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Die Rückkehr des Wortes

Begleitend zu den Protesten der Studenten in Frankreich erhoben sich Stimmen gegen die Interpretation des Geschehens als Neuauflage der 68er Proteste. Sie sagten, die große Unterschied zu damals sei das Fehlen einer Utopie, die Abwesenheit eines Traums. Wie Unrecht sie haben.

Indymedia: „ž In den 60er Jahren wollten die Studenten die französische Gesellschaft umkrempeln. «Brecht die alten Strukturen auf!» hiess einer der Slogans. Ihre Kinder wollen keine Revolution, sie wollen vielmehr den Status quo erhalten. Sie wollen den gleichen Zugang zu Renten, zu Arbeitsplätzen, zu Wohlstand und den Leistungen des Sozialstaates wie ihre Eltern. Sie treibt die Angst auf die Strasse, dass der lieb gewonnene Lebensstil bedroht ist. … Während sie lautstark durch die Hauptstadt stampfen, mit Trommeln und Pfeifen ausgerüstet, fehlen ihnen Idealismus, Hoffnung, Utopie und konkrete Ideen. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von fast 25 Prozent ist die Sorge allgegenwärtig, wie man einen Job findet, sich eine Wohnung leisten kann, genug Geld für die Gründung einer Familie verdienen soll.“

Den Studenten in Frankreich, und nicht nur ihnen fehlen also Ideen, es mangelt an Hoffnung und Glauben an eine bessere Welt. Unsere Generation träumt nicht mehr. So sagt man. Weil die verschiedenen Aspekte unserer Utopie noch nicht zusammengeführt wurden, heißt es, wir hätten keine. Nichts könnte falscher sein. Unsere Utopie wurzelt natürlich in den Gedanken und Konzepten der Hippies, nämlich in direkter Demokratie, der partizipierenden Öffentlichkeit und der grenzenlosen und Grenzen einreißenden Freiheit. Wir holen diese Ideen ins Hier und Jetzt und landen damit direkt in den Blogs. Zunächst.

Neil Postman erklärte in seinem Buch „žWir amüsieren uns zu Tode“ das Ende des öffentlichen Diskurses durch das Medium Fernsehen und er hatte Recht. Das Fernsehen fordert eine bestimmte Form der Information, die den Rezipienten zur Passivität verdammt. Mit der immer weiter zunehmenden Verbreitungs des Webs verringert sich gleichzeitig der Einfluß des Fernsehens. Recht so! Wir müssen uns von der Couch verabschieden (wie ich und so viele es schon getan haben). Ich proklamiere die Rückkehr des öffentlichen Diskurses durch das Internet und speziell durch die Blogs. Immer mehr Menschen erheben Einspruch zu Dingen, von denen sie vor 3 Jahren noch nicht einmal erfahren hätten. Die jüngsten Beispiele sind die Possen um Moni und Transparency Deutschland und Euroweb. Hier erhebt sich eine Zivilgesellschaft, die eine Stimme hat und die sich solidarisiert und die in der Lage ist, einen immensen medialen Druck aufzubauen.

Doch wir kennen die Argumente. Die wichtigen Dinge würden im banalen Meer der Frühstücksflocken-Postings und der Hamster- und Meerschweinchenshow – Katzencontent sucks – untergehen. Stimmt das? Sind Euroweb und Transparency Deutschland im Banalitätsgetaumel untergegangen? Oder haben Euroweb aktuell 399 Technorati Links und Transparency Deutschland 211 Technorati Links zu verzeichnen? Und was bedeuten schon Technorati-Links? Sie bedeuten, dass die beiden sich eine ganze Weile mit kritischer Berichterstattung in den Ergebnissen der größten Suchmaschine der Welt herumschlagen muss.

