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DGW: William Gibson bei WIRED

Hätte ich den Weltrat der Weisen zu besetzen, wäre William Gibson unter den ersten Mitgliedern. Ich schätze den Mann und seine wohlgewählten und klugen Worte wie nur wenig andere Autoren.

Umso erfreuter bin ich, nach seinem letzten Roman mal wieder ein Essay von Gibson lesen zu können.

In diesem Artikel für WIRED sinniert William Gibson unter argumentativer Zuhilfenahme der literarischen Sampling-Techniken von Burroughs, der musikalischen Visionen von King Tubby und Lee „Scratch“ Perry sowie seiner eigenen Verwendung von Dritteinflüssen über das aktuelle Verhältnis von sozialen und technischen Prozessen zu Kreationen und Produkten, insbesondere denen der Musikindustrie:

Wir leben an einem eigenartigen Wendepunkt, an dem die Aufnahme (ein Objekt) und das Rekombinant (ein Prozess) [gemeint sind mit diesem Begriff aus der Chemie u.a. Remixe, Anm. von Johnny] noch, wenn auch nur kurz, koexistieren. Doch es gibt wohl kaum einen Zweifel an der Richtung, in die die Dinge gehen werden.

(…)

Nur selten erteilen wir neuen Technologien ihre Daseinsberechtigung. Sie tauchen auf und wir versinken mit ihnen in den wie auch immer von ihnen erzeugten Strudeln der Veränderung. Erst danach bemühen wir uns so gut wir können in einem fortwährenden Aufhol-Spiel um ihre Legitimierung, während wir von unseren neuen Technologien neu definiert werden – so sicher und vielleicht so furchtbar, wie wir durch das Fernsehen neu definiert worden sind.

(…)

Wem gehört die Musik und die restliche Kultur? Uns. Uns allen.

Nur, dass das nicht alle von uns wissen. Noch nicht.

Den Rest übersetze ich aber nicht, obwohl der einfacher gewesen wäre…

13 Kommentare

  1. 01
    Stefan_K

    … der ganze Rest gibt den Zitaten aber erst den großen Rundumsinn! Auch wenn man das Original nicht mal eben so huschhusch querlesen kann: Es lohnt sich wirklich. Cut-Ups, Samplings, PowerPCs to the people: wahrscheinlich haben Rank Xerox, Korg und Apple ganz unabsichtlich mehr für die Kulturentwicklung der letzten Dekaden getan als alle engagierten Bands zusammen.

    Gibsons Antwort auf die Frage, wem denn die Kultur in Zukunft gehört, klingt wie der Traum eines jeden Old-School-Marxisten: den Rohstoff- und Produktionsmittelbesitzern, und das sind wir —— nicht mehr die Studios, Plattenfirmen, Verlage (wer hüstelt da?) und Vertriebe. Es dauert also nicht mehr lang und Volksmusik (sic!) bekommt seine ursprüngliche Bedeutung zurück. Bingotime!
    Nur: Wovon leben die Künstler, Autoren und Urheber, wenn sich jeder an ihrer Arbeit bedienen darf? Wenn ich das wüßte, wäre ich für die sofortige Aufhebung sämtlicher Urheberrechtsgedönse …

  2. 02

    Das mit dem Hüsteln war ich. :)

    Im Ernst: ACK. Derzeit bleibt scheinbar nur die Werbeindustrie als Finanzier von kreativem Ouput jeder Form, ich glaube aber, dass die kommenden Jahre eine erneute Verschiebung bringen werden. In dem Moment, in dem klar wird, dass kostenfreie Inhalte nur noch mit massiver Industrie-Unterstützung (jeder Art) funktionieren, werde ich sicher bereit sein, für unabhängige Inhalte, auch im Netz, zu bezahlen.

  3. 03
    Stefan_K

    Nur mal so für Leute wie mich: wofür steht ACK? Ich hab schon bei der „88“-Diskussion zu Live8 gedacht, ich werde alt.

  4. 04

    „ACK“ steht für „acknowledged“, ist also nur eine Kurzform für eine Zustimmung. Stammt, wie so viele Abkürzungen in der Online-Kommunikation, aus dem Usenet und aus Zeiten, in denen Online-Zeit teuer war, weshalb man sich eben kurz fasste.

