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Konzert-Reviews. Jahrzehnte später.

Das hier habe ich vorhin beim Ausmüllen Aufräumen gefunden:

tickets

Eine kleine Papiertüte (nicht im Bild) voller alter Konzertkarten. „Hey! Johnny!“, sagte ich und schaute mich unsicher um, ob irgend jemand im Raum war der darüber bloggen würde, dass ich mit mir selbst rede, „Die kannst du deinen Kindern zeigen und ihnen von den abgefahrenen Konzerten erzählen, die du erlebt hast, als du noch keine Kinder hattest!“.

Da sich meine Kinder jedoch einen Dreck für alte Konzertkarten und erst recht für die Zeiten ohne ihre Anwesenheit interessieren, müsst ihr jetzt dran glauben.

Das Durchstöbern der Tickets weckte alte Erinnerungen in mir. Erinnerungen an die Zeit zum Beispiel, in der ich mich dieser Konzerte noch entsinnen konnte. Aber tatsächlich auch an den ein oder anderen Abend, an dem ich dieses oder jene Ticket erstanden, gewonnen oder ergaunert hatte, an den Schalldruck der brachialen Lautstärke, mit der mich der Türsteher von meiner Minderjährigkeit überzeugen wollte und auch an die 2,50 DM in meiner Hosentasche, die ich zur Begeisterung der veranstaltenden gastronomischen Industrie nach Konzertende wieder mit nach Hause nahm.

Und natürlich erinnerte ich mich an die Bands aus aller Herren und Damen Länder, die angetreten waren die Welt zu verändern. Bands, die ihrer Wut, ihrer Frustration, ihren Ängsten und Sorgen in ihren Texten und Sounds freien Lauf ließen. Bands, die uns, ihr Publikum, von der Dringlichkeit der gesellschaftlichen Veränderung überzeugten und uns einen gemeinsamen Eid schwören ließen, nie, aber auch nie Teil dieser verrotteten Gesellschaft zu werden sondern stattdessen die Fahne der Rebellion für immer hoch zu halten. Kurzum: Bands, die sich sofort nach dem Konzert auflösten um das Studium zu beenden und von denen einzig der ehemalige Schlagzeuger heute noch Musik macht, indem er die Radio-Werbejingles für den lokalen Schrauben-Laden vertont.

Um zu verhindern, dass mir diese aufregenden Anekdoten und Peinlichkeiten (es sind auch zwei Supertramp-Tickets in der Tüte… wegen der Mädchen, wirklich!) komplett entfallen, werde ich also ab jetzt von Zeit zu Zeit eines dieser Tickets herauskramen und versuchen, mich an den dazugehörigen Abend zu erinnern. In diesem Sinne:

Liebes Tagebuch! Gestern Vor 25 Jahren war ich bei den U.K. Subs.

Ich habe wirklich keinen Schimmer mehr, wieso ich mir diese Band sogar mehrfach live angetan habe. Die U.K. Subs waren, sein wir mal ehrlich, eher grottenschlecht (auch wenn mir einige Kommentare sicher vehement widersprechen werden). Ich glaube, zu der Zeit versuchte ich einfach jede Band zu sehen, deren Platten der Händler meines Vertrauens in der näheren Umgebung des Schildes „Punk“ einsortiert hatte. Die U.K. Subs (die man sich übrigens heute noch ansehen kann, aber ganz sicher nicht muss) waren nicht nur annähernd, sondern ganz sicher Punk, denn sie trugen Lederjacken am Körper und Gitarren um den Hals und machten damit Krach (mit den Gitarren, nicht mit den Lederjacken). Aber ich mochte eigentlich nur zwei Songs: C.I.D. und Warhead (beide Links führen zu recht furchtbaren und kurzen MediaPlayer-Streams, aber besser als nix).

C.I.D. gab’s immer als Opener, bei allen drei Shows, die ich gesehen habe. Und Warhead, meine ich zu erinnern, wurde als Zugabe oder zumindest sehr spät im Programm gespielt. Das war blöd, denn so musste ich alles, was zwischen diesen beiden Songs gespielt wurde, ebenfalls ertragen. Doch natürlich ging es beim Konzertbesuch nie ausschließlich um die Band. Es ging um Freund und Feind, um Sehen und Gesehen-werden und es ging darum, gute 9.000 Tage später sagen zu können:

Weingstens musste man sich nicht hinsetzen wie bei Supertramp.