Doch unsere Utopie macht bei einem öffentlichen Meta-Medienecho called Blogs nicht halt. Wir beziehungsweise ich finde auch die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens hervorragend, denn sie spuckt allen ins Gesicht, die nur „žLeistung gegen Leistung“ erbringen wollen und die dann nicht hören wollen, dass Leistung in einer Gesellschaft, in der Arbeit im produzierenden Gewerbe immer und immer weniger wird, nicht mehr als die zentrale Forderung gelten darf. Der Arbeitsplatzabbau wird weitergehen und das ist gut so, denn durch ihn wird gebundenes Potential frei und mit einem gesicherten Einkommen auf seiner Seite könnte sich so eine Gesellschaft entwickeln die nicht gebunden ist an Angst vor dem Arbeitsplatzverlust sondern die blühen könnte durch einfach mal ausprobierte Ideen, durch eine neue Lust am Forschen der Geisteswissenschaftler, die nicht mehr als schwer vermittelbare Akademiker daherkämen, sondern als abgesichterte Träumer. Wir hätten vielleicht tatsächlich ein Land der Ideen.

Unsere Utopie erstreckt sich auf das Urheberrecht, von dem zumindest ich denke, dass es aus der Steinzeit kommt und nicht den Urhebern zu Ihrem Recht sondern der Verwertungsindustrie zu Ihrem Reibach verhilft. Doch deren Zeit ist abgelaufen. Wir haben die schon längst weggeklickt. Unsere Utopie erstreckt sich auf freie Bildung, auf vernetztes Wirtschaften, auf die Freiheit der Rede und die Freiheit unserer Meinung, auf die Achtung von Natur als dem Schoß aus dem wir stammen, auf Zivilcourage und Kultur. Unsere Utopie steht überall geschrieben. Also versucht nicht, uns zu erzählen, wir hätten keine.

133 Kommentare

  1. 01

    Lieber Kai, danke, dass Du uns mangelndes Demokratieverständnis vorhältst. Angesichts der Tatsache, dass wir hier in einem verfassungsmäßig verankerten Sozialstaat leben, und dieser nun mal eine gewisse Umverteilung voraussetzt, solltest Du allerdings vielleicht mal eher Deins auf den Prüfstand stellen.

    Was wir hier „revoluzzern“ sind lediglich Überlegungen, wie man aus diesem Staat, der momentan zu einem Großteil nur noch auf dem Papier sozial ist, wieder was machen kann, was für alle gut ist. Dass diese Überlegungen erstmal auch extreme Positionen einnehmen ist übrigens Grundlage für so ziemlich jede demokratische Entscheidung.

  2. 02

    @ kai: du sprichst in deinen kommentaren oftmals von demokratie. anscheinend ist dir ganz und gar entgangen, dass wir uns mittlerweile in einer scheindemokratie befinden. bzw. sogar in einer oligarchie.

    und du entscheidest ganz bestimmt nicht, wofür deine abgaben ausgegeben werden. oder bekommst du die möglichkeit, das irgendwo zu bestimmenß nein. du erhältst ja noch nichtmal einen bescheid darüber, wieviel deines geldes in rüstung oder für irgendwelche high society-galas investiert wurde…

  3. 03

    Achja und da ist noch etwas: Es steht hier überhaupt nicht jedem frei nicht beim Großkapitalisten zu kaufen. Warscheinlich existiert nicht einmal die Möglichkeit, weil die Warenwege alle stark genug ineinander verzahnt sind. Aber selbst wenn die Möglichkeit bestünde: Es könnte sich keiner leisten.