    Die Diskussion um die beiden Achten bezieht sich auf ihre unter Neonazis verbreitete Nutzung. Dort stehen sie für „HH“ (das H ist der achte Buchstabe im Alphabet) und das widerum bedeutet bei denen „Heil Hinkel“.

  5. 05

    Wollte Gibson zunächst enthusiastisch zustimmen, doch Moment!

    Indeed, audience is as antique a term as record, the one archaically passive, the other archaically physical.

    Record und Audience sind nicht archaiisch, sondern im Gegenteil modern. Eine Aufnahme (die eindeutige Konservierung von Information) ist etwas relativ neues. Seit Jahrtausenden haben Menschen gesamplet, partizipiert, rekombiniert. Weil es für den Großteil der Menschen gar keine andere Möglichkeit gab, um Musik, Literatur oder Informationen zu übertragen. (Musiker mussten ihre Musik immer wieder neu interpretieren. Märchen, Nachrichten und Legenden wurden mündlich überliefert, dadurch ständig verändert und verwischten so die Grenze zwischen Urheber und Empfänger. Gebäude hat man im Lauf der Jahrhunderte einfach umfunktioniert, ausgeschlachtet oder angepasst. Religionen sind die ausufernsten Sampling-Werke überhaupt.)

    Der Wendepunkt in der Beziehung zwischen Aufnahme und Rekombinant liegt m.E. je nach Medium bei der Erfindung des Buchdrucks, der Erfindung der Schallplatte, des Magnetbands usw.

    The remix is the very nature of the digital.

    Sehe ich genau anders herum. :)

    Remixe im weitesten Sinne (s.o.) sind fester Bestandteil der „analogen“ Menschheitsgeschichte. Erst die Fähigkeit, Informationen digital absolut unveränderlich zu archivieren, ermöglicht 1:1 Kopien (die eben keine Remixe, sondern wieder Originale darstellen). Digitaltechnik macht Remixe besonders einfach, ja, aber „the very nature of the digital“ ist für mich die Reproduzierbarkeit, das Unveränderliche, das Kopieren ohne Informationsverlust. (Und eine verlustige Kopie könnte man wieder als Remix interpretieren.)

    Also leben wir eigentlich gar nicht an einem Wendepunkt, sondern bloß in einer winzig kurzen, völlig belanglosen Epoche der Menscheitsgeschichte, in der Konzepte wie „Urheber“ und „Copyright“ Geltung haben, die aber irgendwann wieder vergessen werden. Oder so.

  6. 06

    Spannender Blickwinkel. Nach den ersten Zeilen wollte ich widersprechen, da man vielleicht zeitlich nicht ganz so weit zurückgehen sollte, um die Worte zu interpretieren.

    Ich denke aber nach dem Lesen deines ganzen Comments, dass Gibson selbst zustimmen würde, schließlich liefert er ja zu Beginn das Essays mit Burroughs etc. die Argumente und kann sicher auch noch weiter zurückdenken. Tatsächlich ist der Satz The remix is the very nature of the digital der einzige, über den ich auch gestolpert bin, hab ihn dann aber sträflich im Gesamtgefüge ignoriert.

    Keine Ahnung, ob er seine Thesen absichtlich für WIRED populärer gesetzt hat oder ob die Länge des Artikels nicht ausreichte oder ob er die von dir beschrieben Herangehensweise in seiner übersehen hat (was ich eher nicht glaube).

    Wo ich aber anderer Meinung bin als du: Dass diese Epoche der klaren Trennung von Sender und Empfänger belanglos ist. Denn sie zurückzulassen wird mehr Kraft kosten, als zu Beginn dieser Epoche nötig war. Glaube ich.

    Gibsons Wendepunkt-Theorie (die ja nun auch nicht nur seine ist) bleibt relativ unberührt davon, meine ich. Und seine Art, mit Worten umzugehen, sowieso. :)

  7. 07
  8. 08

    Dann haben wir das ja.

    Und was machen wir nun mit dem Ozonloch?

  9. 09
  10. 10

    Foto machen, online stellen.

  11. 11
    Stefan_K

    Diskurstechnisch mal ein ’nö‘! Als Urheber von Texten und Gestaltungsideen möchte ich von meinen Auftraggebern fair bezahlt werden. Wer mir meine Arbeit klaut, ist ein Dieb.

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