die Schulleitung schon 1974 von “žEinzelgesprächen” hinter verschlossener Tür gewusst, steht in einem Internet-Eintrag. “žDie Mutter eines befreundeten Klassenkameraden hatte sich darüber massiv beschwert. Es wurde dann kurzzeitig etwas ruhiger um unseren Religionslehrer.” Bei diesen “žEinzelgesprächen” soll es unter anderem Schläge auf das nackte Gesäß gegeben haben. Darüber berichtet auch ein anderer Schüler: Wer die Hose runtergelassen habe, musste nur die Hälfte der Schläge einstecken. Opfer seien oft Schüler mit Problemen gewesen.
    Nach seinem Weggang aus Berlin unterrichtete Wolfgang S. an Jesuitenschulen in Hamburg und im Schwarzwald. “žAls ehemaliger Internatsschüler in Sankt Blasien kann ich bestätigen, dass Pater Wolfgang S. regelmäßig Schüler unter einem Vorwand mit blankem Hintern übers Knie gelegt hat”, heißt es in einem Eintrag. Ein bis zwei Mal pro Woche sei den Kindern im Schlafraum vorgelesen worden. “žEr kam meist schon früher und beaufsichtigte uns bei der Abendwäsche.” Dabei habe die Regel gegolten, sich mit freiem Oberkörper zu waschen. Wer sich nicht daran hielt, “žwurde von ihm zur Belustigung der anderen mit leichten Schlägen auf den nackten Po bestraft.”
    Neben beiden Patres soll es in den achtziger Jahren am Canisius-Kolleg weitere Geistliche gegeben haben, die Schüler sexuell belästigten. Es habe mindestens noch einen weiteren Pater gegeben, über dessen Annäherungsversuche unter Schülern allgemein gesprochen worden sein soll, schreibt ein einstiger Schüler. “žEr war auch Mitte der 80er-Jahre noch als Lehrer am Canisius-Kolleg tätig, obwohl man sehr offen über seine Vorlieben redete.”
    Die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs sind vielschichtig. “žIch hatte mit beiden Tätern über Jahre mehr Kontakt als gut für mich war”, steht in einem Internet-Bericht. Von “žübergriffigen Beichtgesprächen” und “žnicht bestellten Streicheleinheiten” ist die Rede. “žNach einer stundenlangen Sitzung mit Pater S. musste ich drei Nächte auf dem Bauch schlafen, bevor ich wieder sitzen konnte”, heißt es weiter.
    Wenn ein Schüler als Ministrant für einen Außeneinsatz in einem BMW 600 der Patres mitgenommen wurde, hätten die anderen vom “žEinsatz im Fummelbomber” gesprochen, teilt einer mit, der Ende der Sechzigerjahre das Canisius-Kolleg besuchte. Ein anderer schreibt, er erinnere sich an einen Vorfall aus dem Lateinunterricht. “žBeim Abfragen der Vokabeln wurde ein Schüler vom Pater gefragt, ob er aufgeregt sei. Nachdem er dies bejahte, wurde er aufgefordert, auf dem Schoß des Lehrers Platz zu nehmen, damit er ruhiger würde.” Von “ždemütigenden und schmierig-unangenehmen Situationen ist die Rede. Vor allem erinnere er sich an ein körperliches Bedrängen ohne ausweichen zu können: An “žein In-den-Arm-nehmen, Über-den-Kopf-Streicheln, An-mich-Drängeln”. Als unangepasster Schüler sei er öfter zu Einzelgesprächen zitiert worden. “žNoch heute löst der Geruch von Sumatra-Zigarren bei mir Brechreiz aus, weil er mich an diese Sitzungen erinnert, in denen ich einem Zigarre lutschenden Pater gegenübersaß, der unter seiner Soutane herumnestelte.”
    Der Vatikan teilte mit, er sehe die Bitte um Entschuldigung, wie sie der deutsche Jesuiten-Chef Stefan Dartmann vorgebracht hat, als “žumfassend” an, erklärte gestern ein Sprecher. Er werde sich daher nicht noch in einer eigenen Stellungnahme äußern. Dartmann hatte sich am Montag im Namen des gesamten Ordens bei den “žOpfern von Übergriffen unserer ehemaligen Mitbrüder” entschuldigt.

    Gerade habe ich den Text aktualisiert und dabei die Überschrift geändert.

  210. 210
    kmr

    CK 73-77. Zunächst einmal bin ich beeindruckt über die wirklich gute Diskussion eines so kritischen Themas. Zur Sache habe ich gar nicht viel neues beizusteuern.
    @Sonja Hollstein. Allerdings habe ich bisher kein gutes Gefühl bei der Berichterstattung in den Medien. Sie grenzt das Thema auf Kirche und deren – gar nicht zu leugnenden – Probleme ein. Und damit bewirkt die Öffentlichkeit vielleicht das Gegenteil von dem, was sie sollte. Alle anderen, alle die nicht auf einer katolischen Schule waren, können mit großer Distanz genüsslich ein Schlachtefest betrachten.
    Die Zuschauer fühlen sich nicht betroffen. Sie sind vielleicht sogar beruhigt, fühlen sich sicher. Sie schieben die Probleme bequem auf eine Randgruppe. Welch ein Fehler!
    Denn alle anderen können und werden weiter ruhigen Gewissens wegschauen, wenn ganz normale Lehrer an normalen staatlichen Schulen bessere Noten für süße Schülerinnen geben, wenn sie schon in der Grundschule auffallend nett zu kurzen Röcken sind, wenn es ihnen egal ist, was sogar in den Computerräumen der Schule so aus dem Netz geladen wird.
    Heute herrscht bereits am Ende der Grundschule ein unglaublicher Erfolgsdruck. Ein einziger Lehrer entscheidet in der Grundschule über die Zukunft eines Kindes? Und das mit Fächern wie Deutsch, wo man jede Note begründen kann. Sind wir wirklich so naiv und glauben, dass hier nicht ab und zu alle Register gezogen werden? Die Presse sollte die Vorfälle nutzen, um das Thema Missbrauch an Schulen etwas globaler zu beleuchten. Dann hatte die mutige Tat der Schulleitung des CK vielleicht auch einen übergeordneten Sinn, einen, der alle etwas angeht.

    (Noch eine Kleinigkeit, die wirklich kleinlich ist. Bei allen Berichten, die ich bisher gesehen und gelesen habe, wird immer wieder die noble Lage dieser Eliteschule betont, mitten zwischen den Botschaftsgebäuden im Tiergarten. Ohne Hintergedanken, aber kann irgendjemand mal klarstellen, wie das Berlin der 70er gerade in der Tiergartenstraße ausgesehen hat, und welche noblen Damen damals die Straße auf und ab gingen?)

  211. 211
    ABC

    @Frank Nordhausen: “Der Vatikan teilte mit, er sehe die Bitte um Entschuldigung, wie sie der deutsche Jesuiten-Chef Stefan Dartmann vorgebracht hat, als “žumfassend” an, erklärte gestern ein Sprecher. Er werde sich daher nicht noch in einer eigenen Stellungnahme äußern.”

    Radio Vatikan Tagesmitteilungen vom 2.2.2010

    http://www.radiovaticana.org/tedesco/newsted.htm

    Missbrauch in Deutschland: “žProfessionelle Prävention”
    Nach den Missbrauchsfällen am Berliner Canisius-Kolleg hat sich der deutsche Chef des Jesuitenordens bei Opfern, Lehrern und Eltern entschuldigt. “žIch bitte um Entschuldigung für das, was von Verantwortlichen des Ordens damals am notwendigen und genauen Hinschauen und angemessenen Reagieren unterlassen wurde”, sagte Provinzial Stefan Dartmann am Montag in einer Pressekonferenz. Pädophile Neigungen könne man zwar nicht aberziehen, aber in Schach halten. Darauf verweist Prof. Dr. Klaus M. Beier von der Berliner Charité. Er ist Sexualpsychologe und leitet das Hilfsprojekt “žKein Täter werden” für pädophile Männer. Privatpersonen wie Institutionen könnten sich durch professionelle Prävention vor Missbrauchsfällen schützen. Beier:
    “žDas muss man sich so vorstellen, dass Betroffene eine speziell qualifizierte Gruppe von Diagnostikern und Therapeuten zur Verfügung haben, die eben in adäquater Weise mit diesen Präferenzstörungen umzugehen verstehen und auch in der Lage sind, gegebenenfalls Medikamente einzusetzen, um in Gefahrensituationen die sexuellen Impulse noch zu dämpfen, das geht und ist sehr hilfreich und dies in einem Milieu, wo diese Form der Auseinandersetzung gefördert und gewünscht wird. Manche Menschen ereilt eben dieses Schicksal, aber wir haben dafür einen speziellen Ansatz, um ihnen zu helfen und es ist das Interesse aller, dass es nicht zu Übergriffen kommt, die aus dieser Neigung resultieren.” (rv)

    Siehe auch:
    http://www.oecumene.radiovaticana.org/ted/Articolo.asp?c=354042

    Missbrauchsfälle in Deutschland: “žKartell des Wegschauens”
    “žKartell des Wegschauens” – diese Formel findet der Jesuitenpater Bernd Hagenkord, Leiter der deutschsprachigen Abteilung von Radio Vatikan, für die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Er plädiert für eine strikte Umsetzung der Richtlinien der Bischofskonferenz, um Missbrauch zukünftig zu verhindern. (rv)
    Lesen Sie hier unser Interview mit Pater Hagenkord

    http://www.oecumene.radiovaticana.org/ted/Articolo.asp?c=353990

  212. 212
    ABC

    Pater Klaus Mertes
    “Der Mythos Canisius-Kolleg hat etwas so Lächerliches”

    http://www.tagesspiegel.de/berlin/Canisius-Kolleg-Pater-Mertes;art270,3019458

    Zu: “Warum wollen die Leute immer etwas Besonderes sein?”

    Diese Frage kann man ja nun wirklich an die Jesuiten zurückgeben, die davon sprechen, dass Ignatius von Loyola einen “Eliteorden” gründete. Karl Rahner in Ignatius von Loyola, S. 24 Geglückte und mißglückte Nachfolge: “Natürlich gab es bei euch Arme und Demütige in der Wirklichkeit des Lebens……Aber der Orden als solcher selbst.?.” Bei Ignatius von Loyola hiess es ja noch “die Geringste der Gesellschaften.”

    Zu “Als Mitglied in der Berliner Härtefallkommission habe ich zudem begriffen, dass man am Anfang jeder Begegnung mit Schwächeren entscheiden muss: Glaube ich jemandem oder nicht?”

    Dies gilt nicht nur für die Begegnung mit Schwächeren, sondern für die Begegnung mit jedem Menschen.

    Zu “Ich fürchte, so richtig ernst wird das Problem sexuellen Missbrauchs immer noch nicht genommen.”

    Von wem nicht?

    Zu “Schüler werden aufgefordert, andere zu verpetzen.”

    Dieses System hatte doch Ignatius von Loyola persönlich eingeführt.

    Zu “Ich hoffe, dass sich die Kirche mit der Moderne und der Freiheit versöhnt.”

    Die Beschlüsse der Jesuiten zum Gehorsam in 2008 (siehe Kommentar Nr. 60 ) werden dazu wohl kaum etwas beitragen.

    Zu “Ob das zur theologischen Neubewertung von Homosexualität führt oder zur Ordination von Frauen, ist offen Aber man sollte sich auf die Gegenwart einlassen und nicht auf alles mit Abwehr reagieren.”

    Also weiterhin rumsitzen und abwarten, was aus Rom kommt, den Konflikt wagen kommt ja nicht in Frage.

    Der Tagesspiegel

    “Viele Priester hätten nie Lehrer werden dürfen
    Ein Ehemaliger erzählt, wie die rigide Sexualmoral der katholischen Kirche die Jugendarbeit belastete”

    http://www.tagesspiegel.de/berlin/art270,3019468

    “Die Strukturen der Kirche und des Ordens haben wissend das Leid von Christen in Kauf genommen. Feiglinge helfen jetzt dem deutschen Katholizismus nicht weiter.”

    So ist es. Reformen sind mehr als überfällig. Aussitzen hilft da nicht weiter.

  213. 213
    Nicht-CKler

    Gerade diese PM ist doch semantisch etwas eigen. Aber das mag daran liegen, dass ich nicht katholisch bin. Doch der Ton macht die Musik. Aber was hier zum Teil “darstellbar” gilt bzw. ist an Authentizität, fällt simulierter Betulichkeit zum Opfer, deren altmodischer Charakter fehlenden Spirit nicht ersetzen kann.

    “Dem Opfer wurde absolute Vertraulichkeit zugesagt.”
    Schön, aber zweischneidig: Auf die Art werden Opfer und Täter am Ende verwechselt. Heilt das die Schuldgefühle von Opfern und Betroffenen?

    So etwas kann man nur Tätern zusagen aber nicht Opfern. Wurde den Opfern “gedroht” oder zumindest gefühlt mit Druck, sie hätten sich ja nicht vorher gemeldet? Wurden die Gespräche unter juristischen oder unter seelsorgerischen Aspekt geführt? Wurde Dankbarkeit fürs Zuhören verlangt? Die Institution macht sich durch ihre eigene Angst vor den Folgen fast mehr zum Opfer als die Ängste bei den realen Opfern.

    War es so eine Atmosphäre des “nicht wohlfühlens beim Hören” / “nicht erwünscht sein von sowas”, so wie man auch als Kind Eltern unangenehmes verschweigt, um sie nicht traurig zu machen, oder auch Eltern ihr Kind zum Schweigen zwingen, die irgendwie still alle Fragen zuflutete und die inneren Fragen über Merkwürdigkeiten stillte. Und auch später ist es wohl als Mann sauschwer mit sowas rauszukommen, das passt ja nicht zur Rolle. Wenn es kein Problem der Wahrnehmung oder kognitiver Dissonanz warn, dann muss es die Bewertung gewesen sein.

    “Ich danke den Opfern, dass sie hervorgetreten sind und entschuldige mich bei ihnen im Namen des Ordens.” Dieser Schlusssatz indiziert doch, noch aus einer “Herrenposition” sprechen zu können. Wo ist Demut? Der Mut der Opfer hätte Demut abfordern müssen. Die Position für Dank aussprechen und einer lediglich formalen Entschuldigung (einzufordern) liegt bei bei der SJ gar nicht mehr vor. Denn man selbst hätte ja hervortreten müssen. Diese Verpflichtung gegenüber den Opfern. Märtyrer ist ja nicht der Orden, dem öffentlich sowas zugemutet wird, sondern die Zerstörung bei den Opfern. Leben als Zoe, das wurde wohl sehr eigenen aufgefasst.

    Und bei den erwähnten Theraphien (FAZ Artikel) bleibt die Frage, auf welches Alter sich die Vorfälle bezogen und was da in der Theraphie ablief, also ob es um Phädophilie oder lediglich um homosexuelle Praktiken oder Veranlaguung damals ging oder wie auch immer das im internen Jargon geheißen haben wird. Also wurde es homosexuelle Pädosexualität oder pädophile Homosexualität verhandelt? Oder hat man verkitschend die körperliche Homoerotik im Rahmen von Erziehung romantisierend komplett verharmlost als angewendete Platonlektüre und Philhellenismus? Jaja, die Liebe zu den Jünglingen… intellektuell gerechtfertigt, gibt es alles.