  4. 04

    @ kai: wir sind die korrupten, da wir jeden tag zusehen, wie in afrika tausende menschen sterben. tag für tag, stunde für stunde, sekunde für sekunde…

    china steht heute besser da? haha, das ich nicht lache. den konzernen geht es in china heute besser. so stimmt der satz.
    schau dir doch mal das leben des normalen menschen in china heutzutage an. da gibt es keine zeit mehr für reflektion des eigenen lebens und der lebensumstände. arbeit, arbeit, arbeit. das ist alles…

  5. 05

    @ kai: naja, vielleicht brauchst du ja auch noch etwas zeit, die lage vernünftig einzuschätzen. wir können uns ja in 20 jahren nochmal unterhalten… ;-)

  6. 06

    @Kai: Die Grenze die zu zu zwischen ‚Leuten die keinen Bock auf Arbeit haben‘ und ‚Leuten die nicht arbeiten können‘ ist genauso schwammig wie Dein Vorwurf das wir alle Bono zujubeln und es völlig ok finden, das in Afrika miltärische Diktaturen herrschen, die größtenteils Ihre Herrschaftslegitimation aus den ‚Industrieländern‘ beziehen.
    Das sich Asien gut entwickelt hat nichts mit dem Freihandel zu tun, der sich absolut nicht mit unseren Subventionen (bestes Beispiel Agrarsubventionen) verträgt. Eher sind dies Früchte, die durch Ideendiebstahl, den ich den Chinesen (Beispiel Transrapid) auch gar nicht übelnehme. Warum soll man als China für ein Produkt bezahlen, dessen Einzelteile sowieso schon lange in China hergestellt werden.
    Der Arbeitsloste ist frustriert und sieht es als eine Strafe Spargel stechen zu müssen. Er wird von den Arbeitsagenturen gedemütigt und von jedem ‚ordentlich verdienenden‘ Menschen als arbeitsunwillig abgestempelt. Kurz er sieht überhaupt keine Veranlassung für das was Ihm aus seiner Sicht wiederfährt sinnvolle Arbeit zu leisten.

    Das sich die ganze Thematik hier nicht ausdiskutieren lässt ist mir klar, aber das hindert mich trotzdem nicht daran den Versuch zu unternehmen. Genauso wie du nicht wissen kannst ob du jemals einen Job nach dem Studium zu bekommen wirst. Der Versuch ist trotzdem sehr lohnenswert.

  7. 07

    @ kai: auf keinenfall verniedliche ich hier irgendetwas.
    wir sprachen von globalisierung. und ich möchte darauf hinweisen, dass die globalisierung (wie wir sie heute erleben) nur dem kapital etwas nutzt.
    ich würde china einfach nicht als vorbildliches beispiel zug um zug mit der globalisierung bringen. den menschen ging es früher schlecht. den menschen geht es heute aber auch schlecht! das leben ist doch nicht nur dazu da, dem kapital zu dienen!!!
    oder lernt man das heute im studium der politikwissenschaft?

    ich will mich hier auch nicht anfeinden. ganz und gar nicht. aber mich regen derartige meinungen einfach auf. gerade bei jemanden, der politikwissenschaft studiert.

  8. 08

    „der Gedanke, dass alles wirtschaftliche Handeln letzlich dem Menschen dienen muss und nicht umgekehrt“

    genau. das unterstreiche ich fett.
    so sollte es eigentlich sein.
    damit sind wir wieder bei den utopien angelangt.

  9. 09

    Jetzt sind wir doch einer Meinung. Natürlich kann es nicht Sinn sein, den bösen Kapitalisten alles in die Schuhe zu schieben um einen Feind zu finden.
    Es hatte sich wohl nur kurz so angehört, als würdest du auch schwarzweissmalen mit Deinen Differenzierungen zwischen Arbeitswilligen und Arbeitsunfähigen und manchen anderen Argumenten.

    Übrigens was soll das immer die heutige Kapitalismuskritik an die 68er zu knüpfen. Das hier ist 32 Jahre später. Und wenn die Argumente immer noch nicht todzukriegen sind, dann haben sie auch noch heute Ihre Berechtigung. Die Bedingungen unter denen es damals zu antikapitalistischen Parolen kam sind andere als die die heute existieren. Und komm mir bitte nicht mit der Schwarzweissmalerei, das wir Kommunismus meinen, denn es gibt auch bei den Kapitalsystemen manigfaltige Graustufen usw.

