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Medienfrüherziehung

Endlich war sie angekommen. Die DVD.

Who put the „M“ in Manchester? He did:

Morrissey live

Gegen 0:30h, wir waren gerade völlig hingerissen bei „Don’t Make Fun Of Daddy’s Voice“ angelangt, tappste der nur halbwache Fünfjährige in den Raum und schmiegte sich zu uns.

In den meisten Fällen ist in solchen Situationen der Fernseher selbstverständlich bereits aus, bevor das Kind den ersten Blick auf das magische Flimmern werfen kann, denn noch sind die Spätfolgen von frühzeitigen Kontakten mit Klassikern wie „Texas Chainsaw Massacre“ ja noch nicht gründlich genug erforscht.

Solange man die Texte von Morrissey jedoch nicht wirklich verstehen kann, ist ein Blick auf eine Live-Performance des Ex-Smiths-Sängers wohl eher weniger bedenklich und da das grundsätzliche Konzept eines Konzertes dem ältesten Sohn keineswegs fremd ist, lief die Darbietung mit geringerer Laustärke weiter. Müder machte ihn das natürlich nicht wirklich. Im Gegenteil.

Also erinnerte ich mich mit meinem Sohn im Arm und dessen äußerst qualifizierten Zwischenbemerkungen und Fragen im Ohr („Der schwitzt“ – „Das da ist der Schlagzeuger“ – „Sieht aus, als ob da lauter Köpfe und Arme rumhüpfen“ – „Was singt der da?“) und ohnehin bewegt durch einen wundervollen Künstler bei einem großen Konzert lächelnd an meine ersten Sichtungen von Sängern und Bands im Fernsehen, die damals für mich zu den aufregendsten Momenten meines frischen Daseins gehörten und die mein inzwischen nicht mehr ganz so frisches Leben bis heute beeinflussen.

Und trotz des Wissens um die Unplanbarkeit und der daraus resultierenden Unfairness von bleibenden frühkindlichen Schlüsselmomenten (denn ganz gewiss wird er sich noch im Alter von 37 Jahren eher an den einen Tag erinnern, an dem ich aus für ihn völlig unersichtlichem Grund das abendliche Sandmännchen verbieten musste als an die unzähligen Momente, an denen ich begeistert sein detailliertes Interesse an Müllensorgungsfahrzeugen teilte, obwohl meine Uhr bereits „10 Minuten nach letztem Kinderladen-Abgabetermin“ anzeigte) regte sich in mir eine Hoffnung.

Die ganz, ganz klitzekleine, minimale Hoffnung, dass diese durch drei Morrissey-Songs unterbrochene Nacht dem kleinen Mann eine positive und motivierende Erinnerung beschert haben könnte. Dass diese drei Songs seinem Weltbild aus Streit und Spiel, Freunden und Feinden, gut und schlecht gelaunten Eltern, Playmobil und Lego, Petterson und Findus, Spielplätzen und aufgeschrammten Knien, zu vielen Regeln und zu wenig Freiheiten eine weitere, neue Dimension hinzugefügt haben könnte. Eine Dimension des Glamours, der Aufregung, der Musik, der Kunst, der Suche nach Gerechtigkeit und Wahrheit, der Liebe zu Klängen und Worten.

Denn wenn jemand diese Dimension in drei Songs vermitteln kann, dann ist es Morrissey. Ganz egal, wie alt man ist.

11 Kommentare

  1. 01
    tanja

    und nach dem Aufstehen sang ich ihm munter im Badezimmer: „and if a doubledecker bus crashes into us- to die by your side is such a heavenly way to die…!“
    Welch schönes Liedgut euch verschlossen bleibt, die ihr meint, eure Kinder bilingual erziehen zu müssen!

  2. 02

    Hey, der Spreeblick mag gute Musik :-)

  3. 03
    stefanx

    Who put the „M“ in Manchester?
    Wer das „M“ wieder rausgenommen hat, konnte man in der Review auf laut.de lesen. War ganz witzig.

  4. 04
    Berlincalling

    hey, hätte gar nicht gedacht, daß mir heute nacht noch irgend ’n artikel ein seliges lächeln ins gesicht zu zaubern vermag!
    welcome, next (morrissey-) generation! „the son and the heir“? ;-)
    [HOW SOON IS NOW?]

  5. 05
    funnermentalist

    Also, wenn meine Erfahrung representativ ist, könnte das mit der positiven Erinnerung sogar klappen.
    Meine allererste bewusste Erinnerung – meine Eltern haben da noch inner 1-Raumwohnung unterm Dach gewohnt – ich wache irgendwann in der Nacht auf und sehe im Fernsehen irgenwelche schemenhaften Gestalten in Schwarzweiss rumhüpfen, und meine Eltern schauen still und ehrfürchtig zu.
    Ich hab natürlich überhaupt nichts verstanden aber die Reaktion von meinen Eltern muss mich doch so beeindruckt haben, das da was vollkommen faszinierendes und einmaliges vor sich geht.
    Meine Mutter hat mir viel später erzählt, das dass die erste Mondlandung war.
    Und, hey!, ich war jung und dumm, aber ich bin dabei gewesen.

  6. 06

    Ich bediene mich mal der Ausdrucksweise meines 14jährigen Sohnemanns:
    „Die Musik von dem Typ is einfach cool und saustark“

  7. 07

    150% Zustimm: Morrissey ist in erstaunlicher Würde gealtert (oder sollte man „gereift“ sagen?) und wagt sich sehr entspannt wieder an die Smiths-Altlasten. Ich ziehe die ebenfalls kürzlich veröffentlichte CD „live at Earls Court“ vor, aber sieht so aus, als komme man an Erwerb der DVD nicht wirklich vorbei. :-)

  8. 08
    ruth

    Sooo.. wegen diesem Blog Eintrag hab ich mir gerade die DVD gekauft. Da ich im Moment, trotz Sommer, eher melancholisch bin, scheint mir das die richtige Unterhaltung für einen einsamen Freitag abend zu sein..

    Spreeblick, entäusch mich net… j/k

  9. 09

    alix: paß gut auf den kleinen auf. sowas darf nicht unterschätzt werden .. wer mit 14 schon so einen vorzüglichen musikgeschmack hat, bei dem muß man aufpassen, daß er sich nicht „im alter“ gegen die eltern auflehnt und plötzlich zum schlagerfan o.dgl. mutiert.

    :)

  10. 10

    While the American Medical Association doesn’t have a specific policy on such services (http://www.storytellersbookclub.com), there are some concerns for the patient (http://www.cashadvancesusa.com), said AMA president Dr (http://www.classactgiftbaskets.com). Edward Hill (http://www.yoga-studios.com).

  11. 11

    People who are new to the nation’s political scene (http://www.natureposters.me.uk), are often bemused by the colors that are attached to various parties and political phrases (http://www.artnposter.com). For instance (bangalorebest.com), „black gold“ referring to corrupt money

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