Viel interessanter als die U.K. Subs war an diesem Abend aber die auf der Karte als „Special Guest“ angekündigte Vorgruppe namens „Hans und Gabi“. Und „special“ they were indeed.

(Achtung! Es folgt eine Anekdote, die BesucherInnen der FUTURA BOLD 4.0 bereits kennen. Diejenigen können also an dieser Stelle aufhören und stattdessen Blogs lesen, deren Vorrat an Anekdoten nicht aus Konzerten zweitklassiger Punkbands besteht, sondern aus, um nur ein Beispiel von vielen möglichen zu nennen, Geschichten und spannenden Episoden rund um das Thema Tütensuppe.)

„Hans und Gabi“ und ihr Auftritt mit den U.K. Subs wurden bereits in den Tagen vor dem Konzert im SO36 per Mundpropaganda überall angekündigt und sehr empfohlen, allerdings immer wieder von der gleichen Person, nämlich von Mutfak. Mutfak ist das türkische Wort für „Küche“, und natürlich hieß Mutfak nicht wirklich Mutfak. Ich weiß aber nicht, wie er wirklich hieß. Vielleicht Hans. Jedenfalls schrieb Mutfak damals ein hervorragendes Fanzine mit dem Titel „YKLRMPFNST“ (mag sein, dass sich hier der ein oder andere Tippfehler eingeschlichen hat) und hatte nun auch seine eigene Band gegründet: „Hans und Gabi“, you guessed it.

Man muss wissen, dass die U.K. Subs eher selten bis gar nicht im „Fachblatt Musikmagazin“ erwähnt wurden und dass die Literatursammlung eines durchschnittlichen U.K. Subs-Fans im Handschuhfach eines VW Käfers Platz gefunden hätte (Hey! Die Band hat damals gerockt, hatte selbst für meine Ohren zwei Hits und zum Lesen war eh nie Zeit). Auch das Wort „Toleranz“ konnte das Gros des Publikums an diesem Abend nicht buchstabieren und so waren die Reaktionen auf den ersten Song von „Hans und Gabi“ an diesem Abend eher gemischt: Ein Prozent der Anwesenden reagierte mit Buh-Rufen, der Rest schmiss Bierflaschen auf die Band (später habe ich mich oft gefragt, warum es heute bei Konzerten keine Bierflaschen mehr gibt, ich habe sie oft vermisst).

Denn das, was „Hans und Gabi“ da machten, war auch irgendwie Punkrock, nur ohne Rock. Zwei Menschen mit Gitarren oder etwas ähnlichem standen auf der Bühne und verursachten nichts anderes als puren Lärm. An anderen Abenden im SO36 zu dieser Zeit wäre so etwas auf Super8 gefilmt worden und 25 Jahre später auf einer DVD mit dem Titel „The Berlin Avantgarde – 70s, 80s and beyond“ erschienen, und man hätte bei der Release-Party den Stargast Frieder Butzmann begrüßt. An diesem Abend jedoch begrüßte man niemanden, an diesem Abend wollte der Mob die U.K. Subs. Und nicht Hans. Und auch nicht Gabi.

Nachdem Mutfak trotz der zwiespältigen Publikumsresonanz den zweiten Song mit dem Titel „Anarchie“ ankündigt hatte, der genauso klang wie der erste, zusätzlich jedoch von Mutfaks wiederholten „AANAAAASCHIEEEE!“-Rufen begleitet wurde, musste das Bar-Personal Verstärkung anfordern, um den Bier-Anforderungen Folge leisten zu können. Nie wieder habe ich einen solchen Flaschenhagel erlebt wie den, der diesen Auftritt begleitete. „Hans und Gabi“ mussten, von einigen Flaschen unschön getroffen, die Bühne verlassen.

Das Publikum beruhigte sich. Das war also geklärt. Jetze aba. Die „Subs“. Wird voll geil, Alta.

Denkste.