    Najo Kapitalismus war nicht das Topic.
    Und Entschuldigung, das ich da oben in manchen Kommentaren, im Eifer der Argumentation, Satzenden verschluckt habe.

  10. 10
    Alpha-Hasi

    Kai, Du schriebst von den „Gewinnern“ der Globalisierung und als Beispiel nennst Du China, für Dich oben ein „Gewinner abseits der bösen Großkonzerne“.

    Da muss es schon erlaubt sein, darauf hinzuweisen, dass der „Fortschritt“ in China auf dem Papier und der Satistik stattfindet und der Gewinn fast ausschließlich in den Geldbörsen eben jener Großkonzerne landet. Dieser Hinweis entschuldigt weder Diktaturen oder „Kulturrevolutionen“ früherer Zeiten. Dass in der Gesammtsumme mehr erwirtschaftet wird und es dem „Staat“ und seinen Bürgern *im Schnitt* besser geht, ist aber vor allem dann ziemlich wurscht, wenn die Masse an Leuten, die in Armut lebt (oder, wie in China verhungert) beständig wächst. Wem nutzt das Kapital da? „Den Menschen“? Und wenn nach ein paar Jahren auch etwas mehr Gesundheitspolitik betrieben wird und man aus den riesigen Töpen Almosen nach unten schmeißt (schließlich ist man ja irgendwie auch angewiesen auf die Ameisen), ändert sich nur die Optik der Armut. Es verhungert keiner mehr, aber das Geld und damit die Freiheit zu Leben, bleibt in den kleinen abgeschotteten Bereichen, in denen es sich heut schon befindet.

    Es gibt auch für Deutschland einen höchstoffizellen „Armutsbericht“, dieser dokumentiert, wie die Menge an „Menschen in Armut“ immer schneller wächst. Und längst betrifft das nicht mehr nur ein kleines Grüppchen von Arbeitslosen. Das „Land“ selbst ist dabei merkwürdigerweise nicht ärmer geworden. Also wo ist das Geld? Wieso wird die Polarität zwischen arm und reich immer größer? Liegt das alles daran, dass die Menge nicht arbeiten will? Es der Arme also nur nicht genug versucht?

    Das System erinnert an den absolutistischen König, dem alles – Geld wie Menschen – gehört und der seine Umgebung durch ihre Abhängigkeit von Zuwendungen im Griff hat. Damals gab es quasi kein „unabhängiges“ soziales Netz. Der König war identisch mit dem Staat. Nach langen Zeiten (und Kämpfen) hat sich heute ein Staat entwickelt, der eine soziale Sicherung garantieren möchte. Es wurde entdeckt, dass eine soziale Absicherung innerhalb einer Gemeinschaft auch Vorteile für alle bringt. Das funtionierte eine Weile, aber durch oben beschriebene Spirale hat der Staat keine finanziellen Mittel mehr. Wie beim König, liegt das Zahlungsmittel mehr und mehr in „einer“ Hand, die sich aber größtenteils dem „sozialen Zugriff“ entziehen kann (Abschreibungen, private Versicherungen etc.). Man muss nicht studiert haben, um zu sehen, dass kein soziales Netzwerk das halten kann, wenn weiterhin die Geldströme so ungebremst polar aufgeteilt werden. Aber was macht der Staat? Er schränkt Leistungen ein, er erhöht seine Einnahmen hauptsächlich auf der Seite, auf der ohnehin schon immer weniger ist.

  11. 11
    Alpha-Hasi

    Ich sehe weder die Möglichkeit, den Kapitalismus abzuschaffen, noch glaube ich, dass es besser wird, wenn man „Kapital“ durch „Ideologietreue“ ersetzt.

    Ich möchte aber dennoch, dass es nicht länger selbstverständlich bleibt, dass der eine statt 100 in Zukunft 120 verdient und der andere zufrieden sein soll, wenn er statt 10 vielleicht 12 bekommt. Prozentuel mag das gleich sein, aber gerecht ist es nicht. Und es verschärft die Situation. Arbeit mus aufgewertet werden.