    Eigentlich komisch, dass dazu noch nicht nervige Experten in den Medien sich äußern und meinen alles kategorisieren zu können via Ferndiagnose. Das junge Männer als Jungs an einer katholischen “Eliteinstitution” Opfer wurden passt wohl nicht in frauenlastige Opferschemata. Bei Winnenden war das anders.

    Offenbar hätten die Täter eventuell eher eine Weile in die geschlossene Psychatrie gehört.

    Das die Kirche selbst sich anmaßt, beurteilen zu können was nötig ist, wirkt doch befremdlich. Das ist falsch verstandene Solidarität mit dem eigenen Laden und dessen Krankheiten. Wie ein Verbrechen verjähren kann, dessen Folgen nicht einfach aufhören, damit als Verbrechen nicht Ende zu ist, somit noch im Vollzug ist, mache mal wer begreiflich.

  214. 214
    Fio

    Fio

    CK 1967-1975

    Ich weiß nicht, wie es dem Rest der Leserschaft geht, aber für mich hat der Blog hier seit diesem Zeitungsartikel ein wenig seine Unschuld verloren. Als exzellente Idee des gemeinsamen Gedankenaustauschs gestartet werden jetzt hier vermutlich komplett ungeprüft ganze Passagen übernommen und als lautere Wahrheit in der “žBerliner” verkauft. Franks Entschuldigung für die reißerische Überschrift ist absolut obsolet, der ganze Artikel verströmt einen Geruch nach Boulevard, bei dem sich (zumindest mir) der Magen umdreht. Da werden kolportagehafte Beschreibungen von an Sumatrazigarren nuckelnden und unter der Soutane nestelnden Patres genüsslich zitiert, als einzigen “žBeweis” für Missbrauch in den 60er Jahren wird die Tatsache angeführt, dass ein Lehrer sich zum Zeitpunkt des Schwimmunterrichts im Poststadion aufgehalten haben soll und angeblich beim Duschen zuschaute… Ja geht´s noch bitte? So wird genau das Gegenteil von dem erreicht, was erreicht werden soll, nämlich rückhaltlose Aufklärung der Vorgänge am CK. Dann können wir hier gleich eine allgemeine Märchenstunde ausrufen…
    Noch zwei, drei Sätze aus meiner Sicht zur Thematik. Die beiden bisher bekannten Beschuldigten haben sich, so sich ihre Schuld herausstellen sollte, gleich dreimal vergangen. Sie haben als Lehrer ihren Schutzbefohlenen gegenüber versagt, sie haben in ihrer Eigenschaft als Leiter einer Jugendeinrichtung schwere Schuld auf sich geladen und sie haben last but not least ihre Ordensgenossen betrogen, auch wenn sie vermutlich durch deren Schweigen gedeckt wurden. Aber dieser Aspekt ist hier schon sattsam erörtert worden.
    Ich für mein Teil bin trotz mehrerer Jahre MC-Mitgliedschaft nur eine Handvoll von Malen in der “žBurg” gewesen, ich erinnere mich noch, dass dort eine seltsame Stimmung herrschte, man sich fast wie ein Störenfried vorkam….
    Gerüchte gab´s damals übrigens wie Sand am Meer, bei einer Schülerschaft, die sich zu einem guten Drittel in der Pubertät oder kurz davor befindet, vermutlich auch kein Wunder.

    @kmr
    Totally agree, war eine absolut verranzte Gegend, die Schule war von Bombengrundstücken umgeben und die vorbeidefilierenden Damen des horizontalen Gewerbes hatten definitiv auch schon bessere Tage gesehen…

  215. 215

    @kmr: Ich danke Ihnen für den Hinweis, dass die Berichterstattung das Problem nicht als eines ansehen darf, dass auf katholische Schulen (oder sogenannte Eliteschulen oder Jungsschulen oder Internate oder sonst eine spezifische Schulform) beschränkt wäre. Diese Ansicht teile ich; andererseits sehe ich es als schwierig an, von möglichem Missbrauch an anderen Schulen zu sprechen, wenn diesbezüglich keine Hinweise vorliegen. Bei mir jedenfalls würden Hinweise auf ähnliche Verbrechen an anderen Schulen das gleiche Interesse auslösen. Außerdem denke ich, dass in irgendeiner Form “besondere” Schulen vielleicht tatsächlich besonders anfällig sind für Missstände diverser Couleur; zum Beispiel scheint mir am CK die besondere Vertrauens- und Machtposition der Patres das Schweigen der Opfer auch gegenüber den Eltern gefördert zu haben. An Internatsschulen wiederum sind die Gelegenheiten für Übergriffe der Lehrer vielleicht größer. Und die katholische Kirche insgesamt hat meiner Ansicht nach keine gute Bilanz aufzuweisen, wenn es um die Aufklärung von Kindesmissbrauch und den angemessenen Umgang sowohl mit den Tätern als auch mit den Opfern geht. Das darf meiner Auffassung nach auch nicht in der Berichterstattung fehlen.

  216. 216

    Die Verjährungsfrist schützt die Täter während die Opfer ein Leben lang mit den psychischen Folgeschäden zu kämpfen haben.
    http://www.emak.org

  217. 217

    @mauser:
    Könnte es sein, dass der Orden, wie viele andere Institutionen, diesbezügliche Informationen verschleierten?

  218. 218

    Die Verjährungsfrist schützt die Täter während die Opfer ein Leben lang mit den psychischen Folgeschäden zu kämpfen haben.

  219. 219
    B.R.

    Jetzt kommt mir fast die Galle hoch.

    “Der Vatikan teilte mit, er sehe die Bitte um Entschuldigung, wie sie der deutsche Jesuiten-Chef Stefan Dartmann vorgebracht hat, als “žumfassend” an, erklärte gestern ein Sprecher. Er werde sich daher nicht noch in einer eigenen Stellungnahme äußern.” (Zitat Berliner Zeitung)

    Mit welcher Arroganz verweigert diese in einem Italienischen Freistaat firmierende Wirtschaftsorganisation als “Dienstherr” eine Stellungnahme zu den vermuteten kriminellen Taten seiner Mitarbeiter?

    Der Deutsche Staatsbürger und Doppelstaatler Ratzinger ist der Chef dieser multinational agierenden Firma und lässt immer weiter munter allen Dreck unter den beweihräucherten Teppich kehren. Ratzinger ist mitverantwortlich als oberster Geschäftsführer der als Kinderschänder Verdächtigten. Sowohl seinem Vorgänger als auch ihm müssen diese “nach Rom weitergeleiteten Berichte” vorliegen, oder hat da etwa einer der heiligen Männer von den Jesuiten ein schrecklich kleines bisschen geschwindelt? Jeder Deutsche kann auch im Ausland für päderastische Verbrechen sowie deren Duldung und Förderung von einem Gericht der Bundesrepublik Deutschland belangt werden.

    Es wird sich zeigen ob auch Spanien, Mexico oder Chile ähnlich kurze Verjährungsfristen für sexuelle Gewalt gegen Kinder haben oder vielleicht doch noch strafrechtliche Anklage und internationaler Haftbefehl gegen die vermutlichen bisher bekannten Täter erhoben wird. Für transnationale Straftaten Deutscher Staatsbürger ist ohnehin das Bundeskriminalamt in Wiesbaden zur selbsttätigen Ermittlung verpflichtet.

    Entweder der Deutsche Staatsbürger Ratzinger wird als verantwortlicher Mitwisser vor ein bundesrepublikanisches Gericht geladen, oder ihm sollte als Persona Non Grata wegen Strafvereitelung, Nichtanzeigen einer Straftat und Unterstützung von Päderasten dauerhaft die Deutsche Staatsbürgerschaft entzogen werden. Er hat dann ja noch zur Not seinen Vatikanstaat-Pass, den er sich selber immer wieder verlängern kann.

    Jeder der von den in Deutschland vorgefallenen Tatsachen wusste und nicht bei der Polizei Anzeige erstattet hat (nein, der Vatikan in Italien ist keine zuständige “Behörde” für Straftaten in Deutschland), hat sich mitschuldig gemacht am sexuellen Missbrauch schutzbefohlener Kinder. Nicht nur moralisch sondern auch juristisch.

    Nochmal zum Mitschreiben an die Herren Jesuiten: Es geht hier überhaupt nicht um Homosexualität sondern um Kinderschändung, die auch schon in den 60ern eine Straftat war. Und auch Jungen können Opfer sein.

    Wenn drei unvorbestrafte Staatsbürger, die in einer Scheune indischen Hanf anbauen, vor Gericht als kriminelle Vereinigung mit organisierter Kriminalität bewertet und dementsprechend extra hart mit Zuschlag verurteilt werden, wie wird dann der Verein der jesuitischen Gottesmänner von der Judikative beurteilt werden?

  220. 220
    Frank Nordhausen

    Hallo Fio (210),

    da Du mein Jahrgang bist, kennen wir uns, also einen schönen Gruß.

    Dieser Blog ist öffentlich, und wer sich hier äußert, weiß, dass er es in der Öffentlichkeit tut. Daraus in einem anderen Medium zu zitieren, halte ich deshalb für legitim. Die Zitate zeugen von einer tiefgehenden Traumatisierung der Betroffenen, die mich sehr berührt hat. Wir machen aber deutlich, dass es Zitate aus dem Blog sind, und es wird, glaube ich, auch klar, dass wir sie nicht haben nachprüfen können. Das liegt in der Natur der Sache.

    Dass die Aussagen von mutmaßlichen Opfern nicht aus der Luft gegriffen sind, zeigt im Übrigen der Fall von Pater Bernhard E., von dessen möglichen Übergriffen ich zuvor aus zwei Quellen erfuhr und der dies am Dienstag offenbar dem Orden gegenüber einräumte. Das ist traurig.

    Journalisten werden als Überbringer schlechter Nachrichten oft für die schlechten Nachrichten verantwortlich gemacht. So ist es eben. Aber es ist natürlich auch richtig, dass wir uns auch immer wieder selbst hinterfragen müssen.

  221. 221
    Bernhard

    Ein weiterer ehemaliger Lehrer des Kollegs hat sich zu Missbrauch bekannt, siehe: http://www.focus.de/panorama/welt/sexueller-missbrauch-der-naechste-jesuiten-pater-gesteht_aid_476614.html

    Eine Zeitung gibt seinen Namen mit “Bernhard E.” an, er war 1970 bis 1971 Religionslehrer am Canisius-Kolleg und gründete später eine wichtige Hilfsorganisation, für die er jahrzehntelang als Projektleiter tätig war. Ich habe ein wenig recherchiert und glaube, den Namen herausbekommen zu haben. Es gibt sogar einen Wikipedia-Artikel über den Mann – und im Internet allerhand hübsche Fotos, in denen er sich aufopfernd um schwarzafrikanische Buben kümmert.

  222. 222
    Bernhard

    Der Text der Erklärung Dartmanns findet sich unter:
    http://www.domradio.de/news/artikel_60969.html

  223. 223
  224. 224
    Jola

    Ich werde das Gefühl nicht los, dass P. Mertes diese Bombe ganz gezielt hat hochgehen lassen und dass es ihm in Wirklichkeit um etwas ganz anderes geht, als um die Interessen der Opfer. Dass er die Situation ausnutzt und auch den Imageverlust billigend in Kauf nimmt, um die Homosexuellenlobby zu stärken, weltweit Diskussionen anzustoßen, Rom oder seinen Orden unter Druck zu setzen, oder ähnliches. So sehr ich ihn damals als Lehrer geschätzt habe, so weiß ich doch auch, dass ihm einiges Kalkül zuzutrauen ist und ich gehe davon aus, dass er nicht ganz absichtslos handelt. Den Opfern, dem Orden und der Schule dient dieser Rummel wahrscheinlich am wenigsten. Es wäre sicher auch möglich, den Dingen mit weniger Öffentlichkeit ehrlich auf den Grund zu gehen. Das wäre sicher für viele Beteiligten besser.
    Als jemand, der Rom und der katholischen Kirche gegenüber kritisch ist nutzt Mertes ganz offensichtlich die Lage aus, um gegen gegebene Strukturen und die Lage der Homosexuellen vorzugehen. Ungeplant und aus versehen fällt er dabei seiner Kirche sicher nicht in den Rücken. Er weiß ganz genau was er öffentlich sagt und welche Wirkung das haben soll. Sehr glücklich bin ich nicht darüber, weil ich denke, dass das weniger zur Aufklärung und Verbesserung der Situation in kirchlichen Einrichtungen beiträgt, als dass es zerstört. Aber das mag gewollt sein…

  225. 225
    SaScha

    Volltreffer, Jola. Ich kenne Mertes zwar nicht mehr persönlich, teile deine Einschätzung aber vollständig. Er scheint mir überhaupt selbst von irgendwelchen Obsessionen besessen zu sein, die er auf andere projiziert.
    Dass sein Verhalten völlig unmöglich ist, wurde übrigens ja schon von anderer Seite bemerkt:
    @Thomas_war_auch_ck
    Allerdings habe ich auch den Eindruck, dass er mittlerweile selbst merkt, dass der Versuch, dieses Drama für seine eigene Agenda zu nutzen, ein Rohrkrepierer ist.

  226. 226
    Jola

    @SaScha: Ich bin mir da noch leider nicht so sicher, dass er damit nicht genau das erreicht, was er will. Die Wellen schlagen hoch, das Thema ist in der Öffentlichkeit, Kirche und Orden beschäftigen sich damit. Man redet über Homosexualität Geistlicher, obwohl das eigentliche Drama des Missbrauchs (wie bereits öfter angemerkt) gar nichts damit zu tun hat. Es geht also jetzt in Kirche und Öffentlichkeit um genau die Themen die er haben wollte.
    Der Schaden für die Kirche, aber auch für die Schule und den Orden (nicht durch den Missbrauch – das wäre ja berechtigt!) durch das öffentliche Auftreten von Pater Mertes ist verheerend. Das nimmt er meines erachtens in Kauf, weil er so seine Interessen so voranbringen kann. Das wird ihm wohl gelingen. Schlimm, dass er dabei über Leichen geht.

  227. 227
    mauser

    @Jola

    Eine Spekulation, mit der ich vorsichtig wäre und zumindest dahingehend anzweifeln würde, als daß ich mir nur schwer vorstellen kann, daß Pater Mertes in so relevanten Fragen allein und ohne Absprache mit seinen Vorgesetzten handelt.
    Führt auch an dieser Stelle zu weit.

    Ungewollte Schützenhilfe findet sich dafür allerdings am allerdunkelsten Rand, bzw jenseits:

    http://www.kreuz.net/article.10589.html

  228. 228
    Jola

    @mauser: Oh, oh, oh was ist denn das für eine ideologische Hetzseite? Katastrophal! So katholisch ich bin und so viel ich tatsächlich der katholischen Sexuallehre abgewinnen kann, wenn sie richtig gelesen und verstanden wird. Das was ich dort lese ist das andere Extrem. Einfach zum Abgewöhnen. Die (kirchliche) Wahrheit befindet sich doch wohl irgendwo zwischen laissez-faire und dem Verteufeln von allem!

    Sicher hat sich P. Mertes mit seinem Ordensoberen abgesprochen, bevor er an die Öffentlichkeit gegangen ist, den könnte er aber ebenso getäuscht haben wie die Öffentlichkeit, was seine wirkliche Intention angeht. Davon abgesehen kann ich mir gut vorstellen, dass er innerhalb der eigenen Reihen genug Rückendeckung für solche Ziele hat.

