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Sexueller Missbrauch am Canisius-Kolleg Berlin

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Update Es wird am Dienstag, den 2.2.2010 eine Radio-Talkshow zum Thema geben, zur telefonischen Teilnahme sind alle herzlich eingeladen, wer persönlich mitkommen möchte, kann mich gerne kontaktieren. Mehr Infos gibt es hier.

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Seit einigen Tagen liegt mir und auch der Presse ein Schreiben des Rektors des Canisius-Kolleg vor, einem von Jesuiten betriebenen Gymnasium in Berlin. In dem Schreiben entschuldigt sich der Schulleiter und schämt sich für den sexuellen Missbrauch von Schülern durch lehrende Patres, der an der Schule offenbar in den 70er und 80er Jahren stattgefunden hat.

Also genau in der Zeit, in der ich die Schule besuchte.

Das Canisius-Kolleg galt — und gilt — als Elite-Schule. Als ich dort 1974 mit Beginn der fünften Klasse anfing meine Schulzeit fortzusetzen, wusste ich jedoch noch nicht einmal, was Eliten sind. Wie alle Eltern wollten auch meine, dass ihre Kinder eine bessere Ausbildung genießen sollten als sie selbst, und da es einige meiner Freunde zum „CK“ zog, es außerdem für Grundschulabgänger mit früher Gymnasialempfehlung nicht besonders viele Alternativen gab und das CK einen guten Ruf hatte, war mir die Wahl recht.

Dass die meisten meiner Mitschüler/innen (wir waren der erste Jahrgang mit Schülerinnen, denn bis dahin war das Canisius-Kolleg eine reine Jungenschule gewesen) aus „besserem Hause“ kamen als ich, wurde mir dennoch schnell klar. In den ersten Stunden, in denen wir uns den Lehrern, ein erheblicher Teil davon Patres, vorstellen sollten, gehörten dazu die Angaben des eigenen Namens, des Wohnbezirks und der Berufe der Eltern. Meine Klasse war voller Anwalts-, Ärzte- und Politikersprösslinge, die sich vor Lachen kaum halten konnten, weil mein Vater „Heizungsbauer“ und meine Mutter „Hausfrau“ war.

Freunde habe ich natürlich dennoch gefunden und im Großen und Ganzen war es eine gute Zeit, die mich durch den hohen Anteil verklemmter Junge-Union-Anhänger, die morgens von Pappas Chauffeur zur Schule gebracht wurden, früh politisiert hat. Die konstant spürbare katholische Ausrichtung der Schule (vor dem Unterricht wurde gebetet) konnte ich ganz gut ignorieren, ich war evangelisch und bekam daher gemeinsam mit drei, vier anderen Schüler/innen gesonderten Religionsunterricht. Da dieser meist ausfiel, wurde mein Tischtennisspiel etwas besser.

Für die freiwillige Nachmittagsbetreuung sorgte die „GCL“, die „Gemeinschaft Christlichen Lebens“, eine Art Klub, in dem man sich in einem eigenen Gebäude der Schule mit Brettspielen beschäftigen konnte. Der Klub wurde von Patres geleitet und stand, wenn ich mich korrekt erinnere, nur den Jungs zur Verfügung. Ein paar Mal war ich mit Freunden dort, doch die Patres waren mir unangenehm und meine Mutter erzählte mir gerade am Telefon, dass ich recht schnell darum gebeten hatte, dort nicht mehr hingehen zu müssen. An einen besonderen Anlass für diese Bitte kann ich mich nicht erinnern, ich glaube, mir war das einfach zu langweilig.

Erinnern kann ich mich jedoch sehr gut an das Erwachen unserer Sexualität. Wir waren vielleicht 13, 14 Jahre alt und gerade dabei, unsere eigenen Körper zu entdecken. Zu dieser Zeit gab es merkwürdige Berichte einiger Mitschüler, die Stammbesucher des Nachmittagsklubs an der Schule waren. Sie hatten eine Kerze als Geschenk von einem Pater erhalten, welche die Schüler jedesmal dann anzünden sollten, wenn sie onanierten. Die benutzte Kerze sollten sie später wieder mit den Club bringen, der Pater würde im persönlichen Gespräch klären, ob sie sich zu oft angefasst hätten.

Es tut mir heute so leid, dass wir nur blöd kicherten und das Thema beiseite schoben. Dass wir als Gleichaltrige nicht erkennen konnten, dass diese Geschichten vielleicht der einzig mögliche Hilferuf, ein erster Hinweis auf Missstände von denjenigen war, die sich einfach nicht ihren Eltern, geschweige denn anderen Lehrkräften mitteilen konnten. Mir wurde erst viel später klar, dass das relativ offene Verhältnis, dass ich zu meinen Eltern hatte, keineswegs die Norm war, dass es viele Mitschüler gab, deren Eltern ihnen das „Nein“-Sagen aberzogen hatten: Lehrern und Eltern widerspricht man nicht, Punkt.

So kehrte ich die Geschichten unter meinen persönlichen Erfahrungsteppich oder hielt die Mitschüler für Wichtigtuer und wunderte mich höchstens darüber, dass sie dieses blöde Spiel mitmachten.

Lange nach der Schulzeit erfuhr ich aus Erzählungen ehemaliger Mitschüler, dass Kerzen anscheinend nicht das einzige waren, was benutzt wurde. In den 80er Jahren soll es einen Missbrauchsfall an der Schule gegeben haben, auf Grund dessen ein Pater aus dem Schuldienst entfernt worden sein soll. Und schon früher, in den 70ern, soll ein mir damals bekannter Schüler im Rahmen der GCL von einem mir damals ebenfalls bekannten Pater missbraucht worden sein, wovon er einigen Mitschülern berichtet habe. Als es später innerhalb des Ordens Hinweise auf solche Taten gegeben habe, soll der betreffende Pater ebenfalls aus dem Schuldienst entlassen und in der Provinz in der Jugendarbeit eingesetzt worden sein. Der Mitschüler habe nach seiner Schulzeit einen Mordanschlag auf den betreffenden Pater verübt, welcher dadurch schwer verletzt worden sei — der Attentäter habe daraufhin eine Zeit in einer psychiatrischen Klinik verbracht, wo er sich wenig später das Leben genommen haben soll — nicht der einzige Selbstmord von ehemaligen CK-Schülern, behaupten einige.

Dies alles sind Berichte von ehemaligen Schülern. Sie stammen aus unterschiedlichen, aber inhaltlich deckungsgleichen Quellen.

Keinerlei Berichte gibt es über Anklagen oder gar Verurteilungen der betreffenden Patres. Und ebenfalls kein Wort darüber fällt in dem Entschuldigungsschreiben der aktuellen Schulleitung.

505 Kommentare

  1. 01

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