    Und so komme ich wieder zum Grundgehalt, dass *innerhalb* des kapitalistischen Systems *zwingt* heut ignorierte Arbeit aufzuwerten.

  12. 12

    Alpha-Hasi 128 & 129: Chapeau!

  13. 13
    jsrn

    Ich möchte hier mal Kais These, dass es auch durchaus
    Gewinner der Globalisierung „abseits der Großkonzerne“ gibt,
    durch ein Beispiel untermauern: bei uns an der Uni gibt es
    sehr viele Chinesen, die vor allem technische Studiengänge
    belegt haben. So wie auch ein guter Freund von mir, der letzes
    Jahr seinen Abschluss gemacht hat. Er hat jetzt eine
    Stelle bei einer deutschen Firma gefunden, bei der er zunächst
    ein Jahr als Trainee arbeitet, danach in die chinesische
    Niederlassung dieser Firma nach Pecking geschickt wird – wo auch
    seine Freundin wohnt, insofern ganz schön für ihn.
    Er wird in Peking für chinesische Verhältnisse sehr gut
    verdienen – obwohl also die deutsche Firma natürlich auch ihren
    Profit macht, gewinnt er und seine Familie auch etwas dabei.
    Ein paar Sachen werden daran deutlich, denke ich:
    – das traditionelle Feindbild ausbeuterischer Großkonzern versus
    versklavte Arbeiter greift manchmal zu kurz (im übrigen handelt
    es sich bei der Firma um ein mittelständisches Unternehmen, keinen
    Konzern und als solches sind die beileibe nicht allein in China)
    – auch wenn eine Firma / ein Unternehmer Gewinn macht können
    die Angestellten trotzdem davon profitieren
    – auch das ist Globalisierung

    Ein anderes Beispiel: Ein Inder, der bei uns im Wohnheim auf dem
    Flur gewohnt hat, hat hier seinen Master gemacht und nebenbei
    sehr viel als Werksstudent bei SAP gearbeitet. Inzwischen hat
    er seinen Master abgeschlossen und arbeitet für die SAP-Niederlassung
    in Moskau, neben einem guten Gehalt wird ihm eine Wohnung relativ
    zentral gestellt – wer sich schonmal die Wohnungspreise in Moskau
    angeschaut hat, weiß, was das wert ist.

    Ich weiß natürlich, dass diese beiden Beispiele nicht unbedingt
    der generellen Statistik entsprechen. Aber Einzelfälle sind es
    eben auch nicht – ich könnte noch viele Leute aufzählen, die
    jetzt etwas machen, was sie ohne Globalisierung nicht hätten
    machen können.
    Was daraus für mich folgt ist zum einen, dass man tatsächlich
    nicht Schwarz-Weiß malen sollte, zum anderen aber natürlich, wie
    möglichst vielen Menschen, die heute solche Möglichkeiten noch
    nicht haben, diese eröffnet werden könnten.

  14. 14

    Klar, für die gut Ausgebildeten mit genug Geld/Freiheit für Mobilität ist die Globalisierung eine tolle Sache. Ich glaube das bestreitet auch niemand ernsthaft.
    Auch Rene hat sich ja durchaus positiv zur Globalisierung geäußert. Schade, dass diese Aspekte auf Grund der ganzen Grundeinkommens/Kapitalismus-Debatte leider etwas in Vergessenheit geraten sind:

    „Unsere Utopie erstreckt sich auf das Urheberrecht, von dem zumindest ich denke, dass es aus der Steinzeit kommt und nicht den Urhebern zu Ihrem Recht sondern der Verwertungsindustrie zu Ihrem Reibach verhilft. Doch deren Zeit ist abgelaufen. Wir haben die schon längst weggeklickt. Unsere Utopie erstreckt sich auf freie Bildung, auf vernetztes Wirtschaften, auf die Freiheit der Rede und die Freiheit unserer Meinung, auf die Achtung von Natur als dem Schoß aus dem wir stammen, auf Zivilcourage und Kultur. Unsere Utopie steht überall geschrieben. Also versucht nicht, uns zu erzählen, wir hätten keine.“

  15. 15
  16. 16
    jsrn

    > Klar, für die gut Ausgebildeten mit genug Geld/Freiheit für Mobilität ist
    > die Globalisierung eine tolle Sache. Ich glaube das bestreitet auch niemand
    > ernsthaft.