Nur wenige Minuten nach dem Verlassen der Bühne standen „Hans und Gabi“ wieder auf derselben. So einfach wollten sie ihren Set nicht aufgeben. Sie wollten es durchziehen. Und diesmal waren sie vorbereitet. Denn diesmal kamen sie mit Vollvisier-Motorradhelmen auf den Köpfen.

Todesmutig ging Mutfak zum fassungslosen Erstaunen der Punker im Publikum ans Mikrofon, klappte kurz sein Visier hoch, schrie:“IHR WISST JA JANICH WATT ANASCHIE IS!“, klappte das Visier wieder herunter und donnerte mitsamt Gabi in den dritten „Song“.

Erst als die ersten Personen aus dem Saal in recht eindeutiger Absicht die Bühne erklommen, mussten „Hans und Gabi“ endgültig abbrechen, um am nächsten Morgen beim Bundesministerium für innere Sicherheit neue Identitäten zu beantragen. Die Herzen eines Teils des Publikums hatten sie jedoch gewonnen, traute man den umstehenden Besuchern, die sich die Lachtränen aus den Augen wischten.

Die Subs waren dann aber doch auch noch ganz cool. Glaube ich.

18 Kommentare

  1. 01

    Es kommt zwar nicht annähernd an die Live-Variante bei FB4.0 ran (Ätsch-Bätsch! Ich war dabei!!!), animiert aber trotzdem zum hemmungslosen Lachen vor dem Monitor. Thx for that!

  2. 02

    Bin schon sehr gespannt auf weitere Konzert-Reviews.
    Du hast Stiff Little Fingers 1980 gesehen? Neid!
    Übrigens finde ich das man sich für Supertramp nicht schämen muß,“Crime of the century“ ist immer noch ein großes Pop Album das bei mir dann und wann auf dem Plattenteller landet.

  3. 03

    wow, die preise!!!
    12 mark für stiff little fingers und 22 für die ramones.
    ich glaube ich hab 89 für die ramones ähnlich viel (oder wenig) bezahlt.

  4. 04
    neolith

    Frieder Butzmann? Lustig, mit dem habe ich am Montag einen Termin…

  5. 05
    mArTiN

    Erinnert mich an eines meiner ersten Konzerte, Boo Ya Tribe in Braunschweig, irgendwann Anfang der Neunziger.
    (Da gabs schon keine Flaschen mehr, das Bier musste aus Plastikbechern getrunken werden.)
    Der Tribe kam auf die Bühne, spielte einen Song. Wüste Beschwerden der Band wegen des Sounds in Richtung FOH. Fängt mit dem zweiten Song an, bricht ab. Ein Bandmitglied springt von der Bühne, drängelt sich durchs Publikum zum Mixer, vermöbelt ihn, geht zurück auf die Bühne, will mit dem Rest der Band dieselbige verlassen. Die ersten Becher fliegen, einer trifft den Schläger an der Schulter, der dreht sich um, springt ins Publikum, greift sich irgendwen, vermöbelt ihn, während sich der Rest der Band in bedrohlicher Pose auf der Bühne aufbaut. Die meisten Besucher verlassen fluchtartig den Saal…
    Die Tour war danach natürlich beendet.
    (Heute ist es eine gerne erzählte Anekdote, damals hatten ich und meine Kumpels einfach nur Schiss.)
    Wer den Tribe nicht kennt:
    Samoaner, die nebenbei eine Kampfsportschule betreiben (oder nebenbei Musik machen?), und von denen keiner kleiner als 1,90m ist:
    http://www.rapindustry.com/Booya_Tribe.htm

  6. 06
    Katharina

    Danke für die schöne Anekdote, file under „Lachen im Büro“, bitte bald mehr! :-)

  7. 07

    die papiertüte ist bei mir eine zigarrenkiste (! aus holz !)
    SLF is da ooch bei. Supertramp sicher nich.
    als ich auf DIESE art von mädels stand,
    ging ich selbst auf KRAAN-konzerte.. HUH! :)

    aus solchen gründen zu konzerten mitgehen
    ist aber ok.
    so kam ich zB zu einem kid-creole konzert
    in der eissporthalle.

    Konzert-Reviews. Jahrzehnte später.
    grosse idee! weiter so!

  8. 08

    Bei Kid Creole war ich auch! Die fand ich auch wirklich klasse.