  229. 229
    SaScha

    Ich würde nicht einfach von “wirklicher Intention” sprechen. Glaube schon, dass Mertes’ erste und wichtigste Intention die Aufklärung und das Beenden der Vertuschung und des Schweigens ist. So schlecht ist meine Meinung von ihm dann doch nicht ;-)
    Aber es bleibt irgendwie schon der Eindruck, dass sein Vorgehen von Beginn an immer mit einer weiteren Absicht verbunden war.
    Die von mauser verlinkte Seite ist ja wirklich total unsäglich. “Katholisch”? Doch wohl nicht. Außerdem auch Quatsch. Woher wissen die, dass Statt, Riedel, Ehlen homosexuell sind? Aber die ganze Seite ist pure Hetze. Man sollte den Schund am besten nicht mal verlinken.

  230. 230
    SaScha

    http://www.zeit.de/2010/06/Canisius-Opfer

    Passt alles ins Bild, dass ich schon mal skizziert hatte:

    @SaScha

    Alles ziemlich traurig.

  231. 231
    Qwertz

    Ich muss mal anmerken, dass ich aktuell auf 5 und nicht auf 3 Täter komme. M. kann man nach obiger Beschreibung von bergchristall im Prinzip mitzählen – es wird nicht die einzige derartige Geschichte sein, auch wenn er vielleicht zurückhaltender ans Werk ging als S. – und S. hatte offenbar einen Assistenten für die Fotos, wenn er da nicht eines seiner Opfer zusätzlich mißbraucht hat.

  232. 232
    ABC

    Korpsgeist und Körper
    Sexueller Missbrauch im Schutz der katholischen Kirche: Erklärungsversuch eines Theologen.

    http://www.tagesspiegel.de/kultur/Canisius-Kolleg-Kindesmissbrauch;art772,3018537

    Frauen in Leitungspositionen der Kirche würden zur Verbesserung der Lage beitragen. Auch in dem obigen Artikel wird dieser “Elephant in the room of the church”
    http://en.wikipedia.org/wiki/Elephant_in_the_room
    nicht gesehen.

    Und dann noch ein Zeitungsbereicht aus dem Jahr 2003 (19.08.2003, 11:20)
    Priester sollten sexuellen Missbrauch verheimlichen
    “Einem britischen Zeitungsbericht zufolge hat der Vatikan in den 60er Jahren offiziell angeordnet, sexuellen Missbrauch durch Priester nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Erst vor zwei Jahren hat die Führung der katholischen Kirche diese Anordnung bestätigt.”

    Quelle:

    http://www.sueddeutsche.de/panorama/232/377039/text/

    Vielleicht sollte man zu dieser Frage einmal den ehemaligen Erzbischof von Milwaukee, Rembert Weakland, interviewen, ob er seinen in 2009 erschienen Memoiren noch weitere Details hinzufügen möchte.

  233. 233

    Bitte Vorsicht mit Spekulationen und Verdächtigungen “¦ es hilft niemandem, Tribunale zu eröffnen oder über die Motivation Einzelner zu spekulieren. Geht bitte immer davon aus, dass nicht nur ihr diese Zeilen hier lest, sondern auch die Presse (und auch diejenige Presse, die eine kleine Andeutung gerne als Ansatz für sensationsgeile Schlagzeilen nimmt) und vor allem auch direkt Betroffene und Involvierte. Dies hier ist kein Privatgespräch, sondern eine öffentlich und für jeden zugängliche Seite. Tauscht vlt. lieber Mailadressen aus für privatere Gespräche, wenn ihr den Eindruck habt, dass es sich um solche handelt.

    Sollte z.B. die Staatsanwaltschaft Verdachtsmomente in Kommentaren erkennen, die ihr hilfreich erscheinen, könnte es passieren, dass wir als Betreiber der Site dazu verpflichtet werden, IP- oder Mailadressen weiterzugeben. Das ist bisher nicht passiert und ich gehe nicht davon aus, ich möchte aber, dass sich jeder bewusst ist, dass hier nur eine “Halb-Anonymität” vorhanden ist, die von polizeilicher Seite (und nur mit entsprechenden Befugnissen) grundsätzlich ausgeschaltet werden kann.

  234. 234
    sieste

    Als CKler (1964-73) verfolge ich (bisher nur) als Mitleser diesen Blog seit vergangener Woche mit Interesse, mit großer Zustimmung und erheblichem Widerspruch zu den Berichten und Meinungsbeiträgen.

    Beide Lehrer und auch den heute zusätzlich genannten E. kannte ich natürlich, teilweise aus der Schule, teilweise aus der Jugendverbandsarbeit. Während mir und meinen damaligen Mitschülern bzw. den Freunden aus der ebenfalls jesiutisch geleiteten KSJ (, die immer als offener, liberaler, weniger dogmatisch galt als die GCL) R. und E. eigentlich immer als sehr autoritär und irgendwie “strange” galten (Verwunderung und Enttäuschung halten sich bei den beiden daher auch in Grenzen), war Wolfgang St. äußerst beliebt. Vielleicht haben wir damals schon empfunden, dass er versuchte, dem einen oder anderen in einer Weise nahe zu sein, die nicht angemessen war im Umgang von Lehrer und Schüler, aber Prügelrituale hätte ich niemals für möglich gehalten.

    Insofern gibt der Beitrag des Zeit-Journalisten, auf den SaScha (225) verlinkt, uneingeschränkt mein Bild von Wolfgang St. und die Enttäuschung über das in der letzten Woche gelernte wider. Zu meiner Zeit war es nicht Chile, sondern der kleine Ort im Baskenland, für den er sich engagierte, wo er jede denkbare Hilfe hinschleppte und wohin er Jugendreisen organisierte. Sein Einsatz für eine “Theologie der Befreiung” klingt dann leider heute wie Hohn, wenn es im persönlichen Umfeld zu derartigen Fällen von Vertrauensmißbrauch und Unterwerfung gekommen ist, wie er sie selbst eingeräumt hat.

    Wenn ich in den letzten Jahren gelegentlich an Wolfgang St. gedacht habe, dann mit Bedauern darüber, dass seine Versuche, mich seinerzeit von der Freude am Langstreckenlauf zu überzeugen, nichts gefruchtet hatten und ich mein beschränktes Talent dafür erst 30 Jahre später entdeckt habe. Hätte ich mich damals an seinen kleinenh Lauftreffs beteiligt, wäre wahrscheinlich ein passabler Läufer aus mir geworden.

    Auch wenn mir durch die genannten Lehrer also nie etwas zugefügt wurde, bleibt was St. angeht doch ein großes Gefühl der Enttäuschung.

    Kurz, um das Bild in anderer Weise abzurunden: Vor 10 Tagen, 3 Tage bevor die Geschichte durch den Morgenpost-Beitrag ins Laufen kam, hatten wir wieder einmal eines unserer Klassentreffen, dass regelmäßig alle drei Jahre stattfindet. Aus unserer Klasse von 21 Abiturienten waren 19 anwesend, einer hatte eine private Familienfeier, einer kommt nie. Wäre die Erinnerung an die Schulzeit, wie mancher Beitrag
    hier suggeriert vor allem Angst besetzt oder durch negative Erlebnisse geprägt, würden sich nicht über 35 Jahre nach dem Abitur fast die komplette Klasse treffen. Natürlich wurden die üblichen Anekdoten aus getauscht, gerade auch über die Lehrer der älteren Generation, die hier teilweise skizziert, teilweise karikiert wurden (u.a. der Physiklehrer mit dem Holzbein war unser Klassenlehrer, war Gegenstand vieler Geschichten, voller Respekt vor seiner Menschlichkeit, weniger seiner didaktischen Fähigkeiten). An diesem Abend hatten wir beschlossen, das nächsten Klassentreffen in den Räumen des CK zu organiseren. Einer der Mitschüler, heute Lehrer am CK, wird es organisieren. Klingt alles nicht nach in der Jugend mißbrauchten Jugendlichen, die einen Horror auf die ehemalige Schule hätten.

    Der heute in der Berliner Zeitung erwähnte Deutschlehrer M., der häufiger den Schwimmunterricht im Poststadion besucht haben soll, war übrigens auch unser langjähriger Deutschlehrer und Leiter der Schultheatergruppe. Auch wenn es damals witzelnde Vermutungen über seine sexuelle Orintierung gegeben haben mag, würde ich es für nahezu ausgeschlossen halten, dass es seinerseits jemals zu irgendwelchen Übergriffen gekommen sein könnte. Er war wie möglicherweise viele Patres seiner Generation ein Meister der Sublimation – was bei zölibatär lebenden Pristern auch keine Überraschung sein kann.

    Zur Berliner Zeitung noch eines: Sich wie Frank Nordhausen hier im Blog zu melden und darum zu bitten, mit ihm zu sprechen und dannn wenn sich keiner meldet und mit ihm spricht, kleine Splitter aus den Blog-Beiträgen als Ergebnis seiner Recherche darzustellen, ist schon unterste journalistische Schublade. Getreu dem Motto, dass immer soviel in der Welt passiert, wie in der Zeitung Platz hat, mussten 6 Spalten gefüllt werden, auch wenn die eigenen Recherchen das nicht ergeben hätten.

  235. 235
    Frank Nordhausen

    Hier die überarbeitete Fassung unseres Artikels:

    Noch mehr Täter

    Ex-Schüler des Canisius-Kollegs berichten, dass Lehrer – anders als bislang bekannt – schon in den 60er-Jahren Jungs missbrauchten

    Von Sabine Deckwerth, Frank Nordhausen

    In der vergangenen Woche hatte Rektor Mertes noch ausdrücklich erklärt, dass es zwar einen “jahrelangen”, nicht aber “jahrzehntelangen” sexuellen Missbrauch am katholischen Canisius-Kolleg gegeben habe. Diese Aussage war offenbar falsch. Wie der Provinzial der Deutschen Provinz der Jesuiten, Stefan Dartmann, gestern Abend in München mitteilte, hat ein weiterer Jesuitenpater sexuelle Übergriffe eingeräumt. Der Mann habe sich zu den Taten bekannt, nachdem er mit den Aussagen von drei Opfern konfrontiert worden sei, die sich jetzt gemeldet hätten. In einem Fall habe der Beschuldigte die Tat zugegeben.

    Dartmann dankte den Opfern, dass “sie hervorgetreten sind und ich entschuldige mich bei ihnen im Namen des Ordens”. Der betreffende Jesuit, der noch heute im Orden ist, war den Angaben zufolge Religionslehrer am Canisius-Kolleg von 1970 bis 1971, dann bis 1975 in Hannover als Jugendseelsorger, von 1976 bis 1981 als Lehrer und in der Jugendarbeit in Berlin und bis 1983 in Hamburg tätig. Danach war er über 20 Jahre lang Projektleiter eines anerkannten Hilfswerks.

    Diese Angaben stützen Recherchen der Berliner Zeitung, wonach von sexuellen Übergriffen am Canisius-Kolleg in den frühen 70er-Jahren und bereits in den 60er-Jahren ausgegangen werden muss. Drei frühere Schüler des Canisius-Kollegs nannten im Gespräch mit der Berliner Zeitung die Namen von drei weiteren Patres, die inzwischen freigestellt beziehungsweise verstorben sind, darunter auch den eines heute 70-Jährigen, der seit 1983 Projektleiter eines Hilfswerks war. Jesuitensprecher Thomas Busch bestätigte gestern Abend, dass es sich dabei um den Jesuitenpater Bernhard E. handelt. Er hatte das Hilfswerk Ärzte für die Dritte Welt in Frankfurt gegründet. Aus Berlin seien ihm aber keine Missbrauchsfälle dieses Paters bekannt, so der Sprecher. Jesuitenchef Dartmann hatte aber mitgeteilt, dass die betreffenden Vorfälle aus den 70er-Jahren in Hannover, deren Opfer sich jetzt an die Missbrauchsbeauftragte des Ordens gewendet hätten, Anlass zu der Befürchtung gäben, dass es auch andernorts Übergriffe gegeben habe. Der Geistliche habe nach Aufforderung Anzeige gegen sich selbst erstattet und sei vom geistlichen Dienst suspendiert worden.

    Der Berliner Zeitung nannten frühere Canisius-Schüler außerdem den Namen des verstorbenen Paters Kurt M. Dieser sei Mitte der 60er-Jahre, obwohl kein Sportlehrer, häufig im Berliner Poststadion aufgetaucht, wenn die Jungen der siebten Klassen Schwimmunterricht hatten. “Es war nicht sehr angenehm, anschließend nackt zu duschen, während ein Erwachsener, zudem noch ein Pater, einen dabei anstarrte”, erinnert sich ein Ehemaliger. Auch die Namen von zwei weiteren Lehrern, die keine Patres waren und die mit sexuellen Übergriffen in den Siebzigerjahren in Verbindung gebracht werden, wurden im Gespräch erwähnt.

    Die Internetseite “Spreeblick” wurde mittlerweile zur Plattform für Betroffene. Eigentlich wünsche er sich Rache für all das, was ihm angetan wurde, schreibt ein Ehemaliger des Canisius-Kollegs. “Ich wünsche mir Ersatz für den Preis der vielen Kubikmeter Wasser, die ich bis heute verwende, um mich zweimal am Tag gründlich zu duschen und mich dennoch immer schmutzig zu fühlen. Ich wünsche mir, dass diejenigen in der Hölle schmoren mögen, die mir durch ihre Übergriffe verwehrt haben, zu anderen Menschen Vertrauen zu fassen und angstfreie Beziehungen einzugehen.” Der Verfasser hat das Canisius-Kolleg von 1959 bis 1963 besucht, also lange bevor die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle passierten. Es sei “unglaublich blauäugig zu meinen, solche Übergriffe beschränkten sich auf die 70er- und 80er-Jahre”, schreibt er.

    Früher als vom Rektorat des Kollegs angegeben, waren zudem die beiden bereits öffentlich des Missbrauchs bezichtigten Ex-Patres Peter R. und Wolfgang S. an der Schule tätig, und zwar von 1967 bis 1968 beziehungsweise 1969 bis 1970 im Rahmen ihres Praktikums während des Theologiestudiums. Bisher wurde von Übergriffen der Patres in den 70er- und 80er-Jahren berichtet. Diese Übergriffe sollen auch der Ordensleitung der Jesuiten bekannt gewesen sein, die nichts unternahm. Sie ließ auch zu, dass die Lehrer danach an andere Schulen gingen, wo sie weitere Jungen missbraucht haben sollen. In Berlin habe die Schulleitung schon 1974 von “Einzelgesprächen” hinter verschlossener Tür gewusst, bei denen es unter anderem Schläge auf das nackte Gesäß gegeben haben soll. Nach seinem Weggang aus Berlin unterrichtete Wolfgang S. an Jesuitenschulen in Hamburg und im Schwarzwald. “Als ehemaliger Internatsschüler in Sankt Blasien kann ich bestätigen, dass Pater Wolfgang S. regelmäßig Schüler unter einem Vorwand mit blankem Hintern übers Knie gelegt hat”, heißt es in einem Eintrag.