    @Niels: wobei die von mir erwähnten Bekannten eben gerade nicht aus traditionell
    reichen Akademikerfamilien kommen. Die haben sich das selbst erkämpft – klar,
    damit gehören sie schon mal zu den Stärkeren dieser Welt. Die Frage ist nur:
    Hätten sie sich das auch erkämpfen können ohne die Globalisierung? Ich habe
    da so meine Zweifel.

  17. 17
    BrokenDreams

    Was haltet ihr von Mindestlöhnen und wo will man hier die Grenze setzen?
    Sind die von der PDS im letzten Bundestagswahlkampf vorgeschlagenen 1.500 Euro (brutto) okay? Oder eben doch auch weniger? Ab wann sollte man arbeiten gehen (wenn es danach ginge)?

    Faire Löhne für die eingesetzte Arbeitskraft fände ich fast wichtiger als ein bedingungsloses Grundeinkommen.

  18. 18
    Matze

    Eine Frage habe ich auch:

    Was ist mit der Abstrahlwirkung des Grundeinkommens?

    Wenn irgendjemand hört in Germanien gebe es auch (genügend) Geld ohne Arbeiten zu müssen, lockt das nicht unheimlich an?

    Für wen sollte es also dieses Geld geben? Nur für Staatsangehörige?
    Wer definiert das?

    Kleiner (sehr polemischer) Scherz: Wir können ja nicht eindringlich genug mit den Schattenseiten waren: Unseren Charts der Volksmusik, Berliner Freundlichkeit und Brandenburger Fremdentoleranz.

    P.S. Ich bin Brandenburger, mag Berlin und die Berliner aber Volksmusik nicht.

    Ich finde die beiden badischen Unternehmer da viel besser, die einfach ihre Millionen genommen, eine Siedlung für Familien gebaut haben.

    Wohnen für 1 Euro, aber zu ihren Konditionen. (ich glaube mind. 3 o. 4 Kinder und eine Oma oder Opa muß dabei sein.)

    Finde ich sehr gut. (Dem einen oder anderen sind sie vielleicht unsympathisch, weil dick, konservativ und klüngelerprobt, außerdem Immobiliespek… äh Unternehmer.)

    Ist eine gute Konkurrenz zum sozialen Wohnungsbau, der ja oft gut gemeint aber dann allein gelassen (vuglo kontrolliert) wurde.
    Es finden sich vielleicht auch andere, die mit ihren Bedingungen pragmatisch anpacken.

    Aber nochmal die Frage:
    Wer sollte das Grundeinkommen bekommen?
    Der (zufällig) hier geborene oder auch der unter Lebensgefahr und seinen Schleppern viel Geld schuldende Afrikaner?

    Gruß v. Matze

  19. 19
    Pam

    @brokendreams
    Die Frage ist, was ist fair? Wer bestimmt das, die PDS? Das Volk? Was ist wenn kein Unternehmen bereit ist diesen „fairen“ Mindestlohn zu bezahlen?