  9. 09
    Hans v.

    Also so aus der Ferne, da hatten Hans und Gabi wahrscheinlich mehr vom Punk drinne als die Bierflaschenwerfer Grölmacker. Wie gesagt – ausse Ferne… und wahrscheinlich.l

  10. 10
    Peter the man without hair

    Mein Chef sitz links von mir und ich habe nur schwer Mühe mir das Lachen zu verkneifen!

  11. 11

    Weil ich über das Konzert schreiben musste, hab ich die UK SUBS 1995 live gesehen im Getaway in Solingen. Als Vorgruppe spielten die damals angesagten ONE FOOT IN THE GRAVE, die älteste Punkband der Welt. Als Gino, mit 79 Jahren der Senior der Band, zum Trommelsolo anhob, hielt das Publikum den Atem an und betete, dass er nicht mittendrin vom Fleisch fiel. Hat geklappt, war aber knapp.
    Die SUBS haben danach auch gespielt. Glaub ich.

    Glückwunsch übrigens zur Nominierung beim Preisbloggen der ZEIT. Bei mir hat es (nur) zur Nominierung in der Rubrik Geld gereicht, mit einer Story. Bin massiv zornig.

    Lg, 500

  12. 12
    Haze

    Hätte ja eigentlich erwartet, dass Clash in der Neuen Welt ganz oben
    liegt, aber SLF im Kant war auch nicht schlecht. Bin gespannt auf dein Review. Kann mich noch gut daran erinnern, dass die ersten drei Sitzreihen zu Bruch gegangen sind und wir viel Spass hatten. War mein erstes Punk-Konzert und wurde bisher nur selten übertroffen.

  13. 13
    Mutfak

    Ja, genauso wars damals! Wie amüsant, das jetzt nochmal zu lesen. Ein paar Anmerkungen:
    1) Es gab bloß Bier-Dosen, soweit ich mich erinnere
    2) Die Subs waren sehr angesäuert, dass wir ihr Equipment in Gefahr brachten (und das Catering wegsoffen)
    3) Zwei Bravo-Reporter haben über das Event eine ganze Doppelseite verbraten, „Punkerschlacht in Kreuzberg“ oder so
    4) Mutfaks richtiger Name ist Chris
    Und schönen Gruß an „System“…

  14. 14

    MUTFAK! Wie schön. :) Und vor allem endlich einer, der diesen Kram verifizieren kann!

  15. 15

    Das Kartensammeln habe ich aufgegeben als die CTS Tickets eingeführt wurden. Die waren sehr schnell ausgebleicht und auch nicht mehr so bunt wie die „Originale“. Sonst wühle ich auch gerne durch die alten Karten. Beim lesen sind mir auch ein paar schöne Bilder wieder eingefallen.

  16. 16
    winnie

    Hallo Mutfak! ;-)
    Ja, unser Einstands Konzert war wirklich ein Erfolg.^^
    Korrigierend anmerken möchte ich nur das es nicht Mutfak war mit dem Helm sondern ich. Ich hatte nämlich die Vorwarnung bekommen das eine große Anzahl Braunschweiger Punker dort hin kämen und wollte auch keine vollen Bierdosen abbekommen. :-D Ein paar Regenschirme hätten da wohl echt nicht gereicht.^^
    Den Bravoartikel hab ich noch, aber leider nicht mehr das ganze Heft. Vermutlich eine Januar Ausgabe 1981. Ein paar Fotos davon sind auf Punkfoto.
    Exot ist (vermutlich) tot. Er war damals derjenige der noch spielte als ein anderer Punk sich schon auf ihn stürzte und uns der Saft abgestellt wurde um die Anlage für U.K. Subs zu retten.

  17. 17
    winnie

    @Ollie Banana: Die Karte von SLF im Kant hab ich auch noch irgendwo rumliegen. Die waren wirklich umwerfend im Kantkino.

  18. 18

    Lustig, dass 9 Jahre nach Blogbeginn noch’n posting abgeht. War denn jemand von euch beim ersten Berliner „Punk“ Konzert dabei? 1965 bei dem Konzert der Rolling Stones in der West-Berliner Waldbühne? Vielleicht noch mit Foto der Eintrittskarte? ;-)

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