    “Ich hatte mit beiden Tätern über Jahre mehr Kontakt als gut für mich war”, steht in einem Internet-Bericht. “Nach einer stundenlangen Sitzung mit Pater S. musste ich drei Nächte auf dem Bauch schlafen, bevor ich wieder sitzen konnte”, heißt es weiter. Wenn ein Schüler als Ministrant für einen Außeneinsatz in einem BMW 600 der Patres mitgenommen wurde, hätten die anderen vom “Einsatz im Fummelbomber” gesprochen, teilt einer mit, der Ende der 60er-Jahre das Canisius-Kolleg besuchte. Ein anderer schreibt von “demütigenden und schmierig-unangenehmen Situationen”. Vor allem erinnere er sich an ein körperliches Bedrängen ohne ausweichen zu können: An “ein In-den-Arm-nehmen, Über-den-Kopf-Streicheln, An-mich-Drängeln”. Als unangepasster Schüler sei er öfter zu Einzelgesprächen zitiert worden. “Noch heute löst der Geruch von Sumatra-Zigarren bei mir Brechreiz aus, weil er mich an diese Sitzungen erinnert, in denen ich einem Zigarre lutschenden Pater gegenübersaß, der unter seiner Soutane herumnestelte.”

    Der Vatikan teilte unterdessen mit, er sehe die Bitte um Entschuldigung, wie sie der deutsche Jesuiten-Chef Stefan Dartmann vorgebracht habe, als “umfassend” an.

  236. 236
    B.H.

    Wie positionieren sich die Kollegen von damals zu den Geschehnissen?
    Mathematiklehrer M.S., der noch heute als Lehrer am Canisius tätig ist, hatte engen Kontakt mit R. Er begleitete Jugendfahrten und ich erinnere merkwürdigen “Abkitzel- Spielchen”.
    Die jungen – ach so fortschrittlichen Patres und Lehrerkollegen – die mit W.S. Kukos durchgeführt haben, die Option für die Armen propagierten, was haben Sie uns zu sagen?

  237. 237

    @Johnny Haeusler:
    Herr Haeusler,
    die Meinung der Schreiber ist kein Tribunal.
    Ich finde es wichtig, dass sich Menschen endlich zu dem Thema sexuelle Misshandlungen äußern.

    Es wird Zeit, dass die Gesellschaft lebendig sich gegen die jahrzehntelangen Verschleierungen der Kirchen stellt.
    Die Kath. Kirche hat sich weltweit sehr viel Schuld aufgeladen: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/2261208_Liste-der-Gewalt.html
    Bei der Ev. Kirche sieht nicht besser aus: http://www.lr-online.de/politik/Tagesthemen-Runder-Tisch-erkennt-Leid-der-Heimkinder-an;art1065,2803396

    Hatte es vor 50 Jahren Internet gegeben wären die Misshandlungen in Heimen nicht verjährt und die fast 800 000 ehemaligen Heimkinder hätten heute kein Stigma und kein Trauma/PTSD.
    Wie wenig Achtung die Kirchen für Kinder hatten, ist hier deutlich dokumentiert: http://www.heimkinderverband.de/Newsletter1_10.pdf

    Vielleicht finden im Zuge des Entsetzen endlich die den Mut ihr Schweigen zu brechen, die zu Hause sexuell misshandelt wurden.

    Herr Haeusler, lassen Sie bitte die Menschen sprechen,— die Welle des Bewusstwerden ist nicht mehr aufzuhalten.

    Als Redaktion und “žinvestigative journalist” haben Sie eine Chance zur Aufklärung beizutragen.
    Danke,
    Sieglinde Akexander

  238. 238
    Bernhard

    @sieste (228): Frank Nordhausen hier anzugreifen, ist völlig daneben. Der Mann macht seine Arbeit als Journalist. Wenn er dabei Auszüge aus diesem Blog verwendet, ist das absolut legitim. Wie soll ein Journalist denn sonst recherchieren? Außerdem hat er – das könnest du oben problemlos nachlesen, wenn du wolltest – durchaus persönlich mit Opfern gesprochen.
    Wenig erhellend ist auch, wortreich zwar alles zu bedauern, aber gleichzeitig zu schreiben, ihr hättet euch doch ganz wohl gefühlt am Kolleg. Mag sein, aber das hilft den Opfern überhaupt nicht und läuft letztendlich auf eine durch nichts zu rechtfertigende Relativierung der Vorgänge hinaus.

  239. 239
    Markus U. (CK 89-99)

    Ich kann dem letzten Absatz von sieste nur zustimmen. War bisher auch nur stiller Mitleser, sehe aber die Notwendigkeit, auch mal den Artikel von Herrn Nordhausen zu kommentieren:
    Auch der fünfte Absatz des “überarbeiteten” Artikels zeugt nicht gerade von objektiver Berichterstattung, da die entsprechende Quelle selbst von sich sagt: “”Explizite” sexuelle Übergriffe mir gegenüber hat es nicht gegeben, aber das körperliche Bedrängen ohne ausweichen zu können, empfinde ich genauso als Verletzung meiner Intimsphäre — das In-den-Arm-nehmen, das Über-den-Kopf-Streicheln, das An-mich-Drängeln, das In-die-Backen-Kneifen, das Sanft-Beiseite-Schubsen.” Im Artikel wird aber der Eindruck erweckt, hier spreche jemand, bei dem klar ist, dass er missbraucht wurde.
    Weiter wird der Eindruck erweckt, dass im vorletzten Absatz weitere Personen zitiert werden. Es handelt sich aber, wie das Zitat deutlich macht, um die gleiche Quelle wie im fünften Absatz. Über die Seriosität der Quelle mag unbhängig davon jeder denken , was er will!
    Ich muss schon sagen, wenn so Artikel einer bisher von mir als seriös erachteten Tageszeitung zustande kommen. Dann gute Nacht!

  240. 240
    Nicht-CKler

    Wie hat Mertes nun eigentlich seine Ausführungen zur Rolle von Homosexualität gemeint? Einige beziehen das ja anscheinend auf auf mögliche gegenwärtige kircheninterne Hierachie- oder Positionskämpfe und Intrigen. Welche Anreize und Bedingungen im Hintergrund wirken lässt sich doch nicht sicher erschließen.

    Theorien mit “anti-katholische Stimmungen” (u.a. Mail gestern in der Radiosendung) sind neumodische Opfermythen, die nicht zuletzt selbstmitleidig den eingeräumten relativen Bedeutungs- und Relevanzverlust der katholischen Kirche in der “Berliner Republik” dokumentieren. Mangels anderer Nachrichten und den Vorfällen in Irland passt das wohl gut in die mediale Landschaft, dazu am Medienstandort Berlin. Jungen Menschen fällt es sicherlich schwer, sich die gewaltige und alternativlose Macht der Kirche über das Fühlen und Denken in früheren Jahrzehnten vorzustellen oder nachzuempfinden.

    Aber für die Fälle muss man doch auf die 60er und 70er beziehen. Und in der NS-Zeit wurden Vorfälle von Homosexualität als Waffe gegen die katholische Kirche benutzt.

    Also welche Strafe drohte damals eigentlich? Welche therapheutischen Möglichkeiten gab es? Und in den “liberalen 70ern” mit der Sexwelle herrschte ja offenbar teilweise Chaos über verbindliche Maßstäbe. Nicht zu vergessen, dass die klassische Psychoanalyse den Tätern von Mißbrauch mit den Annahmen über Ödipus-Komplexe in die Hände spielte (bei Frauen als Opfern). Und mitunter gelten homosexuelle Vorfälle in der Pubertät als normal in Medizin und Wissenschaften. Hätte man das früher nun überhaupt in den Medien oder im Volksmund unter “Mißbrauch” oder unter “Homosexualität” subsumiert? Oder mehr unter “Unangemessenheit” oder unter “Verbrechen”?

    Konnten sich als weder die Täter noch die Opfer offenbaren, weil homosexuelle Taten weit mehr tabuisiert oder schuld- und schambelastet waren als z.B. zwischengeschlechtliche Übergriffe?

    Oder bezog sich Mertes auf eine tendenzielle allgemeine Lebensfremdheit bei Sexualität in der offiziellen Kirche (also nicht zwingend in der Seelsorge), weil die gewaltige Anzahl von Homosexuellen in kirchlichen Spitzenfunktionen wahlweise Tabuisierung steigert und Vertuschung fördert oder aber durch die Entkoppelung von Heterosexualität via sublimierte Homoerotik und Liebe zu Liebhabern bei Tabuisierung reifer homosexueller Partnerschaften (Ehelosigkeit vs. Keuschheit) eine weitere rückwärtswirkende Tabuisierung der Thematik bewirkt?

    Vielleicht kann jemand, der an der PK teilgenommen hat das genauer schildern oder aus informierteren Perspektive etwas beleuchten.

  241. 241
    ABC

    @Jola:
    und
    @SaScha:

    Zu “Oh, oh, oh was ist denn das für eine ideologische Hetzseite? Katastrophal!”

    Zu ” Die von mauser verlinkte Seite ist ja wirklich total unsäglich. “Katholisch”? Doch wohl nicht. ”

    Informationen zu kreuz.net finden Sie in dem beigefügten wikipedia-Artikel. Radio Vatikan und die deutsche Bischofskonferenz haben sich von kreuz.net distanziert. Radio Vatikan hat kreuz.net aufgefordert, den link, den kreuz.net zu Radio Vatikan legt, herunterzunehmen. Dieser Aufforderung kommt kreuz.net aber nicht nach.

    Dem wikipedia-Artikel entnehmen Sie bitte, dass im Januar 2008 ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung gegen kreuz.net eingestellt werden musste. Wegen des Hostings in Arizona und des damit verbundenen abschlägig beschiedenen Rechtshilfeersuchens äußerte die Staatsanwaltschaft Berlin: “žIm Zuge der Ermittlungen ist es nicht gelungen, einen Tatverdächtigen namhaft zu machen”

    Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kreuz.net

  242. 242

    @EMaK: Ich denke, die Wichtigkeit dieser Diskussion ist mir durchaus bewusst — ich habe sie schließlich mitinitiiert und biete hier den Raum für die Meinungen und Äußerungen aller.

    Bitte vertrauen Sie jedoch meiner langjährigen Erfahrung hier auf dieser Seite mit vielen Debatten um andere, ebenfalls sehr emotionale und wichtige Themen: Es kann im Eifer der Diskussion (in der Nacht, nach dem dritten Bier) einfach auch mal passieren, dass man sich etwas zu weit “aus dem Fenster lehnt”.

    Ich verstehe die Debatte hier bisher keineswegs als Tribunal, halte es jedoch für angemessen und wichtig, hin und wieder darauf hinzuweisen, dass dies hier kein privater Raum, sondern ein öffentlicher ist und ich (leider) für u.U. falsche Beschuldigungen haftbar bin. Es gab in anderen Fällen bereits juristische Klagen gegen uns als Betreiber der Site für Kommentare Dritter, diese abzuwehren ist nicht nur teuer, sondern macht auch extrem wenig Spaß.

    Dies alles soll bitte nicht als Maßregelung missverstanden werden, sondern als gut gemeinter Hinweis: Man vergisst schnell, dass man hier eben nicht nur mit den anderen Kommentatoren “redet”, sondern auch zu einigen tausend anderen Mitlesenden.

    Dass ich sehr froh über diese Debatte bin, die insgesamt auf einem sehr hohen Niveau stattfindet, muss ich nicht betonen. Genau dafür sind Blogs (auch) da.

    Beste Grüße!

  243. 243
    KaMaZhe

    @Markus U. (CK 89-99):

    Ich möchte den Journalisten wie Klaus Nordhausen ausdrücklich danken für ihre Arbeit. Ohne die öffentliche Skandalisierung würden viel Betroffene auch jetzt noch lieber im stillen Kämmerlein leiden, als sich öffnen. Kein erwachsener Mensch möchte heute mit dem Ettikett “Opfer” herumlaufen, vielen, auch mir fällt es schwer Wut und Zorn zuzulassen, stattdessen ist da oft nur eine unendliche Trauer.

    Daß es bei P. Kurt M. durchaus um Missbrauch und nicht nur um “unangenehme Nähe” ging, entnehmen Sie bitte dem Beitrag 203 von bergkristall auf dieser Seite.

    Wenn ich P. Mertes für einen Satz dankbar bin, dann für diesen: “Wir glauben euch!”

  244. 244
    KaMaZhe

    @Markus U. (CK 89-99):

    Ich möchte den Journalisten wie Klaus Nordhausen ausdrücklich danken für ihre Arbeit. Ohne die öffentliche Skandalisierung würden viel Betroffene auch jetzt noch lieber im stillen Kämmerchen leiden, als sich öffnen. Kein erwachsener Mensch möchte heute mit dem Etikett “Opfer” herumlaufen, vielen, auch mir fällt es schwer Wut und Zorn zuzulassen, stattdessen ist da oft nur eine unendliche Trauer.

    Daß es bei P. Kurt M. durchaus um Missbrauch und nicht nur um “unangenehme Nähe” ging, entnehmen Sie bitte dem Beitrag 203 von bergkristall auf dieser Seite.

    Wenn ich P. Mertes für einen Satz dankbar bin, dann für diesen: “Wir glauben euch!”

  245. 245
    Hans-juergen

    Habe mir alle Berichte durchgelesen,was ich vermisst habe,ist das ein Schüler nun mal konkret berichtet was ihm selbst wiederfahren ist.Alle haben nur mal irgend etwas gehört und vermutet,aber was nun in Wirklichkeit da passiert sein soll,hat noch keines der Opfer hier geschildert.

  246. 246

    @Johnny Haeusler:
    Danke Herr Haeusler.

    Diese Sache wurde auch von BBC Londen aufgegriffen:
    http://news.bbc.co.uk/2/hi/europe/8493514.stm

    Sieglinde Alexander

  247. 247
    siechri

    @sieste: Habe einen Artikel wiedergefunden, den ich (CK 66-74) im Sommer 1975 zum 50. Schuljubiläum in der KSJ-Zeitschrift ‘Notizen’ geschrieben habe. Hier der Wortlaut:

    “Der schale Nachgeschmack

    Fast neun von diesen 50 Jahren habe ich miterlebt, und selbst wenn ich mir große Mühe gebe, fällt es mir schwer, in den allgemeinen Geburtstags-Jubel einzustimmen.
    Es ist sicherlich unbestreitbar, dass das Engagement und die Einsatzbereitschaft der Lehrkräfte, vor allem der Patres, ihresgleichen suchen und dass wohl kaum irgendwo anders dermaßen viel von der Persönlichkeit und der ureigenen Originalität der Lehrer fester Bestandteil des Schullebens sind. Trotzdem oder vielleicht gerade auch deshalb spüre ich einen schalen Nachgeschmack, wenn ich an meine Schulzeit am CK zurückdenke. Zu oft musste ich in diesen Jahren miterleben, wie Mitschüler zu Opfern dessen wurdwen, was der Genelalobere des Jesuitenordens, Pedro Arrupe, die Erziehung zu ‘Mednschen für Andere’ nennt, für zu viele haftete dieser ‘Gemeinschaft in Christus’, in die sie ziemlich unfreiwillig hereingestolpert waren, ein mit den Jahren immer stärker werdender Zuchthaus-Geruch an. Zu schnell lernte man die Notwendigkeit von Heuchelei kennen und erwarb die Fähigkeit, seinen Mund vor allem dann zu halten, wenn der vielzitierte Anspruch Jesu Christi es am meisten erfordert hätte, ihn aufzutun. Jeder Umgang mit Ideologen, welcher Couleur auch immer, ist unbefriedigend und verhindert die sachliche Auseinandersetzung. Katholizismus heißt die Ideologie des CK, man braucht sich zwar nicht danach zu verhalten,denn auch die eifrigsten Verfechter wollen sich nicht gern an ihren Idealen messen lassen, der Geist aber muss kirchentreu sein, sonst droht die schulinterne Inquisition. Mir erscheint es mehr als fraglich, ob repressive Erziehungsmethoden, Geschlechtsfeindlichkeit, einengende und weltfremde Unterrichtsinhalte und die mehr als mangelhafte Ausstattung mit Lehr- und Lernmitteln aufgewogen werden können durch diese Fassade einer christlichen Gemeinschaft.
    Anders ist diese Schule mit Sicherheit, ich persönlich halte sie für schlechter als andere.”