    Wen interessiert, wie man sowas löst, der sollte mal bei Prof. Sinn (vielleicht bekannt aus Funk und Fernsehen) vorbeischauen.
    Idee ist folgende: Die Gesellschaft definiert einen Lohn, der „fair“ ist. Wenn dieser faire Lohn über dem Lohn liegt, den Unternehmen maximal bereit sind zu zahlen, dann wird er vom Staat (der Gesellschaft) aufgestockt.
    1.Effekt: Es gibt mehr Arbeit die von den Unternehmen angeboten wird, weil der Preis niedriger ist (Das alte Spiel von Angebot und Nachfrage)
    2.Effekt: Es erhalten diese Unterstützung Menschen die Arbeiten wollen. Statt einer Sozialhilfe, die sofort gekürzt wird, wenn man arbeitet gibt es jetzt die Unterstützung dafür DAS man arbeitet.
    3.Effekt: Diese Maßnahme hilft besonders den ungelernten Arbeitern, wieder Arbeit zu finden, die eigentlich schon wegautomatisiert waren. Denn kein anderes Land hat eine so hohe Arbeitslosenrate bei niedrigqualifizierten Menschen wie Deutschland.

  20. 20

    Innerhalb der jetzigen Einstellung zum Arbeiten im Allgemeinen sehe ich keine Chance für das bedingungslose Grundeinkommen.
    Das zeigt nicht zuletzt schon die Fragen, die sich dazu bei vielen hier ergeben.
    Um so etwas umsetzen zu können bedarf es einer geänderten Einstellung gegenüber Arbeit. Das sollte mit der Frage anfangen, ob man seine Arbeit auch unentgeltlich machen würde und wie man Menschen beurteilt die das jetzt schon tun.
    Das mit der ‚Abstrahlwirkung‘, den Schlepperbanden und der Mitnehmermentalität geht von der jetzigen Einstellung gegenüber Arbeit aus. Und hier ins Jetzt passt diese Utopie noch nicht. Deswegen ist es ja auch noch eine Utopie.

  21. 21

    Mein Kommentar zu dieser Thematik ist hier zu finden.

    MfG,
    Michael

  22. 22
    oehi

    @jsrn und @kai:
    Globalisierung als Teufelszeug?
    Schaut mal auf die durchschnittliche Lebenswertung in China. Hat sich innerhalb eines Menschenalters von 35 auf über 70 Jahre entwickelt. ( http://de.wikipedia.org/wiki/Volksrepublik_China ) Ich würde eher sagen, daß uns, die wir bisher Gewinner des Wohlstandsgefälle waren, allmählich der Arsch auf Grundeis geht. Die Trennung zwischen Reich und Arm geht nicht mehr nach Nord/Süd bzw. Ost/West sondern nach Straßenseiten innerhalb der Weltmetropolen. Und in diesem Forum haben einige das noch nicht bemerkt und träumen sich für Deutschland ein sozialistisches Eiapopeia bei dem die anderen doch bitte mal anfangen mögen abzugeben. Ich arbeite in einem internationalen Unternehmen: Meine Kollegen kommen teils aus Osteuropa und Asien. Drei gut beherrschte Fremdsprachen sind bei denen das mindeste. Nach Arbeitszeit fragen die nicht. Sie haben ihre Chance und nutzen sie. Looser und Romantiker interessieren sie nicht. Sie sind die global orientierten Bildungsbürger der Zukunft. Den Rikschafahrer in Bombay oder den Pizzaboten in Hamburg nehmen sie nur als Objekt ihrer Lebensgestaltung wahr. Euch Schrebergartenpdswähler hier wird keiner mehr wahrnehmen.
    Ihr könnt bloggen wie ihr wollt.

  23. 23

    „žLooser und Romantiker interessieren sie nicht.“

    Und genau das ist das Problem.

  24. 24
    BrokenDreams

    @Pam

    Wenn du mich fragst – die angesprochenen 1.500 Euro finde ich für eine 40-Stunden-Woche fair. So viel sollte man schon verdienen und sich damit zumindest etwas leisten können.

    Und nein, die Unternehmen wollen diesen Lohn nicht zahlen. Man müßte sie verpflichten und in bestimmten Branchen eventuell Zuschüsse zahlen. Aber nicht, damit sich die Unternehmen die Tasche voll verdienen können.
    Wenn jeder so viel verdient, mindestens, dann wird auch wieder Umsatz gemacht, die Leute haben weniger Angst, mit der nächsten Auszeit in fast zwangsläufige Armut zu fallen. (Was bekommt denn jemand an Arbeitslosengeld, der gerade mal 900 Euro brutto verdient?)

