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boing boing oder wie ich lernte, die Zukunft zu lieben

Dass eines der ältesten, meistbesuchten und meistzitierten Blogs, boing boing, als Quelle und Inspiration für viele andere Blogs (auch dieses hier) gilt, ist ebenso unbestritten wie die Tatsache, dass boing boing ein Blog war, bevor es den Ausdruck überhaupt gab.

Was vielleicht nicht so bekannt ist: boing boing gibt es bereits seit 17 Jahren.

Als ich Anfang der 90er einige Monate in den USA verbrachte, waren mir Fanzines – meist fotokopierte Magazine von Amateur-Autoren mit viel Leidenschaft und wenig Geld – aus dem Punk-Bereich bekannt. Auch, dass es in der Welt der Modems und Terminals einen funktionierenden Untergrund gab, war kein Geheimnis, schließlich gab es den CCC schon.

„Cyberpunk“-Fanzines jedoch, gespickt mit obskuren Texten, Gedanken und Interviews, voller englischer Worte, die ich in keinem Wörterbuch finden konnte, waren mir neu. Die Themen Musik, Popkultur, Drogen, Sex, Comics, Kunst und Computer fügten sich in diesen zusammengetackerten Heften zu einem aufregenden und stimmigen Gebilde zusammen und bildeten in meinen Augen die Grundlagen für eine… ich wage kaum, das Wort zu tippen… Bewegung, die ihr genaues Gegenteil, den Stillstand, zu vermeiden suchte.

In meinem persönlichen Bekanntenkreis war es Anfang der Neunziger nicht leicht, Menschen zu finden, die Computernetze als Kultur, als möglicherweise gar subversives Werkzeug verstanden. Klar, es gab die Ausnahme CCC, über den ich viele kreative Leute kennen und schätzen gelernt habe, mit denen ich heute noch gerne zu tun habe. Aber The Specials, The Clash oder Hüsker Dü waren für die Jungs damals eher Fremdworte (und – let’s face it – mit Frauen hatte man auch nicht so richtig viel zu tun) und gleichzeitig beäugten mich meine damaligen Band-Mitstreiter mit Ausnahme unseres Trommlers eher skeptisch, wenn ich auf Tourneen den Telefonanschluss des Hotelzimmers aus dem Wandputz hervorkratzte, um die freigelegten Enden meines Modemkabels mit Krokodilklemmen zu konnektieren. Ich war, in meinem beschränkten Universum, Mitglied einer Bande, die aus einer einzigen Person bestand. Was natürlich eine Zeitlang auch irgendwie cool war, aber auf Dauer nicht so richtig Spaß machte.

In den USA angekommen eröffnete sich mir nun eine völlig neue Perspektive. Es gab offensichtlich Punks und Hippies, Spinner, Visionäre, Freaks, für die ihr Computer längst Teil ihres Lebens war, die ihre zerkratzten Laptops zu Konzerten und in den Park mitschleppten, die obskurste Usenet-Gruppen bevölkerten und die es lächerlich gefunden hätten, wenn man ihnen etwas über „Kälte“ und „Unpersönlichkeit“ des Computers als Kommunikationsmittel erzählt hätte (ein Argument, das man sich in unseren Landen teilweise noch heute anhören darf).

Und diese Menschen schrieben über ihre Hobbies und Vorlieben, über ihre Kultur. Im Usenet, na klar, in Mailboxen, logo, aber eben auch in gedruckten oder fotokopierten Heften. Für mich waren diese Fanzines, allen voran boing boing, aber später auch Mondo 2000, Whole Earth Review oder Fringeware News so aufregend wie meine ersten Punk-Fanzines.

Zwei Ausgaben von boing boing und ein paar andere Perlen habe ich zwischen meinen alten Magazinen wiedergefunden. Interviews mit William Gibson (der sein Blog leider sehr vernachlässigt), Artikel über Emigre und Typografie, Adam Yauch von den Beastie Boys über Buddhismus, Kurze Absätze über das heute immer noch operierende Internet Underground Music Archive… mir fällt keine deutschsprachige Publikation ein, die diese Themen Anfang oder Mitte der Neunziger nebeneinander behandelt hätte. Diese Fanzines, in den Staaten einfach „Zines“ genannt, waren gedruckte Blogs.

Erst viel später habe ich erfahren, dass boing boing bereits 1988 von Carla Sinclair and Mark Frauenfelder gegründet worden war und 1995, nachdem das Heft eine Auflage von 17.500 Stück erreicht hatte, eingestellt wurde. 1997 startete das Paar dann erneut mit einer limitierten Auflage von 1.000 Stück und seit fünf Jahren nun gibt es boing boing, wie es die meisten von uns kennengelernt haben dürften: Im Netz.

(Thanks to Mark for allowing me to publish the scans and thanks to all writers for the constant inspiration!)

Und hier gibt’s noch drei Seiten aus boing boing über das Internet, als es noch nicht bunt war: 1, 2, 3.

2 Kommentare

  1. 01

    gejl — mondo 2000 .. hätte nicht gedacht, das jemals wieder zu gesicht zu bekommen :) danke für den loink bzw. gedächtnisauffrischung !

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