    Soweit der Artikel von 1975 (für dessen pathetischen Unterton ich heute um Nachsicht bitte).
    Viele haben damals gehofft und einige von aus haben auch daran geglaubt, dass mit einer neuen Jesuitengeneration frischer Wind und vor allem größere Glaubwürdigkeit am CK Einzug halten würde. Hat nicht wirklich geklappt, oder? Um so mehr hoffe ich für die heutigen Schüler/innen und Lehrkräfte, dass sie mittlerweile eine gute Lehr- und Lernsituation miteinander erleben und den Trubel, für den sie selbst am wenigsten können, ohne größeren Schaden überstehen.

  248. 248
    peter

    Zum Thema Wegsehen auch interessant: http://www3.ndr.de/programm/epghomepage100_sid-705086.html
    Den Bericht über 2009 gibts aktuell auch auf Pee Ii.

  249. 249
  250. 250
    Markus U. (CK 89-99)

    @KaMaZhe: Mein Einwand bezog sich nicht auf das Zitat, das aus Ihrem Kommentar stammt. Auch sollte er keinesfalls irgendwelche hier bei den Kommentaren getroffenen Aussagen anzweifeln. Auch Wut und Zorn sind absolut ok.
    M.E. hätte allerdings der Artikel von der Sorgfalt der Quellenrecherche auch in der BZ oder der Bild erscheinen können.
    Ich muss Ihnen bzgl. der Skandalisierung widersprechen: Ohne den Schritt von Pater Mertes würden viele Betroffene noch im stillen Kämmerchen leiden bzw. hätte es wahrscheinlich keinen Skandal bzw. keine Skandalisierung gegeben.

  251. 251
    Ohnepseudonymgehtsleidernicht

    Jetzt also auch das Aloisiuskolleg…

    http://www.sueddeutsche.de/panorama/930/502168/text/

  252. 252
    Alt-CKler

    Nachdem ich beim heutigen Café-Besuch (oder sollte ich schreiben “coffee to sit”?) auch in der Frankfurter Rundschau auf den Deckwerth/Nordhausen-Artikel [1] gestoßen bin, möchte ich einige Dinge klarstellen, ohne nun meine gesamte Lebensgeschichte hier auszubreiten.

    1. Ich war nicht nur Schüler des CK, sondern auch – wie geschrieben – Interner auf dem Immaculata-Kolleg in Büren bzw. Schüler des dazugehörigen Mauritius-Gymnasiums. Diese standen bis 1981 unter jesuitischer Trägerschaft. Wie es sich heute darstellt, ist nachzulesen unter

    Das Mauritius-Gymnasium – eine katholische Schule in freier Trägerschaft
    http://www.mauritius-gymnasium.de/index.php?page=86

    Die auf dieser Website dargestellten Erziehungsgrundsätze und Leitziele lesen sich ja sehr schön, mit der von mir erlebten Realität haben sie aber nicht viel gemein.

    2. Ich war während meiner Berliner Zeit nicht nur CK-ler, sondern ausserdem auch Mitglied (?) der St.Canisius-Gemeinde und daselbst Ministrant und Mitglied (?) der Jugendgruppe. http://www.st.canisius-berlin.de/

    3.Ich habe – bedauerlicherweise – nicht ausreichend deutlich gemacht, dass sich meine Ausführungen nicht /ausschliesslich/ auf das CK beziehen, sondern auf die Gesamtheit meiner Erfahrungen mit Klerikalen. Also auf die Schulzeit am CK, die Schul- und Internatszeit am Immaculata-Kolleg, die Ministrantenzeit an St.Canisius und die Jugendgruppenzeit an St.Canisius.

    4. Ich habe meine Ausführungen in meinem Blog-Beitrag 181 unter Punkt 4. Abs.2 (der übrigens fast der kürzeste bzw. beileibe nicht der wichtigste ist) mit der Bemerkung eingeleitet, meine Erinnerungen seien “inzwischen allerdings recht diffus und wohl auch weitgehend verdrängt”. Dass nun ausgerechnet diese Ausführungen als Zitate durch den Zeitungsartikel geistern, finde ich – Fio (214) und Markus U. (239) zustimmend – tatsächlich reichlich boulevardesk. Mich ärgert daran zudem, dass ständig und fast ausschließlich der Aspekt des Sexuellen in den Vordergrund geschoben wird. Die Vergiftung der Seele, also die Zerstörung der Persönlichkeit, /das/ empfinde ich als das wahre Verbrechen. Dieses lässt sich aber eben nicht unter juristische Kategorien und Paragraphen subsummieren.

    Mir fällt dazu der Begriff “Double bind” ein, in meinem o.g. Blog-Beitrag als “Zwickmühle” schon angesprochen, also jene angstbesetzte und lähmende Mischung aus Zuneigung und Aggression. Ich möchte hier unmittelbar ein Zitat aus dem Abschnitt “Anpassungsdruck und Selbstbild / Identitätsaufgabe” des Wikipedia-Artikels “Doppelbindungstheorie” einfügen:

    aus http://de.wikipedia.org/wiki/Doppelbindungstheorie.
    [Zitat]
    Was Doppelbindungen so gefährlich macht, ist der hohe Anpassungsdruck, der von der Autoritätsperson auf das “Opfer” ausgeübt wird. Unter Anpassung versteht man die Integration eines Gegenstandes in ein kognitives Schema.

    In sogenannten normalen Abhängigkeitsverhältnissen kann eine Autoritätsperson Befehle erteilen, die Einfluss auf das Verhalten des Opfers ausüben, bei Doppelbindungs-Beziehungsmustern beinhaltet die Beeinflussung auch die Art der Selbstwahrnehmung, die das Opfer von sich hat.

    Diese Methode der Gehirnwäsche wurde oft im maoistischen China während der Kulturrevolution zur politischen Umerziehung angewendet: Es wurde vom Opfer nicht nur eine Anpassung an die vorherrschende Ideologie durch sein Denken und Handeln erwartet, sondern auch die Überzeugung, diese Umwandlung sei freiwillig und in Würde vollzogen worden, was natürlich überhaupt nicht den erlebten Erfahrungen des Opfers entsprach. Zwangsinternierung und Demütigungsrituale waren die Regel.

    Das Opfer wird nicht nur gebrochen, sondern es hat auch nicht die Erlaubnis, sich selbst als Opfer wahrzunehmen, und erst recht nicht die Erlaubnis, den Täter als Täter wahrzunehmen. Die Autoritätsperson bestimmt also auch, wie sie vom Opfer erlebt werden muss. Sie bestimmt das Bild, das sich das Opfer von ihr machen muss.

    Beispiel: “Mutti hat dich nicht bestraft, weil Mutti böse ist, sondern weil du böse warst. Mutti schlägt dich, weil sie es gut mit dir meint.”

    Ein Mensch, der einer solchen Situation ausgesetzt ist, muss durch den schmalen Spalt einer enormen Abweichungsintoleranz hindurchgehen und kann es sich nicht leisten, seine ursprüngliche Identität aufrechtzuerhalten. Die Angst vor Bestrafung, Folter oder Liebesentzug schafft die Bereitschaft, die bestehende Identität aufzugeben. Dieser ständige Prozess der Identitätsaufgabe, der immer wieder von neuem stattfindet, verhindert die Entstehung einer intakten Persönlichkeit oder er bewirkt die Dekonstruktion einer bereits bestehenden Persönlichkeit.
    [Zitat Ende]

    5. Hätte ich konkrete Vorfälle, dann aber mit konkreten Personen verknüpft (!), benennen wollen (und vor allem: können), hätte ich dies vermutlich getan. Der “Finger-Appell”, den ich genannt hatte, wurde meiner Erinnerung nach von Herrn Berg, Mathe- und Sportlehrer am CK, durchexerziert. Ohne diese Konkretisierung bleiben es Hinweise und Beschreibungen für ein “Klima” und “System”. Sie sind nach meinem Verständnis also nicht unmittelbar justiziabel, können sich aber möglicherweise unterstützend für die Glaubwürdigkeit von Klägern auswirken. Wieweit ich meiner Erinnerung, also sowas wie einem Faktenwissen, nach 50 Jahren noch vertrauen kann, vermag ich nicht zu beurteilen. Meinem Gefühl, dass und wie ich in der Zeit gelitten habe, hingegen vertraue ich. Aber wie gesagt: das wahre Verbrechen besteht für mich in der Zerstörung meiner Persönlichkeit.

    6. Ich frage mich, und zwar immer noch, ob ich mir da nicht irgendwas einbilde. Vielleicht war ich einfach zu empfindlich. Und gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass auch Kinder ein gutes, evtl. sogar untrügliches weil unverfälschtes, Gespür für körperliche und seelische Unversehrtheit haben. Ich habe versucht, dies mit dem Begriff “schmierig-unangenehm” auszudrücken, ein Zwischending zwischen “aufdringlich” und “zudringlich” vielleicht.

    Ich frage mich viererlei: war meine damalige Wahrnehmung realitätsgerecht? Entspricht meine Erinnerung der damaligen Wahrnehmung? Entspricht meine Erinnerung der damaligen Situation? Ist das Reaktivieren von Erinnerungen und Gefühlen unverfälscht oder durch synaptische Querverbindungen nach dem Lesen der 180 vorausgehenden Blogeinträgen fehlgeleitet?

    7. Ich leide unter einem Dilemma: wenn es – wie auch hier im Blog des öfteren geschrieben – nur einigen “passiert” ist und vielen überhaupt nicht aufgefallen ist, dann muss doch ein Teil der Vorkommnisse “irgendwie an mir gelegen” haben. Dann muss ich doch irgendwie zumindest teilweise an dem schuld sein, was mir passiert ist. Es gibt halt “so Opfertypen”. Vielleicht war ich einfach zu naiv. Vielleicht war ich einfach zu gutgläubig.

    Ach ja: naiv. Man (in meiner Erinnerung: entweder eine Lehrkraft oder ein Frater) erzählte mir, die drei Ringe auf der Fahnenstange vor dem Hauptgebäude stelle die Heilige Dreifaltigkeit dar. Natürlich habe ich das für bare Münze genommen. Warum auch sollte mich eine Autoritätsperson belügen? Als ich irgendwann diese “Tatsache” an Mitschüler weitererzählte, wurde ich natürlich schallend ausgelacht und als völlig dämlich dargestellt. (Für die Fremdleser, die’s nicht wissen: die drei Ringe sind das Krupp-Logo, denn das CK war von 1936-1947 Sitz der Berliner Krupp-Firmenvertretung).

    Punkt 6. und 7. zeigen mir, dass die “Vergiftung meiner Seele” nicht nur umfassend, sondern dauerhaft ist. Und deswegen können die Täter auch nicht mit Vergebung rechnen, weil sie selbst es waren, die das Gute in mir abgetötet haben. Von mir Vergebung zu verlangen, perpetuiert ihr Verbrechen nur – weil ich jetzt auch noch meine aktuelle Identität, die nach Vergeltung und Sühne schreit, ihretwegen aufgeben soll.

    [1] Missbrauchsaffäre
    Weitere Patres verdächtig
    Von Sabine Deckwerth und Frank Nordhausen

    http://www.fr-online.de/in_und_ausland/panorama/?em_cnt=2264761&

  253. 253
    WSG Hoffmann

    @B.H. (236)

    Es hat sich gelohnt, bis zu Deinem Kommentar durchzuhalten. Bin ich also nicht der einzige, der sich fragt, ob und wenn ja welche Rolle M.S. hatte. Der große Kinderfreund und Sympathieträger war er ja nicht gerade. Warum kommt er auf die GCL-Jugendfahrten mit, wie etwa nach Faßmannsreuth zum Jahreswechsel 79/80? In meiner Erinnerung saß er die ganze Zeit nur rum, jetzt denkt man sich natürlich die tollsten Dinge. Mitbekommen habe ich allerdings nie etwas, nicht mal Gerüchte.

    @Qwertz (180)

    “Die JU und REP-Scheiße betrifft genau meine Zeit und hier waren nur wenige Schüler des CK involviert.”

    Der Nachruf auf den Stuka-Oberst Rudel war aber von einem Schüler verfaßt worden, wenn ich mich richtig erinnere? Und die Abendschau hatte auch mindestens einen Bericht, der den Eindruck vermittelte, als wäre das CK eine Neonazi-Kaderschmiede. Was aus den Helden dann geworden ist, hast Du wohl besser verfolgt als ich.

    Im Allgemeinen muß das Spielen mit Nazi-Symbolen in dem Alter nicht wirklich heißen, daß man sich damit identifiziert. Es kann ja auch nur die Lust an der Provokation sein. Dann aber war, was ’87 in der Jugendherberge in Weimar gelaufen sein soll, extrem bescheuert. Ich war nicht dabei, aber der Zeuge klang ziemlich erschüttert. Es war wohl besser, daß er das Beweismaterial verschwinden ließ, bevor es Vopos und Stasi in die Hände fiel.

  254. 254
    Na also

    Das Hauptproblem ist doch die Ingnoranz der Verantwortlichen.
    In allen Einrichtungen und Institutionen denen Kinder anvertraut werden, werden sich immer wieder Menschen mit phädophilen Neigungen tummeln, einfach weil diese so einen leichten Zugriff auf die Objekte ihrer Begierden haben.
    Mit dem Verschweigen oder besser mit der Inkonsequenz diese einfach nur zu versetzen – denn dann geht es nicht mehr um “unsere” Schutzbefohlenen – wird erst die Hysterie erzeugt, wenn es dann doch einmal an`s Licht kommt.
    Das Vertrauen ist dahin, aber nicht weil es Phädophile gibt, sondern weil die Kinder im Falle der Entdeckung solcher Neigungen bei diesen nicht wirksam geschützt werden.

  255. 255
    Alt-CKler

    Nachtrag: beim Einfügen meines Beitrags 251 aus der Zwischenablage wurde leider nicht die letzte Version eingefügt. Es ist zwar nicht extrem wichtig, ich möchte es dennoch korrigieren. Es fehlt ein Absatz und einer ist unvollständig.

    1. Am Ende von Punkt 6. ist einzufügen:

    Und so torpediert Markus U. (239) treffsicher meine Äußerungen mit dem Satz “Über die Seriosität der Quelle mag unabhängig davon jeder denken, was er will!” Selbst Provinzial Dartmann spricht davon “Es sei bei den Übergriffen um ‘unangenehme Berührungen und Selbstbefriedigung’ gegangen,” und fährt dann allerdings etwas verquast fort: “es habe keine Hinweise auf ‘Penetration oder Vergewaltigung’ gegeben”.

    Mir fielen dazu natürlich auch noch andere Praktiken ein wie etwa (Zungen-)Küsse, die Masturbation des jeweils anderen (also eher ‘Fremdbefriedigung’) oder die Fellatio des jeweils anderen (das Selbstlutschen gelingt meines Wissens nur sehr wenigen).