  25. 25

    @oehi: Rat mal was deine supersmarten Globalarbeitnehmer machen, wenn sie irgendwann mal die Blüte Ihrer Jahre erreicht haben und nicht mehr 24 Stunden verfügbar sind? Wenn Sie irgendwann krank werden oder aus anderen Gründen Ihren Job verlieren. Noch glaubt die sich davor sicher. Aber es ist nicht weiter als 20cm Lebensweg weit gedacht. Typische Form kapitalistischen denkens.
    Die Romantiker und Looser werden einen schon noch aufnehmen, wenn man dann mitte 40 nicht auf seine Midlifecrisis klarkommt und ausgebrannt in der Ecke hängt. Aber vorher kann man dick vom Leder ziehen und sie den Dreck der Luxuskarre die man fährt schlucken lassen.
    Eine Traumwelt, die so schnell zerplatzen kann wie man Hausse sagen kann.

  26. 26

    wenn man ein geselschaftssystem bewertet, sollte man immer bei den lebenssituationen der schwächsten anfangen. nicht umgekehrt.

    gestern kam im tv übrigens ein hochinteressanter bericht über china.
    in china wächst die kluft zwischen arm und reich immer mehr an. slumbildung und ungerechtigkeit sind auf dem vormarsch.

    wenn ich eins nicht leiden kann, dann sind das übrigens akademiker mit scheuklappen.
    mir fällt das sowieso immer häufiger auf, dass überall nur noch von akademikern usw. gesprochen wird. sagt mal, seid ihr blind? was ist mit der zukunft derjenigen, die kein abitur machen konnten oder nicht die möglichkeit hatten, zu studieren, derjenigen, die in schlechten verhältnissen aufgewachsen sind, derjenigen, deren eltern keine (finanziellen) möglichkeiten hatten, ihre kinder besser zu fördern?
    das sind für einige von euch die verdammten looser der zukunft, oder was?

    es hat eben nicht jeder die gleiche chance im leben. schlagt euch dieses dumme argument endgültig aus dem kopf.

  27. 27
    Pam

    @brokendream und sam
    Ich versteh‘ nicht, warum nicht auch die Arbeit als Angebot und Nachfrage begreift. „Die Unternehmen müssen zu diesem Lohn verpflichtet werden“, schön und gut, aber dann wird das Unternehmen weniger Arbeit anbieten und zwar genau für die Menschen die keine gute Ausbildung genossen haben und das Geld am dringensten brauchen. Das ist ja das perverse, das ein Mindestlohn nur denen Hilft, die schon Arbeit haben. Will man ein größeres Stück von einem kleineren Kuchen, oder ein kleineres Stück von einem großen Kuchen?
    Und es geht ja nicht nur um Unternehmen. Wenn ich einen großen Garten hätte würde ich mir vielleicht einen Gärtner anstellen wenn ich ihm nur 10€ die Stunde zahlen müsste, statt 18€. Bei solchen Dienstleistungen steckt meiner Meinung nach das meiste Potenzial für einfache Arbeiten. Nicht bei multinationalen Unternehmen.

    Und bitte, bitte schreibt: Loser

  28. 28

    Johnny, einfach nur Zustimmung. Du sagst es, wie es ist.

  29. 29

    Ich schließe mich che an, volle Zustimmung.

    Und anderen da oben, ich habe nicht alle Kommentare gelesen, nur so die letzten 20, eine Utopie ist auch dafür da, das Undenkbare zu denken, auch wenn man sich die Umstetzung aktuell nicht vorstellen kann. Und vieles was Menschen in der Geschichte als unumsetzbar bezeichnet haben, ist Realität geworden.

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