    2. Der letzte Absatz sollte lauten:

    Punkt 6. und 7. zeigen mir, dass die “Vergiftung meiner Seele” nicht nur umfassend, sondern dauerhaft ist. Und deswegen können die Täter auch nicht mit Vergebung von meiner Seite rechnen, weil sie selbst es waren, die das Gute in mir abgetötet haben. Von mir Vergebung zu verlangen, perpetuiert ihr Verbrechen nur – weil ich jetzt auch noch meine aktuelle Identität, die ich mir über viele Jahre mühsam zusammengezimmert habe und die nach Vergeltung und Sühne schreit, ihretwegen erneut umkrempeln soll. Aber sich zweimal verbiegen heilt nichts, es ist eben nicht “Minus mal Minus gibt Plus” oder “Doppelte Verneinung ist starke Bejahung”.

  256. 256
    christian hartmann

    der zusammenhang von zöllibat und pädophilie, der für viele des “inneren kreises”, also der schüler am CK aus eigenem erleben heraus naheliegend, ja geradezu selbstständlich ist, wird (hoffentlich) auch für die penetranten leugner und gleichmacher anhand des zitierten, gelegentlich überzeichnenden, letztlich vielleicht zu träumerischen, aber im kern m.e. absolut den punkt treffenden interviews klar(er) erkennbar:
    http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/Paedophilie-Canisius-Kolleg-Sexualwissenschaft;art304,3020512

  257. 257
    martluck

    verdorben

    ich wurde damals “präfekt” in der hannoverschen “gemeinschaft schristlichen lebens”, also einer der gewählten leiter der jugendgruppe. wir hatten schätzungsweise 150-180 jungen und mädchen aus allen hannoverschen schulen. und wir hatten viel freude und leben. die ferien waren ausgefüllt und interessant. wir haben viel erlebt und viel gelernt. ich hätte die von mir gehasste schule nicht ertragen ohne diese jugendgruppe.

    ich glaube mich zu erinnern, wie pater ehlen plötzlich versetzt wurde und auch, dass vorher die eltern eines jungen dessen mitreisen in sommerlager und freizeiten verboten hatten. es gab keine gespräche seitens der jesuiten, in deren räumen der ganze gruppenbetrieb stattfand mit uns. der “obere” des hauses kam nicht auf uns zu. es gab gerüchte, raunen und wegsehen. auch bei uns. hilflosigkeit und unglauben.

    seit ich die nachricht heute las, fühle ich mich mies und mit dickem kloss im hals. mir tun die jungen leid.

    natürlich trägt er schuld. und mit ihm dies verfluchte, bigotte, kranke, verklemmung als heilslehre verkaufende katholische defizitsystem. dieser papst, der meint, eine welt retten zu müssen, die nicht gibt oder je gab. und der absichtlich seine mitarbeiter in nicht lösbare konflikte treibt und die schwächsten ins leid. darüber möchte ich kotzen. und ich hoffe, dass die medien dies genauso schonungslos anprangern wie die schützlinge schutzlos waren und sind.

    martin luckmann, istanbul

  258. 258
    Frank Nordhausen

    Hallo,

    Als Journalist ist man den Vorwurf schlechter Recherche (leider) gewöhnt. Selbst wenn man sich aufrichtig bemüht (und die dafür nötige Zeit zur Verfügung hätte, was gerade bei Tageszeitungen schwierig ist), wird man aber nie alle zufriedenstellen können. Auch Journalisten sind nur
    Menschen.

    Ich möchte hier nur darauf hinweisen, dass es mir und wahrscheinlich auch den Kollegen beim Tagesspiegel und der Mopo momentan so geht, wie ich es sonst nur von Recherchen über Sekten kenne: Ich bekomme zahlreiche Zuschriften von Betroffenen, und zwar nicht nur vom CK, sondern inzwischen auch z. B. aus Bonn und Köln, die mir ihre Opfergeschichten schildern und darauf hoffen, dass wir sie veröffentlichen können. Ich versuche, so viel wie möglich mit ihnen zu telefonieren oder sie hier in Berlin zu treffen, fühle mich damit überfordert, weiß, dass das arbeitstechnisch gar nicht angemessen zu schaffen ist und weiß auch genau, dass die momentane Konjunktur des Themas in wenigen Tagen verebben wird. Es ist eigentlich immer das Gleiche: ein kurzes Zeitfenster öffnet sich, in dem die Opfer die Chance haben, ihr Trauma öffentlich zu machen und etwas zu erreichen. Wir Journalisten arbeiten uns unter hohem Zeitdruck daran ab – und anschließend kräht kein Hahn mehr danach.

    Hoffen wir, dass es bei diesem Thema anders läuft.

    Den Hinweis auf das maoistische Gehirnwäschesystem und die sektenhafte Doppelbindung (251) halte ich für hilfreich. Viele Aspekte des sexuellen Missbrauchs an den Jesuitenschulen lassen sich mit dem psychischen Manipulationsmissbrauch in destruktiven Sekten vergleichen. Wichtig ist vor allem die eigene Identifikation mit dem und die vielfache Bindung an das System, die es so schwer macht, Kritik erstens überhaupt zu denken und dann auch noch auszusprechen.

    Hier unsere neueste Veröffentlichung zum Thema (Berliner Zeitung vom 4.2.2010), um Kritik wird gebeten:

    Ende des Schweigens

    Immer mehr Missbrauchsfälle im katholischen Jesuiten-Orden werden bekannt. Angesehene Brüder werden über Nacht zu Geächteten

    S. Deckwerth, K. Doerfler, J. Haak und F. Nordhausen

    BERLIN. Es geht immer weiter. Ein Jesuiten-Pater aus München sagt, es sei so, als wäre eine Fackel in ein dunkles Loch gefallen. Mit jedem Aufflammen des Feuers würden mehr Dinge sichtbar, die bislang in der Dunkelheit schlummerten. Seit einer Woche geht das nun schon so. Und längst brennt mehr als nur eine Fackel. Das Licht scheint selbst in entlegene Winkel, es bahnt sich seinen Weg. Und je mehr zu sehen ist, desto größer wird das Erschrecken. Desto drängender stellt sich die Frage, wie es passieren konnte, dass so lange Schweigen herrschte.

    Am vergangenen Donnerstag waren erste Fälle von sexuellem Missbrauch an der katholischen Eliteschule der Jesuiten, am Canisius-Kolleg in Berlin bekannt geworden. Inzwischen weiß man, dass mindestens drei Patres am Kolleg, aber auch in Hamburg, St. Blasien im Schwarzwald und im Bistum Hildesheim mindestens 25 Schüler sexuell missbrauchten; dies geschah während zweier Jahrzehnte. Nun wurde erstmals der vollständige Name eines Täters genannt. Es ist kein unbekannter Name. Es ist der von Bernhard Ehlen, einem vielfach ausgezeichneten Mitglied der Gesellschaft. Bis gestern war sein Ruf exzellent.

    Die Hilfsorganisation “Ärzte für die Dritte Welt” veröffentlichte die Vorwürfe gegen ihren ehemaligen Chef bewusst mit der Nennung seines gesamten Namens auf ihrer Homepage im Internet. Bestürzt habe man zur Kenntnis genommen, heißt es da, dass der langjährige Leiter der Organisation, Bernhard Ehlen, sexuellen Missbrauch während der 70er Jahre gestanden habe. “Bernhard Ehlen ist mit sofortiger Wirkung als Vorstand zurück getreten und auch nicht mehr Vereinsmitglied.”

    Es kann sein, dass man am Beispiel dieses Mannes etwas begreifen kann. Dass man verstehen kann, wie das Schweigen funktionierte, nicht nur im Jesuitenorden.

    Bernhard Ehlen wurde 1939 geboren und trat 1958 in den Jesuitenorden ein. Er machte sein Abitur am Canisius-Kolleg in Berlin, studierte Philosophie, Theologie und Pädagogik. 1968 wurde er zum Priester geweiht. Zurzeit lebt er im Ignatiushaus in Frankfurt am Main. In Berlin arbeitete er von 1970 bis 1971 als Religionslehrer am Canisius-Kolleg, dann wechselte er nach Hannover als Jugendseelsorger. Von 1976 bis 1981 war er Religionslehrer an der Katholischen Liebfrauen-Schule in Berlin-Charlottenburg, danach Jugendseelsorger in Hamburg. In Hannover soll es zu den Übergriffen gekommen sein, von denen jetzt die Rede ist. Ehlen hat mittlerweile bei der Polizei Anzeige gegen sich selbst erstattet. Die Jesuiten haben ihn mit sofortiger Wirkung vom priesterlichen Dienst suspendiert.

    Sein ganzes Leben fällt jetzt zusammen, eine Vita aus Arbeit und Ehrbarkeit. Als er am Dienstagabend in Frankfurt am Main mit den Vorwürfen konfrontiert wurde, soll er weinend zusammen gebrochen sein. Vielleicht war es das Entsetzen, nach so vielen Jahren noch entdeckt zu werden. Oder die Erleichterung, dass es endlich raus ist.

    Etliche Reaktionen von deutschen Jesuiten in diesen Tagen deuten darauf hin, dass neben dem Erschrecken auch so etwas wie Aufatmen steht. Aufatmen deshalb, weil der schändliche Mantel des Schweigens nun weggezogen wird. Viele sagen, das Schweigen sei genauso schlimm wie die Taten gewesen. Sie sagen, kranke oder verantwortungslose oder perverse Menschen gäbe es überall. Verantwortlich sei auch eine Organisation, die sie vor Entdeckung schützt.

    1981 schloss sich Bernhard Ehlen der Hilfsorganisation Cap Anamur an, weil er mit deren damaligem Leiter Rupert Neudeck befreundet war. Für die Organisation arbeitete er nach 1981 als Projektkoordinator in Flüchtlingslagern in Somalia. Neudeck sagt am Telefon, er sei erschüttert über das Eingeständnis Pater Ehlens, mit dem er gemeinsam in den sechziger Jahren als Novize in den Jesuitenorden eintrat. “Ich hätte für ihn meine Hände ins Feuer gelegt. Er war und bleibt für mich ein guter Mensch”, sagt Neudeck, der 1970 aus persönlichen Gründen den Orden verließ. Dann ist es eine Weile still am Telefon. Es dauert, bis Neudeck weiterspricht. “Es ist gut, dass er sich jetzt offenbart hat”, sagt er schließlich.

    Rupert Neudeck studierte als Jesuitenanwärter wie Ehlen Philosophie und Theologie in Bingen und kam 1970 gemeinsam mit ihm während des Studienpraktikums nach Berlin, wo beide auch am Canisius-Kolleg arbeiteten. “Ich war damals ein begeisterter Jesuit und begeisterter Diakon und habe nicht das Geringste bemerkt”, sagt Neudeck. Auch in Somalia habe sich Ehlen “absolut korrekt” verhalten.

    1983 gründete Pater Ehlen die Hilfsorganisation “Ärzte für die Dritte Welt” mit Sitz in Frankfurt, eine Stiftung, die jedes Jahr 250 Ärzte in medizinisch unterversorgte Gebiete entsendet. Ehlen war bis 2006 der Geschäftsführer dieser Organisation und wurde für sein Engagement mit vielen Auszeichnungen geehrt. Er ist Ehrendoktor verschiedener Universitäten. Die Landesärztekammer Hessen überreichte ihm ein Ehrenzeichen. Immer wieder wurde er für sein soziales Engagement gepriesen.

    Im Jahr 2006 hat Ehlen seinen Geschäftsführerposten aufgegeben. Er ließ sich für ein Jahr beurlauben. Angeblich hatte das damals mit seinem Alter zu tun. Aber er blieb im Vorstand der Organisation und im Verein. “Ich wusste nichts von den Vorwürfen”, sagt sein Nachfolger Harald Kischlat am Telefon. Offenbar funktionierte das Schweigekartell in der Hilfsorganisation ähnlich wie im Jesuitenorden. Nur eine einzige Person im Vorstand sei damals informiert worden – und jetzt zurückgetreten.

    Im Orden seien Hinweise auf Übergriffe Ehlens auf Schüler seit 2005 bekannt gewesen, heißt es. Auch ein Vorstandsmitglied der Ärzteorganisation wurde damals von den Jesuiten informiert. Aber der hat sein Wissen wohl entweder für sich behalten oder diskret für Bernhard Ehlens Rückzug gesorgt. Ehlens Nachfolger Harald Kischlat sagt, es gebe keinen Grund zu der Annahme, dass es im Rahmen der Arbeit der “Ärzte für die Dritte Welt” zu Fällen von sexueller Nötigung kam. Er verspricht aber Aufklärung und bedauert die lange Stille. “Das Verschweigen ist für die Opfer ein weiterer Akt des Missbrauchs”, sagt er.

    In einem Büro in der Niederwallstraße in Berlin-Mitte, der Zentrale des Erzbistums Berlin, sitzt Stefan Dybowski an seinem Schreibtisch. Der 56-jährige Seelsorger ist seit 2003 Beauftragter für die Untersuchung sexuellen Missbrauchs durch Geistliche im Erzbistum Berlin. Solche Beauftragte gibt es inzwischen in jedem der 27 deutschen Bistümer, seit die Deutsche Bischofskonferenz im Jahr 2002 in dieser Angelegenheit ihre Leitlinien erlassen hat. Für den Jesuitenorden ist Dybowski nicht zuständig, dieser hat mit der Berliner Anwältin Ursula Raue eine eigene Beauftragte. “Wir sind aber im Kontakt, wir wollen die Jesuiten nicht allein lassen, sie sind Teil dieser Kirche”, sagt der Theologe. Außer den Missbrauchsvorwürfen am Canisius-Kolleg ist ihm in den vergangenen Jahren nur ein weiterer Fall in Berlin bekannt geworden. Der langjährige Pfarrer der Gemeinde Heilig Kreuz in Hohenschönhausen soll im Jahr 2001 bei einer Freizeitfahrt einen Jungen sexuell belästigt haben. Der Vorwurf wurde 2009 bekannt und wird derzeit von einer innerkirchlichen Kommission geprüft. Der Pfarrer ist bis zu einem Ergebnis nicht mehr im Dienst.

    Dybowski rechnet damit, dass jetzt weitere Fälle bekannt werden. “Wenn einmal jemand den Mut findet, darüber zu sprechen, dann macht das auch anderen Mut.”

    Hat er eine Erklärung für jahrelanges Schweigen und Wegschauen? Dybowski denkt nach. “Es könnte an der Zeit gelegen haben”, sagt er schließlich. Wenn sich jemand früher zu Hause, gegenüber einem Lehrer oder einem Pfarrer anvertraut hätte, so hätte er viel schwerer Gehör gefunden als heute. Auch sollte wahrscheinlich über so heikle Themen nichts in die Öffentlichkeit dringen, um dem Ansehen der Kirche nicht zu schaden. Hinzu komme, dass das Thema Sexualität damals unterschätzt wurde. Es spielte bei der Ausbildung keine Rolle. Priester wurden damit allein gelassen, konnten mit niemandem darüber reden.

    Heute sei das anders, sagt Dybowski. “Ich denke, dass wir alle bei diesem Thema sensibler geworden sind.”

    Bernd Hagenkord ist einer, der heute weit entfernt ist von Berlin, aber sehr nahe an der Weltzentrale der Katholischen Kirche. Seit vergangenem Herbst ist Hagenkord Leiter des deutschen Dienstes von Radio Vatikan in Rom, zuvor aber arbeitete er als Jugendseelsorger des Jesuiten-Ordens – von 1997 bis 99 auch am Canisius-Kolleg. Wie es dazu kommen konnte, dass so lange geschwiegen wurde, kann auch Hagenkord nicht erklären. “Ich habe Wut im Herzen”, sagt er, “und als Mitglied des Ordens will ich wissen, was da passiert ist.” Es seien wohl viele Gründe, die zu dieser “Kultur des Wegschauens” geführt hätten: Zu wenig Wissen über die Folgen für die Opfer, Angst, Kollegen zu nahe zu treten – und auch Angst vor den Folgen für den Orden, vor einem öffentlichen Skandal. Eine “bewusste Entscheidung Einzelner” aber sei es vermutlich nicht gewesen.

    Dass es sich dennoch nicht um Einzelfälle handelt, räumt auch Hagenkord ein. “Das ist dann auch eine Systemfrage: Wer hat weggeschaut und warum?” Eine andere Systemfrage aber will er nicht gelten lassen: Sexueller Missbrauch von Kindern sei kein Problem, das durch das Zölibat entstehe, die meisten solcher Fälle trügen sich innerhalb von Familien zu.

    Zwar sei viel zu spät reagiert worden, doch zumindest die Art und Weise, wie die Verantwortlichen in Berlin jetzt mit dem Skandal umgehen, findet Hagenkords Unterstützung. “Wir haben das angerichtet als Orden, dazu müssen wir stehen.” Unterdessen habe es aber einen Kulturwandel in der Kirche gegeben, und es sei heute nicht mehr möglich, Fälle so lange zu verschweigen. “Heute glaubt niemand mehr, dass es sich nur um ein Kavaliersdelikt handelt.”

    In seiner kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung im Berliner Bezirk Tempelhof hat Stefan S., der 1975 sein Abitur am Canisius-Kolleg bestand, einen Stapel Hefte der Canisius-Zeitschrift “Unsere Schule” auf den Tisch gelegt. Stefan S. ist kaufmännischer Angestellter und 53 Jahre alt. “Ich habe die Schule gemocht und war stolz auf sie. Erst habe ich mich gefragt, warum wird das so hochgespielt, sexuellen Missbrauch gibt es doch an anderen Schulen auch.”

    Aber dann habe er angefangen nachzudenken und auch mit früheren Mitschülern darüber gesprochen. “Jetzt denke ich, es ist eben etwas anderes, ob es sich um normale Pädagogen an normalen Schulen handelt oder um Lehrer, die nach eigenem Anspruch nicht nur Christen, sondern darüber hinaus auch noch Priester und Ordensleute waren. Sie hätten einem besonderen Ethos verpflichtet sein müssen.”

    Stefan S. erinnert sich, dass Pater Ehlen einer war, von dem man sich besser fernhielt. “Es gab über ihn Gerüchte, dass er nicht nur eine wissenschaftliche Arbeit über Sexualpädagogik schrieb, sondern auch Schüler bedrängte.” Deshalb, so sagt es Stefan S., hätten ihn die Vorwürfe gegen die Patres auch nicht überrascht. “Es gab ja immer Gerüchte.”

    Der ehemalige Canisianer kann sich nur schwer vorstellen, dass die anderen Lehrer damals überhaupt nichts von den Übergriffen auf Schüler gewusst haben. Früher seien fünfzig Prozent der Lehrer Jesuiten gewesen. “Es ist möglich, dass ein Korpsgeist wie beim Militär eine Rolle beim Verschweigen gespielt hat.”

  259. 259
    Rani

    @ Alt-CKLer

    sowie Sie schreiben,kann nur jemand schreiben,der das selber erlebt hat.

  260. 260
    frido

    Auch ich bin CK-Ehemaliger, aber schon 1949-59. Die sich überstürzenden Nachrichten der letzten Tage haben mich doch sehr erschüttert. Und dieses Forum habe ich jetzt täglich aus Neue gelesen.

    Das Klima, in dem so etwas passieren konnte?
    Wohl ein typisches Phänomen von “žBiotopen” wie Internaten u. ä., und dort schon zigmal bekannt geworden. (Die vielen Meldungen über alle möglichen sexuellen Verfehlungen an “žnormalen” Schulen vergisst man derzeit vielleicht etwas.) Auch die MC am Canisius, später GCL genannt, war anscheinend mit ihren Nachmittags-Aktivitäten nach dem Unterricht eine solche Biotop-Situation. Zu unserer Zeit, den 50er Jahren, hatte man allerdings im allgemeinen ganz andere Sorgen als später in den Wohlstandsjahren, z.B. bei den Jesuiten und weltlichen Lehrern, erst einmal nach der Schließung durch die Nazis nach Kriegsende eine neue, funktionsfähige, konfessionelle Schule aufzubauen, und das auch im wörtlichen Sinne. Man denke an die vielen unbezahlten Arbeitsstunden der Lehrkräfte für das Herrichten des Hauptgebäudes für den Unterricht und nachher den Bau der Turnhalle. Seinerzeit wirkte die MC, zumindest auf mich, wie eine sehr abgegrenzte, exklusive, etwas frömmlerische Einrichtung. Ihren damaligen Leiter, Pater R. (Hubert Zimmermann, Nr. 189 nennt ihn kurz), hatte ich nie zum Lehrer. Er wirkte rein gefühlsmäßig auf mich (aus der Erinnerung heraus) unsympathisch, recht dominant. Aber Peter R. und Wolfgang S. müssen ihn noch in ihrer Schulzeit am Canisius erlebt haben. Wie haben Leute wie Pater R. die Jungen in dieser Zeit geprägt?

    Zu den Tätern.
    Nun sind schon 3 Täter für eindeutige Übergriffe bzw. Missbräuche bekannt. Und die Presse stürzt sich genüsslich auf sie (z.B. typisch, wie der BILD-Reporter den flüchtenden Peter R. stellt). Hier im Blog gibt es natürlich keinerlei Voyeurismus. Oder? Mehrfach wurde der sachliche Ton gelobt. Gehört es auch dazu, dass die Nachnamen der zwei zunächst bekannt gewordenen Täter, soweit ich sehen kann, hier im Blog zum ersten Mal voll ausgeschrieben auftauchen? (Guido, Nr. 82). Ja, ich kann verstehen, dass die Sache einem nahe geht und die Galle überläuft. Aber kann man sich nicht auch in einem Blog wenigstens an die Konventionen der Presse halten, also Namen auch von Tätern nur gekürzelt geschrieben werden? Ein Mindestmaß an Rechten sollte doch auch für sie gelten — bei allen Aggressionen, die bei uns jetzt hochkochen. Auch das musste mal zum Thema “žÜbergriffigkeit” gesagt werden. Vgl. auch den Hinweis von Johnny Haeusler in Nr. 233.

    Bemerkenswert finde ich das doch wohl recht unterschiedliche Verhalten der Täter nach der Konfrontation mit ihren Taten und Opfern.
    Wolfgang S. hat Therapien hinter sich. Er entschuldigt sich. Für mein Gefühl kommt das allerdings ein bisschen flaumweich daher. (Man vergleiche etwa die Wortwahl mit der von Pater Mertes in seinem Brief an die Schüler, im gesamten vollen Wortlaut nachzulesen auf der Homepage des Canisius: http://www.canisius.de/aktuelles/anhaenge/newsticker/anhaenge/missbrauch30.pdf ) .
    Wertvoll war mir der Beitrag von “žsieste” Nr. 238, weil er so klar über seine Enttäuschung über Wolfgang S. schreibt, besonders auch angesichts dessen Engagement für Chile, den Ort im Baskenland und für die “žTheologie der Befreiung”. Es beleuchtet gut, dass auch Leute wie Wolfgang St. nicht einfach “žschwarze Schafe” sind, sondern eher Zebras, wie die meisten Menschen.

    Der neue Fall: Bernhard E., im Gegensatz zu den beiden anderen immer noch Jesuit, offenbart sich nach Konfrontation durch die Rechtsanwältin, Frau Raue, dem Provinzial der Jesuiten (P. Dartmann) und stellt bei der Polizei die von diesem geforderte Selbstanzeige. Er wird vom “žpriesterlichen Dienst” suspendiert. Aufgrund der früheren Anzeige wurde er damals aus seinen Funktionen bei einem Hilfswerk entfernt, wohin er anscheinend kam, nachdem man auch ihn nicht mehr in der Jugendarbeit lassen wollte. (Über seine derzeitige Tätigkeit habe ich nirgends etwas gelesen.) Hier m. E. von allen Beteiligten ein konsequentes Verhalten, wie man es sich auch früher gewünscht hätte.

    Peter R.: Psychologisch verständlich neigen die Täter dazu, ihre Taten zu verharmlosen oder zu verdrängen. Nicht nur die Bildzeitung, sondern auch die in diesem Punkt sicher außer Verdacht stehende Frau Raue bestätigt in ihrem Interview beim DLF (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1116572/), dass sich Peter R. nicht zu den Taten bekennt. Auffällig ist bei ihm, dass er es auch bei Mädchen versucht hat, also nicht Päderastie nach der klassischen Definition. Im Falle Peter R. ist es, für mich wenigstens, wirklich am meisten ein Ärgernis, dass die Taten offenbar nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden können.

    Ein spezielles Wort zu Pater Kurt M. (voller Name zuerst von “žKollege F.” Nr. 94 genannt), über den hier auch in diesem Kontext geschrieben wurde.
    Pater M. hat bei uns Deutsch und Geschichte unterrichtet und die Theater-AG geleitet, an der ich mit Begeisterung teilgenommen habe. Ich kannte ihn näher auch durch mehrere seiner Besuche bei meinen Eltern, wo er sich mit meinem ziemlich kirchenkritischen Vater über religiöse Themen fetzte (durchaus sachlich). Später traf ich ihn während meiner Studienzeit in Marburg wieder und habe ihn auch noch in seiner letzten Lebenszeit dort besucht, wo er trotz seiner Herzerkrankung noch in der Pfarrei der Jesuiten aushalf. Pater M. habe ich in erster Linie als sehr engagierten Germanisten erlebt. Immer wieder versuchte er z.B., bei mir Interesse für Autoren zu wecken, deren Bücher er gerade gelesen hatte und die er teilweise dann referierte. An irgendwelche Anzüglichkeiten, Annäherungsversuche oder ähnliches kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern. Die von Frank Nordhausen, Nr. 209 und noch konkreter von “žbergchristall” Nr. 205 geschilderten unschönen Vorfälle will ich nicht wegdiskutieren. Sie scheinen mir aber im Verhältnis zu den Übergriffen der anderen Drei eher harmlos. Ich glaube, “žsieste”, Nr. 234, hat mit seiner abgewogenen Formulierung den Nagel auf den Kopf getroffen:
    “žAuch wenn es damals witzelnde Vermutungen über seine sexuelle Orientierung gegeben haben mag, würde ich es für nahezu ausgeschlossen halten, dass es seinerseits jemals zu irgendwelchen Übergriffen gekommen sein könnte. Er war wie möglicherweise viele Patres seiner Generation ein Meister der Sublimation — was bei zölibatär lebenden Priestern auch keine Überraschung sein kann.”

    Über die Opfer
    erfährt man — naturgemäß – vergleichsweise wenig. Sie spielen in der Diskussion eine recht untergeordnete Rolle. Konkrete detaillierte Berichte von Betroffenen sind ein Desiderat (vgl. Hans-juergen, Nr. 244).
    Die Frage der Wiedergutmachung, soweit es hier so etwas bei einem vielleicht dadurch verkorksten Leben geben kann, wurde angesprochen (vgl. “žKaMaZhe”, Nr. 186). Hier sollten die verantwortlichen Institutionen sehr wohl dafür gerade stehen. (Mitwisserschaft auch des Vatikan!) Die von KaMaZhe” als Minimum geforderte Entschuldigung, weder von den Tätern noch von den Jesuiten oder kirchlichen Institutionen, reicht m. E. hier aus. Aber wenn die Taten strafrechtlich verjährt sind, muss man leider bezweifeln, ob Zivilklagen auf Entschädigungen Erfolg haben können. – Besonders tragisch natürlich der Mordversuch an Peter R. und der spätere Suizid durch eines seiner Opfer. Suchten sich die Täter auch am ehesten labile Schüler als Opfer aus?
    Ich habe auch vom Suizid eines ehemaligen Klassenkameraden von uns gehört, leider nichts Genaueres bisher erfahren. Ich muss noch mal bei uns in die Runde fragen, ob jemand mehr weiß. Das ist aber rein spekulativ. Es gibt noch mehr Gründe, sich das Leben zu nehmen. Und manche von den Missbrauchten haben es vielleicht auch einigermaßen wegstecken können.

    Die Mitwisserschaft der Institutionen.
    Warum hat man bezüglich Bernhard E. nicht schon bei der früheren Anzeige — das muß doch nach der Pressemitteilung von Dartmann nach 2002 gewesen sein (http://www.jesuiten.de/aktuell/index.htm) — ähnlich scharf wie jetzt reagiert? Ist die jetzige Reaktion Dartmanns Ergebnis größerer Sensibilisierung für das Thema oder des stärkeren Drucks der Öffentlichkeit?
    Die Meinung von “žJola” in Nr. 224, 226, 228 bezüglich P: Mertes teile ich nicht. Die Diskussion auf Homosexualität Geistlicher bringen, um von Pädophiliefällen abzulenken? Das klingt mir ein bisschen zu stark nach einer Verschwörungstheorie. Ähnlich auch “žmauser” in Nr. 203. Differenzierter dagegen “žSaScha” in Nr. 229. “žNicht-CKler” Nr. 240 spricht hier sehr schön die klärungsbedürftigen Fragen zur Homosexualität usw. an. Ihm möchte ich ausdrücklich beipflichten. Die offensive Reaktion von P. Mertes empfand ich als ausgesprochen befreiend. Der Geist der Schule ist heute ein anderer (das habe ich vor einigen Monaten bei meinem ersten ausführlichen Besuch des Canisius nach 50 Jahren erlebt). Und m. E. ist dieser neue Geist zum erheblichen Teil von P. Mertes geprägt.
    Insgesamt darf man, denke ich, von den Jesuiten und der Kirche, was die zurückliegenden Jahrzehnte angeht, nicht eine schnellere Entwicklung erwarten als von der übrigen Gesellschaft. Die Menschen in diesen Institutionen sind auch nur Funktionen dieser Gesellschaft. Dass die Entwicklung in der Kirche und speziell diesem Orden eher langsamer geht, ist ein alter Hut. Dennoch muss man sich fragen: Wie sind die Jesuiten und die Amtskirche mit Mitbrüdern umgegangen, die sich etwas haben zu Schulden kommen lassen? Hat man sie nicht nur aus der Schusslinie genommen, an Orte versetzt, wo nichts bekannt war über sie und auch die dortigen Oberen nicht unterrichtet. Wann gab es echte Hilfe für die Täter? Galt nicht, wie allgemein in der katholischen Kirche bei Beziehungen von Priestern mit Frauen, die Devise: Ihr dürft alles machen, nur darf es nicht öffentlich werden. — Wie auch Jesuiten mit (ehemaligen) Mitbrüdern umgingen, die den Orden wegen einer Frauenbeziehung (oder auch nicht deswegen) verließen, dafür fallen mir spontan schon drei ziemlich miese Beispiele ein. Meine Hoffnung ist, dass dieses Verhalten sich jetzt ändert, menschlicher wird, und zwar nicht nur bei den Jesuiten, sondern insgesamt in der Kirche. Dazu könnte vielleicht auch die Diskussion und Aufarbeitung der jetzigen Affäre beitragen. Für grundsätzliches Umdenken in der katholischen Kirche, wie etwa Abschaffung des Pflichtzölibats für Priester und die Gleichberechtigung der Frau auch in Ämtern, wird man wohl in größeren Zeiträumen wie 50 bis 100 Jahre denken müssen.

    Noch zu “žunserer” Schule: Gerade schrieb mir aus USA ein Klassenkamerad, den ich auf die gegenwärtige “žAffäre” aufmerksam gemacht hatte, unter dem Titel “šDe Canisio nihil nisi bene”™: “žDagegen kann ich objektiv feststellen, dass ich als lebenslanger Schüler und Lehrer an Universitäten in De, Fra und USA keine bessere Ausbildung als am Canisius erlebt habe. Das ist mir als Schüler damals natürlich nicht aufgegangen, aber dafür bin ich bis heute dankbar.” —
    Das “žNihil” kann ich, vor allem jetzt, leider nicht unterschreiben. Aber wie auch schon in anderen Beiträgen anklang, haben wir dieser Schule doch auch eine ganze Menge Positives zu verdanken, und wir sollten ob der uns auch persönlich sehr schmerzhaft treffenden Nachrichten nicht den engagierten Einsatz vergessen, den sehr viele unserer Lehrer, ob Jesuiten oder “žWeltliche”, für unsere Bildung geleistet haben. Anerkennenswert finde ich z.B. aktuell auch, wie das Canisius-Kolleg derzeit um eine eigenständige Position bei der Umstellung auf G 8 bemüht, bei der man den Schülern trotz des zu erwartenden vermehrten Leistungsdrucks noch ein gewisses Maß an Freiraum garantieren will. Lesenwert in diesem Zusammenhang der Beitrag von Pater Mertes in “žUnsere Schule”, Jahresheft 2009.

    Zum Schluß einen ausdrücklichen Dank an Johnny Haeusler für dieses Forum!

  261. 261
    manu

    @ Alt-CKler
    Den Beitrag über die Zerstörung der Persönlichkeit habe auch ich mit Anteilnahme gelesen. Es klingt so endgültig, als hätten Sie die Hoffnung aufgegeben, je davon geheilt werden zu können. Ich selbst habe zwar nichts so ausufernd Schlimmes erlebt, aber auch ich hatte vor Jahren unter Identitätsverlust zu leiden, den eine Therapie erfolgreich behoben hat, weil ich selbst auch geschafft habe, dagegen anzukämpfen. Auch wenn ich am Anfang dachte, das würde nie etwas bringen, bin ich heute stolz und froh, dass ich mich nicht aufgegeben habe und kann ein – wenn auch nicht vollständig lebendiges – so doch ein viel lebendigeres Leben führen als früher. Ich möchte Sie ermutigen, dies auch zu versuchen, auch wenn es hoffnungslos scheint. Geben Sie diesen kranken Leuten nicht die Chance, Ihr gesamtes Leben zu vergiften, sie sind es nicht wert! Liebe Grüße

  262. 262
    Steffen Barsch

    Man wird sich entscheiden müssen. War der Mißbrauch Gotteswerk selbst und die Täter haben seine Liebe verkündet oder haben die Täter ihren Gott nur mißverstanden? Dann aber bleibt die Frage, warum der Herr und sein Stellvertreter so etwas zugelassen haben?

  263. 263
    Der blaue Klaus

    Nun gut, dann werde ich mich auch erklären:
    CK 72-80, also genau die “spannende” Zeit, Pater S. ist gegenüber nicht aufgefallen, Peter R. schon.
    Aktuell auf die Vorgänge angesprochen habe ich mich schon gewundert, wie kristallklar die Szene heute noch vor meinen Augen steht:
    Büro in der “Burg”, ich im Einzelgespräch mit Peter R. (ja, ich hatte es tatsächlich bis zum Gruppenleiter in der GCL gebracht, das ist aber eine andere Geschichte). Das Gespräch kam auf meine Genitalien. An dieser Stelle bin ich zugegebenermaßen ein wenig unsicher über den exakten Verlauf der Gesprächsführung bis dahin, es ging entweder um eine eventuell vorliegende Fimose der, bei genauerem Nachdenken wahrscheinlicher, ein vielleicht zu kurzes Hautband zwischen Penis und Vorhaut, in jedem Fall KEIN Thema für ein vorbereitendes Gespräch zwischen Peter R. und mir, es sei denn, er wäre Arzt. Wie dem auch sei, ich wurde aufgefordert, auf seinem Schoss Platz zu nehmen und das “Dilemma” vorzuführen. Es hat mich viel Schweiß und Überwindung gekostet, mich überhaupt diesem Ansinnen gegenüber zu äußern und dann auch noch ablehnend und mich entsprechend zu verhalten. Immerhin wurde meine Weigerung -wenn auch zögernd- anerkannt.
    An dieser Stelle endet die Klarheit meiner Erinnerung. Ich meine, relativ bald danach die GCL verlassen und Peter R. in Zukunft aus dem Weg gegangen zu sein, da er ausschließlich als
    Religionslehrer tätig und ich protestantisch war, war es einfach, das zu realisieren.
    Ich weiß wie heute, wie mir die Hitze am Rücken hochstieg, mir der Schweiß ausbrach, wie es roch, welche Farbe Peter R.s Hemd hatte, das am Kragen offen war …
    Traumatisiert? Ich? Nie im Leben! Warum ist dann diese Szene nach über 35 Jahren so lebendig?

    Soweit zu meiner Erklärung.

    Oft gestellt auch die Frage: Warum bist Du damit nicht an die Öffentlichkeit gegangen? Heute würde das nicht mehr passieren.
    Falsch! Hallo, ich war 13 (glaube ich, wie gesagt, alles andere aus der Zeit ist ein wenig verblasst), R. war ein Lehrer, ein Pater, der Leiter der Jugendarbeit. Mit meinen Eltern reden? Was soll ich denn sagen? Das Vokabular, das ich hätte benutzen sollen führte entweder zu Stottern (“I, Pfui!”) oder zu hochroten Ohren oder war mir gar nicht bekannt. Hinzu kommt, dass das aus heutiger Sicht nicht nur verwerfliche sondern auch juristisch zumindest zweifelhafte Verhalten mir damals höchstens unangenehm, nicht aber verboten vorkam. DAS kann und wird auch heute noch genauso vorkommen. Erschwerend kommt hier natürlich noch die vom Alt CKler so trefflich beschriebene Stimmung der von Haus aus “immer schuldigen” Schüler hinzu.

    Drei Dinge sind es, die ich zusätzlich noch einwerfen möchte:

    1. Homosexualität:
    Mein Gott, lasst doch jede(n) seiner Facon nach glücklich werden, von mir aus kann es einer mit Tieren machen, Hauptsache, die stimmen dem Treiben zu. Solange er mich in Ruhe lässt, kann ein Schwuler meinetwegen Bürgermeister oder Außenminister werden.
    Die sexuellen Vorlieben haben für mein Empfinden absolut nichts mit der Menschlichkeit der Person zu tun. Für mich sind aber die Grapscher, Fummler, Geiferer und wie man sie nennen mag, arme, in Prinzip bemitleidenswerte Menschen, den dringend geholfen werden müsste. Die kommen in den besten Familien vor und es wird nicht zu verhindern sein.

    Viele Massiver stört mich
    2. Der Schulleitung des CK waren die Übergriffe der Genannten offenbar bereits Anfang der 80er so massiv bekannt, dass beide aus dem Schulbetrieb des CK entfernt wurden. Warum, frage ich mich nun, wurden daraus zu damaliger Zeit keine juristischen Konsequenzen gezogen, sondern, und das ist für mich der eigentliche Skandal, alle beide stillschweigend an anderer Stelle wieder in die Arbeit mit Kindern/Jugendlichen gesteckt.
    Selbst wenn man an dieser Stelle “Chorgeist” und “klerikale Verschwiegenheit” annimmt, um das eigene Nest nicht zu beschmutzen, wäre für mich nur der juristische Teil abgedeckt. Wo aber, bitteschön, bleibt dann die Fürsorgepflicht (ist das nicht eigentlich Aufgabe der Geistlichen?)
    für alle Beteiligte? Ich meine hier nicht nur die, die bereits zum Opfer wurden, oder die, die noch Opfer werden sollten. Nein, ich bin sogar bereit auch hier an die Täter zu denken. Mit welcher Perfidie werden sie jetzt sofort wieder ihren Trieben ausgesetzt, unter denen sie bekanntermaßen leiden und auch andere leiden lassen?

    3. Mit welcher Arroganz ist Peter R. eigentlich ausgestattet, dass er nicht einfach nur die Aussage verweigert, sondern zudem noch behauptet, an den Vorwürfen sei nichts dran? Sind wir Betroffenen denn alle mit derart blühender Phantasie ausgestattet? Oder haben wir uns gar gegen ihn zusammengerottet?
    Das, bitte schön, glaubt dem [SachlichModus aus] blöden Arschloch [SachlichModus an] erst in dem Moment, wenn er mir persönlich gegenüber steht,
    sich meine Schilderung anhört und laut und vernehmlich sagt: “Klaus, Du lügst!”. Solange möchte ich nicht als Lügner gelten!
    Auch ich habe mit viel Mühe eine Persönlichkeit aufgebaut. Ich hatte es nicht einmal im Leben nötig, mich zu prügeln. An dieser
    Stelle aber würde ich Peter R. dann doch gerne [Zitat Alt-CKler] “die Fresse polieren” [Zitat Ende].
    Ich ihn “entschuldigen”? Nee, denkste. Mit dem Scheiss komm du man genauso alleine zu Recht wie ich. Nach Deinem Glauben wirst Du Dich aber wohl einer höheren Macht gegenüber erklären müssen. Viel Spass dabei!

    So, ich lese jetzt wieder interessiert weiter.

  264. 264
    Jola

    @Alt-CKler: Auch ich bin überzeugt, dass “auch Kinder ein gutes, evtl. sogar untrügliches weil unverfälschtes, Gespür für körperliche und seelische Unversehrtheit haben.” Deshalb dürfen, ja sollten sie sogar Ihren Erinnerungen und Ihrer Wahrnehmung trauen. Sie sind mit Ihrer Wahrnehmung nicht allein.Sie teilen Sie mit vielen Ihrer Schulkameraden. Wenn Sie annehmen, “einfach zu empfindlich” gewesen zu sein, dann nehmen sie (auch nach so vielen Jahren noch) eine Verantwortung und Mitschuld auf sich, die sie weder tragen können noch müssen. An dem was Ihnen passiert ist haben allein die Erwachsenen schuld und keiner von denen hätte Ihnen das antun dürfen.

    Auch ich gehe davon aus, dass Sie heute die Situation anders wahrnehmen als damals, u. a. weil sich auch ihr Horizont geweitet haben dürfte, weil der Zeitgeist ein anderer ist und weil sie das Geschehene nun als Erwachsener einzuordnen versuchen. Aber bitte versuchen sie keine Verantwortung für das zu übernehmen was Ihnen angetan wurde. Auch wenn es nach wie vor schmerzlich ist: Als Kind oder Jugendlicher waren Sie in einer solchen Situation machtlos und gerade die, deren Schutz sie gebraucht hätten haben Sie verletzt oder im Stich gelassen.

    Ganz sicher gibt es Kinder und Jugendliche, die mehr gefährdet sind als andere. Aber das ist NIE eine Frage der Schuld der Betroffenen und es rechtfertigt auch kein Fehlverhalten eines Erwachsenen. Manche Kinder sind gutgläubiger und naiver als andere oder weniger vorlaut oder sie haben weniger gut gelernt “nein” zu sagen. Das kann eine Frage der Persönlichkeit oder des Umfeldes und der Erziehung sein oder noch andere Gründe haben. Aber schuld sind Sie deshalb nicht. Kein Erwachsener hat das Recht, so etwas auszunutzen. Wenn Ihnen an verschiedenen Orten Unrecht passiert ist ist selbst das kein Zeichen von Schuld. Eher können Sie den Erwachsenen vorwerfen, dass sie Sie nicht besser geschützt haben und als Kind ist man anpassungsfähig, so dass man sich an so eine Opferrolle auch gewöhnt. Dann kann es sein, dass man immer wieder zum Opfer wird, weil man sich auch immer mehr so verhält, wie es die Täter sich wünschen. Aber da kann kein Kind etwas dafür!!!

    Ich möchte Ihnen Mut machen, sich mit dem Geschehenen weiter auseinanderzusetzen aber nicht unter dem Fokus des Zweifels an Ihnen selbst oder auf der Suche nach einer eigenen Schuld, die es nicht gibt. Es mag Ihnen schwerer fallen, sich einzugestehen, dass Sie betrogen, ausgenutzt, verletzt wurden und sich nicht wehren konnten als sich (einfach) selbst die Verantwortung zu geben. Wenn sie die Schuld bei sich suchen, dann behalten Sie dabei das Gefühl, dass Sie etwas hätten machen können. Es muss Ihnen sehr schwer fallen, sich einzugestehen, dass Sie damals tatsächlich machtlos waren und dass diese Dinge tatsächlich so passiert sind. So schlimm wie es ist. Aber es wird Sie wahrscheinlich weiter bringen, wenn es Ihnen gelingt den Schmerz darüber anzunehmen, verletzt und alleingelassen worden zu sein, als sich auch noch selbst zu beschuldigen.

    Ich wünsche Ihnen dazu viel Mut und Kraft!

  265. 265
    Jola

    Auch ich habe in den vergangenen Tagen mit Unbehagen an den oben schon genannten Unterstufenlehrer gedacht, der im Unterricht immer die Jungs abgekitzelt hat! Das war Ende der 80er Jahre. Ich habe das damals irgendwie als seltsam empfunden und auch zu Hause erzählt. Vielleicht fand ich es auch ein wenig lustig, weil es mich nie getroffen hat. Ich erinnere mich noch, dass ich das ganze O. K. fand, weil er ja die Mädchen nicht angefasst hat… Wie naiv ich war! Ich wäre nie darauf gekommen, was ich erst viel später hörte: Dass mein Lehrer schwul war. Das zeigt mir, wie wenig ich damals eine solche Situation hätte einordnen können, obwohl wir das Widersprechen und Diskutieren viel stärker eingeübt haben als unsere Mitschüler Jahre zuvor. Wir mochten ihn, aber komisch fand ich es schon damals. Heute finde ich eindeutig, dass er damit zu weit gegangen ist, auch wenn es “nur” auskitzeln war. So was geht ganz einfach nicht.

    Es bereitet mir Sorgen, dass trotz der aktuellen Debatte bei vielen Menschen der Eindruck herrscht: Bei uns (in der Schule, in der Familie,…) könnte so etwas nicht passieren. Wie schwer muss es einem Jugendlichen fallen, sich zu offenbaren, wenn in seiner Umgebung so eine Meinung vorherrscht. Wer wird ihm glauben? Bei dem Gedanken, dass im Moment die Debatte über Fälle hochkocht, die Jahre her sind, wird mir schlecht, wenn ich daran denke wie viele aktuell betroffene Kinder und Jugendliche es (egal in welchen Einrichtungen) geben mag, die sich das alles mit anhören und ansehen müssen und nicht den Mut haben von ihrer eigenen Not zu erzählen. Müsste nicht eigentlich jeder Fernsehbericht und jeder Zeitungsartikel mit einer anonymen Notfallnummer enden, damit gerade die eine Chance haben aus dem System auszubrechen, die immernoch gequält werden und denen auch heute noch keiner glauben würde?

  266. 266
    Frank Nordhausen

    Komisch, ich hatte heute morgen einen Text in dieses Blog gestellt, der jetzt verschwunden ist. Wer